Wem die Börsenglocke schlägt

18. September 2022. In Zeiten von Nahrungsmittelknappheit, steigenden Lebenshaltungskosten, taumelnden Aktienkursen müsste Bertolt Brechts Börsen-Parabel "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" eigentlich das Stück der Stunde sein. Bérénice Hebenstreit inszeniert es mit Uhrenkettenromantik.

Von Julia Nehmiz

18. September 2022. Die junge Frau im wollenen Rock tritt vor den eisernen Vorhang, das Saallicht ist noch an. "Könnten Sie von der Rendite Ihres Kapitals leben?", fragt sie ins Publikum. Gelächter im Saal. "I ned", ruft einer. "Sie leben ausschließlich davon, dass Sie Ihre Arbeitskraft gegen Lohn verkaufen?", fragt sie. "Ja, gut verkaufen", ruft ein anderer. Es gäbe keine Rücklagen, Erbschaften, Stipendien, Eigentumswohnungen, Aktien…? Niemand meldet sich. "Wir gehören also einer Klasse an, ich meine Sie, mich und meine Figur, die das, worauf es wirklich ankommt, weder beherrschen, noch besitzen. Wir sind weder die herrschende, noch die ausgebeutete Klasse, sondern die Klasse dazwischen." Die Klasse, die übrigbleibe, der schwankende Rest. Ein komfortabler, aber verzweifelter Platz. Vielleicht gehe es auch einfach nur darum, dass wir uns selbst auf die Schliche kämen. Und sie lädt ein: Sich, wenn immer möglich, betroffen zu fühlen. Applaus. Der eiserne Vorhang geht auf.

Aus dem Leben der Börsenspekulanten

Der Prolog, mit dem Regisseurin Bérénice Hebenstreit ihre Inszenierung am Vorarlberger Landestheater beginnen lässt, schlägt den Bogen ins Heute. Vivienne Causemann (Johanna) holt das Bregenzer Publikum ab, stimmt es ein auf das, was sich dann in 2 Stunden und 40 Minuten entfaltet: Bertolt Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe". Doch das war es dann auch schon mit dem Heute-Bezug. Hebenstreit konzentriert sich in ihrer Inszenierung ganz auf Brechts parabelhaftes Lehrstück, entstanden 1929/1930: Wie Wirtschaftskapitalismus und Börsenspekulationen Anfang des 20. Jahrhunderts in Chicago die Arbeitermassen ins Elend stürzten. Wie Überproduktion und spekulative Blasen an der Börse zur Weltwirtschaftskrise führten.

HeiligeJohanna1 805 SarahMisturaLehrstunde auf hohen Gerüsten: Sebastian Klein, Jürgen Sarkiss, Maria Lisa Huber, Vivienne Causemann, Luzian Hirzel und Nico Raschner spielen Brecht in Bregenz © Sarah Mistura

Hebenstreit seziert diese Vorgänge. Setzt ganz auf epische, nicht psychologisch einfühlende Haltung. Doch im ganzen Bemühen geht das Stück selber unter, wird zum Erklärtheater. In den 90 Jahren seit der Entstehung hat es mächtig Staub angesetzt. Hebenstreit und ihrem Ensemble gelingt es nur stellenweise, diesen wegzublasen.

Steifer Kragen, Schlips, Melone

Ausstatterin Mira König hat die Bühne leergeräumt, vier Stege queren sie in verschiedenen Höhen. Ein bestechendes Bild: Man kann die Stege entlanggehen, aber man kann nicht ausscheren. Oben und unten sind getrennt. Die klare Setzung wird bald aufgeweicht, es werden Geländer erklommen, von Steg zu Steg geturnt.

Die alte Ordnung, sie gerät ins Wanken. Kostüme und Requisiten sind einem merkwürdig antiquierten Realismus verhaftet. Steifer Kragen, Schlips, Melone, goldene Uhrenkettenromantik zum Anzug für die Fleischfabrikanten. Schiebermütze, Hosenträger, Megaphon, Schürze und Haube für Arbeiterklasse und Zeitungsjungen. Wenn die Börsenglocke läutet, werden auf einer großen Wandtafel mit Kreide Zahlenkolonnen notiert. Dieser biedere Naturalismus lässt das Schulmeisterliche der Vorlage hervortreten. Schwer moralisierend wirkt da alles. Der Pathos, den Hebenstreit aus der Vorlage herauskürzte, er wird nun im Spiel zelebriert.

"Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht"

Zehntausende Menschen auf die Straße gesetzt: Johanna (kraftvoll, naiv, und sich in Furor verrennend: Vivienne Causemann) will wissen, wer für das Elend verantwortlich ist. Sie verfolgt diese Mission so vehement wie zuvor ihre Glaubensmission im Dienste der Heilsarmee. Fleischkönig Mauler (aalglatt: Jürgen Sarkiss) schiebt die anderen umher wie Schachfiguren, Johanna wird sein Spielball. Und die Fleischfabrikanten, Viehzüchter, Aufkäufer, die er alle nacheinander ausnimmt und ruiniert, sie halten ihm trotzdem die Stange. Die Bigotterie, die zerstörerische Wucht des entfesselten Kapitalismus, Hebenstreit schält das alles heraus. Doch sie lässt das Ensemble wie mit angezogener Handbremse spielen. Viel zu selten bricht Ironie den heiligen Ernst.

So klar der Abend begann, so unentschlossen endet er. Johanna hat versagt im Kampf der Arbeiter. Sie erkennt ihren Fehler, und schreit mit letzter Kraft: "Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht, und es helfen nur Menschen, wo Menschen sind." Doch hier sind keine Menschen. Die anderen singen Hosianna, als wäre es ein Schlager zum Mitschunkeln. Johanna stirbt – Tusch. Fleischkönig Mauler hat lapidar das letzte Wort: Es ziehe ihn halt zum Geschäft – unbewusst. Was hatte Schauspielerin Vivienne Causemann zu Beginn gewünscht? Sich, wenn immer möglich, betroffen fühlen? Vielleicht ein anderes Mal.

 

Die heilige Johanna der Schlachthöfe
von Bertolt Brecht
(Mitarbeit: Hermann Borchardt, Emil Burri, Elisabeth Hauptmann)
Inszenierung: Bérénice Hebenstreit, Bühne & Kostüm: Mira König, Musik: Gilbert Handler, Licht: Arndt Rössler, Konzeptionelle Mitarbeit: Lisa Mittendrein, Dramaturgie: Ralph Blase.
Mit: Vivienne Causemann, Jürgen Sarkiss, David Kopp, Nico Raschner, Luzian Hirzel, Sebastian Klein, Maria Lisa Huber.
Premiere: 17. September 2022
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause

www.landestheater.org

 

Kritikenrundschau

"Es ist ein ernstes und anspruchsvolles Stück, das kritisch auf gesellschaftliche Verhältnisse blickt und dabei zeigt, wie die Trageweite der Krise vor allem die Armen und Ausgebeuteten trifft", schreibt Sieglinde Wöhrer von der Neuen Vorarlberger Tageszeitung (20.9. 2022). Mit Kostümen aus dem frühen 20. Jahrhundert setze Mira König die Figuren in die Vergangenheit, das reduzierte Bühnenbild schaffe Raum für die komplexen Vorgänge. "Vivienne Causemann spielt Johanna mit großer Emotionalität."

"Die Inszenierung ist sowas von geradlinig, um nicht zu sagen schlicht, dass sie schon wieder mutig erscheint“, schreibt Christa Dietrich von den Voralberger Nachrichten (19.9.2022). Man werde mit Brecht-Unterricht konfrontiert. "Im Gerüstbühnenbild von Mira Könnig, das ein Oben und Unten zwar vorgibt, das Spiel dabei aber nie zu einer derart banalen Optik verkommen lässt, macht ein bestens singendes, in den Sprechpassagen aber nicht durchaus klar verständliches Ensemble (hier muss die Akustikabteilung des Theaters tätig werden) die Kontinuität kapitalistischer Krisen trotz sozialer Marktwirtschaft deutlich."

 

 

mehr nachtkritiken

Kommentare

Kommentar schreiben