Mühlen der Macht

von Georg Petermichl

Wien, 30. Mai 2007. Der Moment der Ernüchterung stellt sich ein, wenn sich die Saalpforten schließen, und der Journalist ist vorher nicht hindurch geschritten: Spätestens dann nämlich wird klar, dass die gesammelten Erfahrungen des Theaterabends nicht für eine Kritik ausreichen werden. Ein seltenes Dissonanzerlebnis beim gestrigen Festwochen-Premierenabend von "König Lear" im Wiener Burgtheater.

Mit derlei Ernüchterung muss vorsichtig hantiert werden. Schließlich wurzelt sie in den kleinen Schmierenkomödien, die der ins Auge gefassten Darbietung üblicherweise vorgelagert sind: Wenn der (hier mal männlich betrachtete) Theaterkritiker im Foyer seine Rolle spielt, die sich natürlich darauf beschränkt, die wertvollen Sitzplatzkarten im Parkett vom Pressereferenten zu grapschen. Dabei watet er durch die Menge des Besucherrests, gibt sich mit Jeans zum Jackett recht klischeetauglich, alltagsgeschäftig und vor allem abgeklärt. Und im schlimmsten Fall stehen ihm bei dieser Inszenierung rund um den Pressetisch nur Antagonisten gegenüber. Klingt das nach einem Großkotz? Tatsächlich ist die Daseinsberechtigung des Kritikers nur im Hinblick auf das Publikum zu rechtfertigen.

Inszenatorische Feinmotorik garantiert
So stellt sich also die Frage, was der Leserschaft an dieser Stelle entgeht. An Luc Bondys "König Lear" klebt schon im Vorfeld ungeteilter Ruhm. Denn mit der Absage von Peter Zadeks "Was ihr Wollt", ist der Inszenierung das Etikett des Festwochen-Höhepunkts sicher. Es gehört sowieso mittlerweile zur Tradition, dass Festwochen-Intendant Bondy den Wienern eine große Neuinszenierung spendet. Im letzten Jahr gab er Jon Fosses "Schlaf" einen reduzierten, aber ausgesprochen rhythmisch gehaltenen Schliff.

Inszenatorische Feinmotorik ist auch für den brachialen "König Lear"-Stoff von Nöten. Schließlich zweifelte schon Samuel Beckett an der Möglichkeit, dieses Stück erfolgreich auf die Bühne zu stellen. Allzu düster und geheimnisvoll scheint es die Mühlen der nach Bestätigung suchenden Macht zu portraitieren: König Lear verschenkt sein Reich. Und zwar programmatisch an diejenige seiner Töchter, die sich als Höchstbietende an Schmeicheleien herausstellt. Er endet als Verblendeter. Macht, Liebe, Tod und wie immer bei Shakespeare: ein Gegenwartsbezug. – Das ist wohl die plakativste theatralische Themenverschränkung. Vor der Premiere wurde gemunkelt, dass Bondy dieser Aufgabe zu Beginn in historischer Kostümierung begegnet, um den Stoff im Fortgang ins Jetzt zu ziehen.

Für die zerfließende Königsfigur hat Bondy mit Gert Voss jenen Schauspieler verpflichtet, der nicht grundlos als bester Shakespeare-Spieler im deutschsprachigen Raum gehandelt wird: Vor dieser Produktion verwandelte er sich schon in fünfzehn andere Shakespeare-Charaktere, und dabei hat er immer ein je eigenwilliges Gehabe entwickelt. Zudem steht Birgit Minichmayr nach drei Jahren an der Berliner Volksbühne wieder auf Wiener Brettern. Mit ihnen spielen: Martin Schwab, Johannes Krisch, Andrea Clausen oder Caroline Peters. Aber "König Lear" setzt auch den saisonalen Endpunkt des Shakespeare-Schwerpunkts mit insgesamt sechs Stücken, den das österreichische Staatstheater ausgerufen hat.

Platz für einen Demokratiegedanken
Was vom Zusammenspiel dieser Faktoren bleibt, ist die Besprechung ihrer Tatsachen. Bliebe, wäre. Nachtkritik.de gibt es seit Anfang Mai. Das Kartenkontingent für diese Premiere war jedoch schon Ende April aufgebraucht, verlautet die Pressestelle der Wiener Festwochen. Nach vielmaligem Vorsprechen gab es aus ihrer Richtung die Überlegung, sich am Premierenabend für Reststehplätze in das Grüppchen optimistischer Einlasssucher zu stellen. Das birgt das Schicksal, nur über das Geschehen auf den vordersten Bühnenmetern berichten zu können und lassen wir lieber bleiben.

So bleibt nur noch Platz für einen Demokratiegedanken. Theatergroßveranstaltungen, wie die Wiener Festwochen zelebrieren ihre Errungenschaften gern im zu klein bemessenen Kreis. So schimmert das Dargebotene zwar schon grundsätzlich recht bedeutungsvoll. Einem Gros an Bühnenliebhabern muss es aber somit gleichgültig bleiben. Wenn sich darunter auch einige Kritiker mischen, dann ist das wohl: Einfach fair.

Kritikenrundschau

Als erster Kritiker setzt sich Michael Laages in der Sendung Fazit (30.5.2007) im Deutschlandradio mit Luc Bondys Inszenierung von "König Lear" auseinander. Überaus stark besetzt an den Rändern, habe die Aufführung im Kern ein Problem. Gert Voss versuche mit 130 Prozent Kraftaufwand einen 80-Jährigen zu spielen und scheitere, findet Herr Laages. Der große Schauspieler Voss, obschon bereits 65 Jahre alt, sei "im Herzen und im Spiel" erheblich jünger. Mächtig hoch getrieben die Stimme, mächtig in Erregungszuständen, seine gesamte bekannte Differenzierungskunst sei "wie weggewischt". Problematisch auch die Haltung, die Bondy seinem Lear "antrainiert" habe: ein "richtig böser alter Mann", den ganzen Abend über eine dauernd "beleidigte Leberwurst".

Die Oberösterreichischen Nachrichten drucken auf ihrer Internetseite die Meldung, die der Korrespondent der Nachrichtenagentur APA nach der Premiere (30.5.2007) kurz vor Mitternacht herausgejagt hat: eine "zutiefst konventionelle, ganz auf das Schauspiel konzentrierte Inszenierung", zwar "nicht langweilig, aber langatmig", Voss zeichne Lear "bereits frühzeitig" als verwirrten, greisen König und entdecke erst ganz zuletzt "Weisheit".

Auf Welt online entwickelt Matthias Heine die interessante These, in Bondys Inszenierung handele Lear wie ein unglücklich Verliebter aus "verletzter sinnlicher Liebe" zu seinen Töchtern Goneril und Regan (von Caroline Peters und Andrea Clausen mit "diabolischer Erotik" gespielt). Ersatzweise unterhalte der König zu Birgit Minichmayer als treuer Närrin eine "postsexuelle", doch zutiefst intime Beziehung. Gert Voss beißt als irrer König einer Ratte den Kopf ab, spiele, so Heine, einen "Hipppie-Sektenführer" oder "Rockstar, der sich die Verfügungsgewalt über die Weiber vorbehält". Sein erotischer Gegenspieler sei Christian Nickel als Bösewicht Edmund, und es sei gar kein Wunder, dass Regan und Goneril für diesen ebenso klugen wie virilen Intriganten gerne ihre Gatten sausen ließen.

In der der auf Tabloid-Format geschrumpften Frankfurter Rundschau (1.6.2007) sieht Peter Michalzik die Herren Stein und Bondy um den höchsten Theater-Lorbeer ringen: "... alles, was man in Berlin [beim "Wallenstein"] nicht bekommt, sensibler Aufschluss über den Text, Stilsicherheit in Äußerlichkeiten, ein spürbares Anliegen der Aufführung und vor allem hervorragende Schauspieler, bekommt man in Wien". Doch wenn man groß beginnt, wie macht man weiter, fragt Herr Michalzik oder, herrlich, im Stile Alfred Kerrs: "Voss wütet, aber wo ist Steigerung?" In Sturm und auf der Heide wird daraus der "Triumph von Birgit Minichmayr". Die "mischt aus Kind, Krüppel und Clown eine Figur, die fest in der Tradition des Dummen August steht, Ausgeburt dessen, was der König ist, aber nicht sein will." 

Gerhard Stadelmaier schreibt in der FAZ (1.6.2007): "Gert Voss spielt im Burgtheater "König Ich": die Krönung seiner Schauspielkunst". Der Kritiker bescheinigt dem Regisseur: "Bondy entwickelt (wie Peter Stein jüngst den "Wallenstein") das Stück allein aus den Figuren. Es sind Schauspieler und Lebensspielschmerzen, die es tragen, nicht Dramaturgendiskurse". Und ist vom um die tote Cordelia klagenden Lear-Voss schlichtweg begeistert: "Schluchzer und Seufzer von Voss, sein Summen, sein Gähnen, sein Atmen, sein Stöhnen, sein Lebenaushauchen [sind] eigentlich gar nicht mehr inszenierbar. Das ist einfach: pures, rohes, blutendes Fleisch einer Eigenliebe ... Ein Moment, ganz Schmerz, verrückteste, herzzerreißendste Verlassenheit. Mehr eigentlich muss Theater gar nicht können."

In der Wiener Zeitung Die Presse (1.6.2007) freut sich Norbert Mayer, dass auch Luc Bondy trotz "großartigem Ensemble" das Drama nicht ganz bewältigt hat. "Was Bondy und seinem Team jedoch gelingt, ist selten – ein fantastischer Theaterabend in einer altmodischen, aber umso wahrhafter wirkenden Inszenierung, die sich darauf konzentriert, die Sprache zum Klingen zu bringen, in all ihren Facetten".

Weniger begeistert zeigt sich Ronald Pohl, der im Wiener Standard (1.6.2007) schreibt: "Voss hätte das Zeug gehabt, als charmierender Saturn die ehrfurchtsvergessene Brut der Vaterschänder zu verschlingen. Ihr die Löwenzähne zu zeigen. Bondy hat sich dafür entschieden, über viereinhalb Stunden lang den inszenierenden Alterspfleger zu spielen: als Großväterchens Albträumer, der den Wahnsinn bloß schlackengrau zitiert".

Völlig hin und weg zeigt sich Barbara Villiger Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (1.6.2007) von Luc Bondys Arbeit: der habe "packend, mitreissend, herzergreifend" inszeniert und mit "vorbehaltloser Genauigkeit die ungeheuren Dimensionen des inkommensurablen Stücks" ausgelotet. " Bondy erklärt nicht, er erzählt. Und wir verstehen, ohne es uns erklären zu können ..." Frau Villiger Heilig hat das Drama der Väter gesehen: die "prachtvolle Inszenierung" theatralisiere "das Leiden zweier Väter, die blind lieben - und fehltreten". Wirklich ergriffen und begeistert schüttet die Rezensentin Lob mit vollen Händen über die Schauspieler aus, über die Närrin, die Lear wie den bösen Töchtern "auf der Nase herumtanzt", schreibt sie: "... was Birgit Minichmayr zustande bringt, grenzt an Zauberei."

Auch der alte Metaphorik-Haudegen Peter von Becker schwingt sich im Tagesspiegel (1.6.2007) noch einmal auf zu altem Raunen: "Alle Metaphysik, alle Psychologie des Wahns" würde in Gert Voss' Gestaltung des Lear "zur Physis des Spiels, in welchem der Akteur freilich nicht bloß schäumt und tobt und endlich physisch bricht. Vielmehr: Vossens Lear will sich selber auf den dunklen Grund kommen. Als wolle er sich den Schädel aufmeißeln, traktiert er mal schlagend, mal fingerstochernd seinen Kopf und dringt in sein weißes, wirres Haar ..."  Und neben ihm triumphiert die Minichmayer als Narr: "ein in Lackschuhen und schwarzem Anzug tanzendes, puckhaftes Chaplin-Männchen".  

Christine Dössel beschreibt in der Süddeutschen Zeitung (2.6.2007) wie sie den Lear in Gestalt von Gert Voss erlebt hat: als Gottvater. Jeder Zoll ein Schauspielerkönig spiele Voss viereinhalb Stunden lang unter "vollem Einsatz seiner Mittel" den Niedergang seiner Figur als "Himmelssturz und Weltgericht". In Luc Bondys Inszenierung nehme "Shakespeares dunkelste und rätselhafteste Tragödie regelrecht apokalyptische Züge an". Man könne "die finale Menschheits- und Klimakatastrophe darin lesen". Bondy zeige mit dieser Arbeit im "Regiestil der alten Schule" eine von "tiefer Trauer und Ratlosigkeit durchzogene Bescheidenheit". "Warum wir die sind, die wir sind. Warum ein Lear das tut, was er tut. Bondy weiß es auch nicht, vor allem weiß er es als Regisseur nicht besser."

Lehrreich, wie gewöhnlich, sind Peter Kümmels Einlassungen in der Zeit (6.6.2007): "Das ganze Gebilde wird zerfetzt, der Staat, der Hof, die Familie, , als Lear das eine Ventil öffnet, diese eine Schraube entfernt, die alles zusammenhielt, als er nämlich seine Karte zerreißt und sich selbst als Symbol und siegel des Staates, als Vater und König seines Volks vernichtet."  Und über Gert Voss als Lear schreibt Herr Kümmel: "Ein großer Schauspieler, der jahrzehntelang im Geschäft ist, macht seine Hinfälligkeit zur öffentlichen Sache. die rollen werden Todesrollen. Abschiedsrollen. Gert Voss , beispielsweise, lässt sich beim Altern zusehen - als wollte er es uns abnehmen, selbst alt zu werden ... Als Lear nun treibt er den grollenden Alten über die Datumsgrenze hinaus, sodass er als Kind zurückkommt."

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