Der beschürzte Mann

von Petra Hallmayer

München, 4. Dezember 2008. Seit Gottvater das erste Schöpfermachtwort sprach, haben sich Männer in der Meisterschaft geübt, furiose Besserwisser, Rausreder und Schuldverschieber zu werden und sich so verbal die Welt zu unterwerfen. Mit Darry Berrill hat Sean O'Casey ein besonders prächtiges Exemplar dieser Spezies geschaffen. "Mein Gott, Frau", meint der irische Bauer am Ende zu seiner Lizzie, nachdem er das gesamte Haus verwüstet hat, "könntest du nicht einmal etwas richtig machen?!"

Zum Auftakt des burlesken Komödienklassikers "Das Ende vom Anfang", der in B.K. Tragelehns legendärer Aufführung mit Heinz Werner Kraehkamp und Michael Altmann zum Theaterhit wurde, frönt Dieter Dorn erneut seiner Bühnentierliebe. Eine gewaltige Kuh watschelt im Cuvilliés-Theater herein, wackelt mit den Ohren, zerstampft ein Blümlein und streckt die Zunge heraus. Ein drehbares Bilderbuchhäuschen gibt den Blick in eine hellblaue Wohnküche frei, in dem das Ehepaar sich feindselig angiftet.

Denn die Ordnung ist nur des Schrecklichen Anfang

Weil Darry (Oliver Nägele) die Tätigkeiten seiner Frau als gar zu läppisch schmäht, behauptet, er könne ihren Job mit links und "ohne auch nur einen Hauch von Hysterie" erledigen, beschließen die beiden für einen Tag die Rollen zu wechseln. Lizzie (Eva Schuckardt) stürmt hinaus, um die Wiese zu mähen, während Darry die Hausarbeit erst einmal aufschiebt, die schließlich zu einem gigantischen Zerstörungswerk gerät.

Als Eskalationsassistent und Sündenbock tritt ihm sein schwer kurzsichtiger Freund Barry Derrill (Michael von Au) zur Seite. Geschirrtücher zerreißen, einem Wecker entspringt eine riesige Schlangenfeder, Fenster gehen zu Bruch. Jeder Versuch, die Ordnung wiederherzustellen, entgleist, führt nur noch tiefer ins Chaos. In jede Kleinkatastrophe ist bereits die nächste eingeschrieben, hinter der der Zusammenbruch aller Zuverlässigkeiten, die Weltauflösung drohend aufscheint.

Standard-Slapstick mit Trümmerfeld

Eigentlich ist der beschürzte Mann, der Geschlechterrollentausch à la O'Casey ja ein Kaffeekränzchen- und Kegelclubwitz aus lang vergangenen Tagen, denen Johanna von Koczian 1977 noch einen Schlager über "das bisschen Haushalt" hintendrein trällerte. Tatsächlich aber steckt in O'Caseys Sketchreigen nicht nur eine lustige Hanswurstiade. Dass sich der Text auch anders lesen lässt, hat nicht zuletzt Andrea Breths unvergessene Wiener Aufführung bewiesen.

Den Ehrgeiz, nach ganz neuen Interpretationsansätzen zu suchen, hat Dorn nicht. Nach einem ziemlich langatmigen Anfang schickt er seine Brüder von Stan Laurel und Oliver Hardy zwischen fantastischer Selbstüberschätzung und täppischer Destruktionswut in eine Desasterlawine, in der sie sich irgendwann blutverschmiert auf einem Trümmerfeld wiederfinden. Dorns Inszenierung des 1937 in Dublin uraufgeführten Einakters legt den Fokus auf das Ringen mit der Tücke der Objekte, dekliniert die Slapstick-Standardnummern durch, die bis heute bestens funktionieren.

Das ist stellenweise herrlich komisch, wenn etwa Barry beim Durchwühlen des Küchenschranks die Schublade mit seinem Kopf durchbohrt, geteert und gefedert als zerrupfter Vogelmensch aus dem Garten zurückkehrt oder die beiden beim Abwasch einen Teller endlos kreisen lassen. Überraschende Varianten des vertrauten Pointenrepertoires allerdings sehen wir nicht.

Beckett'sche Clowns

Zwischendrein glücken manchmal kleine zarte Momente, so wenn Barry inmitten des Kampfs gegen die Unkontrollierbarkeit der Dinge seinen Kopf an Darrys Rücken lehnt. Immer wieder zügelt Dorn das Tempo, lässt das Duo Gesten zelebrieren oder friert es schweigend ein. Vielleicht wollte er die beiden in ihrer  elementaren Ohnmacht ja in die Nähe der Figuren von Beckett rücken, der bekanntlich ein Faible für O'Casey hatte. Letztlich jedoch bremst der Regisseur bloß den Schwung beim Hindernislauf durch das Kücheninventar, der im Wechsel zwischen kurzzeitiger Lageberuhigung und Chaossteigerung oft allzu behäbig wirkt.

Dabei sind der gewichtige Oliver Nägele als großmäuliger Scheinbewältiger des Lebens und Michael von Au als schlaksiger, gliederschlenkernder Halbblinder ein  schönes Paar, das die clowneske Komik der Stehaufmännchen auszuspielen versteht. So kann man sich im Cuvilliés-Theater durchaus gut amüsieren. Zur mitreißenden Komödie oder Groteske aber reicht es nicht. Dafür fehlt dem zerdehnten Abend der radikale Wahnwitz.


Das Ende vom Anfang
von Sean O'Casey
Regie: Dieter Dorn, Bühne und Kostüme: Stefan Hageneier.
Mit: Oliver Nägele, Michael von Au, Eva Schuckardt sowie Bambang Tanuwikarja und Benjamin Schiegl von der Kung Fu Academy Berlin als Kuh.

www.bayerischesstaatsschauspiel.de

 

Kritikenrundschau

Sehr zurückhaltend äußert sich Sven Ricklefs auf Deutschlandradio Kultur (4.12.): Das Problem des Regisseurs Dieter Dorn sei schon immer gewesen, dass er sich für einen komischen Regisseur halte, es aber nicht sei. Dorn bediene "letztlich" jede von O'Caseys "sehr vorhersehbaren Pointen", ohne dem Stück "irgendwelche anderen Nuancen abzugewinnen". Er folge einfach der im Stück angelegten "Dick und Doof-Mechanik", das könne man wahlweise ziemlich dick oder doof finden. Der Schauspieler Oliver Nägele komme nicht über das "Bauchhalten, schwer Atmen und wahlweise Fratzenziehen hinaus", derweil Michael von der Au wenigstens die Diskrepanz schaffe zwischen der Ladehemmung, die durch seine starke Sehbehinderung verursacht werde, einerseits, und dem "Willen zur Tat", dem Willen, dem Freund zu helfen, andererseits. Das verleihe der Figur wenigstens etwas "tragische Tiefe".


"Die Kuh ist der Clou" reimt Christine Dössel für die Süddeutsche Zeitung (6.11.), für die die "weiße Kuh im lila Licht" der einzige Regieeinfall des Abends ist. "Sehr süß, wie dieses Riesenplüschtier das Parkett inspiziert, mutwillig ein Blümchen zerstapft, sich später herausfordernd dem Radfahrer Barry in den Weg stellt und uns allen zu guter Letzt die Zunge herausstreckt: mit einem imaginären 'Bäh' statt 'Muh'." Mit dem Rindvieh kommt für die Kritikerin "etwas Irrationales, Eigen- und Fremdartiges" in diesen Abend, der sie sonst mit "bewährten Pointen und vorhersehbaren Abläufen" wenig überraschen konnte, weshalb sie von einem "hausbackenen Polterabend für kindliche Gemüter" spricht, und sie nur in kleinen großen Schauspielermomenten aufleuchten sieht, daß hier mehr drin gewesen wäre.


Völlig der Sache und der Lage der Nation angemessen findet hingegen Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (6.12.) Dorns Zugriff auf O'Caseys "Illusionszerstörungsluststück". Zwar gebe Dorn "dem Lachaffen nach Maßgabe des Mottos Zucker, dass man in Zeiten der Krise nicht kleckern, sondern klotzen soll". Dennoch treibe er den Wahnsinn nicht ins Allegorische, lasse "die Oberfläche schon Slapsticktiefe" genug sein und die Weltkirche dankenswerterweise im Dorf. "Alles andere wäre zeigefingriger Krampf", findet Stadelmaier. Denn "wenn die Welt zu Scherben fällt", helfen aus seiner Sicht "nur noch wilde Lieder, tolle Poesie, erlösendes Gelächter. O'Caseys witziger Trost, Dorns leichter Sinn. So macht die Krise Laune. Besseres ist von ihr kaum zu kriegen."

 

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