Sprechen wir übers Geld

15. November 2022. Nach 15 Jahren erscheint erstmals wieder ein Buch von Elfriede Jelinek in gedruckter Form, Titel: "Angabe der Person". Autobiographische Schnipsel lassen sich herauslesen, es geht ums Finanzamt, den eigenen Tod, die ungeliebten Eltern. Vielleicht ist es der zugänglichste, menschlichste Jelinek-Text der letzten Jahre.

Von Martin Pesl

15. November 2022. "Schlechte Wortspiele: Witzig oder nervig?", fragte derstandard.at jüngst anlässlich eines offiziellen Tages derselben (es scheint wohl der 12. November zu sein). Der Kalauer spaltet die deutschsprachige Welt in jene, die alles daran ablehnen, und jene, die ihn für die genuinste sprachliche Kunstform halten. Elfriede Jelinek gehört sicherlich zu letzterem Team. Seit mindestens 20 Jahren füttert sie es regelmäßig mit guten Argumenten.

Ausweis oder ausweisen?

Der neueste Streich der Literaturnobelpreisträgerin heißt "Angabe der Person", wirkt wie eine Verdichtung der These, dass Wortwitze eigentlich immer schon da waren, die Sprache sie sozusagen aus sich selber heraus generiert, wie eine sehr kluge KI. Jeder Absatz rattert von einem Wort zu einem nächsten mit ähnlicher Bedeutung oder ähnlichem Klang, der Sinn des Ganzen, der Inhalt wird dabei aber nie übergangen, sondern bestätigt, ja erst geschaffen, und daneben steht die Autorin achselzuckend und scheint zu sagen: Kann ich doch nichts für, dass "ausweisen" mehreres bedeuten kann, da wäre es ja eine Sünde, sich den Satz "Ich habe einen Ausweis, sie können mich also gar nicht ausweisen" zu verbieten.

Schon der Titel ist ein raffinierter Coup: "Angaben zur Person" müsste es im korrekten Bürokratiedeutsch heißen, wären damit die Details gemeint, die Elfriede Jelinek im Rahmen eines gegen sie geführten Ermittlungsverfahrens wegen Steuerhinterziehung anführen soll. Doch nein, es ist die Angabe der Person, die Person gibt an, sie gibt hier an mit ihrem sprachlichen Können, mit ihren Ahnen und mit ihrem historischen Wissen. Wobei sich die Person, hier ist reichlich ironische Koketterie im Spiel, gar nicht einkriegt vor Scham, weil sie einmal die Berufe der Nazis Baldur von Schirach und Arthur Seyß-Inquart durcheinandergebracht hat. Dieser Fehler dominiert das erste Viertel des Buchs.

Cover JelinekLaufbahn einer Autorin

Moment, Buch? Ja, es ist nach über 15 Jahren wieder ein Buch von Elfriede Jelinek in gedruckter Form erschienen. Der Rowohlt Verlag hielt den Text, der "ganz normal" als Theatertext am 16. Dezember 2022 im Deutschen Theater Berlin uraufgeführt wird (Inszenierung: Jossi Wieler), wohl einfach für geeignet, sich als eine Art Autobiografie zu verkaufen. Schließlich beginnt er mit "So, bauen wir mal meine Lebenslaufbahn".

Soll recht sein! Man liest eh zu wenig Jelinek, seit man sie immer hübsch bebildert vorgetragen bekommt. Formal handelt es sich bei "Angabe der Person" – dies ist bitte durchaus positiv, ja begeistert zu verstehen – um ein Jelinek-Werk wie jedes andere. Die Autorin vermanscht ein gesellschaftspolitisch relevantes Thema mit eigenen Problemen. Etwas anders ist vielleicht, dass das gesellschaftspolitisch relevante Thema diesmal nicht ein bestimmter medial präsenter Skandal ist (obwohl die Corona-Pandemie, diverse Schiebereien im Weltfußball und der Wirecard-Fall vorkommen), sondern ganz allgemein: Geld. "Ja, ich spreche vom Geld, ich spreche von nichts anderem, auch wenn ich von etwas anderem spreche."

Ausgangspunkt ist die schon erwähnte Steuersache, die Jelinek wohl zwang, eigene Unterlagen zu durchsuchen und ihre Korrespondenz Prüfern zur Verfügung zu stellen. Sie ist nicht Annie Ernaux, daher geht aus dem Text nicht klar hervor, worum es ging, aber es könnte damit zu tun haben, dass die österreichische Staatsbürgerin – auch – in München gemeldet war.

Die Angelegenheit ist mittlerweile erledigt, aber es hat etwas Prickelndes, sich vorzustellen, dass sogar ein so flüchtiges Wesen mit dem erhabenen Status einer Nobelpreisträgerin und dem Nimbus der Ungreifbarkeit – Jelinek lebt völlig zurückgezogen – sich mit trivialen Angelegenheiten des Fiskus beschäftigen muss. Man kann sich vorstellen, wie sie bei Worten wie "Freistellungsantrag" und "Doppelbesteuerungsabkommen" auf der Kalauer-Lauer liegt und rausholt, was geht. So fantasiert man lesend vor sich hin, bis man laut lachend von der nächsten bitterbösen Volte aufgeschreckt wird. Oder bis sie mittendrin ein "Oida" einstreut.

Familienchronik-Fragmente

Deportierte und emigrierte Onkel und Tanten sowie ihre ungeliebten Eltern kommen vor, denen sie – das betont sie mehrmals – nicht nachtrauert. Dass der Name Jelinek mit ihr sterben wird, macht ihr dagegen sichtlich zu schaffen. Dass sie selbst sterben wird, ebenfalls (sie lässt sich einen mit Solarenergie betriebenen Fernseher in den Sarg einbauen!). Als Familienchronik oder Autobiografie im landläufigen Sinne geht "Angabe der Person" dennoch nicht durch. Elemente ihres eigenen Lebens tauchen in ihrem Spätwerk häufig auf, aber so nahtlos in Medienbeobachtung und bitterböse Weltsicht eingeflochten, dass keine Rückschlüsse auf die Person möglich sind. So auch hier.

Aber womöglich ist "Angabe der Person" der zugänglichste, menschlichste Jelinek-Text der letzten Jahre. Sie ist altersmilde geworden, wenn auch keineswegs weniger brillant, humorvoll und scharfsinnig. Vor uns liegt ein Sprachkunstwerk, meilenweit entfernt von dem ausgefüllten Formular, das der Titel andeutet. Das Team Wortwitz dürfte durch die Lektüre keine neuen Mitglieder dazugewinnen. Die Hater werden haten. Selber schuld.

 

Angabe der Person
von Elfriede Jelinek
Rowohlt Verlag, 192 Seiten, 24 Euro

 

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