Big Philipp is watching you

von Sarah Heppekausen

Essen, 6. Dezember 2008. Um das Ende ausnahmsweise gleich vorwegzunehmen: Der Großinquisitor überwacht den Staat per Kamera, und "Santa Casas heilige Register" sind eine Ansammlung von Videoaufzeichnungen. Das Geschehen am spanischen Hofe spielt sich zum Teil also auf der Bühne, zum Teil als Videoeinspielung auf dem raumhohen Gaze-Vorhang ab.

Anselm Webers Ansatz für seine "Don Carlos"-Inszenierung am Essener Grillo Theater ist keineswegs neu. Allerdings bietet Schillers Drama auch ausreichend Anlass, den absolutistischen Staat des 16. Jahrhunderts in einen modernen Überwachungsstaat mit Kameraeinsatz zu übertragen. Schließlich wird das Sehen im Text immer wieder zum Thema gemacht. Nur wer mit seinem Herzen und mit seinem Verstand sein Gegenüber anschaut, kann das Wesen des Menschen erkennen. Insofern hat der Dramaturg Thomas Oberender Schillers "Don Carlos" auch als Drama der Weltanschauung im wörtlichsten Sinne bezeichnet. Das Videobild verschärft die Frage nach Schein und Authentizität.

Wüten im Schlabbershirt

Zu sehen ist im ersten Bild Don Carlos. Der wütet in seinem Zimmer, reißt Bücher aus dem Regal und wirft den Stuhl um, bevor er live auf die Bühne tritt. Der Kronprinz leidet, ist aus heimlicher Liebe zu seiner Stiefmutter dem Wahnsinn nahe. Nicola Mastroberardinos Don Carlos im Schlabbershirt spricht vor allem durch seinen Körper: Er rauft sich die Haare, schlägt die Arme um sich, windet sich. Seine Hand ist mit einem blutbeschmierten Verband umwickelt, seinen rasenden Gefühlen hat er wohl auch physisch gewaltvoll Nachdruck verliehen.

Ganz anders sein Freund Posa. Der eifrige Freiheitskämpfer ist bei Roland Riebeling von Anfang ein kühler Stratege im schicken Anzug, ein kalkulierender Kopfmensch. Erst am Ende, als er, der besessen ist von seinem Plan, die Niederlande zu befreien und allen Menschen das Recht auf Autonomie zu ermöglichen, sein eigenes Scheitern anerkennt, zieht er sich die Schuhe aus und krümmt sich auf dem Boden. Ein einfaches, schönes Bild für die Fallhöhe dieses schwärmerischen Idealisten, der auf seinem Weg zum Ziel Menschen als Mittel missbraucht hat. Als bekomme der Vernunft-Getriebene in Socken mehr Bodenhaftung.

Erkenntnisstop per Knopfdruck

Beide wollen sie sich behaupten gegen Herzog von Alba (Siegfried Gressl als alternder, hinkender General) und vor allem gegen Philipp II. Andreas Grothgar pendelt zwischen herrschaftlicher Staatsmacht und eifersüchtigem Ehemann. Er hat die Kraft, Videobilder und somit unerwünschte Szenen per Fernbedienung zu stoppen. So hält der König einmal das Bild seiner fröhlich strahlenden Tochter auf einem Schaukelpferd an. Als könnte das Standbild die Erkenntnis verhindern, dass die vermeintliche Tochter sein Enkelkind sein könnte.

Das Spielzimmer sieht im Grundriss genauso aus wie die Zimmer aller anderen am spanischen Hof. Don Carlos, König, Königin oder Prinzessin von Eboli – sie alle hausen in kleinen, kargen Räumen. Hier engt nicht die Hofetikette die Menschen ein, sondern die äußere Umgebung. Die Zimmer, die nur auf der Leinwand sichtbar werden, gleichen eher Gefängniszellen als Palastsälen. Hauptsache, ein Kreuz hängt an der Wand. Gedankenfreiheit ist hier nur schwer vorstellbar.

Der bohrende Blick des Inquisitors

Aber genau die fordert Posa vom König. Er kämpft gegen ein totalitäres System der Unfreiheit und Unmenschlichkeit, dass sich in Webers Inszenierung also in räumlicher Begrenztheit und permanenter Beobachtung äußert. Textlich vertraut der Regisseur Schillers immer noch kraftvollen Worten. Auch wenn er einige Szenen erheblich strafft oder auf Bilder reduziert. Dank der Drehbühne von Raimund Bauer, die ein Überschneiden und Ineinanderlaufen der Handlungen auf der Leinwand und vorne auf der Bühne ermöglichen, geschieht das ohne größere Verluste. Dass Videokünstlerin Bibi Abel allerdings als einzige Fremdeinspielung die Köpfe verbrennender Inquisitions-Opfer im Schnelldurchlauf zeigt, verwirrt in ihrer Besonderheit bloß.

Es ist kein grandioser Wurf, der "Don Carlos" von Bochums zukünftigem Intendanten. Aber Webers Schiller-Vergegenwärtigung ist eine durchaus sehenswerte Vision des Menschseins. Ein permanentes Spiel unter Beobachtung, wie sich am Ende herausstellt. Denn wenn der König und der Großinquisitor dem Versöhnungskuss von Carlos und der Königin auf der Großleinwand zuschauen, bekommt das plötzlich eine "big brother is watching you"-Atmosphäre. Den Blicken des Inquisitors entgeht niemand. Bezeichnenderweise ist der in Webers Fassung auch nicht blind.

 

Don Carlos
von Friedrich Schiller
Regie: Anselm Weber, Bühne: Raimund Bauer, Kostüme: Irina Bartels, Video: Bibi Abel, Musik: Henning Beckmann.
Mit: Andreas Grothgar, Barbara Hirt, Nicola Mastroberardino, Kristina Peters, Therese Dörr, Roland Riebeling, Siegfried Gressl, Fritz Fenne, Holger Kunkel, Matthias Eberle, Werner Strenger.

www.schauspiel-essen.de


Einen anderen Don Carlos im Überwachungszeitalter inszenierte Anfang 2007 Nicolas Stemann in Berlin. Mehr zu Anselm Weber finden Sie im nachtkritik-Lexikon.

 


Kritikenrundschau

Schillers "Don Carlos" als Politthriller in einem Überwachungsstaat zu inszenieren, sei keine neue Idee, schreibt Stefan Keim in der Frankfurter Rundschau (8.12.) über Anselm Webers Essener Neuinszenierung: "Aber sie funktioniert hervorragend, zwischen Text und Aufführung entstehen keine logischen Brüche." Alles sei "geschickt gemacht, drei Stunden vergehen schnell, auch für ein Publikum ohne Vorkenntnisse bleibt der Abend klar und verständlich". Und es sei "eine typische Arbeit für Weber, ehrlich, geradlinig, ohne Irritationen und Überraschungen", aber eben auch keine "überregional bedeutsame Inszenierung". Und so stellt Keim hinsichtlich des bevorstehenden Intendantenwechsels von Weber nach Bochum die Gretchenfrage: "Reicht gutes Handwerk auch für Bochum? Dieser Frage müssen sich Anselm Weber und sein Team in den nächsten anderthalb Jahren stellen. Denn noch eine mittelmäßige Intendanz kann sich das unter Elmar Goerden weitgehend in die Bedeutungslosigkeit gerutschte Schauspielhaus nicht leisten."

Anselm Weber mache in seiner Inszenierung gleich zu Beginn zweierlei klar, meint Christof Wolf in der Neuen Ruhr Zeitung (8.12.): "Wir schauen in und auf eine überwachte Welt. Und Carlos ist ein Mensch, der am Rande des Wahnsinns entlangtaumelt – und er wird auch so behandelt." Ansonsten ziehe Anselm Weber den "Don Carlos" "sanft ins Heute, ohne zu verkrampfen, ohne zu überraschen." Auf Experimente, Spektakel, selbst auf Blut werde verzichtet; die Schichten, die Schillers Text biete, biete auch die Inszenierung. Nicola Mastroberardino spiele als Carlos "seine ganze Wandelbarkeit aus", Andreas Grothgar gebe "einen beeindruckenden Philipp, dessen Ausbrüche sein Korsett am Ende nicht mehr zu halten vermag". Und Roland Riebelings bringe "seinen Marquis von Posa sicher vom selbstgewissen Eifer zur einsichtigen Verzweiflung".

"Es scheint fast so, als habe den Essener Intendanten seine Berufung an das Schauspielhaus Bochum ab 2010 beflügelt", meint Arnold Hohmann in der Westfälischen Rundschau (8.12.): "Eine derart tragende Grundidee" – die Gleichsetzung des Spaniens Philipps II. mit einem modernen Überwachungsstaat – "gepaart mit einer sorgfältigen Personenführung und einem fein austarierten Nebeneinander von Videoeinspielung und Bühnengeschehen hat man bei Weber lange nicht gesehen." Der spanische Hof werde "als gläsernes Big-Brother-Schloss kenntlich" gemacht. "Noch jeder hier steht unter Beobachtung, vegetiert in kahlen Kleinst-Kemenaten, in denen das Kreuz an der Wand der dominierende Gegenstand ist. Hoffnungsloser kann man sich einen Hort der alten Ordnung unter Aufsicht der katholischen Kirche wahrlich nicht vorstellen."

"Seine Wahl zum neuen Bochumer Intendanten fiel mitten in die Endproben und steigert unweigerlich das Interesse" an Anselm Weber als Regisseur, schreibt Vasco Boenisch in der Süddeutschen Zeitung (10.12.), "auch wenn er dabei weniger Esprit verströmt denn als Intendant." Für Weber sei "Don Carlos" ein Stück, in dem erst Ideale, dann Menschen geopfert werden, "darum sieht er darin eine Antwort auf aktuelle Debatten: Die Gedanken sind frei." "Doch die beklemmende Stimmung eines Überwachungsstaats kommt kaum auf, weil die Videos zu lange eine Illustration bleiben." Und wer beobachte eigentlich? "Erst nach zweidreiviertel Stunden zeigt sich der Großinquisitor als Herr an den roten Schaltknöpfen: ein alter Computer-Nerd mit weißen Zotteln und Strickweste." Fazit: "Das Problem ist, dass Webers Botschaft - passt auf, wem ihr die Kontrolle gebt! - zu mutwillig wirkt. Denn seine Schauspieler verhandeln die ganze Zeit etwas ganz anderes, dem guten alten Schiller texttreu ergeben."

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