FREILICHT GEDANKEN

15. Juni 2022. Was ist Spielen? Wie entsteht in der Differenz zwischen dem, was ist, und dem, was wir uns vorstellen, etwas Drittes? Ein Versuch, dem Arbeitsraum und einer Definition näher zu kommen, worin diese Arbeit überhaupt besteht. Was sie gefährdet und wer wir sind. Wir Schauspieler:innen.

Von Julischka Eichel

I.

"Unter Druck" ist ja unser Beruf -
Sagte ich sofort.
Es regnete und ich fuhr mit dem Fahrrad vom Mehringdamm nach Weißensee.
Kam von einer Schauspielschule und hatte eben ein Grundlagenseminar für die Student:innen gegeben.
Ein paar Mal hatte man mich gefragt, ob ich unterrichten wolle. Ich hatte bis jetzt immer abgesagt, hatte Angst, wie soll man "Spielen" denn beibringen? Wie soll das denn gehen?

Dann kam Corona, kein Job, kein Geld, keine Aussicht, dann war es keine Frage mehr.
Ich musste.
Hatte Druck auf allen Ebenen.
Dann ging's ganz schnell.
Druck ist gut
Druck ist nichts Schlechtes …
Ein Diamant entsteht durch großen Druck.
Druck auf etwas erzeugt Widerstand … man spürt das Gegenüber durch den Druck ... wäre da nichts … würde man fallen.
Druck bewegt … etwas ... mich … andere … Druck hilft über einen Widerstand hinweg ... zu gehen.
Ein Händedruck … schön
Der Körperabdruck einer Umarmung …
Der Ab-Druck einer Erfahrung … eines Fußes … einer Fantasie … der Realität.
Das Gefühl, etwas muss gesagt werden, getan … da der innere Druck sonst nicht zum Aushalten ist … man sich sonst verrät … und unfrei wird.
Das Wichtigste für mich … aber dazu später … nur kurz:
im Druck, also im Widerstand erkenne ich am deutlichsten meine Freiheit … wo sie liegt und mit wem oder ohne wen.

ABER
UND
Druck kann zermalmen.
Kann mich gefangen nehmen, daran hatte ich nicht gedacht.
Nicht als Erstes, als Kind dieser Gesellschaft, dieses Systems von Leistung und Erfolg und gutem Bürger-Sein, oder wie man das auch nennt.
Druck, der etwas verstopft, der Angst macht, isoliert, brav machen lässt,
der mein eigenes Denken stoppt.
Druck, der meinen Kopf senken lässt, mich krank macht, der mich einfach weitermachen lässt, obwohl ich ganz laut "Scheiße" schreien müsste.

ÜberDruck
UnterDruck
BlutDruck
LeidensDruck
LeistungsDruck
Zu viel davon, macht kaputt.
Das ist gefährlich.
Ja.

 

II.

Erste Gedanken, während ich da auf dem Fahrrad sitze, im Regen und eigentlich beim Unterricht noch bin:
Beobachtungsübungen, Raumwahrnehmungsübungen, Gruppenübungen, Zug um Zug.
Was sehe ich?
Wie beschreibe ich ohne Wertung, wie mit Wertung?
Was höre ich, wenn ich mich im Raum bewege.
Vögel? Die Anderen im Nachbarraum? Autobremsen? Lisa, die neben mir liegt?

Sensibilisierungsübung:
Wir schließen die Augen und berühren den anderen.
Bin ich dann verwundert, wie sich die andere Hand anfühlt?
Dachte ich anders? Bin ich nervös? Ist es schön, unangenehm, ist es plötzlich seltsam intim?

Und dann diese Stille …?!
Warm, kalt, rau, weich, faltig, zart.
Spüre ich, ob der andere mich berühren will oder nicht?
Weitere Spiele z.B. "Gut und Böse".
Jemand sitzt auf einem Stuhl und hat die Augen geschlossen.
Der andere steht.
Er soll entscheiden, ob er in "guter" Absicht oder "schlechter" Absicht auf den Sitzenden zu geht.
Ist die Entscheidung gefallen, kein spontanes Umentscheiden, soll er losgehen.
Der Sitzende soll Handzeichen geben, wenn er spürt, was der andere "vorhat".


Immer reagierte der Körper des Sitzenden viel schneller, als der Sitzende selbst es anzeigte.
Immer reagierte der Körper richtig, auch wenn der Sitzende selbst es falsch einschätzte.
Immer, das heißt:
Bei "gut" lächelten die Student:innen oder entspannten sich,
bei "böse" zuckte das Gesicht oder das Bein oder der Mund oder sie rutschten sogar von ihrem Stuhl.
Immer wusste es der Körper.
Natürlich nur, wenn dem Gehenden klar war, was er vorhatte.
Wir erkennen eigentlich immer, was der andere mit uns vorhat.
Wir wissen es in uns drin, auch wenn wir uns oft nicht trauen, darauf zu vertrauen.

Ich hatte heute den Student:innen die Frage gestellt:
Warum willst du Schauspieler:in werden?
Die meisten sagten: Weil ich aus mir raus will.
Jemand anderes sein will. Weil ich über eine oder meine Grenze gehen will.
Also pro Gruppe acht Spieler:innen, die ihre Grenzen testen und womöglich überschreiten wollen.
Die etwas anderes sein wollen, also aus der eigenen Zone, dem System, dem Körper heraustreten.

Wenn acht Spieler:innen auf der Bühne sind und alle das ausprobieren wollen,
dann passiert es mindestens bei einem wirklich, dass eine Grenze überschritten, dass jemand aus seiner Komfortzone geschmissen wird.

Und es passierte und jemand weinte.
Und jedes Mal war es schlimm für alle.
Überraschend.
Beängstigend.
Plötzlich war da etwas real und "echt".
Und immer war es ein Schock.
Sie hatten gespielt und dann wurde etwas ernst, darüber waren sie am meisten erschrocken.
Als würde es beim Spielen keinen echten Einsatz geben.
Nur Spielgeld.
Woher kam diese Annahme?
Spiel ist Spiel.
Wir tun nur so, als ob.
Ja, das stimmt.
Und wie das stimmt, merkt man sofort, wenn man mit Amateuri:nnen spielt oder mit bestimmten Kolleg:innen, die dir auf den Fuß treten, weil der Regisseur die Anweisung gab:
"Du hast Angst vor deinem Kollegen."
Man dreht sich um und fragt: "Warum trittst du mich?"
Und der Kollege antwortet: "Ja, aber du solltest doch Angst vor mir haben."

Mh.

 

III.

Und doch gibt es etwas, darüber kann man so schlecht reden, deswegen tun wir es vielleicht auch nie und eben dieses Etwas ist auch gerade sehr in Gefahr, für immer verloren zu gehen.
Ich nenne es das Dritte.
Das, was ich mir zu Hause nicht ausdenken kann.
Etwas, das bei richtig gutem Spiel zwischen den Spieler:innen entsteht.
Immer ist es überraschend und sexy und wie verknallt sein, selbst wenn man gefährliche Szenen spielt … es ist Ernst … es ist extreme Energie.
Energie, die entsteht, wenn zwei oder mehrere versuchen ihr Ziel durchzusetzen, mit aller Kraft und sich nichts schenken.
Im Gegenteil: wenn zwei Kräfte, die unbedingt etwas können, einen bestimmten Raum damit füllen. Keine Symbiose, keine Nettigkeit, keine Hilfe, kein Ausweichen.
Wenn sich beide verstehen, und das ist wichtig, es muss klar sein, dass man kämpft mit allen Mitteln in diesem Raum und dass es real ist und vor allem KONKRET
ABER es zur gleichen Zeit auch nur ein SPIEL ist.
Und steigt man aus der Szene aus, dann gelten wieder die Spielregeln des Alltags.
Logisch.

Während man spielt aber herrscht "so tun als ob" UND kein Spiel.
Achtsam sein UND nicht nett sein (sich nichts schenken!).
Immer wissen, was man tut UND absolutes Loslassen.
Eben: SOWOHL ALS AUCH
Wenn all das klar ist, dann entsteht der Rand, von dem Thomas Brasch spricht.

Das Interesse im Theater ist immer nur eine Haltung, die an den Rand geht, weil DAS nur das dramatische Moment zulässt.
Die Dramatik hat a priori das Gesetz, Leute gegeneinander zu führen oder in Situationen zu führen, wo sie aus ihren Verschalungen, ihren Schutzmechanismen herausmüssen,
wenn sie sich gegeneinander formulieren müssen oder gegen eine Gesellschaft.
Was passiert an einem Rand?
Was in der Mitte passiert, interessiert mich relativ wenig, weil es mir über mich selber nichts beibringt.

Brasch beschreibt als den "Diamantenmoment", wenn der Druck so hoch wird, dass etwas kenntlich wird:
Am Rand.
An einer Grenze.
Im Ausnahme-ZUSTAND eines Menschen.
Im Überschreiten des Randes, der Grenze, der Haut entsteht der neue Weg, der wirklich – das ist immer die Hoffnung – noch nie begangen wurde.
Dann öffnet sich ein Wissen um Dinge, die keine Worte haben.
Es ist Energie in ihrer gewaltigsten Form.
Darin stirbt etwas und wird geboren.

Ich glaube wirklich, dass darin eine Wahrheit liegt, für gutes Theater, für uns Spieler:innen, quatsch, auch für die Welt und die Zuschauer:innen.
Darin liegt all das Schöne und Berührende, die Hoffnung, das Utopische, weil sich dann was öffnet und zeigt. Nichts mehr abdeckt oder zwischen uns steht.

ABER
UND
darin liegt eben auch ein Schmerz, der Tod, Qual, Verlust und eine reale Gefahr.

All das beschreibt nämlich einen Ort, an dem man sich entscheiden muss.
Bleibe ich da?
Gehe ich drüber oder rüber?
Mache ich mit?
Schaue ich zu?
Stehe ich ein?
Halte ich aus?
Hier muss ich mich entscheiden. Diese Entscheidung muss selbst gefällt werden. Von mir, keinem anderen. Ich muss Antworten darauf geben und die Konsequenzen aushalten. Die Frage ist also: Was für ein:e Schauspieler:in will ich sein? Für was/wen gehe ich auf die Bühne? Was will ich erzählen? Will ich stören? Triggern? Weich sein, hart … unterhalten, gefallen? Will ich (rein) passen, willkommen heißen?
Beruhigen … weh tun … streitbar sein, umarmend … rumpeln … wiederholen … lieben … schreien … ?????

Das muss ich beantworten. Danach muss ich suchen.
Hier muss ich ganz persönlich konkret werden und eindeutig.
Wenn ich es nicht beantworte, was ich durchaus aus meinem Privatleben kenne, aus Angst vor den Konsequenzen, aus Angst vor Schuld, vor Verzicht, vor einer Sackgasse, wird meine Nicht-Antwort trotzdem eine werden. Ich werde Spuren hinterlegen und ich habe sie zu ver-antworten, das ist nun mal so … aber es wird schwerer sein, sie auszuhalten und zu vertreten, da ich nicht wach und frei gewählt habe.
Ich behaupte sogar, dass hier die größte Gefahr für uns Spieler:innen entsteht.
Wenn wir dieser Antwort ausweichen.

 

IV.

Und hier komme ich an einen Punkt, den ich selbst nicht wirklich greifen kann, der kurz da ist und sofort wegfliegt.

Ich glaube, dass man jedes Mal neu für sich klären muss, was man will und was man bereit ist zu geben … ich glaube, das kann einmal klarer sein und sich ein anderes Mal stärker vernebeln. Trotzdem muss man sich bewusst DARÜBER werden. Ich behaupte, dass man in diesem Klärungsprozess konsequent sein muss, unbedingt und mutig. Aufrecht und sogar schneidend.
Ich behaupte, dass der Diamantenmoment nur entstehen und Gültigkeit bekommen kann, wenn ich mich zeige, wenn ich aus meinem Schutzmechanismus, meiner Verschalung trete und an den Rand mich wage, so wie Thomas Brasch es beschreibt … wenn ich meine eigene Grenzen erkenne und berühre oder mehr.

Ich suche nach dem Diamantenmoment. Dem Dritten.
Hier komme ich wieder mit Thomas Brasch, der in einem seiner Gedichte schreibt:

MEIN BERUF HEISST MICH NICHT VERSTECKEN,
sondern öffentlich entdecken,
Mich zu finden, indem ich mich verliere,
Nicht bewahren für mich, finden nur will ich seit ich lebe
das langsame Begreifen, die Nähe
suchen statt Ferne
auch Schmerz sich von
Gewohntem zu lösen
Vor dem anderen statt Nähe das Weite suchen
.

Ich brauche das Alles. In der ganzen Komplexität.
Hier muss ich eindeutig sein mit all dem Feinstofflichen, dem Leben an sich.
Brauche Eindeutigkeit und Klarheit, um dieses Dritte, den Diamanten, die Fantasia zu entdecken. Trotzdem glaube ich, dass diese Eindeutigkeit und Entscheidungskraft nur im SOWOHL ALS AUCH entsteht. Klingt erstmal unvereinbar … ja, paradox? Eindeutig UND sowohl als auch?

Kennt man aber doch: Nie ist man nur einfach das eine … immer ist in mir … in diesem einem Körper so viel zur gleichen Zeit.
Ich bin verzweifelt, kann aber nur lachen.
Ich bin gerade noch besser als ich dachte, um in der nächsten Sekunde schon ein Schwein zu sein.
Ich verteidige die Wahrheit, nur um mich dann sofort selbst zu belügen, damit ich wie immer weitermachen kann.
Ich liebe dich und hasse, was du aus mir machst.
Ich schreie dich an, weil ich mich gerade überhaupt nicht leiden kann und lieber nie wieder jemanden sehen möchte, dabei schreit das Mangelkind in mir ständig: Hab' mich lieb!

Der Mensch ist sowohl liebenswürdig und wahnsinnig klug, als auch Zerstörer seines Lebensraumes und damit dämlicher als alles, was mir je begegnet ist.
SOWOHL ALS AUCH heißt, alles ist da …
immer und gleichzeitig … das ist kompliziert und macht Angst … ist es deshalb nicht logisch, es vereinfachen zu wollen?
Und leider tun wir das oft auch und gerade jetzt in dieser Zeit, die so anstrengend ist, die uns so viel abverlangt.
Die so viele Unterschiede macht und aufdeckt.
Aber hier liegt eine Gefahr für uns Spieler:innen. Hier kann das, was ich das Dritte nannte, verloren gehen.

 

V.

Ich habe gerade von der Eindeutigkeit der Haltung geschrieben, nicht aber von Vereinfachung und Vereindeutigung. Ich verstehe den Wunsch, plötzlich auch "Der Kaiser hat aber einen schönen Zwirn an!" schreien zu wollen, obwohl er natürlich (wie wir alle wissen) nackt ist.
Das wäre aber ein großes Missverständnis.
Ein großes Missverständnis für Zuschauer:innen und alle, die mit uns zu tun haben.
Dieses Missverständnis existiert bereits und ist immer weiter gewachsen … zumindest erlebe ich es in meinem Arbeits-Umgang so.
Wir verlernen "das Sowohl als Auch" auszuhalten?!
Und diese Entwicklung läuft parallel zur Welt, denn auch da hält der Mensch den Menschen nicht mehr aus in seinem Sowohl als Auch.

Die Balance ist gestört … und wir sind durcheinander.
So rufen wir verknotet, weil wir nicht mehr wissen, was eigentlich zu denken und zu fühlen ist, genau das Verkehrte. Nämlich nicht nach uns selbst und uns als Fachmenschen für all DAS.
Nein, wir rufen plötzlich nach einem AUSSEN, dass Klarheit bringen soll:
Intendant:innen … Dramaturg:innen … Agent:innen … Regisseur:innen … Caster:innen … Zuschauer:innen:
"Hilfe, ich will Eindeutigkeit. Einordnung. Realität. Sagt uns, was ist richtig und falsch?! Wie soll ich mich verhalten?! Sag, der ist böse und die ist richtig?! Das ist erfolgreich und das nicht?!
Du darfst den Mund aufmachen, du nicht?!"

Plötzlich misstrauen wir, was wir in unserem Schauspielschulenspiel "Gut oder Böse" gelernt haben: dass wir es wissen, in uns drin. Wissen, wann Bullshit passiert … wir wissen, wann was "gut" ist, wann was "böse".
Hier passiert es … jetzt …
Denn weil dieses Wissen dem "Außen" ähnlich verloren geht, gibt es auch dort nicht wirklich eine Antwort.

Und so wird in letzter Zeit vorgeschlagen, dass wir Spieler:innen doch EINS sein könnten, mit dem, was wir spielen, und dem, was wir sind.
Vielleicht authentischer?
Eindeutiger?
Harmloser?
Nachvollziehbarer?
Keine Widersprüchlichkeit?
Keine hohen Amplituden?
Keine Geheimnisse?

Stattdessen lesbar sein, erklären, was ich spiele und meine. Ständig aussteigen, damit man keine Missverständnisse produziert, nicht falsch verstanden wird. Versichern, dass die Rolle, die man spielt, nicht der persönlichen Meinung entspricht. Vielleicht bin ich ja, wenn ich in den Proben- oder Castingraum komme, am besten schon die Figur, die ich darstellen soll. Also ich verkörpere sie: ich bin wie ich aussehe, und kann so der Regie und allen anderen die Angst nehmen, dass ich spielen muss, also arbeiten und somit vielleicht eine unangenehme Überraschung werde: eine weitere Baustelle, die viel Zeit kostet, also Geld.

Ich BIN plötzlich (das Alles)?
STATT: ich spiele (das Alles) …. da "oben"
und da unten bin ich wer anderes?
Das scheint die Forderung zu sein, zumindest nehme ich das jetzt bei Proben, bei Castings, in der Arbeit oft so wahr.

 

VI.

ABER was heißt das für unseren Beruf?
ABER WAS HEISST DAS DENN?
Wer werden wir denn dann?
Wer ist denn dann noch mein Gegenüber?
Was soll ich denn dann für dich sein?
Dein Spiegel?
So wie du?
Konsens?
Soll ich dich bestätigen?
ABER WENN ICH DOCH NUR NOCH BIN WAS ICH BIN, und nicht was ich spielen kann … dann passiert doch einfach NICHTS,
Nichts Spannendes, nichts Neues … NICHTS ANDERES, FREMDES … dann gibt es keinen Rand mehr, den ich aufsuchen muss und ich muss aus keiner Verschalung mehr heraus … vielleicht ist das ja erstmal leichter und angenehmer.
Dann begegnen wir uns doch aber auch nicht ... denn dazu brauche ich Fremdheit … den Abstand, das Anders-sein als ich selbst … die Bewegung zu dir hin, statt symbiotische Verschmelzung

 

Weiter oben hatte ich geschrieben, dass man den andern durch seinen Körperdruck spürt und erkennt … Doch wenn wir alle eins sind, wo ist dann das Gegenüber? Das Andere? Der Widerstand, in dem ich meine Freiheit spüre? Wo ist dann die Grenze, zwischen mir und der Rolle, die ich spiele, der Bühne und dem Zuschauerraum, zwischen dem Spielenden und den Zuschauenden?
Was ist dann mit der Vielfalt? Ist das nicht ein Gleichmachungsprozess?

DENN
Fantasia stirbt doch so?! …. und Mephisto auch?! … und der Kaiser hat so PLÖTZLICH doch eine Hose an, obwohl er in Wirklichkeit immer noch nackt ist.
Wie sollen wir denn jetzt noch proben? Spielen?
Wenn alles, was ich da ausprobiere und versuche,
ICH plötzlich sein soll?
Heißt das, dass dann mein Kollege, der mir auf den Fuß trat, Recht hat? … ich soll Angst vor ihm haben, also haut er mir eine rein?
Ist dann alles persönlich zu nehmen? … dann ist das doch alles nur noch Befindlichkeit …
Und die Tränen meiner Student:innen werden geweint, weil jemand ihnen was getan hat (natürlich darf keine Gewalt passieren, das ist ganz klar) ... und nicht weil sie erschrocken sind über ihre Sprengung aus ihrer Komfortzone und dem wirklich NEUEN, was da erlebt wird … dann darf ich ja auch keinen Fehler mehr machen und ver-spielen erst recht nicht?!

DAS alles ist doch ein tödliches Missverständnis für unsere Arbeit.
Für unsere Kunst.
Für unser KÖNNEN
Das hilft nicht.
Das beantwortet unsere Fragen nicht.
Es macht nichts besser und schützt uns nicht.

DIESE Eindeutigkeit (Vereindeutigung) macht uns schutzlos, aber nicht schutzlos in dem Sinne, wie wir es im Probenprozess bewusst herstellen, sondern es ist eine Schutzlosigkeit, die ganz "unfreiwillig" entsteht.
Sie wird uns aber unter- oder ver- oder zer-drücken.

 

VII.

Denn DAS SPRINGEN zwischen den Welten, das DRITTE, das Unsagbare, die Fantasia, das SOWOHL ALS AUCH, das Feinstoffliche … die Entschalung … der Rand ... der Druck,
ALL DAS
All das ist Widerstand, gegen die Angst, die Anpassung, gegen den Druck, der krank macht, gegen das Vergessen, den Tod, das Schweigen, gegen Feigheit und Egalheit – es ist alles, worin ich Freiheit erkenne.

Ich spiele Ophelia und nehme mir die Freiheit, verrückt zu werden, um endlich Wahrheit sagen zu dürfen, das erinnert mich zwar sehr an meinen Alltag als Julischka, als Frau. ABER NATÜRLICH bin ich null verrückt und entrückt, wenn ich vor dem kaufmännischen Direktor sitze und gleich viel Geld will wie mein Kollege, der ein Mann ist und deshalb ein ganzes Stück mehr verdient. Auch nicht, wenn ich wütend werde, weil das Gegenüber, das nicht verstehen will und von einer anderen Gewichtsklasse spricht, mich emotional nennt und dabei seinen Vergleich, ich würde weniger wiegen als der Mann, deshalb weniger Geld VERDIENEN, als total rational argumentiert und für ihn ganz klar ist, dass er mich verarschen kann, weil er mich vereindeutigen / vereinfachen konnte: ich bin für ihn die verrückte Ophelia.

Dieses Beispiel ist nur ein ganz Einfaches, sogar Plattes. Es ist alles natürlich viel komplizierter und doch, ich bin fähig, ein "Sowohl als Auch" zu leben. Ich kann SOWOHL auf der Bühne Ophelia sein und Luise und Sabeth und Madame du Rénal … kann sterben, dominant sein, kann unfähig zum Leben sein, lieben, hassen, kriegerisch, dumm sein ALS AUCH ein Verhandlungsgespräch führen, mein Leben auf die Reihe kriegen usw.
Ich kann das, sowohl als auch … es ist Teil meines Berufs. Teil meiner Arbeit. Man nennt das auch Ambiguitätstoleranz, die Fähigkeit, mit Unsicherheiten und Situationen, die uneindeutig sind, umzugehen.

Wir Spieler:innen sind das gewohnt. Es ist Teil unserer Kunst! Und auch unser Geheimnis.
Dadurch ist es vielleicht schwerer für andere, damit umzugehen, um so mehr müssen wir es verteidigen UND leben.
Denn ich behaupte, sie ist vielleicht die einzige Kraft und Fähigkeit an unserer – und hier treffen sich Spieler:innen und Zuschauer:innen – Überforderung an der heutigen Zeit zu rütteln und einen Umgang damit zu finden.

Das "Sowohl als Auch" war und ist DIE RAHMUNG für meine Student:innen.
DIE FREIHEIT für die Schauspieler:innen.
Es ist DER SCHUTZ, den wir brauchen, um an den Rand zu kommen, ohne dabei Schaden zu nehmen.
Denn, wir sind da ohne Haut.
Damit man etwas sieht … begreift … erkennt.
An dieser Stelle sind wir Schutzlos.
Hier kann man uns verletzen, und was noch schlimmer ist: wir uns.
Und noch schlimmer: wir uns GEGENSEITIG.
Hier sind wir manipulierbar UND einem großen schädlichen Druck ausgesetzt, hier kann man uns kriegen….
Und ich weiß, es klingt verrückt…
ABER NOCHMAL
die Gefahr ist die Ver-Eindeutigung,
die Vereinfachung, die Vermischung der Kräfte.

 

VIII.

Wenn jetzt Intendant:innen, sie haben es schon immer so getan, aber jetzt bekommt es plötzlich eine neue Kraft, mit uns reden als wären wir unzurechnungsfähige kleine Schauschis, süss, etwas dumm, aber das ist ja bekanntlich nicht schlimm bei Spieler:innen. Aber leider sind sie zu emotional und hysterisch, am besten man sperrt sie nach Einsatz wieder weg und am besten lässt man sie auch so viel arbeiten, dass sie zu müde sind für das alles … ja genau, das ist gut: da wird der:die Spieler:in keine Fragen mehr stellen, und dann beschalle ich sie:ihn in Dauerschleife mit Begriffen wie: Loyalität, Treue, Theater ist Familie, wegen mir ist der Lappen noch nie nicht hochgegangen, du musst schon erstmal was leisten, um was zu sagen zu dürfen, sei vor allem immer dankbar, wenn man an dich denkt und dich fragt, ob du etwas spielen willst …
Wenn sie das jetzt tun, so mit uns reden, und der Abstand abgeschafft ist zwischen der Welt und dem Spiel, dann sind wir schutzlos ausgeliefert … es fehlt Raum zwischen denen und uns, es fehlt das ALS zwischen dem SOWOHL ALS AUCH. Das ALS OB.

Der Zwang zu Eindeutigkeit und Authentisch-Sein liefert uns keine Argumente, im Gegenteil, ich behaupte, es entsteht ein Gleichmachprozess, wo es nicht mehr darum geht, ob etwas "gut" ist, im Sinne des Könnens, des Wollens, sondern ob man dieselbe Meinung hat und authentisch mitmacht: das heißt, ich bin authentisch, wenn ich mein Innerstes, meine vermeintlich unverfälschte und eindeutige Natur, ungefiltert nach außen stülpe.
Ist das aber nicht das Gegenteil von Kultur? Von Kunst? Von unserer Aufgabe? 

Wir sind zu eindeutig geworden.
Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen der Realität und dem sicheren Ort Probebühne / Fantasia.
Alles wird von einem privaten Bedürfnis bestimmt und das ist eine gewaltige Waffe gegen uns.
Weil wir jetzt konsumierbar sein sollen.
Wie im Fall des "Bildnis' des Dorian Gray" werden wir zum Bild, wie bei Narziss, das Spiegelwasser … Solange die Fläche glatt ist, die Spiegelung korrekt, ist alles ok.
Wird das Bild, die Fläche eigenständig … gibt es Kritik, schaut man in ein anderes Gesicht als erwartet, gibt es Widerstand.
Ein anderes Echo … das will man nicht haben und schafft es ab.
Wollen wir Spieler:innen dem entsprechen … Also versuchen, das zu erfüllen und gar das authentische Bedürfnis der Intendant:innen, Regisseur:innen, Dramaturg:innen, Caster:innen usw. zu stillen, müssen wir "den Abstand" verringern ... das Anders-Sein sein lassen … authentisch sein … also konsumierbar werden.
Für mich bedeutet das Unfreiheit.
Fantasie stirbt so.
Wir werden symbiotisch verdaut.

Und, das muss ich hier auch ganz klar sagen:
Ich spreche hier von einem Versuch, unseren Arbeitsraum und seiner Definition näher zu kommen und WAS unsere Arbeit ist UND WER wir sind. Wir Schauspieler:innen.
Dies alles braucht das Geheimnis, die Liebe zu komplizierten Beziehungsverflechtungen und ihren Systemen … WEIL unsere Kunst eine Beziehungskunst ist.
Wir brauchen das Sehen und Hören und Fühlen, wie in der Schauspielschule mit ihren ganzen Übungen, damit wir nicht aufhören, danach zu fragen:
Wer du bist.
Wer da mir gegenüber steht.
Wer bist du, anderer Mensch?

Theater ist vielleicht einer der wenigen Orte, wo man mehr sein kann als man selbst ist oder zu sein denkt.
In der Verwandlung, in den Gezeiten, in den Kostümen, im Bühnenraum, in der Fragestellung und der Suche nach einer Antwort, die aber an diesem Abend nicht gefunden werden soll. 

Hier spreche ich von unserer Kraft und unserem Können, Dinge zu spüren und sie sichtbar zu machen, trotz Angst, Anspannung, Hochstaplertum und schlechten Proben oder Arbeitsbedingungen, zu wenig Geld und zu wenigen Pausen usw. … in ihrer Komplexität, in ihrer Kompliziertheit und unter Druck, der so viele Namen und Facetten hat … mit all den Farben, die es gibt.


Ich spreche von den Momenten, in dem das Kind sagt:
Der Kaiser ist nackt.
Der Narr den König kritisiert
und Mephisto die Wahrheit sagt,
Ophelia eine Entscheidung trifft … Penthesilea ihre Freiheit wählt.
Anna Quangel aufsteht, Mutter Courage und Frau Wolfen ihre Familien retten, und endlich Nora, Julia, Luise oder Rita trotz zu wenig Text ein Schlupfloch finden und über den Rand springen zum Zug … Hamlet einmal weniger über sich nachdenkt und zu etwas Selbstironie findet und neue Rollen geschrieben werden für all die Welten und Realitäten und Menschen, WEIL Fantasia lebt, WEIL wir diese Welt beschreiben müssen. 

 

Julischka Eichel, 1981 in Tübingen geboren, ist Schauspielerin. Ihre Ausbildung absolvierte sie an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch". Von 2007 bis 2012 gehörte sie dem Ensemble des Berliner Maxim Gorki Theaters, von 2015 bis 2018 dem Ensemble des Schauspiels Stuttgart an. Dazwischen war sie immer wieder freischaffend tätig. Neben ihrer Arbeit für das Theater arbeitet sie auch für Film und Fernsehen. Auf nachtkritik.de schrieb sie 2021 einen Offenen Brief an die damalige Kulturstaatsministerin Monika Grütters über die Situation freischaffender Schauspieler:innen in der Pandemie: "Wir sind nicht gerettet".

Kommentare

Kommentare  
#1 Julischka Eichel: DankePeter Danzeisen 2022-06-15 10:23
Danke.
#2 Julischka Eichel: Wunderbar geradlinigKunst und Freiheit 2022-06-15 11:21
Was wirklich schlimm ist heute: Julischka Eichel hat absolut recht, es bestätigt meine ganze praktische wie theoretische Theatererfahrung aus drei Jahrzehnten, dieses Anwachsen einer Vereindeutlichung. Ich hätte es nie so wunderbar und geordnet aufschreiben können, ich hoffe - nebenbeigesagt - dieser vollkommen geradlinige, unverschwurbelte Text einer Schauspielerin findet seine Anerkennung durch eine honorige Auszeichnung!
Was das Schlimmste ist: All dieses SOWOHL ALS AUCH, immer gleichzeitig!!! trifft ebenso auf das Leben aller NichtschauspielerInnen zu! - Aber sie können es nicht mehr sehen, weil es am Theater, beim Geschichtenerzählen, in der Literatur nicht mehr präsent ist. Die darstellenden Künste und Literatur haben durch Institutionalisierung ihrer Marktmechanismen dem Publikum, den LeserInnen die Freude an der Selbst-Erkenntnis des DASALLESBINAUCHICH durch Anschauung entzogen... Das einzige unentgeltliche Geschenk, das sie als Künstler machen könnten-
#3 Julischka Eichel: ZustimmungGeorg 2022-06-15 12:22
Danke!!!!
#4 Julischka Eichel: So kraftvoll, so wahr, so wunderschön!Jörg-Martin Wagner 2022-06-15 15:46
Liebe Julischka, das ist eine - für mich - völlig neue Seite an Dir: die Autorin. Ich bin überwältigt! Vielen Dank für diesen Text!!! Er ist Poesie!! Dein Jörg
#5 Julischka Eichel: SogHermione 2022-06-17 07:46
Ich habe noch nie einen Text gelesen, der dem so nahe kommt aus der Macherinnenperspektive, was Schauspiel ist / sein könnte. Es entsteht beim Lesen ein erstaunlicher Sog, man spürt, hört und sieht die Worte, ist Teil des ganz körperlichen Prozesses, als der Be-greifen hier geschildert wird im ganz ursprünglichen Sinn. Auch die gegenwärtige Krankheit des Theaters, sich seiner Macht zu berauben und seiner Magie, weil es plötzlich nicht mehr im Als-ob sondern in einem komische reduzierten Realen stattfinden möchte, ist sehr präzise und eigen beschrieben. Toll!
#6 Julischka Eichel: Nur Mut!Hase 2022-06-17 17:10
Ich gebe zu, ich verstehe nicht alles an diesem Text. Vieles ist so vage, dass ich nur vermuten kann, was der Kern sein soll und ich mich frage, ob das aus Genauigkeit geschieht oder aus Angst, das vermeintlich Falsche zu sagen oder gar zu meinen. Denn im Kern scheint es sich doch um die viel beschworene Political Correctness zu drehen und die ist ja (insbesondere für sog. Freiheitsliebenden) ein ganz heisses Eisen.

Ich hätte mir gewünscht mehr zu erfahren, von den Erfahrungen an der Schauspielschule. Wie die jungen Kolleg*innen den Beruf verstehen, was sie umtreibt, was für Schlüsse wir daraus ziehen können oder ie das möglicherweise den Beruf verändert meinetwegen auch beengt. Leider wird auch in den Kommentaren hier einfach nur geraunt und das ist doch schade, handelt es sich doch um genuine Künstler*innen, denen die Wahrheit so wichtig zu sein scheint.

"Theater ist vielleicht einer der wenigen Orte, wo man mehr sein kann als man selbst ist oder zu sein denkt."

Genau aus diesem Grund übrigens gibt es eine Debatte darüber, wer diesen Ort für sich beansprucht und seine Freiheiten erforscht und wer am Ortseingang aufgehalten wird, wem der Zutritt verwehrt bleibt.

Das soll hier keine Unterstellung sein, nur ein Wunsch nach Klarheit, ein Nachfragen. Wo geschehen diese Vereindeutlichungen, wo und durch was werden Ambivalenzen, die es früher offenbar en masse zu geben schien, abgeschafft. Wo ist der Wunsch nach eindeutiger Zuordnung. Durch wen? Aus welchen Motiven und und und.Nur Mut!
#7 Julischka Eichel: körperlich-kognitive ProzesseHermione 2022-06-18 08:20
@Hase
Ich lese den Text erst mal als Versuch, körperlich-kognitive Prozesse und Bereiche in Sprache zu bringen, für die es so leicht keine Worte gibt. Als Report über Erfahrungen an der Schauspielschule und Arbeitsweisen eher nicht. Aber ich verstehe, wenn sie das, was ich im Text als Versuch empfinde, der Vereindeutlichung in eine universellere Ebene zu entkommen, nach mehr Klarheit und Verdeutlichung rufen läßt. Mir allerdings ist es nicht so gegangen.

Kommentar schreiben