Es geschieht jeden Tag

19. Mai 2022. Sex und Gewalt sind die Themen des Stücks von Sivan Ben Yishai, das in der Inszenierung von Pınar Karabulut beim Theatertreffen gastiert. Die Anwältin Christina Clemm erkennt an dem Abend viel aus ihrem Arbeitsalltag wieder.

Von Christina Clemm, Protokoll: Stephanie Drees

19. Mai 2022. In “Like lovers do (Memoiren der Medusa)” begegnen wir den vielen unterschiedlichen Formen von Gewalt. Immer wieder hören wir Textpassagen, die mit "Dieses Lied ist für …" beginnen. In ihnen erzählen die Spieler:innen chorisch über Gewalt, die vorrangig, aber nicht ausschließlich, eine sexualisierte ist. Sie spielt sich im sozialen Nahraum ab und wird dann häusliche Gewalt genannt, aber sie kommt auch sonst überall vor, in der Öffentlichkeit, in politischen Auseinandersetzungen, in Kriegen, durch vertraute und durch unbekannte Personen. Dass sie hier geballt geschildert wird, halte ich für ein großes Plus der Inszenierung. Viel daran entspricht einer Realität, die ich aus meiner alltäglichen Arbeit als Anwältin kenne, die ich in unzähligen Schilderungen meiner Mandant:innen höre.

Der Abend erzählt das ungeschönt. Die Spieler:innen sprechen die Texte abwechselnd, mal einzeln, mal zusammen, der Text fließt die ganze Zeit. Sie spucken ihn geradezu heraus. Die Form zeigt eine Allgemeingültigkeit: Übergriffe passieren ständig. Sie sind oft kein singuläres Ereignis im Leben von Betroffenen. Bilder von Kindheitsmomenten stehen neben Gewalterfahrungen im hohen Alter. Es ist ein Phänomen, das alle Altersgruppen betrifft, genauso alle Körper und Geschlechter. Das greift die Inszenierung eindrücklich auf.

Der Abend legt großen Wert darauf zu zeigen, dass auch Frauen sexuelle Übergriffe und Gewalt ausüben. Sie tun es. Auch Männer und Jungen erleben sexualisierte Gewalt. Aber wichtig ist auch zu benennen, wie das Verhältnis ist: Bei der sogenannten Partnerschaftsgewalt sind 20 Prozent der Betroffenen männlich gelesene Personen und das Phänomen ist ohne die besonderen Geschlechterverhältnisse nicht erklärbar. Dies verwischt die Inszenierung etwas, genauso wie den Fakt, dass LGBTQIA+ deutlich öfter von sexualisierter Gewalt betroffen sind als Cis-Menschen. Im Bühnen- und Kostümbild findet der intersektionale Ansatz Ausdruck – aber im Text nur wenig. Menschen, die gesellschaftlich mehrfach diskriminiert werden, sind häufiger Opfer von sexualisierter Gewalt und werden seltener gehört. Im Stück wird zu Recht ein "weißer" Feminismus kritisiert, der dies kaum oder zu wenig im Blick hat. Der – beispielsweise – die Situation von Schwarzen Frauen nicht ausreichend berücksichtigt, der sich zu wenig um Klassismus schert, der oft anti-muslimisch und / oder transfeindlich ist, oder die besondere Verletzlichkeit von Menschen mit Behinderungen nicht sieht. Ich hätte mir in der Inszenierung gewünscht, dass diese verschränkten Gewaltformen explizit benannt werden, weil sie zu wenig Beachtung erhalten.

Münchner Kammerspiele:Like Lovers Do (Memoiren der Medusa)Von Sivan Ben YishaiDeutsch von Maren KamesUraufführungRegie & Choreografie: Pınar KarabulutFoto: Krafft AngererBühnenbild: Michela Flück © Krafft Angerer

Viel habe ich über das Motiv der "Medusa" nachgedacht. Das ist nicht wegen des Moments der "blutigen Rache" spannend, sondern vor allem wegen der Wut, die darin Ausdruck findet. Denn außerhalb des Fiktionalen gibt es für sie wenig Raum. Wut – und auch Rache, zur der ich nicht aufrufen will, die aber als Denkfigur eine Rolle spielen könnte – sind bei den allermeisten Betroffenen eher untergeordnete Themen. Es gibt eine unglaubliche Resilienz, die Gewalt oder vielmehr die unangemessene gesellschaftliche Reaktion auf geschlechtsspezifische Gewalt hinzunehmen. Rache und Wut spielen bei diesem Thema fast nur im Theater, im Film, in Büchern eine Rolle. Und auch dort werden sie selten erzählt. In der Realität sind viele Betroffene mit dem Überleben beschäftigt, mit der Verarbeitung des Geschehenen und leider oft damit, zu verarbeiten, dass ihnen nicht geglaubt wird.

Meist ist auch die Darstellung sexualisierter Gewalt in Filmen und auf der Bühne schlichtweg falsch, oft soll sie vor allem den Voyeurismus des Publikums bedienen. "Like lovers do" verzichtet komplett auf diese Bilder und thematisiert selbstkritisch, dass sich mit "Triggerwarnungen" Aufmerksamkeit erzielen lässt. Eine sehr gute Entscheidung.

Narrative, die sich in der Darstellung sexualisierter Gewalt wiederfinden, drehen sich vor allem um die Frage, ob man den Betroffenen glauben kann. Diese Frage ist DAS Zentrum, um sie kreist alles, wenn beispielsweise im deutschen Fernsehen eine Vergewaltigung gezeigt wird: Kann man das glauben, kann man – meist – IHR glauben? Ganz selten wird die Vergewaltigung als Fakt gesetzt.

Gewalt ist hässlich

Gewalt hat an diesem Abend nichts Reizvolles. Auch das ist gut gelungen: In den medialen Darstellungen sehen wir oft normschöne Menschen, vor allem Frauen, die selbst während einer Vergewaltigung oder nach einem Mord schön bleiben. In der Realität ist all dies sehr hässlich. Die gerichtsmedizinischen Bilder, die ich oft sehe, zeigen Blut, Kot, Urin, extreme Verletzungen. Nichts ist daran reizvoll.

Falsch ist auch das häufig verwendete Narrativ, es gehe bei sexualisierter Gewalt vorrangig um Sex. Tatsächlich geht es um Erniedrigung, in ihrer massivsten Form. Die Täter:innen kommen in der Realität aus allen gesellschaftlichen Schichten, sind meist nicht krank im pathologischen Sinne, sind verheiratet, liiert oder alleinstehend, sind jung oder alt, reich oder arm. So unterschiedlich wie die Formen geschlechtsspezifischer Gewalt sind, so unterschiedlich sind auch die Täter:innen.

Was einem in der medialen Darstellung auch sehr oft begegnet, ist die Erzählung der mitschuldigen Mutter, die durch ihr Fehlverhalten den späteren Täter dazu veranlasst, seinen Frauenhass auszuleben. Oder die der mitschuldigen, weil fordernden, Druck ausübenden Frau. Da kann der arme Mann nicht anders, als irgendwann den Stress in körperlicher Gewalt gegen die Frau abzuladen. So mutet es auch in einer Szene an diesem Abend an. Das hören wir im Gerichtssaal, wir lesen es in den Akten, wir sehen es medial reproduziert. Was ganz selten erwähnt wird: Wie oft Gewalt durch die Väter in den Herkunftsfamilien von Täter:innen eine Rolle spielt, wie sie über Generationen weitergegeben wird und wie wichtig auch deshalb Prävention ist.

Was wir an diesem Abend eindrücklich sehen: Wie oft das Narrativ der Liebe als Rahmung und Rechtfertigung benutzt wird. Auch das ist etwas, was ich sehr oft erlebe: Gewalt, die ausgehalten wird und werden soll, weil sie eben in einer Liebesbeziehung dazugehört. Sexualisierte Übergriffe in der Beziehung, die als Normalität angesehen werden. Das sexuelle Selbstbestimmungsrecht, das quasi mit Eingehung einer Liebesbeziehung aufgegeben wird. Auch wenn die Vergewaltigung in der Ehe seit 1996 strafbar ist und wir die sogenannte Nein-heißt-Nein Regelung seit 2016 in Deutschland haben - in der gesellschaftlichen Realität ist die sexuelle Verfügbarkeit der Partner:in immer noch weit verbreitet.

Mir fehlt in dem Stück, dass Systeme, die Täter:innen schützen, in den Blick genommen werden. Nur implizit werden patriarchale Strukturen thematisiert, die sie begünstigen.

Münchner Kammerspiele:Like Lovers Do (Memoiren der Medusa)Von Sivan Ben YishaiDeutsch von Maren KamesUraufführungRegie & Choreografie: Pınar KarabulutFoto: Krafft AngererJelena Kuljić, Mehmet Sözer, Edith Saldanha, hintere Reihe: Bekim Latifi, Gro Swantje Kohlhof © Krafft Angerer

Fakt ist, dass es gute Gesetzeswerke gibt. Genannt sei an dieser Stelle nur die "Istanbul-Konvention", ein völkerrechtlicher Vertrag des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt. Sie wird aber – vor allem in Deutschland – kaum umgesetzt. In diesem so reichen Land haben wir einen massiven Mangel an Frauenhausplätzen. Wir haben eine völlige Mangelwirtschaft bei den Frauenberatungsstellen. Es gibt keinen Wohnraum für Betroffene, keine Kitaplätze für Frauen mit Kindern auf der Flucht vor dem Ex-Partner, keinen Fonds zur Entschädigung von erwachsenen Betroffenen von sexualisierter Gewalt, kaum Täterarbeit, viel zu wenig Prävention – um nur einige Schlagworte zu sagen. Es gibt in Deutschland offiziell den Begriff "Femizid" nicht. Die Bundesregierung weigert sich weiterhin, anzuerkennen, dass es eine geschlechtsspezifische Form der Tötungsdelikte gibt: Dass Frauen getötet werden, weil sie Frauen sind. Andere europäische Länder sind in dieser Hinsicht schon deutlich weiter.

Bedroht in der Beziehung

In Großbritannien gibt es zum Beispiel "Femicide Watch", es gibt NGOs, die derartige Fälle aufrollen und untersuchen, auf die Strukturen dahinter schauen. Derartiges gibt es in Deutschland bisher nicht. Auch ist die bundesweite Bearbeitung von Hochrisikofällen völlig unzureichend. Es wird nicht länderübergreifend gearbeitet, um schnelle Einschätzungen darüber zu geben, wie hoch die konkrete Gefährdung ist, wie Betroffene schnell geschützt werden können. Und die letzte, groß angelegte wissenschaftliche Studie zu dem Thema stammt aus dem Jahr 2004. All das in einer Situation, in der an jedem Tag in diesem Land ein Mann versucht seine (Ex-)Partnerin zu töten und an jedem zweieinhalbten Tag eine solches Tötungsdelikt vollendet wird und die neusten Zahlen für 2021 besagen, dass es 160.000 Anzeigen wegen Gewalt im sozialen Nahraum gab. Dabei ist das Dunkelfeld riesig. Auch ich erlebe in meinem beruflichen Alltag häufig, dass viele Betroffene niemals Anzeigen erstatten. Oft kommen Frauen wegen anderer juristischer Themen zu mir, oft geht es um Umgangsregelungen für die Kinder oder Ähnliches – und erst nach und nach offenbart sich in den Gesprächen, wie gewaltvoll die Beziehung war oder ist.

Deutschland ist, das muss man leider immer wieder feststellen, in der – ernsthaften – Bekämpfung dieser Gewalt ein rückschrittliches Land. Es ist wichtig, dass endlich gesamtgesellschaftlich geschlechtsspezifische Gewalt bekämpft wird und dass es endlich Solidarität mit den Betroffenen gibt. Dazu muss die Gewalt immer und immer wieder thematisiert werden. Und deshalb ist es so gut, dass es Theaterabende wie diesen gibt.

 

IMG 4140Christina Clemm hat in Freiburg und Berlin Jura studiert und ist als Fachanwältin für Familien- und Strafrecht in Berlin tätig. Seit mehr als 25 Jahren vertritt sie Menschen, die von geschlechtsspezifischer, sexualisierter, rassistischer, lgbtiq-feindlicher und rechtsextrem motivierter Gewalt betroffen sind. Sie war Mitglied der Expertenkommission zur Reform des Sexualstrafrechts des BMJV, teilt ihre Expertise in diversen Fachpublikationen und war mehrfach als Sachverständige in öffentlichen Anhörungen im Bundestag, so im März 2021 zum Antrag "Femizide in Deutschland untersuchen, benennen und verhindern", geladen. 2020 erschien ihr Buch AktenEinsicht. Geschichten von Frauen und Gewalt im Verlag Antje Kunstmann. Christina Clemm spricht regelmäßig auf Panels, in verschiedenen medialen Formaten und auf politischen und kulturellen Veranstaltungen zu den juristischen und sozialen Aspekten von struktureller und institutioneller Gewalt gegen Menschen aus benachteiligten Gruppen.

 

In der Reihe Das Theatertreffen 2022 von außen betrachtet hat nachtkritik.de theaterferne Expert:innen gebeten, die Berliner Festivalgastspiele zu begutachten. Aus frei gewähltem Blickwinkel, ohne formale oder inhaltliche Vorgaben. Zu fast allen Einladungen finden sich auch Nachtkritiken, die bereits zur Premiere der Produktionen entstanden. 

Die Nachtkritik zur Premiere von Like lovers do (Memoiren der Medusa) an den Münchner Kammerspielen gibt es hier.

Zur Festivalübersicht des Berliner Theatertreffens 2022 geht es hier entlang.

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