Menschenmaschinengeister

28. Oktober 2022. Damit im Internet die Daten sprudeln und die Künstliche Intelligenz auf Touren kommt, müssen Menschen Kärrnerarbeit leisten: Bilder auswerten, ordnen, registrieren. In der interaktiven Dokumentararbeit "In Ghosts We Trust" widmet sich das Kollektiv OutOfTheBox der Niedriglohnrealität hinter der schönen neuen Dienstleistungswelt.

Von Jan Fischer

28. Oktober 2022. Nett ist er ja, dieser neue Arbeitsplatz. Ein gemütlicher Futon, mit grauer Bettwäsche bezogen, dazu gibt es Kätzchenschlappen, ein Telefon, ein Tablet und ein paar Kopfhörer. Also fast wie das eigene Home Office.

Sechs dieser Arbeitsplätze gibt es in "In Ghosts We Trust", das die Theatergruppe OutOfTheBox im Braunschweiger LOT-Theater zeigt. Man lümmelt sich auf die Futons und das Telefon klingelt. Wir seien hier, sagt die Roboterstimme aus dem Telefon, um Geld zu verdienen. Und dabei, eine künstliche Intelligenz zu trainieren. Oder sie zu ersetzen, falls sie mal nicht funktioniert. Nach Captcha-Manier gibt es Fotos mit einfachen Ja/Nein-Fragen: Ist das ein Parkplatz? Ist das ein Nippel? Ist dieses Verhalten toxisch? Zu Anfang klimpern dabei die Geldeinheiten noch. Das Ziel von 100 Geldeinheiten ist bei der Bezahlung von 0,2 bis 0,6 pro komplettiertem Fragenkatalog zwar ein wenig utopisch, aber was soll’s. Es ist einfache Arbeit, und gemütlich ist auch noch. Also auf zum Geldeinheiten-Highscore.

Daten sammeln für einen Hungerlohn

Aber so einfach ist es dann nicht: Zwischendrin klingelt immer mal wieder das Telefon. Die Gruppe hat Interviews mit Menschen geführt, die diese Arbeit tatsächlich verrichten, also: Umfragen beantworten. Bilder einordnen. Männliche von weiblichen Nippeln trennen. Gemeldete Videos und Fotos untersuchen. Denn: Eine künstliche Intelligenz, so ist in einem der Gespräche zu hören, sei nicht programmiert und dann fertig. Keine Magie. Sondern müsse mit hunderttausenden Datensätzen trainiert werden. Und die generieren: Menschen. Selbstverständlich – wie könnte es im neoliberal durchlauferhitzten Hyperkapitalismus anders sein – für einen Hungerlohn, gerne in Ländern mit etwas laxeren Arbeitsgesetzen und rudimentärem Sozialsystem.

In Ghosts we trust2 805 Anna Kristina Bauer uGemütliche Arbeitsplätze, in ungemütlicher neoliberaler Ökonomie: Das Kollektiv "OutOfTheBox" zeigt "In Ghosts We Trust" in Braunschweig © Anna-Kristina Bauer

Das stupide Klicken, aber auch das Ausfahren von Lebensmitteln, das Bewerten von Bildern, alles das fällt unter den Begriff der Gig-Economy, also Aufgaben, die zeitlich begrenzt sind und von nicht fest angestellten Menschen verrichtet werden, teilweise – es gibt ein Interview mit einem Fahrer des Lieferdienstes Gorillaz – völlig abhängig davon, was einem die Maschinen heute wieder an Arbeit zuteilen.

Es gibt Geschichten von Menschen, die aufgrund von Krankheit oder Jobverlust mit der Arbeit begonnen haben. Solche, die zufrieden sind, aber mehr, die es nicht sind. Weil die Bezahlung schlecht ist und da immer dieser Druck ist, noch schneller, noch besser zu werden, noch länger zu arbeiten, damit das Geld auch zum Leben reicht. Es geht, während wir uns durch die Bilder klicken, um die Frage nach Selbstwirksamkeit, darum, dass die Arbeit eben auch stupide ist, darum, dass es keinerlei Sicherheit gibt. Aber, na ja, nett ist er ja, dieser neue Arbeitsplatz.

Suchalgorithmen füttern

Und irgendwann blinkt es im Tablet, das Gerät will Updates für noch schnelleres Arbeiten herunterladen, das Telefon verlangt ständig, dass man eine Nummer anruft, um sich als Mensch zu verifizieren, Fehlermeldungen blinken auf und wollen, auch wieder telefonisch, geklärt werden. Kurz: Die Technik geht kaputt, es ist niemand da, selbst aus dem Telefon kommen nur Roboterstimmen, und dann ist die Batterie leer.

"In Ghosts We Trust" versucht einen Blick in den Maschinenraum des Internets zu werfen, auf dessen Oberfläche glatt polierte Künstliche Intelligenzen wundersame Bilder ausspucken und geheimnisvolle Suchalgorithmen kontrollieren, wer gesehen wird und wer nicht. Unter dieser Oberfläche liegen die Trainingscamps, die Maschinenräume, in denen Menschen Tag und Nacht Daten ins Netz schaufeln, damit alles noch schicker und noch blanker wird. In der Mischung aus Installation und Inszenierung wird das Publikum ein Teil davon, es erfährt, wie diese Arbeit funktioniert. Die Interviews, die es dazu gibt, reichern die Klick- und Sortiererfahrung mit Kontext an, der sich von den USA nach Deutschland und weiter erstreckt.

Plädoyer für bessere Arbeitsbedingungen

Das ist clever gemacht: Die Erfahrung mit der streikenden Technik wird immer frustrierender, es wird immer unmöglicher Geld zu verdienen. Die Interviews mit den Menschen, die aus dem einen oder anderen Grund ihren Lebensunterhalt mit dieser Arbeit verdienen, öffnen diesen eigenartigen, von Arbeitsgesetzen weitgehend unregulierten Wirtschaftszweig immer mehr, werfen ein Schlaglicht auf das, was weitgehend unsichtbar ist, auch wenn in letzter Zeit Lieferdienste immer mal wieder für ihre Arbeitsbedingungen in der Kritik stehen. Erfahrung und Interviews kombinieren sich in der Inszenierung zu einem Plädoyer für bessere Arbeitsbedingungen, für mehr Sichtbarkeit. Dann wäre er noch netter, dieser neue Arbeitsplatz.

 

In Ghosts We Trust
von OutOfTheBox
Konzept: Susanne Schuster, Ricardo Gehen, Installation von und mit: OutOfTheBox, Lena Biresch, Tina Ebert, Neïtah Janzing, Anton Kurt Krause, Merle Mühlhausen. Interviewpartner:innen: Anonymous, Anonymous, Erica Dachinger, Hunter Keels, Mariya (IG Metall), Carolina Reis, Sebastian Strube und Josef Wolstencroft.
Sprecher:innen: Martin Bruchmann, Lena Maria Eikenbusch, Nils Malten, Stefanje Meyer, Marcus Reinhardt.
Premiere am 27. Oktober 2022
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

outofthebox-now.de
lot-theater.de

 

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