Gegenwartsdiskurs mit dem Holzhammer

9. Mai 2022. Ein Theaterstück über Cancel Culture – klar, muss es 2022 geben. Wie packen Regisseurin Yael Ronen und Komponist Shlomi Shaban ihr Thema in "Slippery Slope" an? Ist das "Beinahe-Musical" auf dem Stand des Diskurses? Für die Reihe "Das Theatertreffen von außen betrachtet" schaut die freie Kulturjournalistin, Moderatorin und Podcasterin Aida Baghernejad auf den tt-Beitrag des Berliner Gorki Theaters.

Von Aida Baghernejad

"Slippery Slope" © Ute Langkafel MAIFOTO

9. Mai 2022. Es ist 2022, natürlich muss es auch ein Theaterstück über Cancel Culture geben. Und wo besser als im für Culture gelobten und vom Canceln bedrohten Maxim-Gorki-Theater, Bannerträger:in einer postmigrantischen, inklusiven Kulturwelt? Aber mit Gut und Böse ist es ja nie so einfach wie man gerne hätte, im wahren Leben nicht und auf der Bühne bei "Slippery Slope" auch nicht, dieser quietschbunten und sehr zeitgeistigen Musicalrevue, die zwischen Gegenwartsdiskurs mit dem Holzhammer und einer Umarmung der Komplexität oszilliert.

Im Sauseschritt einmal quer durch alle Genres

Die Geschichte ist schnell erzählt: Schwedischer Singer-Songwriter Gustav (herrlich schmierig: Lindy Larsson) versucht nach einem großen Skandal ein Comeback, kann sich aber nicht von seiner Obsession mit seiner ehemaligen Affäre Sky lösen, eine gerade mal volljährige Sängerin, die er vermeintlich "entdeckt" hat. Sky (Riah May Knight) ist derweil auf TikTok zum Star der Stunde aufgestiegen, aber wird, genauso wie ihr einstiger Förderer, von Anschuldigungen der kulturellen Aneignung verfolgt. Gustavs Ehefrau Klara (eiskalt: Anastasia Gubareva), Chefredakteurin einer der wichtigsten Zeitungen des Landes, kämpft für das Gute und trauert ihrer toten Ehe hinterher, ihre Reporterin Stanka (Vidina Popov) legt sich unerschrocken mit dem Patriarchat an und der PR-Experte Kahn (Emre Aksizoglku in einer Doppelrolle als Skys neuer Lover Shantez und PR-Berater) sieht am Schluss in der Krise vor allem die nächste gute Story.

Kokettierend trägt die Inszenierung des israelisch-österreichischen Theaterstars Yael Ronen, die das Stück auch im Zusammenarbeit mit Shlomi Shaban, Riah May Knight und Itay Reicher entwickelt hat, den Untertitel "Almost a Musical" vor sich her. Warum allerdings nur "almost" wird nicht ganz klar: es geht im Sauseschritt einmal quer durch alle Genres – Blues, Hyperpop, Ethno-Kitsch – und über die abschüssigen Laufstege Alissa Kolbuschs Bühne, die namensgebenden "slippery slopes", wird gestackelt, getanzt, gesoffen, geliebt und geheult. Oder um es auf Bühnensprache Englisch zu sagen: if it walks like duck and talks like a duck, dann ist es wahrscheinlich ein Musical.

Qualitative Unterschiede zwischen dem Dreck am Stecken

In sportlichen 90 Minuten spielt sich das fünfköpfige Ensemble durch die Klaviatur der Vorwürfe: kulturelle Aneignung, Exotisierung, Machtmissbrauch, Vorteilsnahme, sexuelle Übergriffe und eiskalter Karrierismus ohne Rücksicht auf Verluste. Die vermeintlichen Klarheiten – Gustav ist das personifizierte Böse, Stanka die Heldin der Geschichte und Sky das unschuldige Opfer – lösen sich im Laufe des Narrativs in Grauzonen auf. Wer benutzt wen? Wann endet Liebe, wann beginnt Ausbeutung? Wessen Geschichte verkauft sich besser? Und wer schlägt aus welchem Narrativ den größten Profit? Es gibt keine Gewissheiten in diesem Kampf um die Deutungshoheit, außer diese eine: es gibt im Spiel der Cancel Culture keine Gewinner.

Aber ist es vielleicht nicht auch zu einfach zu sagen: alles ist kompliziert, alle haben irgendwo Dreck am Stecken, Leichen im Keller, skeletons in the closet? Ist es vielleicht nicht einfach so: es gibt qualitative Unterschiede zwischen diesen Arten des Drecks? Ist eine ehrgeizige Journalistin, die am Anfang ihrer Karriere eine Geschichte begräbt, um aufsteigen zu können wirklich genauso verachtenswert wie ein erfolgreicher mittelalter Musiker, der eine knapp achtzehnjährige Musikerin zu seiner "Muse" auserkoren hat und ein ungleiches Machtverhältnis zu seinen Gunsten kreiert? Ist die junge Künstlerin auf Identitätssuche so berechnend wie der PR-Profi, der in jedem Niedergang eine Opportunity sieht?

Wo verlaufen die Grenzen?

Es heisst ja, dass Theater Antworten auf die dringenden Fragen der Zeit finden muss. Aber vielleicht ist es wichtiger, erst einmal überhaupt die Fragen der Stunde zu stellen: wo verläuft die Grenze zwischen Zusammenarbeit und Ausbeutung? Zwischen Gefühlen und Machtmissbrauch? Zwischen Ehrgeiz und Vertrauensbruch? Und warum hängt die Jugend von Heute eigentlich die ganze Zeit auf TikTok ab? "Slippery Slope" serviert das ganze Drama gegenwärtiger Cancel-Culture-Debatten als popartbuntes Happening – das zumindest mehr Mut zu Differenzierung, zu Fehlern und Chaos bereit hält als so gut wie jede Feuilletondebatte zum Thema.

 

AidaBaghernejadTabeaMathern xAida Baghernejad ist freie Kulturjournalistin, Moderatorin und Podcasterin (55 Voices of Democracy, Pasta & Politik). Sie schreibt auf Deutsch und Englisch über Musik und Essen und das Politische an beidem. 2019 erhielt sie den International Music Journalism Award für den besten deutschsprachigen Text des Jahres, 2021 wurde sie dort als Musikjournalistin des Jahres ausgezeichnet.

 

In der Reihe Das Theatertreffen 2020 von außen betrachtet hat nachtkritik.de Expert:innen von Disziplinen außerhalb des Theaterbetriebs gebeten, die Berliner Festivalgastspiele aus einem frei gewähltem Blickwinkel zu begutachten.

Die Nachtkritik zur Premiere von "Slippery Slope" am Maxim Gorki Theater Berlin gibt es hier.

Zur Festivalübersicht des Berliner Theatertreffens 2022 und zu den entsprechenden nachtkritiken geht es hier entlang.

Kommentare

Kommentare  
#1 Slippery Slope, Theatertreffen: UnbehagenSascha Krieger 2022-05-10 10:37
Woher kommt es, dieses Unbehagen, das den Rezensenten während dieser 100 Minuten befällt und auch danach nur noch stärker zu werden scheint? Das ihn ungläubig auf die jubelnden Zuschauenden beim Schlussapplaus blicken lässt und mit wachsendem Erstaunen auf die fast durchgängig ebenso positiven Rezensionen? Hat die lange theaterfreie Coronazeit doch ihre Spuren hinterlassen oder ist da wirklich etwas faul an diesem Abend, der ja, so die Theatertreffen-Jury, zu den bemerkenswertesten der letzten zwölf Monate gehören soll? In der Nachtkritik.de-Rezension nannte Georg Kasch das Stück ein „Debatten-Musical“. Um Debatten, brisante gesellschaftliche, geht es in der Tat, aber auf eine Art, dass der Abend eher zum Debatten-Verhinderungs-Musical mutiert. Oder schlimmer noch: zum theatran Gegenstück des perfidesten aller Diskursblockierungsoutinen: der falschen Äquivalenz.

Komplette Rezension: stagescreen.wordpress.com/2022/05/10/everything-i-touch-turns-into-shit/

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