Hoffnung ist das Ding mit Federn

30. Mai 2022. Choreografien nach Euripides, Trauer als Langzeitprojekt und ein Aufbruch nach Romanistan: Das Theatertreffen der Jugend 2022 eröffnet in Berlin klassisch, gegenwartsbewusst, divers und zeigt dabei: Gesellschaftliche Verwicklungen beginnen bereits im Schulalter.

Von Patrick Wildermann

30. Mai 2022. Schon bemerkenswert, dass eine antike Kindsmörderin so großen Anklang bei jungen Menschen findet. Wobei natürlich niemand weiß, ob Medea nicht Opfer einer über die Jahrtausende tradierten Rufmordkampagne geworden ist. Vielleicht hat sie Jason geholfen, das Goldene Vlies zu ergaunern, sich in ihn verliebt, ihm skrupellos den Weg zum Thron geebnet. Womöglich ist sie dann von ihm verlassen worden und hat aus Rache ein großes Gemetzel gestartet, das auch vor den eigenen Söhnen nicht Halt machte. Schon vorstellbar. Aber das alles mag auch misogyne Projektion sein. Wer dieser Tage den Prozess zwischen Johnny Depp und Amber Heard verfolgt, weiß um die Problematik von eindeutiger Rollenzuschreibung und Parteinahme.

In der Inszenierung "Medea-Variationen" nach Euripides und Heiner Müllers "Medeamaterial" – die das diesjährige Theatertreffen der Jugend auf der Seitenbühne des Hauses der Berliner Festspiele eröffnet hat – ist die Argonautensage jedenfalls Verhandlungsmasse. Aus dem Off werden anfangs die Keypoints der Story referiert, on stage machen sich sechs junge Performer:innen ihr eigenes Bild. Die Spieler:innen vom Tanztheater Lysistrate am Goethe-Gymnasium Schwerin (Katharina Conradt, Helene Hacker, Leah Kurek, Maria Oganezova, Marie Reckow und Emilia Wünsch) treten in der Leitung von Silke Gerhardt auf karger, nur von abgestorbenem Geäst umkränzter Bühne zur Facettenerweiterung der Medea-Figur an. Und zur Selbstermächtigung auf mythischem Boden.

Die Augen halloweenesk kajalumrandet, bieten sie in kraftaufwendigen Choreographien die multiple Persönlichkeits-Palette zwischen Schmerzensfrau, Tochter, Mutter, Geliebter und Mörderin als jeweils flüchtige Konstruktion an – und versuchen, sich die ferne Geschichte in den eigenen Leib zu ziehen. Es ist ein extrem präzise gearbeitetes physisches Theater, das den Spieler:innen bei gleichen Bewegungsmustern Raum für individuelle Auslegung lässt, mit verschiedenen Tempi, mehr oder weniger Furor. Das Leben bleibt ein Einzelschicksal.

Mythen, Klassiker und der ganze kanonische Rest

Unter den acht Inszenierungen, die eine zehnköpfige Jury aus den Einsendungen von Theater-AGs, Jugendclubs oder aus der Freien Szene gewählt hat, findet sich noch eine weitere "Medea". Mit der wird das Festival nach neun Tagen seinen Kreis schließen. Die Euripides-Variante vom Theaterkurs des Heinrich-Mann-Gymnasiums in Köln setzt mit 25 Spieler:innen freilich andere Akzente als die Arbeit der Kolleg:innen aus Schwerin. Hier geht es – wie die Festivalleiterin Susanne Chrudina beschreibt – um Medeas Schicksal als Flüchtende und Heimatlose, ihre Erfahrungen mit Ausgrenzung und Rassismus. Auf einer Meta- und Kommentarebene wird der Mörderinnen-Komplex obendrein als Podcast über die spannendsten Kriminalfälle der Welt unter die Lupe genommen. Mit True-Crime-Kitzel also. Ungeachtet des Wahrheitsgehalts der Geschichte.

Eine "große Ernsthaftigkeit" und "erstaunlich viele klassische Stoffe" – das sind zwei der Auffälligkeiten dieses Theatertreffen-der-Jugend-Jahrgangs, die Susanne Chrudina ausmacht. Die Regisseurin, Autorin und Mitgründerin der Spreeagenten leitet seit 2021 die Bundeswettbewerbe der Berliner Festspiele, die Nachwuchssparte für darstellende Künste, Musik und Literatur. Tatsächlich steht nicht nur die Antike hoch im Kurs. Die Produktion "Zutritt gesucht!?" – ein Projekt der Theatervermittlung des Oldenburgischen Staatstheaters – gründet auf Franz Kafkas "Das Schloss" und verhandelt mit 24 jungen Menschen aus neun verschiedenen Ländern die Frage nach gesellschaftlicher Schrankenlosigkeit und Chancengleichheit. Selbst der Evergreen Shakespeare fehlt nicht. Der Theaterfilm "sommer.nacht.traum. – playing around pandemic nature" (ein Kooperationsprojekt zweier Stuttgarter Schulen in der Leitung von Dorothea Lanz) ist, wie der Titel schon nahelegt, auch ein Zeugnis der Lockdown-bedingten Distanzkunstbemühungen.

ttj3 p kulturkabinett ev sommer.nacht.traum c thomas büngerÜber die Kunst der Distanz in "sommer.nacht.traum. – playing around pandemic nature" © Thomas Bünger

Nun waren Mythen, Klassiker und der ganze kanonische Rest nie völlig abwesend beim Theatertreffen der Jugend. 2018 gab es zum Beispiel eine großartige Auseinandersetzung mit dem Gilgamesch-Epos zu sehen ("Das Phantom von Uruk" von der Theater-AG "Die Eleven" des Friedrich-Schleiermacher-Gymnasiums Niesky), die sinnstiftend Smartphone- und Sumerer-Epoche verschränkt hat. Im gleichen, ebenfalls starken Jahr waren Ibsen-Variationen ("Being Peer Gynt") und von Camus' "Caligula" zu sehen. Auch Stücke von Brecht und Wedekind gab es regelmäßig. Was zum einen den banalen Grund hat, dass die eingeladenen Arbeiten eben in schulischen Zusammenhängen entstehen. Zum anderen aber bieten die alten Stoffe willkommene Vorlagen für die Neuformulierung von Konflikten, die im Prozess des Heranwachsens nun mal zu konfrontieren sind – epochenunabhängig. Wie die Suche nach der eigenen Identität, auch der sexuellen (in diesem Jahr durch die Netflix-inspirierte Arbeit "Sex Education" vom stellwerk junges theater, Weimar abgedeckt). Oder natürlich das Ringen um den Platz in der Welt, verbunden mit Kämpfen gegen Ausgrenzung und Diskriminierung verschiedener Couleur.

Wie können wir die Situation verändern?

"Und, was hat es gebracht?" ist eine wiederkehrende Frage im Stück "WIR SIND HIER!" der Jugendtheatergruppe von RomaTrial aus Berlin. Die Arbeit von und mit Daniel Hromyko, David Paraschiv, Estera Elisa Paraschiv, Estera Sara Stan und Naomi Stan in der Regie von Christoph Leucht will ein Bewusstsein für die Situation von Roma und Sinti nicht nur in Deutschland schaffen – und zählt erstmal Stationen der Frustration auf: Die späte Anerkennung des an ihnen während der Nazidiktatur begangenen Völkermordes. Der lange Kampf um das Denkmal, das in Berlin Tiergarten genau daran erinnern soll – und nun vom Bau einer S-Bahn-Trasse berührt werden könnte. Die Morde von Hanau aus rassistischen Gründen.

Also: Was hat sich seit dem ersten Welt-Roma-Kongress in England 1971 getan? Und vor allem: Was soll geschehen? Braucht es die Republik Romanistan, oder eine Roma Armee? Ach nein, die gibt es ja schon, am Gorki (eine schöne ironische Anspielung auf Yael Ronens gleichnamige Inszenierung). Die Performer:innen – geschult am Forumtheater von Augusto Boal – reichen ihr zentrales Anliegen schließlich zur Diskussion ans Publikum weiter: "Wie können wir die Situation verändern?"

ttj2 p jugendtheatergruppe roma trial wir sind hier c jana kießerIn "WIR SIND HIER!" fragt eine junge Roma*-Generation: Was können wir tun, um Rassismus und Unterdrückung zu stoppen? © Jana Kießer

Eine willkommene Auseinandersetzung in einem erfreulich diversen Jugend-Theatertreffen-Jahrgang. Wobei zum Beispiel die Vielfalt der Performer:innen-Biografien beim jungen Festival schon viel früher selbstverständlich war, als bei der "erwachsenen" Ausgabe. Von 2012 ist noch die Arbeit "Keiner hat mich gefragt" von Asma Zaher in Erinnerung, ein engagierter Run von jungen Spieler:innen mit Migrationsgeschichte gegen patriarchale Strukturen und islamophobe Klischees gleichermaßen. 2016 war die Arbeit "Frankfurt Babel" ein Highlight, entstanden mit 20 Jugendlichen aus Europa, Asien, Afrika und Amerika, die Hälfte davon junge Geflüchtete mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus.

Bisweilen überschneiden sich die Diskurse auch, die das junge und das alte Theatertreffen umtreiben. Wo Anfang Mai noch Lukas Holzhausens Hannoveraner Inszenierung "Ein Mann seiner Klasse" Reibungsflächen für die notwendigen Debatten über Klassismus und die Repräsentation von Arbeiter:innenschaft im Theater geboten hat, kommt jetzt das Stück "Raunen" vom jungen Theater Heidelberg. Im Untertitel: "Ein dreiteiliger Abend über den Untergang, den Widerstand und von denen, die putzen müssen". Auch eine diskussionswerte Frage: Wer sind eigentlich diejenigen in unserer Gesellschaft, die den Dreck der anderen wegmachen? Zumal das Thema Klassismus ja bereits in der Schule virulent wird und für die sozial Abgehängten Lebensweichen stellt. Auch mit Blick auf die mögliche künstlerische Betätigung, wie Susanne Chrudina betont: "Habe ich das Selbstbewusstsein, mich auf eine Bühne zu stellen und etwas zu erzählen?" Da beginnen sie, die Sichtbarkeitsprobleme.

Gegen das Frohsinnsdiktat

Klar ist: die Hoffnung stirbt zuletzt. Denn Hoffnung ist das Ding mit Federn / das lässt sich in der Seele nieder / und wortlos singt es Melodien / und nie verstummt es / jemals wieder. Zumindest es heißt es so in einem berühmten Grußkarten-Poem von Emily Dickinson. Mit dem setzt sich am zweiten Abend des Theatertreffens der Jugend das Junge Ensemble des inklusiven Theaters Ramba Zamba aus Berlin auseinander. Allerdings erfreulich kitschfrei, in schwarzgrauer Krähen-Gewandung – ganz und gar unwillig, nur die lichte Seite des Lebens zu sehen.

Die Performer:innen (Friederike Buttgereit, Jan Bührmann, Emma Jörgeling, Kunigunde Kuhl, Konstantin Kujat, Martha Flossmann, Clemens Frings, Lotte Latscha und Magnus Materson) behaupten in der Leitung von Sandra Rasch vielmehr ihr Recht auf Rückzug und Trauer. Die Bühne von Kalle Karl bietet ihnen allerlei Boxen für Weltflucht und Versteckspiel "weil es so viele Katastrophen gibt und niemand einen darauf vorbereitet". Einmal heißt es schön: "Von allen möglichen Menschen wurde 'nach vorn Schauen' als Konzept an mich herangetragen. Von freundlichen, wohlmeinenden Menschen". Leider sei das "ein Konzept für Deppen. Jeder weiß, dass Trauer ein Langzeitprojekt ist". Der Abend heißt "hoffnung#dasdingmitfedern". Und er beflügelt auf seine ganz eigene Weise.

 

TTJ22 Autor PatrickWildermann c privatPatrick Wildermann, Jahrgang 1974, arbeitet als freier Kulturjournalist und Theaterkritiker in Berlin. Unter anderem schreibt er für den Tagesspiegel, Theater der Zeit, das Goethe-Institut und das Galore Magazin. Daneben wird er immer wieder auch in Jurys berufen, zum Beispiel für den Berliner Kultursenat, die KinderStücke der Mülheimer Theatertage oder das Kinder- und Jugendfestival "Augenblick mal". Er ist verheiratet und hat drei Kinder.
(Foto: Privat)

 

 

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