Gelalle und Gehalle

15. Oktober 2022. "Mein Sohn gehört nicht der Erde, er gehört uns", findet die Mutter des tödlich verunglückten David in Clemens J. Setz' neuem Stück – und lässt den Achtjährigen digital weiterleben. In Nick Hartnagels Inszenierung wird aber auch analog alles erdenkliche Theaterpulver verschossen.

Von Verena Großkreutz

15. Oktober 2022. Laut einer Oxforder Studie sollen bis 2070 auf Facebook mehr tote als lebende Nutzer:innen registriert sein. Digitalen Nachlass nennt man das. Einen befreundeten Rechtsanwalt, der sehr jung verstarb, kann man auch heute noch – Jahre nach seinem Tod – im Branchen-Netz finden. Mit Telefonnummer. Es werden gelegentlich Menschen, die Rechtsbeistand suchen, zum Hörer greifen und diese Nummer wählen.

Überall hinterlassen Menschen Spuren im Netz, die offenbar unauslöschlich sind. Wenn man das weiterdenkt: Könnte man dieses Nebenprodukt der Digitalen Revolution nicht nutzen, um Menschen einfach weiterleben zu lassen? So tun als ob?

Stilechter Charme eines Begräbnisinstituts

Die Eltern in Clemens J. Setz' Stück "Der Triumph der Waldrebe in Europa", die ihren achtjährigen Sohn bei einem Autounfall verloren haben, machen genau das. Renate und Konrad Herzer akzeptieren seinen Tod nicht, handeln nach dem Motto: "Mein Sohn gehört nicht der Erde, er gehört uns." Mithilfe digitaler Medien erschaffen sie eine Welt, in der Sohn David weiterlebt – so zumindest steht’s in der Vorankündigung des Staatsschauspiels Stuttgart, wo das Stück jetzt uraufgeführt wurde. Spannendes Thema. Bedeutete: Vorfreude auf die Premiere.

Der Beginn des Abends, den Nick Hartnagel inszeniert hat, ist durchaus vielversprechend. Ein mehrdeutiges, praktikables Bühnenbild hat Yassu Yabara ins Kammertheater gestellt. Die Wohnung der Eltern Davids ergibt eine Kreuzform. Oben dient die Holzverkleidung diversen Projektionen. Unten hängen transparente Gardinen vor der Verglasung. Strahlt alles den Charme eines Begräbnisinstituts aus. Und das passt ja.

Der Triumph der Waldrebe in Europavon Clemens J. SetzInszenierung  Nick Hartnagel Inszenierung: Nick HartnagelBühne: Yassu YabaraKostüme: Tine BeckerMusik: Lukas LonskiLicht: Stefan Maria SchmidtDramaturgie: Ingoh Brux, Sarah TzscheppanChoreografie: Stefanie Bloch Foto: Björn Klein Therese Dörr (Renate), im Hintergrund: Gábor Biedermann (Konrad)Ansprache ans Kameraauge im Rollstuhl: Therese Dörr und Gábor Biedermann als lebenslügengestählte Eltern des digitalen David © Björn Klein

Der Plot: 32 Szenen, die Einblicke in ein Eheleben mit digitalem Sohn gewähren wollen. Mal rückt Renate und Konrad das Produktionstrio irgendeines TV-Senders auf die Pelle und stellt tumbe Fragen, mal gibt's Krach, weil Konrad sich in den Augen seiner Frau nicht genug um David kümmert, mal widmen sich die beiden dem umfangreichen Kommentar-Blabla, der Renates (Schein-)Familien-Blog begleitet. Oder sie geraten in merkwürdig abseitige Gespräche (aus denen sich auch der disparate Stücktitel ableitet): Etwa über den Ekel-Horrorfilm "Human Centipede", wobei sich hier erste inhaltliche Zweifel auftun. Was hat das mit dem Thema zu tun? Da würde ja selbst ein Verweis auf Hitchcocks "Psycho" besser passen. Immerhin lässt Norman Bates seine Mutter im weitesten Sinne ja auch als Tote weiterleben.

Wenn die Illusionsfassade bröckelt

Dazwischen geschnitten werden schrille Szenen aus der bunten weiten Welt des Internets und seiner Influencer:innen und Hater:innen, die das digitale Eltern-Projekt David kommentieren: Als Youtuber Tim Feels etwa, der sich, werbestrategisch befeuert, für sein Hating entschuldigt, oder ein junger Mann namens Xaver, der seine Videobotschaften in Gestalt holpernder Gesangseinlagen verschickt und etwas von Menschrechten lallt: "Ich bin David und ich lebe auch wenns euch nicht passt auch wenn ihr mich hasst und mich nicht teilnehmen lasst …" Die technische Umsetzung ist durchaus schick, werden die sich ereifernden Gesichter doch stets riesig vergrößert auf die Holzvertäfelung projiziert.

Aber woran liegt's, dass der Abend Schritt für Schritt in Langeweile versandet? Am Ensemble nicht. Therese Dörr spielt das klasse: Die strenge, lebenslügengestählte Renate, die an ihrem Mann leicht sadistische Züge auslebt und immer dann cholerisch wird, wenn die Illusionsfassade bröckelt. Auch rollenfüllend: Gábor Biedermann als sich dem Wollen seiner Frau bis zur Verzweiflung Unterwerfender.

Der Triumph der Waldrebe in Europavon Clemens J. SetzInszenierung  Nick Hartnagel Inszenierung: Nick HartnagelBühne: Yassu YabaraKostüme: Tine BeckerMusik: Lukas LonskiLicht: Stefan Maria SchmidtDramaturgie: Ingoh Brux, Sarah TzscheppanChoreografie: Stefanie Bloch Foto: Björn Klein Oben: Camille Dombrowsky (Journalistin), Elias KrischkeGanz vorne: Gabòr Biedermann (Konrad), dahinter: David Müller (Tontechniker), Jannik Mühlenweg (Tim Feels)Schrille Szenen aus der bunten weiten Welt des Internets © Björn Klein

Das Problem ist wohl, dass die Geschichte völlig unglaubwürdig bleibt. Es wird viel Theaterpulver verschossen, aber zum eigentlichen Thema – Tod und Trauer in digitalen Zeiten – dringt der Abend nicht wirklich vor. Es gelingt ihm auch nicht, emotional zu packen. Liegt auch daran, dass der lebende David in keiner Weise präsent ist – weder in erinnerter Form noch bildlich. Das Kameraauge samt Tablet, das in einen Rollstuhl montiert ist und von den Eltern spaziergefahren wird, als säße ein echtes Kind drin, bleibt unbelebt und kalt. Von KI keine Spur. Also bleibt es eine völlig lächerliche Aktion, wenn der Vater vor dem Rollstuhl hockt und mit dem technischen, nicht reagierenden Konstrukt irgendwelche Sortierspiele beginnt. Oder wenn Renate ihren Mann demütigt, der sich auf ihr Drängen vor dem Rollstuhl niederknien und das Kameraauge um Verzeihung für ein verschlamptes Kabel anwinseln muss. Und wie unglaubwürdig ist das? Dass die Eltern ernsthaft darauf bestehen, diese Staffage am Online-Unterricht einer Privatschule teilnehmen zu lassen.

Topfschnitt-Perücken von blond bis pink

Und die Welt des Internets, in der David angeblich weiterleben soll? Wird platt-comedyhaft veralbert, durch völlige Übertreibung und bekloppte Topfschnitt-Perücken von blond bis pink. Wobei sich die Kostüme von Tine Becker – ein Stilmix durch die letzten Jahrzehnte – eigentlich wirklich sehen lassen können.

Weil es der Text offenbar nicht schafft, anzurühren, versucht's das Produktionsteam mit einem extra-emotionalen Kick: durchs Geisterkind im Schlafdress, das mittendrin zum Kühlschrank schleicht und sich 'nen Drink mopst, und das am Ende gar – vor dem Black – über Tisch und Stühle tanzen darf. Sehr brillant!

 

Der Triumph der Waldrebe in Europa
von Clemens J. Setz
Regie: Nick Hartnagel, Bühne: Yassu Yabara, Kostüme: Tine Becker, Musik: Lukas Lonski, Licht: Stefan Maria Schmidt, Dramaturgie: Ingoh Brux, Sarah Tzscheppan, Choreografie: Stefanie Bloch.
Therese Dörr, Gábor Biedermann, Camille Dombrowsky, Jannik Mühlenweg, David Müller, Elias Krischke, Kinderstatisten: Piet Baumbach / Oliver Nettesheim / Lasse Pirkner / Jonah Schäfer.
Uraufführung am 14. Oktober 2022
Dauer: 1 Stunde 55 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de

 

Kritikenrundschau

Die Karikierung, die Tine Becker über ihre Kostüme ins Spiel bringe, sei wohlfeil, werde aber nicht dem Schmerz gerecht, der den Text von Setz grundiere, so Andreas Platthaus von der FAZ (17.10.2022). Der Kritiker lobt das junge Ensemble. "Selten wurde jüngst im Theater so lebensecht gesprochen und so körpersprachlich betont gelebt: hohe Sprach- und Spielkultur." Setz’ Stück bezeichnet er als beachtliches Werk. Der Autor beschwöre das Absterben allen Lebens durch Simulation und Suggestion.

"Die Personen, die Clemens J. Setz konstruiert, sind sprachlich nicht allzu versiert, sie stottern unfertige Sätze heraus, verhaspeln sich, vermutlich ist das ein Versuch, die unterkomplexe Sprachkultur des Netzes aufs Theater zu übertragen. Das wirkt bemüht wie auch das in die Länge gezogene Interview mit der Mutter, bei dem es Probleme mit der Technik zu geben scheint, sodass Renate sich zunehmend verheddert und verzweifelt. Loriot lässt grüßen." So winkt Adrienne Braun nach dieser Uraufführung in der Schwäbischen (17.10.2022) ab. Regisseur Nick Hartnagel wolle "vor allem witzig und originell sein".

Die Inszenierung von Nick Hartnagel wolle "desillusionieren, Kritik üben, nicht nur an der Selbstinszenierungshysterie der Generation Z, die in Birkenstocksandalen zum Topfhaarschnitt die Realität nur noch auf den Bildschirmen ihrer Endgeräte aushält", schreibt Tomo Pavlovic in der Stuttgarter Zeitung (17.10.2022). "Mit Perückeneinsatz,Wackelvideos und Slapstick versucht Hartnagel, die ungewohnte Konzentrationsschwäche des Autors zu überspielen, der sich nicht einlassen will auf das, was interessant gewesen wäre: die Frage, was der Tod mit uns allen macht, mit und ohne Internet."

Völlig begeistert hingegen ist Björn Hayer in der taz (17.10.2022). Setz und Hartnagel diskutierten die drängenden Anliegen – die digitale Gesellschaft und die damit einhergehenden ethischen Fragen – im Rahmen einer sehr anschaulichen, fein strukturierten Geschichte. "Die Inszenierung gelingt vollends, weil sie dabei weder vor skurriler Situationskomik noch vor melancholischen Stimmungen zurückschreckt. Erst in dieser Kombination vermittelt sich die Ambivalenz der Gemengelange: von der Technik als Hoffnungsanker (für Renate) wie auch als Gift für die Realität. Für die Figuren mag diese emotionale Odyssee erschöpfend sein, für das Publikum trifft das Gegenteil zu: Die intensive Inszenierung wirkt packend bis zur letzten Minute."

Einen "erstaunlich eindimensionalen Text" beklagt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (18.10.2022). "Die Beschreibung dessen, was die Eltern tun und wie die Medien, die Lehrer und diverse Internetplayer darauf reagieren, ist schon das Stück. Tiefer geht es nicht. Der Tod, den die Eltern nicht wahrhaben wollen, ist als dunkle Größe auch für Setz kein Thema. Es fehlt sein Stachel." In seiner Uraufführung "geht auch der Regisseur Nick Hartnagel weder in den Schmerz noch zieht er weitere hilfreiche Ebenen ein. Er geht als User mit seiner eigenen Handschrift über das Stück, die für sich genommen durchaus bemerkenswert ist – interessanter Look! –, hier aber unpassend wirkt."

Clemens J. Setz habe "ein brisantes Thema getroffen", schreibt Otto Paul Burkhardt in der Südwest Presse (20.10.2022), doch sein Stück "tritt auf der Stelle, entwickelt sich nicht". Die Regie bemühe sich zwar, "das Ganze als schrille Social-Media-Groteske aufzupimpen", aber es entstehe "kein Raum für Tod, Schmerz, Trauer. Was bleibt ist eine bittere Satire über kollektiven Wahn."

mehr nachtkritiken

Kommentare

Kommentare  
#1 Triumph der Waldrebe, Stuttgart: Zu wenig…Peter Schlegel 2022-10-15 10:30
»Der Triumph der Waldrebe in Europa" von Clemens J. Seitz, Kammertheater Stuttgart

Die letzte unbedingte Realität, vor der sich niemand drücken kann, ist seit jeher der Tod. Diese Aussage gilt allerdings nur für die Lebewesen, die ihn erleiden. Für alle Anderen gilt das nicht so ohne Weiteres. Sie erfinden seit jeher Geschichten, mit denen sie dieser Realität irgendwie ausweichen können. Das hätte das Thema der Uraufführung von »Der Triumph der Waldrebe in Europa« von Clemens J Setz sein können, wenn man der Ankündigung des Kammertheaters Stuttgart hätte glauben wollen..

Kurz zum Inhalt: Ein Kind ist tot und die Eltern können sich nicht damit abfinden. Sie ignorieren die Realität und bestehen auf der Fiktion, dass ihr Sohn noch lebt. In ihrem Blog gibt die Mutter täglich Einblicke in ihr Familienleben. Die digitale Öffentlichkeit reagiert gespalten und als die Schule sich weigert, bei dieser Farce weiterhin mitzuspielen, gelangt das Thema, mittels eines Fernsehinterviews auf eine höhere mediale Ebene.

Mit dieser Inhaltsangabe ist schon fast alles beschrieben. In den zwei Stunden kommt kein wirklich neuer Gedanke oder Ansatz dazu, der über die Problematik des Cybermobbings hinausgeht. Zwar ist es beeindruckend, wie die Mutter, kraftvoll gespielt von Therese Dörr, die Innere Logik ihrer Fiktion aufrecht erhält und ihren Mann in sie hineinzwingt. Aber auf eine tiefere Auseinandersetzung mit diesem vielschichtigen Thema wartet man vergebens. Der Tod, als letzte Realität, kommt nicht wirklich vor, die Verbiegung der Realitäten durch willkürliche Narrative wird nicht aufgegriffen, ebenso werden die Möglichkeiten eines digitalen Weiterlebens im Metaversum unter Einsatz immer raffinierterer KIs nur am Rande thematisiert. Letztendlich bleibt alles flach und unverbindlich, aber vielleicht ist das ja die Absicht des Autors. Das wäre allerdings für mich zu wenig.

Warum sich der Abend dennoch für mich gelohnt hat, liegt am hervorragenden Bühnenaufbau. Die Wohnung der Familie ist mit halb durchsichtigen Stoffbahnen verhängt, hinter denen die Personen wie verpixelt erscheinen. Gleichzeitig werden Kameraaufnahmen von innen wie außen auf Stoffbahnen und hölzerne Aufbauten projiziert, so dass reale Personen mit ihren Abbildern verschmelzen, sich teilweise vervielfachen und sich kaum unterscheiden lassen. Im Bühnenaufbau zeigt sich die Vielschichtigkeit des Themas beeindruckend, die ich im Stück selbst so vermisst habe.

Kommentar schreiben