Aasige Jedermanns-Träume

von Ralph Gambihler

Magdeburg, 14. Dezember 2008. Die umfassende Ökonomisierung des Lebens ist spätestens seit den 1990er Jahren eine thematische Domäne gerade auch der jungen britischen Dramatik. Namen wie Mark Ravenhill und Martin Crimp stehen hier für eine ganze Autorengeneration, der das deutsche Theater eine Weile sehnsüchtig folgte. Zu jenen Autoren, die ein paar Jahre nach der britischen Welle kommen, gehört der 1970 in London geborene, hierzulande noch wenig bekannte Dennis Kelly, dessen Dialogstück "Liebe und Geld" nun in Magdeburg läuft, nach der deutschsprachigen Erstaufführung in diesem Frühjahr am Theater Basel.

Schon der Titel lässt keinen Zweifel aufkommen, welche Dramen hier verhandelt werden. Auch Kelly sondiert menschliche Verhältnisse zwischen Kalkül und Gefühl, und es ist unvermeidlich, in seinem Szenario ein Stück Kapitalismuskritik zu sehen. Andererseits wäre es verkehrt, den Text in einem Atemzug mit den Arbeiten seiner Kollegen zu nennen, ohne auf seine formale Eigenständigkeit zu verweisen. Kelly schreibt schnelle, artistische, bitterböse Dialoge, die von Ferne an das Pingpong der Screwball Comedy erinnern, mit dem Unterschied allerdings, dass keine Komödie erzählt wird, sondern eine Tragödie, eine lupenreine sogar, und so könnte man von einer Screwball Tragedy sprechen.

Schicke Morde und andere Annehmlichkeiten

Aber auch dagegen lässt sich etwas einwenden: Kellys Figuren sind Normalos, Mittelständler, Menschen wie du und ich, keine Spinner. Erst ihre prekäre Lebenssituation lässt sie in einem verrückten Licht erscheinen, und unsere anfängliche Neigung, eine Komplizenschaft mit ihnen zu fühlen, wird immer wieder auf die Probe gestellt. Gleich in der ersten von insgesamt sieben fragmentarischen, lose miteinander verknüpften Szenen wird sie sogar sehr gründlich erschüttert, und auf diesem wiederkehrenden Erkennen und Erschüttern beruht im Wesentlichen die Wirkung des Stücks.

Über dem wohl größten Abgrund taumelt der Ex-Lehrer und Vertriebsangestellte David. Er träumte Jedermanns-Träume von schicken Autos und anderen Annehmlichkeiten und wurde darüber zum Verbrecher. Im E-Mail-Wechsel mit seiner neuen französischen Flamme Sandrine erfährt man, dass er in einem teuflischen Moment der Mörder seiner Frau Jess wurde. Jess war lieb, aber psychisch labil und vor allem völlig überschuldet. Ihr Selbstmordversuch kam David gelegen, nur musste er etwas nachhelfen.

Dramatisierende Kleinstbeigaben

Im Grunde besteht das Stück aus einer Reihe von zumeist dialogisch aufgefächerten Schuldbekenntnissen, die in direkter Ansprache an das Publikum vorgebracht werden. Die Regie hat damit zunächst einmal ein Problem, denn das Wesen des Textes ist, von den eingebauten Machtspielen zwischen den Figuren einmal abgesehen, erzählerischer, nicht dramatischer Natur.

Markus Dietz hat nun in Magdeburg gar nicht erst versucht, nachträglich ein Handlungsdrama mit Bildern zu erfinden. Er begnügt sich mit dramatisierenden Kleinstbeigaben per Videoeinspiel, einmal veranstaltet er ein Stimmengewirr. Ansonsten ist seine Inszenierung eine höhere Form der Lesung: Auftritt, Text, Gestenspiel – das ist alles. Trügen die Darsteller keine Kostüme, könnte man glauben, man sei versehentlich in ein Vorsprechen geraten.

Wer hier wen über die Runden bringt, der Text die Regie oder die Regie den Text, ist nicht ohne weiteres auszumachen. Aber es läuft. Überraschend sogar, welche Intensität in dieser Sparsamkeit, ja Nacktheit – und nichts anderes als nackt ist auch die Bühne von Ines Nadler, die als einziges Requisit den Stuhl kennt – immer wieder entsteht.

Die Leerstellen werden Ereignis

Wenn Axel Strohtman den angetrunkenen Modelagenten Duncan spricht, der die Nachtschwärmerin Debbie (Katharina Branktatschk) mit seiner aasigen Tour einwickelt und dabei doch auch ein grotesk-ehrliches Bild von Einsamkeit abgibt, hat der Abend einen besonderen Moment. Gnadenlos wird das Können des Darstellers offengelegt, und Strohtmann ist in seiner Rauheit und Abgedämpftheit wunderbar.

Wäre man der Intendant bei diesem Quasi-Vorsprechen, würde man auch gleich Nicole Lippold engagieren. Als bös' ins Jenseits beförderte Selbstmörderin Jess ist sie eine entschiedene Sachwalterin des Gefühls, immer irgendwie im Widerstand gegen die ewigen Zahlen im Kopf. Es ist ein schauspielerisches Ereignis, wie sie in den Rückblenden die Angriffe ihres Gatten David (ein Mann von aggressiver Verzweiflung: René Schwittay) abwehrt, wie sie um Wahrheit ringt und ihre emotionalen Leerstellen einkreist. Da ist das Spiel besser als das Stück, das einem doch auch ziemlich abgekartet vorkommen kann mit seiner Reklame wider den Kapitalimus.


Liebe und Geld
von Dennis Kelly, Deutsche Erstaufführung
Regie: Markus Dietz, Bühne und Kostüme: Ines Nadler.
Mit: Nicole Lippold, René Schwittay, Katharina Brankatschk, Cécile Guyomard, Isolde Kühn, Tabea Scholz, Joachim Bachmann, Christoph Hohmann, Axel Strothmann, Wolfgang Vogler.

www.theater-magdeburg.de

 

Hier können Sie lesen, wie die deutschsprachige Erstaufführung von Liebe und Geld in Basel verlief. Oder wie Markus Dietz George F. Walkers Das Ende der Zivilisation in Szene setzte, ebenfalls in Magdeburg.

 

Kritikenrunddschau

Voll des Lobes für diesen Abend ist Herbert Henning von der Magdeburger Tageszeitung Volksstimme (16.12.). Theater müsse unter die Haut gehen, müsse schmerzen, schreibt er, und das scheint Markus Dietz mit seiner Inszenierung gelungen zu sein. Mit dokumentarischer Genauigkeit beleuchte er in in sieben Szenen die tragische Ehegeschichte von Jess und David: wie Kaufsucht den Menschen und die Bindungen zwischen zwei Liebenden deformiere, Geld und Erfolgsdruck Menschen insgesamt pervertieren würde. Allerdings fordert das Collagenhafte der Inszernierung aus Hennings Sicht dem Zuschauer mitunter zuviel an eigener Kombinationsgabe ab. Auch bleibt für ihn trotz beeindruckender schauspielerischer Leistungen in den einzelnen Szenen ein "Rest an Kolportagehaftem". Allerdings können diese Einwände den guten Gesamteindruck nicht wirklich beeinträchtigen. "Lang anhaltender Beifall für einen nachdenklich stimmenden Theaterabend", protokolliert Henning am Schluß.

 

 

 
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