Die versteinerten Kinder

5. Oktober 2022. Der Neoliberalismus hat die Entsolidarisierung vorangetrieben. Aber muss man das so hinnehmen? Wäre es nicht besser, sich die Gesellschaft und das Theater in ihrer Mitte als Tisch vorzustellen, an dem Viele Platz nehmen? Dortmunds scheidende Chefdramaturgin Sabine Reich denkt über ein freieres, offeneres, vielfältigeres Stadttheater nach.

Von Sabine Reich

"Erinnerst du dich noch an unsere Spiele / Alle verstecken sich, einer muss warten / Gesicht am Baum oder an einer Wand / Die Hand über den Augen, bis der letzte / Seinen Platz gefunden hat, und wer gesehen wird / Muss um die Wette laufen mit dem Sucher. / Wenn er zuerst am Baum steht, ist er frei. / (…) Und manchmal wird der letzte / Weil er zu gut versteckt ist, nicht gefunden. / dann warten alle, die versteinert dastehn, / jeder sein eigenes Denkmal, auf den letzten. / (…) Dann fällt die Auferstehung aus." (aus: Heiner Müller; Zement)

5.  Oktober 2022. Vor sieben Jahren habe ich mich schon einmal vom Theater verabschiedet und einen Text auf nachtkritik veröffentlicht mit dem Titel "Der blinde Fleck". Damals ging es um das Stadttheater, das sich selbst in den Blick nehmen sollte und seine eigenen Strukturen und Narrative kritisch zu hinterfragen habe. Nun könnte auch dieser Text "Der blinde Fleck" heißen, aber jetzt geht es nicht allein um die kritische Befragung des Theaters, sondern um das, wofür die Theater stehen und was sie repräsentieren: Es geht um ihr Verhältnis zur Stadt, zu dem Raum, den wir teilen. Oder nicht teilen. Das Theater kann von der Stadt träumen, die es nicht gibt, und es braucht die Stadt, um von sich selbst zu träumen.

Dionysos kehrt zurück. Er kehrt zurück in die Stadt, die ihn verachtet, die seine Mutter tötete, ihn nicht anerkennt und fordert nun Respekt. Zu Recht. Sein eigener Großvater und seine Tanten, die Elite der Stadt, haben ihn verraten. Sein Cousin, der König betont: "Frei ist jeder hier in dieser Stadt". Zu Recht. Die, die von der Stadt anerkannt werden, die dazu gehören, sind freie Bürger. Für alle anderen gilt dieses Freiheitsversprechen nicht. Es gilt nicht für Dionysos, den Pentheus in Ketten legen lässt.

Doch Pentheus beharrt auf seiner Wahrheit und so stehen sich zwei Wahrheiten und ein Freiheitsversprechen gegenüber. Unausweichlich nun die Tragödie. Die Freiheit des tanzenden, trinkenden Gottes muss vor den Toren, jenseits der Stadt erkämpft werden. Kann sich nur außerhalb und gegen diesen Raum, gegen diese Ordnung entfalten, weil diese Ordnung bereits der Fehler ist. Dionysos folgen die Bakchantinnen, Frauen und Mütter, die mit ihm die Stadt verlassen. Am Ende, als eine Mutter ihren Sohn tötet, bleibt Schuld. Die Stadt, die bereits schuldig wurde an Dionysos Mutter, an ihm, erkennt erst dann ihre Schuld, als sie das Eigene tötet, das, was sie liebt.

Leicht lässt sich diese Geschichte übertragen auf unsere Städte: "denn frei ist jeder hier in dieser Stadt", das sagen die, die frei sind. Und das sind nicht alle. Frei sind die, die sich ohne Angst in der Stadt bewegen, ohne willkürliche Polizeikontrollen, ohne rassistische, sexistische, diskriminierende Über- und Angriffe. Zwei Wahrheiten und ein Freiheitsversprechen, das für die einen gilt und für die anderen nicht. Versprechen der Aufklärung und des Humanismus, die darauf warten, eingelöst zu werden.

Das Striptease unseres Humanismus

Schon 1961 schrieb Jean-Paul Sartre im Vorwort zu Franz Fanons Schrift "Die Verdammten dieser Erde": "Zunächst müssen wir ein unerwartetes Schauspiel über uns ergehen lassen: das Striptease unseres Humanismus. Da steht er also ganz nackt da, kein schöner Anblick. Er war nur eine verlogene Ideologie, die ausgeklügelte Rechtfertigung der Plünderung. (…) Dieses Geschwätz von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Liebe, Ehre, Vaterland, was weiß ich. (…) Unsere teuren Werte verlieren ihre Flügel, von nahem betrachtet, wird man nicht einen einzigen finden, der nicht mit Blut befleckt ist." 60 Jahre ist es her, dass Sartre diese deutlichen Worte an die Europäer richtete mit der Aufforderung, Europa zu heilen. Wenn er diesen Appell mit den Worten beginnt: "Habt den Mut, ihn (Fanon) zu lesen", dann erinnert es sich nicht umsonst an die kantische Aufforderung "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen", denn es geht wie immer um die Aufklärung als Projekt, das sich selbst in den Blick nimmt. Es geht um die Möglichkeit Europas, sich zu erkennen und neue Perspektiven für die Zukunft zu gewinnen.

Doch neue Perspektiven sind schwer auszuhalten. Denn je mehr Menschen an das alte Versprechen erinnern und ihre Rechte einfordern, umso komplexer wird es. Immer mehr Menschen sitzen mit am Tisch, so beschreibt Aladin El-Mafaalani den Prozess der zunehmenden Integration – oder besser: der Demokratisierung der Gesellschaft. Die erste Generation saß am Boden oder Katzentisch, sie beanspruchten keinen Platz. Ihre Kinder beginnen sich an den Tisch zu setzen und verlangen ein Stück vom Kuchen. Generationen später geht es dann nicht mehr um ein Stück des bestehenden Kuchens, sondern es wird verhandelt, welcher Kuchen auf den Tisch kommt.

Diese Verhandlungen entsprechen den Auseinandersetzungen der post-migrantischen und sozialen Bewegungen, die das Bestehende, das Normativ, in Frage stellen. Neue, diverse Formen entstehen, die die alten Rezepte nicht reproduzieren. Nun geht es darum, mit vielen neuen Kuchenrezepten viele verschiedene Kuchen zu backen, möglichst viele Bäcker*innen zum Backen zu ermutigen, Zugänge zur Backstube und zu den Zutaten zu verschaffen und den Kuchen gerecht zu verteilen. Oder vielleicht auch gar keinen Kuchen mehr zu backen und sich auf etwas ganz anderen zu einigen. Es wäre wunderbar, mit allen am Tisch zu sitzen, neue Rezepte zu erfinden, zu improvisieren und zu entdecken, was gemeinsam entstehen kann – denn es ist vollkommen klar, dass die alten Rezepte ausgedient haben. Ökonomie, Nation, Wachstum, Fortschritt, Bildung, Kultur – das alles stimmt nicht und muss grundlegend neu gedacht und praktiziert werden. Warum freuen wir uns nicht, zusammen mit Vielen Neues zu entdecken?

Anstatt die zunehmende Demokratisierung, Vielfalt und Öffnung der Gesellschaft zu begrüßen und sich den damit verbundenen Kontroversen, Konflikten und Kritiken zu stellen, wird die Klage über die sogenannte "Identitätspolitik" immer lauter. Die Angst wächst, auch an deutschen Theatern, und man fragt sich besorgt, was man noch sagen und tun darf, man fürchtet sich vor "Cancel Culture" und sieht die Freiheit der Kunst in Gefahr. Und das Gemeinwohl, den Universalismus. "Jedes Hantieren mit Identität hat immer einen antiuniversalistischen Effekt", schrieb Simon Strauß schon 2019. Und weiter: "Im Grunde bedeutet die Tendenzwende hin zur Identitätspolitik eine Schwächung wirklicher Politik, also des Strebens nach dem größtmöglichen Gemeinwohl." Sie verlassen den Tisch, so lautet der Vorwurf.

Doch müsste sich nicht die Tischgesellschaft besorgt fragen, warum sie den Tisch verlassen? Warum sie eigene safe-spaces fordern? Und wie der Alltag außerhalb dieser Räume erlebt wird? Müssen wir – weiße Bürger:innen der Stadt – nicht eingestehen, dass Menschen, die nicht wir sind, unsere Normalität als gewaltsam erleben und sich deshalb in Schutzräume begeben möchten?

Und müssen nicht wir, die Generation zwischen 50 und 60, die weißen "Boomer", die Verantwortung für die Verhältnisse übernehmen, zum Beispiel dafür, dass die Jugend so ernst, so woke ist und eine Moral einklagt, die sie anscheinend nirgendwo vorfinden. Oder wie Jens Jessen in der "Zeit" besorgt feststellt: "Die Jugend will nicht ihre Freiheit erweitern, sondern die unanständigen Freiheiten der Mehrheitsgesellschaft einschränken." Und müssen nicht wir darüber nachdenken, was genau an diesen Freiheiten unanständig ist?

Die Sorgen der Tischgemeinschaft

Haben wir Angst, dass wir – die weiße Mehrheitsgesellschaft, vielleicht auch ein Phantasma, aber ein wirksames – vom Tisch vertrieben werden? Verteidigen wir gerade unseren Platz am Tisch? Oder machen wir uns wirklich Sorgen um die Zukunft der Tischgemeinschaft?

Und warum sind alle plötzlich so besorgt um das Gemeinwohl? Wann waren wir das letzte Mal so besorgt um die Allgemeinheit? Waren wir nicht in den letzten 30 Jahren damit beschäftigt, öffentliche Räume und Institutionen zu vernichten, zu privatisieren, zu ökonomisieren, zu globalisieren, Märkte zu deregulieren? Uns selbst achtsam zu optimieren und nachhaltig zu konsumieren? Wird nicht das Gemeinwohl auch von denen besonders verteidigt, die jahrzehntelang freie Märkte und die Eigenverantwortung des Individuums predigten? Dreißig Jahre neoliberale Politik und nun soll das Aufbegehren der Minderheiten Schuld daran sein, dass es kein Gemeinwohl mehr gibt? Dreißig Jahre Neoliberalismus und wir wundern uns, dass "ein wahres Panoptikum verschiedener Ego-Modelle entstand (…) eine Kakophonie von Monaden, die nichts mehr gemeinsam hatten und tendenziell in Konkurrenz zueinander standen". (1) Zu Recht kritisiert Hito Steyerl neo-liberale Tendenzen der Bewegungen. Doch glauben wir wirklich, dass der Zusammenhalt der Gesellschaft deshalb erodiert, weil queere, BiPocs und andere Bewegungen Sichtbarkeit einfordern? Dreißig Jahre Neoliberalismus und wir wundern uns, dass es keine Ideen mehr gibt für das Zusammenleben? Dass Solidarität fehlt?

Bakchen4 805 Birgit Hupfeld u"Die Bakchen" in einer Fassung von Sabine Reich inszeniert von Julia Wissert im September 2022 am Schauspiel Dortmund © Birgit Hupfeld

Das Aufbegehren jener, die von der "Normalität" zu "Anderen" gemacht werden, die ausgegrenzt und diskriminiert sind, wird verantwortlich dafür gemacht, dass sich das Fundament der Gesamtgesellschaft aushöhlt. Das bedeutet, dass diejenigen, denen die universalen Menschen- und Freiheitsrechte abgesprochen wurden, die gar nicht erst mitsprechen durften, die nicht inkludiert sind in das Gemeinwohl, verantwortlich gemacht werden für die Schwächung eben jenes Gemeinwohls und für den Niedergang der universalen Werte. Das ist nichts anderes als eine perfide Verkehrung der Machtverhältnisse.

Die perfide Verkehrung der Machtverhältnisse verlagert die Macht nicht nur von denen, die Macht haben zu denen, die keine haben – sie verschleiert die Macht. Sie macht die Macht unsichtbar, bringt sie zum Verschwinden. Dann warten alle auf die Macht, die kommt und ein Machtwort spricht. Aber keiner kommt. Weil sich niemand verantwortlich fühlt, weil niemand rassistisch ist. Weil frei ist jeder hier in dieser Stadt. Also warten die, die sich erhoben haben, um für ihre Rechte einzustehen, wie die versteinerten Kinder auf Erlösung. Sie warten darauf, gefunden zu werden. Dass einer kommt, und sie sieht. Sie frei macht. Und wenn keiner kommt, dann versteinern sie, warten ewig. Und verlassen sie die Stadt. Bei Euripides ist das eine Tragödie und der Untergang der Stadt.

Doch wer soll kommen?

Wir. Weiße Bürger und Bürgerinnen. Es ist unsere Stadt, es sind unsere Menschenrechte, unsere Regeln, unsere Normalität, unsere Privilegien. Und wir haben ein Versprechen zu erfüllen. Es ist die Verantwortung der Mehrheitsgesellschaft, die Regeln zu ändern, die Stadt zu öffnen und die versteinerten Kinder zu finden. Wir sind die Sucher und wir müssen erlösen.

Wir können erlösen, indem wir Verantwortung übernehmen. Verantwortung für die Verhältnisse, die so sind, weil wir sie so eingerichtet haben. Oder zugelassen haben, dass sie so sind und so bleiben. Weil wir Teil einer Geschichte sind, die durch uns spricht und wirkt, solange bis wir sie bewusst zum Schweigen bringen und uns aktiv aus ihr herausstellen. "Wir sind nie traurig genug, um die Welt besser werden zu lassen", erkannte Jean-Luc Godard. Um richtig traurig zu werden, so traurig, dass wir uns und die Welt ändern, dazu müssen wir uns in die Augen schauen und erkennen.

Wichtig ist eine politische Auseinandersetzung, die die Fragen nach Rassismus und Ungleichheit zu zentralen Fragen unserer eigenen Geschichte macht. Nicht die Geschichte der Anderen und ihre vermeintliche Befindlichkeit ist großzügig in Lehrpläne aufzunehmen, sondern die Geschichte des modernen Europas, unsere Geschichte ist als eine zu verstehen, die mit dem transatlantischen Menschenhandel begann und die auf Rassismus und Ausbeutung basiert. Nicht erst die deutschen Kolonien im 19. Jahrhundert verbinden uns mit den Vielen, sondern bereits die erste Globalisierung verband Afrika, Amerika und Europa zu einer "verschachtelten Ökonomie" (Mbembe, 2017). Die Baumwolle der frühkapitalistischen Spinnereien in England wurde auf Plantagen von Sklaven geerntet und sie bilden den Motor für den Aufstieg des neuzeitlichen Europas. Erst wenn wir diese Dimension in ihren Auswirkungen, die bis heute strukturell wirksam sind, als wesentlichen Teil unserer eigenen Geschichte und Identität begreifen, können wir uns verändern. Und erkennen und heilen, wie Sartre hoffte.

Das Schuldbekenntnis

"Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. (…) wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben." Dieses Bekenntnis veröffentlichte 1945 die Evangelische Kirche Deutschlands und bekannte sich damit zur Schuld am Holocaust und Nationalsozialismus. Der Holocaust und die Verbrechen des Nationalsozialismus sind unvergleichbar und einzigartig, aber Schuld ist es nicht. Unendliches Leid brachten durch uns Sklaverei, Kolonialismus und Rassismus über viele Völker und Länder. Ein Schuldbekenntnis bittet nicht um Verzeihung und Vergebung, es macht Leid nicht ungeschehen, aber es ist die Bedingung der Möglichkeit einen Raum zu eröffnen, in dem Täter und Opfer eine Zukunft entstehen lassen können. Weil es der einzige Raum ist, den sie gemeinsam bewohnen können. Zwischen ihnen entsteht ein Zwischen-Raum, der Handeln in Differenz und Konflikt möglich macht. Dieses Handeln trägt mit Hannah Arendt "die Grundbedingung der Pluralität" in sich ("Vita Activa oder Vom tätigen Leben"). Oder wie sie an anderer Stelle ausführt: "Politik entsteht in dem Zwischen-den-Menschen, also durchaus außerhalb des Menschen. Politik entsteht im Zwischen und etabliert sich als Bezug." (2)

Der Zwischen-Raum muss offengehalten werden in allen Institutionen, die uns zur Verfügung stehen, auch wenn wir wissen, dass diese Institutionen ebenso wenig wie die Stadt, die Aufklärung und die universalen Menschenrechte, nicht für alle gemacht wurden – aber sie sind zu nutzen. Sie sind "medicine and poison" (Gayatri Spivak). Sie sind Werkzeuge, die es gilt gegen sich selbst zu wenden. Auch das Theater als weiße, bürgerliche Institution ist Problem und Teil der Lösung. Und wie der Humanismus braucht es einen Striptease: Es entblößt sich und wird durchsichtig. Es nimmt sich selbst in den Blick und darf die Anderen nicht aus den Augen verlieren. In dieser anstrengenden Dialektik müssen wir uns weiterbewegen, gerade weil wir für "planetarische Perspektiven" einen neuen Universalismus brauchen.

Darin sind sich Theater und Politik ähnlich: Beide sind kollektive Künste und beide bewegen sich in diesem Raum Zwischen-den-Menschen. Wie die Politik so kann auch Theater sich nur im Bezug zur Stadt, zur Welt, zum Publikum ereignen. Es braucht die Stadt als Gegenüber: die reale Stadt in ihren sozialen Verwerfungen und immer tiefer werdenden Rissen, ebenso wie die vielen Städte, die geträumten, erinnerten, verdrängten, durchquerten Städte. Theater muss mehr denn je der Zwischen-den-Menschen-Raum sein, in dem wir kochen, trinken, reden, zuhören. Vielleicht viel weniger zuschauen. Vielleicht ist die Mitte des Theaters keine Bühne, sondern ein Tisch oder viele Tische. Dann werden die Räume des Theaters von Vielen genutzt für genau das, was sie gerade brauchen. Ob in Zukunft noch Stücke gespielt werden oder einfach Leute zusammen rumhängen, ist dabei vollkommen egal. Ich würde das Rumhängen vorziehen, aber habe auch nichts gegen ein Stück oder ein Musical (Danke Sibylle Berg) – wichtig ist, dass wir zusammen rumhängen. Handeln. Aushandeln. Verhandeln. Fehler machen. Weiter machen. Nichts tun. Das ist die Kunst des Theaters, die gerade dringend gebraucht wird. Und dabei kann Theater weiter an den Traum von einer Stadt erinnern, die es nie gegeben hat.

(1) Hito Steyerl, Die Gegenwart der Subalternen, in: Gayatri Chakravorty Spivak, Can the Subaltern Speak?, Wien 2020.

(2) Hannah Arendt, Was ist Politik, beide Zitate aus: Dipesh Chakrabarty, Das Klima der Geschichte im planetarischen Zeitalter, 2022.

SabineReich Foto Hupfeld 9284aSabine Reich (*1966) war zuletzt Chefdramaturgin am Schauspiel Dortmund bei Intendantin Julia Wissert. Zuvor arbeitete sie unter anderem als Dramaturgin und leitende Dramaturgin am Schauspielhaus Bochum und am Schauspiel Essen. Reich studierte in Bochum Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft und Philosophie, war Assistentin am Burgtheater Wien und arbeitete für den Ringlokschuppen Mülheim, die Ruhrfestspiele Recklinghausen (2004) und Theater der Welt 2010. (Foto: Birgit Hupfeld)

Kommentare

Kommentare  
#1 Essay Reich: RepräsentationsproblemKarlaMax 2022-10-05 10:15
Gayatry Spivak hat in „Can the subaltern speak“ darauf hingewiesen, dass der westliche Diskurs „Repräsentation als ‚sprechen für‘, wie in der Politik, und Repräsentation als ‚Darstellung‘ bzw. ‚Vorstellung‘ [Hervorhebungen im Original], wie in der Kunst oder der Philosophie“ stets absichtlich gleichsetzt. Diesen Trick permanent zu entlarven kann sich nur das Theater leisten, sonst ist und bleibte es ein Tool einer weissen, männlichen, heternormativen, rassistischn Mehrheitsgesellschaft, das der Kolonisierung von Imaginationen dient.
Und um das mit Hans-Thies Lehmann zu ergänzen: „Kunst war auf dieser Ebene immer politisch, dass sie die Wahrnehmungsweisen der Menschen zum Problem gemacht und wo’s gut ging auch ein wenig verändert hat.“ Das Problem liegt also in der Struktur, nicht in den handelnden Personen.
#2 Essay Reich: Kunst ist KunstKunstundFreiheit 2022-10-05 11:00
Politik ist keine Kunst, sondern Politik. Das Wesensmerkmal einer Kunst ist, dass sie nicht utilitaristisch ist. Das Wesensmerkmal von Politik ist, dass sie immer utilitaristisch ist.
Insofern ist natürlich Theater wie wir es kennen und machen in den allermeisten Fällen keine Kunst. Schon gar nicht, wenn es als Ersatz-Politik gedacht und gemacht wird und sich z.B. von der Bundeszentrale für Politische Bildung soweit unterstützen lässt als Institution wie es halt lässt...
Das wäre ja an sich nicht so wild, aber: Publikum merkt das. Und bleibt fern. U.a. auch deshalb. Es verliert auf diese Art das Vertrauen in Theater als Kunst. UND das Vertrauen in die Politik als Etat-Zuteilerin in Demokratien ebenfalls.
#3 Essay Reich: MissverständnisHane 2022-10-05 21:04
Möglicherweise ist es genau diese Art von Haltung und Theater(miss)verständnis, dass die meisten Dortmunder:innen dazu bewegt, nicht ins Theater ihrer Stadt zu gehen. Politsche Ideologie statt ästhetische Positionen. Geschwurbel statt Geschichten.
#4 Essay Reich: Aber mit Kunst!Liu 2022-10-06 13:43
Wenn man versucht, die Gedanken von Sabine Reich in die Praxis zu übersetzen, läuft das auf eine Belehrung des Publikums heraus oder auf völlige Beliebigkeit. Ich bin selbst POC und möchte nicht in jedem Theaterabend erfahren, dass Weiße ihr Weißsein hinterfragen sollen. Das, was Sabine Reich sagt, ist Stand des akademischen Diskurses und ich finde es auch wichtig und richtig. Aber es ist eine schließlich gesellschaftliche Forderung. Das Theater ist aber ein Theater, kein Proseminar, keine Parteiveranstaltung, keine Psychotherapie, keine Sozialarbeit, kein soziokulturelles Zentrum, kein Kino.... Auf der Theaterbühne und auch bei der Herstellung von (Dokumentar-)Filmen ist neben dem polischen und gesellschaftlichen Hintergrund und Theorie auch Kunst gefragt.

In dem Text wird der großartige Godard zitiert. Seine Filme sind aber trotz des sehr philosophischen und gesellschaftskritischen Hintergrundes phansasievoll und kreativ. Und sie überdauern die Zeit. Mit Les carabiniers (1963) einen Antikriegsfilm in Form einer Kommödie gedreht. Spätestens seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine ist der Film für uns aktuell - er ist immer aktuell seit fast 60 Jahren. Ich glaube das kommt daher, weil er die Kunst in den Mittelpunkt gestellt hat und nicht die Theorie.

Gayatry Spivak hat in „Can the subaltern speak“ darauf hingewiesen, dass der westliche Diskurs „Repräsentation als ‚sprechen für‘, wie in der Politik, und Repräsentation als ‚Darstellung‘ bzw. ‚Vorstellung‘ [Hervorhebungen im Original], wie in der Kunst oder der Philosophie“ stets absichtlich gleichsetzt. Diesen Trick permanent zu entlarven kann sich nur das Theater leisten, sonst ist und bleibte es ein Tool einer weissen, männlichen, heternormativen, rassistischn Mehrheitsgesellschaft, das der Kolonisierung von Imaginationen dient.
Und um das mit Hans-Thies Lehmann zu ergänzen: „Kunst war auf dieser Ebene immer politisch, dass sie die Wahrnehmungsweisen der Menschen zum Problem gemacht und wo’s gut ging auch ein wenig verändert hat.“ Das Problem liegt also in der Struktur, nicht in den handelnden Personen.
#5 Essay Reich: Erschreckende KonsequenzKrass 2022-10-07 14:49
Super interessanter Text, klug argumentierte Selbstzweifel und belesene Dekonstruktionen. Umso komischer, irrer, erschreckender die Konsequenz für das Theater (aus Sorge um Verteilungsfragen und falschen Hierarchien): weniger zuschauen, mehr gemeinsam abhängen. Die ruangrupa-Hoffnung und offensichtlich auch das Projekt des neuen Theatertreffens: keine Kunst, keine Vorschriften, keine Dramentexte. "Wichtig ist, dass wir zusammen rumhängen" (Sabine Reich). Die Dekadenz der Etablierten, die Feigheit der Privilegierten: "Nichts tun. Das ist die Kunst des Theaters, die gerade dringend gebraucht wird." (Sabine Reich)
#6 Essay Reich: Dekonstruktion? Derrida 2022-10-09 00:46
@Krass... der Text von Frau Reich dekonstruiert gar nichts. Er läuft nur Befindlichkeiten hinterher und deklariert denkfaul irgend etwas. Dekonstruktion hieße anstrengende hermeneutische Arbeit. Stattdessen wird "Rumhängen" deklariert ganz ohne Quellenangabe, welche diese als "Lumbung" kenntlich machen müsste.
#7 Essay Reich: DortmundWolfgang Schwaninger 2022-10-09 11:33
Viele Gedanken, viel linke Ideologie, viel Kluges aus dem Elfenbeinturm, fleissiges Zitieren. Wahrhaftig? Glaubwürdig?
Das kann die Autorin selbst leicht beantworten:
Wie hoch war das Einstiegs- und Durchschnittsgehalt der Künstler und Künstlerinnen vor und nach der Anhebung des Mindestlohns und der Tarifverhandlungen der Gewerkschaften am Theater Dortmund? Wieviele Gäste waren in der Pandemie in Kurzarbeit? Was haben Sie an Entschädigung erhalten?
Wieviele Ensemblemitglieder wurden beim Indendantenwechsel rausgeschmissen? Wie geht die Intendanz mit Kritik um?
Wie sehen die Arbeitszeiten der Assistenten und Assistentinnem aus? Wie können die Beschäftigten Künstler Familie und Beruf verbinden, was tut die Leitung hierfür? Was tut das Theater für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Künstler in ...Dortmund?

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