Symphonie der Einsamkeit

von Dorothea Marcus

Köln, 5. Dezember 2008. Franz Xaver Kroetz' 1973 uraufgeführtes Stück "Wunschkonzert" ist bekanntlich ein Theatertext, der aus etwa acht Seiten besteht und in dem kein Wort gesprochen wird: eine einzige Regieanweisung, die den letzten Abend im Leben des einsamen Fräulein Rasch schildert, indem es sie bei ihren privaten Verrichtungen beobachtet. Doch auf Katie Mitchells Bühne ist es alles andere als einsam, es wuselt nur so.

Gegenstände stapeln sich, Tische und Kameras stehen herum, Menschen hasten, Musiker stimmen Instrumente. Ein Szenario der Desorientierung. Julia Wieninger sitzt an einem Tisch vor einer Schreibmaschine, von rechts tackert es, industrielles Rauschen grundiert die Szene. Erst als die Leinwand aufleuchtet, fügt sich das Chaos zum Bild: Fräulein Rasch bei der Arbeit, grünstichig und still.

Zwei verwobene Ebenen

Es dauert, bis man versteht: dass auf der Bühne ein Live-Film gedreht wird, und jedes Geräusch, jeder Szenenwechsel von Schauspielern im Moment entsteht. Tief sind die zwei Ebenen verwoben: eine Totale, in der man den Schauspielern, Musikern und Kameraleuten auf der Bühne bei der Arbeit zusieht, die sie in unglaublicher Geschwindigkeit und Konzentration vollführen. Und das Leinwandbild, auf dem Fräulein Rasch einem Kampf mit der vernichtenden Gleichförmigkeit ihres Lebens und Ordnung der Dinge kämpft und schließlich verliert.

Man kann alles sehen, die Requisitenschränke, die Umbauten, die Scheinwerfer. Wenn Fräulein Rasch auf ihre einzige Liebe zurückblickt und in der Erinnerung mit "ihm" auf dem Rasen sitzt, müssen andere "vorsitzen", damit der Kameramann das Bild einrichten kann. Wenn Julia Wieninger ihre Garderobe in den Schrank hängt, reibt Therese Dürrenberger vorne Stoff aneinander – mit winzigen Monitoren werden die Abläufe synchronisiert. Wenn sie sich in der kleinen, meist von allen Seiten geschlossenen Bühnenwohnung die Hände wäscht, steht Julia Wieninger zwar am Waschbecken, aber die Großaufnahme ihrer Hände vollführt die Schauspielerin Birgit Walter am rechten Bühnenrand, sie trägt nur Fräulein Raschs abgeschnittene Ärmel.

Links werden die Geräusche gemacht, zwischendurch liest Laura Sundermann Anne Sexton-Gedichte von verstörender Schönheit ins Mikrofon. Oder Stefan Nagel moderiert als Radiosprecher der 70er-Jahre das Wunschkonzert an, das Fräulein Raschs letzten Abend begleitet, bevor sie schließlich zum Tablettenschrank geht: heiter und jovial, dazu spielt das Ensemble hinten rechts die Kalauer der Klassik ab, durchschnitten von dissonanter Gefühlsmusik.

Ein Wahrnehmungsexperiment

Die Bühnenebene ist eine elegante, präzise und technische Choreografie – immer wieder kühlt sie den Blick ab, der sich auf der Leinwand mit Emotionen füllt. Dort verleiht Julia Wieninger ihrer Figur eine trostlose, aber tapfere Einsamkeit, mit großer Intensität und Mut zur intimsten Traurig- und Hässlichkeit. Jedes Detail ihres bleichen Gesichtes wird eingefangen. Aber auch, wie sie das Graubrot schneidet, mit Käse belegt, Gurkenscheiben drauflegt. Wie sich nach einem Bissen ihre Augen mit Tränen füllen.

Zum ersten Mal arbeitet die bekannte und umstrittene britische Regisseurin und "associate director" des Royal National Theatre, Katie Mitchell, in Deutschland. Zum ersten Mal auch auf ihre sehr spezifische Weise, die sie 2006 mit der Inszenierung der Virginia Woolf-Erzählung "Waves" begann, immer mit dem Videokünstler Leo Warner: ein Wahrnehmungsexperiment und ein zutiefst demokratischer Vorgang, der nichts beschönigt und alles ausstellt. Der Zuschauer kann selbst entscheiden, auf welche Ebene er blickt; ob und wie tief er sich ins depressive Innen oder technisch-geschmeidige Außen begibt, ins reale, aber verwirrende Making-Of oder in die hyperreale Leinwand-Fiktion, wo das 70er-Jahre Design bis zur Prilflasche und den Welt-Streichhölzern durchgehalten ist.

Die Macht der körperlichen Nähe

Rührend zelebriert Fräulein Rasch die Ordnung des Alltags, hält sich daran fest, weint um die Vergangenheit, reibt einen Pickel ein, die Kamera folgt ihr bis in die Kloschüssel. Kann man so das Innenleben einer Depressiven aus einem anderen Zeitalter erfassen? Oder ist es vor allem die technische Spielerei, die begeistert? Das wäre vielleicht der einzige Vorwurf: dass der Abend mit unglaublich hohem äußeren Aufwand eine Art von Einsamkeit als Exotismus vorführt, die in Zeiten von Internet und Medienüberflutung kaum mehr denkbar ist.

Zum Schluss spürt man trotzdem, dass es zu Ende geht, Fräulein Rasch kann sich nicht mehr an den Dingen festhalten, sie wird verstörter, die Bildschnitte entsprechend langsamer. Und als sie den Wecker für den nächsten Morgen stellt und minutenlang zittert, wissen wir: dieses Hamsterrad wird stehenbleiben. In der letzten Einstellung klingelt nur noch der Wecker. Doch niemand macht ihn aus.

Ein aufregender und grandioser Abend, der selbst ein Konzert ist und auch viel vom Wesen des Theaters erzählt: dass es dem Film eben doch um eine Dimension voraus ist, weil es seine Entstehung mitreflektieren kann. Dass die Live-Situation und körperliche Nähe und Fehlbarkeit nie ihre Macht verlieren wird.

 

Wunschkonzert
von Franz Xaver Kroetz
Regie: Katie Mitchell, Bühne und Kostüme: Alex Eales Video: Leo Warner, Sound Design: Gareth Fry Musik: Paul Clark, Licht: Magnus Kjellberg, Michael Frank Dramaturgie: Rita Thiele, Tonkünstler/Live-Performance: Simon Allen/ Julia Klomfass, Streichquartett: Tiziana Bertoncini, Johannes Platz, Marei Seuthe, Radek Stawarz Live-Kamera: Stefan Kessissoglou, Sebastian Pircher.
Mit: Therese Dürrenberger, Laura Sundermann, Birgit Walter, Julia Wieninger, Stefan Nagel.

www.schauspielkoeln.de

 

Kritikenrundschau

Durchaus kunstvoll findet Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (7.12.) Katie Mitchells Kölner Inszenierung. Und auch Julia Wieninger beeindruckt ihn sehr in der Rolle des Fräulein Rasch, weil sie seiner Beschreibung zufolge eindrucksvoll die "Auflösung einer Frau" nachvollziehbar macht, "die nur noch von rituellen Abläufen zusammengehalten wird und innerlich zerbricht". Doch kann er sich mit Mitchells Konstruktion der Geschichte nicht anfreunden, deren technischer Aufwand aus seiner Sicht dem Stück viel von "seiner Härte, gespenstischen Ruhe und Unausweichlichkeit" nehmen. In Köln siege das Scheinbare über das Unscheinbare, schreibt Rossmann. "Kunst essen Seele auf".

Man wundere sich bei dieser "spektakulär gelungenen Inszenierung", "warum die technische Virtuosität nie die emotionale Wucht des Abends" ausbremse, schreibt Christian Bos im Kölner Stadt-Anzeiger (8.12.). Was man empfinde, sei "der Ernst und die Hingabe, mit der hier das letzte bildliche Testament einer Lebensmüden hergestellt wurde". Mitchell betone "das Gemachtsein der Bilder, und die Wechselwirkung von Bühnengeschehen und Filmerzählung erzeugt eine Art hyperrealistischen Sog, die vielen Nahaufnahmen verleihen den stummen Dingen eine bedrohliche Dimension". Obwohl "Wunschkonzert" eine Ensemblearbeit sei, müsse man Julia Wieninger hervorheben: "Ihre Tränen über dem nett mit Essig-Gürkchen angerichteten Brot, ihr ausdrucksloser und doch verzweifelter letzter Blick zum Fenster ihrer Kulissenwohnung hinaus hallen noch lange in den Köpfen des Publikums nach."

 

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