Theater als Seismograf der Verluste

17. Mai 2022. Ein Flugzeug verschwindet spurlos. Ein Vater verliert seine Erinnerung. In "All right. Good night." verschneidet Helgard Haug von Rimini Protokoll zwei Ereignisse zu einem Abend über Verschwinden und Verlust und den Schwierigkeiten im Umgang damit. Dazu forscht auch der Soziologe und Kulturwissenschaftler Andreas Reckwitz, der sich den Abend angesehen hat.

Von Andreas Reckwitz

17. Mai 2022. Die moderne Gesellschaft hat ein Problem mit den Verlusten. Eine Gesellschaft und Kultur, die sich die Gewissheit des Fortschritts auf die Fahnen geschrieben hat, die Logik des Besser und des Mehr, des Gewinns an Freiheit und Wohlstand, hat grundsätzliche Schwierigkeiten, mit Verlusten umzugehen. Denn Verluste zu erfahren, bedeutet, dass man den besseren Zustand bereits hinter sich hat. Die Gegenwart ist eine Verschlechterung, ihr mangelt es an etwas: Menschen sind gestorben, Dinge zerstört, der soziale Status ist erodiert, die Heimat verloren, das einmal Wertvolle ist wertlos geworden, auch den Sinn und die Hoffnung kann man verloren haben.

Gerade die Moderne mit ihrem rapiden sozialen Wandel, aber auch mit ihrer Gewaltgeschichte kennt nicht nur wie jede Gesellschaft Verluste, es scheint, dass sie diese sogar besonders stark fördert – aber paradoxerweise kaum kulturelle Instrumente an die Hand gibt, um sinnvoll mit ihnen umzugehen. Die Verdrängung des Todes, auf die bereits der Historiker Philippe Ariès hinwies, ist nur die Spitze des Eisbergs dieser modernen Verlustverdrängung.

Individuelle Traumata, historische Wunden

Die Verluste suchen einen aber trotzdem heim. Man wird sie nicht los. Diese Erfahrung scheint sich in der Gegenwartskultur zu Beginn des 21. Jahrhunderts zuzuspitzen. "All right, good night. Ein Stück über Verschwinden und Verlust" von Rimini Protokoll unter der Leitung von Helgard Haug kommt damit eine seismografische Bedeutung zu. Denn die Erfahrung von Verlusten lässt sich gerade in der Spätmoderne kaum mehr unsichtbar machen: Der Klimawandel konfrontiert mit Verlusten, was die Bewohnbarkeit der Erde in der Zukunft angeht und mit Verlusten, was die generellen Fortschrittshoffnungen für die Zukunft angeht. Die 'Modernisierungsverlierer', also die Gruppe derjenigen, die vom sozialen Wandel nicht profitiert haben, sondern erreichte soziale Positionen räumen mussten, sind zu einer festen Größe im politischen Feld geworden. Schließlich werden kollektive und individuelle Traumata, werden 'historische Wunden' (Chakarabarty) in einer Intensität zum Thema, wie es die Moderne bisher nicht kannte. Alle drei Aspekte der spätmodernen Verlustsensibilisierung sind mittlerweile auch im zeitgenössischen Theater angekommen.

Schnelle Schnitte

Helgard Haug und Rimini Protokoll wenden sich in ihrem "Stück über Verschwinden und Verlust" jedoch nicht diesen besonders öffentlichkeitswirksamen, politisch heftig diskutierten Aspekten der Verlustpolitik zu, sondern wählen einen behutsameren, persönlicheren Zugang. Zwei sehr unterschiedliche Erfahrungen des Verschwindens und Verlusts werden an diesem Abend gegeneinander geschnitten. Auf der einen Seite das rätselhafte Verschwinden des Malaysian Airlines Flug 370 im Jahre 2014, insbesondere aus der Sicht der Angehörigen der Opfer des niemals völlig geklärten Flugzeugabsturzes. Auf der anderen Seite die jahrelange Demenz des Vaters der Autorin und Regisseurin des Stücks, die über verschiedene Stationen der Krankheiten führt, eine persönliche Verlustgeschichte für den Vater und für die Tochter. Das Stück erzählt über Toneinspielungen von Sprecher:innen sowie über zahlreiche Texteinblendungen die Geschichte des Flugzeugunglücks und der Reaktionen darauf auf der einen Seite, die Geschichte der Demenz des Vaters auf der anderen Seite – immer im schnellen Schnitt zwischen beiden Geschichten. Begleitet wird dies von den 12 Musiker:innen des Zafraan Ensembles, einer für das Stück komponierten Musik von Barbara Morgenstern, die beide Geschichten zusammenhält.

Rimini Protokoll 805 Rimini Protokoll uDas Zafraan Ensemble © Rimini Protokoll

Die beiden Verlustfälle könnten auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein: Hier ein Verschwinden, das in der größtmöglichen, globalen, auch medialen Öffentlichkeit stattfindet, dort das intime, nur dem engsten Familienkreis konfrontierende Verschwinden einer Persönlichkeit durch die Krankheit. Interessant und bezeichnend ist, dass beide Fälle auf den ersten Blick für die Betroffenen einzigartige Ereignisse darstellen, die eine größtmögliche subjektive Betroffenheit der Angehörigen mit sich bringen. Es ist typisch, dass die moderne Gesellschaft in diesem Sinne den Verlust 'privatisiert' und damit das unangenehme Thema ins Persönliche abschiebt: Jeder muss selbst mit ihnen fertig werden, den Verlusten.

Tatsächlich erweisen sich aber beide Verlustfälle des Stücks bei näherer Betrachtung von exemplarischer Relevanz, als typisch für die Gesellschaft der Gegenwart: Das Flugzeugunglück mag exzeptionell gewesen sein, aber dass die komplexe, global vernetzte und von technologischen Artefakten hochabhängige Spätmoderne eben systematisch und immer wieder neu als unintendierte Folge Katastrophen hervorbringt – seien es Finanzcrashs oder Reaktorunglücke, klimatisch bedingte Missernten oder eben Verkehrsunfälle –, ist kein seltsames Detail, sondern charakterisierendes Merkmal. Mit Verlusten muss man rechnen in der "Risikogesellschaft", und zwar mit solchen, die nicht nur von natürlichen Prozessen abhängen, sondern menschengemacht sind. Auch das Demenzschicksal ist alles andere als außergewöhnlich.

Auf Narrative angewiesen

In den wohlhabenden Ländern erreichen die Menschen ein immer höheres Alter, was jedoch – als wenig thematisierte Kehrseite – auch eine deutliche Zunahme von Altersdemenz bedeutet: Der Umgang mit der eigenen Demenz oder der naher Angehöriger wird so zu einer verbreiteten Herausforderung alternder Gesellschaften. Beide Verlustkonstellationen kontrastieren freilich grell mit einem (spät-)modernen Ideal: der immer größeren Perfektion der Technik, von der man in einer Konsumentenhaltung erwartet, dass sie reibungslos funktioniert; der Fitness und Agilität von Körper und Geist des spätmodernen Subjekts, die gerade im höheren Alter zur Norm wird: suggeriert wird hier ein verlustfreies Altern.

"All right. Good night. Ein Stück über Verschwinden und Verlust" verdeutlicht im Laufe des Abends, womit die Verlusterfahrung, ihr Umgang mit der Vergänglichkeit und der Irreversibilität, mit Gefühlen der Trauer und des Schmerzes untrennbar verbunden sind: mit Erzählmustern. Dem Verschwinden des Flugzeugs und der Angehörigen, dem Verschwinden der kognitiven Möglichkeiten des Vaters – dem muss man doch einen Sinn abgewinnen, man will und muss sie in einen sinnhaften Rahmen einbetten, aber welchen? Tatsächlich: Verlusterfahrungen – persönliche und gesellschaftliche – sind auf Verlustnarrative angewiesen. Die größte Angst richtet sich nicht nur auf den Verlust selbst, sondern dass er sinnlos sei, dass es eine solche Erzählung gar nicht gäbe. Religionen haben einmal solche Verlustnarrative geboten, aber welcher Sinn hat das Unglück und die Krankheit in der Gegenwartskultur?

Verschwindende Orientierung, schwindendes Leben

Verschwindende OrientierungVVVWährend des Theaterabends verfolgt man die manchmal verzweifelt wirkenden, manchmal auch komischen, oft bedrückenden, aber auch berührenden Versuche der Angehörigen der Opfer bzw. von Vater und Tochter, solche Erzählungen zu weben. Die Alltagskultur bietet in der Hinsicht wenig an, man muss es sich selbst zusammensuchen. Es ist so nicht verwunderlich, dass die Opferangehörigen am Ende nicht selten zu Verschwörungstheorien greifen: Hinter dem Unglück muss Absicht gesteckt haben, ein Terroranschlag, der nun vertuscht wird zum Beispiel. 

All right Good night 2 Merlin Nadj Toma uMäandernden Verlauf der Suche nach Sinn © Merlin Nadj Toma

Der Vater, der selbst verzweifelt bemerkt, wie seine Orientierung in der Welt schwindet, entwickelt eine megalomane Phase, in der er zum Direktor der Pflegeanstalt avanciert, mit den Pfleger:innen als seinen Angestellten – kurz darauf ist er gar Architekt des ganzen Stadtviertels, ja Schöpfer der Ostsee. Die Tochter wiederum versucht das verschwindende Leben des Vaters in dessen Biografie einzuordnen, in den Kampf des Vaters – der Pfarrer war – für die Würde der Schwachen, zu denen er am Ende des Lebens selbst zählt. Als Zuschauer ist man oft berührt von diesen Erzählungsfragmenten, manchmal angestrengt durch den mäandernden Verlauf der Suche nach Sinn im Verschwinden, die Musik des Abends kommentiert und strukturiert diese Suche, die letztlich nirgendwohin führt.

"All right. Good night. Ein Stück über Verschwinden und Verlust" ist nicht spektakulär. Es ist ein leises, ein intimes Stück, das eine Sogwirkung ausübt, wenn man sich darauf einlässt. Welchen Sinn kann man den Verlusterfahrungen zuschreiben? Wie Weiterleben nach dem Verlust? Wie nehmen wir den Verlusten ihre Dramatik und akzeptieren sie als unweigerlichen Konsequenz jenes Verschwindens, der der gesellschaftlichen wie natürlichen Welt innewohnt? Wie trauern, ohne dass die Trauer das Weiterleben verhindert? Das Stück trifft einen Nerv, aber an den Antworten müssen wir selbst arbeiten.

  

Reckwitz Andreas 0154Andreas Reckwitz ist Professor für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin und Autor mehrerer, vielfach übersetzter Bücher zur Kulturtheorie und Theorie der Moderne. Seine 2017 veröffentlichte Publikation Die Gesellschaft der Singularitäten, die weit über Fachkreise hinaus rezipiert und diskutiert wurde, stellt eine umfassende Untersuchung der Strukturmerkmale spätmoderner Gesellschaften dar. 2019 wurde Andreas Reckwitz mit dem Gottfried-Wilhelm Leibniz-Preis, einem der weltweit renommiertesten Forschungspreise, ausgezeichnet. Seine aktuelles Buchprojekt Verlust. Die andere Seite des Fortschritts beschäftigt sich mit Verlusterfahrungen in der modernen Gesellschaft.  Foto: Jürgen Bauer

 

In der Reihe Das Theatertreffen 2022 von außen betrachtet hat nachtkritik.de theaterferne Expert:innen gebeten, die Berliner Festivalgastspiele zu begutachten. Aus frei gewähltem Blickwinkel, ohne formale oder inhaltliche Vorgaben. Zu fast allen Einladungen finden sich auch Nachtkritiken, die bereits zur Premiere der Produktionen entstanden. 

Die Nachtkritik zur Premiere von All right. Good night im Dezember 2021 am Berliner HAU gibt es hier.

Zur Festivalübersicht des Berliner Theatertreffens 2022 hier entlang.

 

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