Alles, was wir komisch finden

8. Juli 2022. Dschinns machen nur im Märchen Wünsche wahr. Im wirklichen Leben sind sie Angstbilder und Traumata, die aus dem Verdrängten heraus ihre Macht über die Menschen entfalten. So lernt man es im gleichnamigen Familienroman von Fatma Aydemir, den Selen Kara in Mannheim auf die Bühne bringt.

Von Sabine Leucht

8. Juli 2022. Um die Silhouette eines Hauses ist eine schwarze Schleife gewickelt wie um ein Geschenk. Aber auch die Assoziation zum Trauerrand und zur Geistererscheinung steckt in dem so durchscheinenden wie menetekelnden Bild, das Bühnenbildnerin Lydia Merkel an den Anfang von "Dschinns" gesetzt hat. Wer den gleichnamigen Familien-Roman von Fatma Aydemir gelesen hat, weiß, dass ein Tod an seinem Beginn steht und einer an seinem Ende.

Road-Trip zu Hüseyins Begräbnis

Der erste Tod ist der Faden, an dem die ganze Story hängt: Familienvater Hüseyin überlebt die Erfüllung seines Lebenstraumes nur um wenige Seiten. 30 Jahre hat er für die Eigentumswohnung in Istanbul geackert, in der ihn ein Herzinfarkt ereilt, noch bevor er sie Frau und Kindern zeigen kann. Zur Beerdigung kommen sie alle aus "dem kalten, herzlosen" Deutschland.

Zwei von ihnen kommen zu spät. Die älteste Tochter Sevda, die die Eltern nicht mehr gesehen hat, seit die sie vor fünf Jahren zurück zu ihrem gleichgültigen Gatten geschickt haben. Und der älteste Sohn Hakan, der sich an dem selbstzerstörerischen Arbeitsethos und der Feigheit des Vaters wund gerieben hat. Beide verheddern sich im Buch in ihren Minderwertigkeits- und Schuldgefühlen.

Dschinns 1 MaximilianBorchardt uDie Wohnlandschaft im Nationaltheater Mannheim wurde von Bühnenbildnerin Lydia Merkel gestaltet © Maximilian Borchardt

Selen Kara entlässt in ihrer Inszenierung am Nationaltheater Mannheim Sevda vergleichsweise umstandslos aus dem Knäuel. Hakans Autofahrt quer durch Europa aber wird mit den vereinten Kräften aller Schauspieler zu einer Roadmovie-Miniatur aufgepeppt, die Hakans Verzweiflung beinahe lustvoll auskostet. Seine aufgesetzte Lässigkeit wird durch das Echo der anderen entlarvt, die auch die Stimmen der "Bullen" übernehmen, die ihn bereits auf die unterschiedlichen Weisen "gefickt" haben.

Im Schweigebann der Dschinns

Hakan, den Arash Nayebbandi als fragilen Berufs-Aufsässigen porträtiert, nennt auch die Krankheit seiner Familie beim Namen, in der die differenziertesten Verletzungs- und Emanzipationsgeschichten in nur zwei Generationen unterkommen: Das Schweigen als Waffe, die bedrohliche Stille, die sich aufgetürmt hat rund um den titelgebenden Dschinn, der hier nur entfernt mit dem Flaschen- und Wunderlampenbewohner von Aladdin und Konsorten zu tun hat. Kein Wunscherfüller ist er, sondern "alles, was wir komisch finden, anders, unnatürlich". So kreisen es die jüngeren Geschwister Perihan und Ümit im Gespräch ein. Die Leute haben Angst vor Dschinns. Sie sind das, worüber man nicht spricht: "Und wahrscheinlich haben alle ihre Dschinns".

Es dauert eine ganze Weile, bis alle enthüllt und benannt sind an diesem Abend und die Dimensionen des Risses sichtbar werden, der durch die Familie geht. Aydemir nähert sich ihm in säuberlich nacheinander angeordneten, soghaften Monologblöcken. Jedes Familienmitglied trägt und füllt einen Block mit seiner Not und seiner Perspektive, wobei sich bei den Eltern die erzählende Stimme über die erzählte Figur erhebt, schon mehr weiß als sie.

Dschinns 2 MaximilianBorchardt uNewroz Ҫelik, Sascha Özlem Soydan und Almut Henkel © Maximilian Borchardt

Mit einem fast durchweg türkisch(stämmig)en Cast erzählt die designierte Ko-Intendantin am Schauspiel Essen diese Einwanderergeschichte auch für die große türkische Gemeinde in Mannheim, und das Publikum bei der nicht ganz ausverkauften Premiere war durchaus gemischt, aber einhellig begeistert. Sie erzählt vom chronischen Fremdbleiben in einer Welt, in der Wohnungen brennen, racial profiling herrscht und eine türkische Pizzabäckerin als Italiana durchgeht, so lange sie brav "ciao", "prego" und "grazie" sagt – aber auch von restriktiven Traditionen, verkrusteten Strukturen und türkisch-kurdischen Konflikten. Was im Roman, wo man Pausen machen und das eigene Lesetempo jederzeit anpassen kann, gut funktioniert, wirkt auf der Bühne oft thematisch überladen – und manches zieht sich.

Und bisweilen fragt man sich auch, wann die Geschichte eigentlich spielt. Die intellektuell an Simone de Beauvoir und Judith Butler gestählte Perihan hat ihre große Liebe 1995 verloren, im Jahr, als Curt Cobain starb. Von daher ist die Jahrtausendwende wahrscheinlich, als die 1986 geborene Autorin im Teenageralter war. Hat man da in Deutschland einem unglücklich verknallten Jungen tatsächlich noch erzählt, Liebe zwischen Männern gäbe es nicht?

Monolog eines Trans-Aktivisten als Zutat

In einer knapp möblierten Wohnlandschaft, auf die gelegentlich ein pittoresk illuminiertes Dach niederfährt, wird von all dem überwiegend frontal ins Pubikum berichtet. Das genügt manchmal vollauf, etwa wenn Sascha Özlem Soydan der emotional vernachlässigten Sevda, die nie eine Schule besuchen durfte, eine verblüffende positive Kraft abringt. Wie sie strahlt und leuchtet, allein, weil sie sich traut, Nein zu sagen. Wogegen Almut Henkel die Mutter Emine wie ein verstocktes Kind spielt, das auf Knopfdruck von 0 auf 100 ist. Erst am Ende erobert sich Henkel ein paar spielerische Nuancen, als Emine ihren Dschinn enthüllt: Ihr über alles geliebtes erstes Kind, das sie weggeben musste. Die Umstände sind grausam. Das, was ihr Sevda daraufhin entgegenschleudert, ist es auch.

Der Theaterabend spart sich einiges davon und entscheidet sich dafür, dem verlorenen Kind den Monolog eines Trans-Aktivisten neu zu schreiben und ihm ein etwas längeres Leben zu geben als im Buch, in dem es sich als Heilsbringer für alle familiären Belange imaginiert. Wo der Schluss ohnehin dazu tendiert, in einem umfassenden Lob der Liebe und des Verzeihens zu verwabern, ist das eindeutig too much. Und ohne das Gegengewicht des töchterlichen Zweifels leider auch ungeheuer kitschig.

 

Dschinns
nach dem Roman von Fatma Aydemir
für die Bühne bearbeitet von Selen Kara
Regie: Selen Kara, Bühne: Lydia Merkel, Kostüm: Emir Medic, Musik: Thorsten Kindermann, Mitarbeit Musik und Gesang: Koray Berat Sarı, Licht: Robby Schumann, Dramaturgie: Kerstin Grübmeyer.
Mit: Tala Al-Deen, Yasin Boynuince, Newroz Ҫelik, Almut Henkel, Arash Nayebbandi, Sascha Özlem Soydan, Sümeyra Yilmaz.
Premiere am 8. Juli 2022
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.nationaltheater-mannheim.de

 

Kritikenrundschau

Fatma Aydemir nutze die einzelnen Familienmitglieder, um verschiedene gesellschaftliche Aspekte zu akzentuieren: Migration, Rassismus, Feminismus, Sexismus, Klassismus, Homophobie, Transgender. Ein bisschen viel auf einmal, schreibt Shirin Sojitrawalla in der taz (11.7.2022). Wobei sich das auf über 350 Seiten besser verteile als auf nicht einmal drei Stunden Theater. "Mit wenigen Requisiten und Mehrfachbesetzungen ihrer sechs Dar­stel­le­r:in­nen stellt Kara die markantesten Szenen des Romans im Spannungsfeld zwischen Tradition und Emanzipation nach." Das alles ziemlich dicke und dicht daherkommt, lockere Selen Kara immer wieder mit komischen Einlagen auf.

Am Ende brandet frenetischer Beifall auf. Ein Triumph? "Nicht ganz, denn es ist nicht alles Gold, was auf den ersten Blick zu glänzen scheint", schreibt Volker Oesterreich in der Rhein-Neckar-Zeitung (11.7.2022). Theaterleitung und die Dramaturgie haben es gut gemeint mit dem Vorsatz, unbedingt etwas zu den gerade heiß diskutierten gesellschaftlichen Debatten anzubieten. "Eine spannungsreiche und inszenatorisch packende Arbeit ist der Dramaturgin Kerstin Grübmeyer und der Regisseurin Selen Kara dennoch nicht geglückt." Sie lassen das Ensemble viel zu viel erzählen und viel zu wenig spielen. Rampensprecherei bestimme weite Teile des Abends. "Wenn dennoch wirklich gespielt wird unddie psychologischen Abgründe der Familienzwistigkeiten aufschimmern, dann zeigen sich die Stärken der Regie-Arbeit."

Christian Gampert ist im DLF Kultur vom Tage (9.7.2022) nur mäßig begeistert. Selen Kara zitiere den Roman nur nach. Die Zerrissenheit zwischen den Kulturen, die Enge der Tradition wäre das Thema gewesen. In Mannheim beschäftige sich die Inszenierung aber mit den banal-psychologischen Konstrukten neuerer Identitätspolitik.

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