Der Gnade Heil

15. November 2022. Was sollen die Schweriner mit Dragqueens bei Wagner? Sollte man die Leute in Zeiten von Zuschauer:innen- und Aboschwund nicht mit etwas abholen, mit dem sie was anfangen können? Nicht, wenn Theater eine derart transformative Kraft entwickelt.

Von Georg Kasch

15. November 2022. Draußen ist Krise, drinnen in den Theatern füllen sich die Säle nicht mehr richtig, und manchmal ertappt man sich selbst bei dem Gedanken: Braucht's das alles noch, wenn selbst die stärksten Abende nicht voll werden? Dann zieht man doch wieder los und stolpert in erstaunlich viele Produktionen voll künstlerischer Kraft und neuer Erkenntnisse. Aber nichts, auch nicht die virtuos vollkommeneren Abende der letzten Monate, hat mich so berührt wie der "Tannhäuser" in Schwerin.

Eigentlich geht es in Richard Wagners Oper, in der er den Venusberg-Mythos mit dem Sängerkrieg auf der Wartburg mischt und kunstreligiös abschmeckt, um das romantische Liebesideal: Liebe, Leiden- und Partnerschaft, das muss doch alles zusammen zu haben sein! Nur scheitert's halt meist an den Verhältnissen. Das bleibt auch bei Regisseur Martin G. Bergers queerer Variante so. Während des Vorspiels werfen Schwarzweißbilder Schlaglichter auf Tannhäusers Kindheit und Jugend, seine pubertäre Dreiecksbeziehung zu Elisabeth und Wolfram. Einmal streift er am (Schweriner) See Elisabeths Kleid über, neugierig, verschämt. Ist Tannhäuser ein Crossdresser? Trans? Oder einfach unglücklich damit, in nur einem Geschlecht und seinen festgelegten Rollen zu stecken?

Dragqueens im Venusberg

Jedenfalls heiraten er und Elisabeth, bekommen Kinder. Doch dann reißt es ihn: Er verlässt seine Familie, verwandelt sich im Glitzer-Nachtclub Venusberg in eine Dragqueen. Allerdings ist er nicht gemacht für nur eine Welt. Also wischt er das Makeup wieder ab, wird – zurück im bürgerlichen Leben – von den alten Sänger-Kumpels sofort vereinnahmt. Er wehrt sich, bleibt aber wegen Elisabeth, die er offenbar immer noch liebt, zum Sängerfest, das hier so eine Art Nachbarschaftsfeierlichkeit an Bierbänken ist (ein Schild informiert: "Danke für 25 Jahre Kultur, Inklusion, Gemeinschaft"). Beim Contest um den besten Liebes-Lobpreis fällt er allerdings durch, weil ihn die anderen mit ihren aseptischen, nicht lebbaren Konzepten reiner Liebe derart anöden, dass er wieder mit Venus ankommt und der Sinnlichkeit – und zwar in Drag.

Tannhauser1 SilkeWinkler uIm Brautkleid: Heiko Börner als Tannhäuser in der Romerzählung © Silke Winkler

Klar, dass das die gesellschaftlichen Grenzen sprengt, Inklusion hin oder her. Jedenfalls muss Landgraf Hermann, Elisabeths Onkel, Tannhäusers Auftritt als unglaublichen Affront empfinden. Ist ja okay, dass Walther von der Vogelweide fremdgeht und Bitterolf und Heinrich der Schreiber was miteinander haben, solange das unauffällig passiert, sie angepasst bleiben, das System nicht ins Wanken bringen. Aber ein Familienvater, der gendermäßig in keine Schublade passt und in großer Robe aufrauscht?

Das klingt jetzt alles etwas schablonenhaft, ist aber derart überzeugend inszeniert, dass vielschichtige Charaktere entstehen, die man intuitiv begreift. Und doch habe ich mich früh beim Gedanken ertappt: Warum inszeniert Berger das nicht in Berlin? Was sollen die Schweriner damit, trotz aller Verweise (etwa in den Videos) auf die Stadt? Schwerin ist pittoresk schön, aber überschaubar, mit eher älterem, konservativem Theaterpublikum – und, wie nahezu überall, Zuschauer:innen- und Aboschwund. Sollte man die Leute deshalb nicht mit etwas abholen, mit dem sie was anfangen können? Dass die Inszenierung "irgendwas mit Gender" zu tun hat, hat sich längst herumgesprochen, und das gilt nicht unbedingt als Werbung.

Je länger ich aber in der Inszenierung saß und vom Klangrausch (fein ausbalancierte Chorkultur, teilweise hervorragende Solist:innen, selbst das Orchester groovt sich nach einem Rumpelstart irgendwann ein) wie von der so stringent überzeugend erzählten Geschichte in Bann genommen wurde, desto mehr dachte ich: Vielleicht muss man das gerade hier so erzählen, allen praktischen Erwägungen zum Trotz. Vielleicht reicht es ja, dass ein, zwei, drei Menschen denken: Das bin ja ich!

Tannhäuser und die heteronormative Ordnung

So jedenfalls ist es mir gegangen. Mit mir saßen da: der Junge im Kleid, der dafür in der Schule aufs Maul bekam. Der Jugendliche, der so lange dachte, er sei falsch und würde nie irgendwo ankommen. Der junge Erwachsene, der an eben diesem Haus zum ersten Mal das Gefühl hatte, richtig zu sein. Der dennoch raus aus der kleinen Stadt musste (die ja immerhin schon besser war als das Dorf), trotz Theater, erstem Kuss, erster Liebe. Und der lange nicht sah, wie dieses alte Leben und sein Dasein als queerer Mann fruchtbar zusammengehen könnten, ohne sich – zumindest temporär, für die paar Tage vor Ort – an die Regeln hier anzupassen.

Auch Tannhäuser lässt sich ja immer wieder von der heteronormativen Ordnung kriegen, teilt im Spiel seinem Sohn automatisch die Uniform, seiner Tochter das Kleid zu. Und lässt sich auf den Bußgang nach Rom ein, um Elisabeth nicht zu verlieren. Weil er dafür so lange braucht, sie ihn verloren geben, hat Elisabeth offenbar eingewilligt, Wolfram zu heiraten. Sie bringt’s dann doch nicht über sich (das ist ihr berühmtes Gebet). Wolfram bleibt allein am Altar zurück, wo als zweite Braut Tannhäuser auftaucht und seine berühmte Romerzählung als Sinnbild jeglichen gesellschaftlichen Spießrutenlaufs gestaltet (vielen Sängern geht hier die Puste aus, Heiko Börner, der anfangs mit den Tönen kämpft, dreht jetzt erst auf).

Und dann geschieht das Wunder. Weder Elisabeth noch Tannhäuser müssen sterben. Hier kommt – nach Venus‘ Intervention (Schwerin spielt die Dresdner Fassung) – Elisabeth wieder, die längst begriffen hat, dass sie ihren Mann nur dann in ihrem Leben halten kann, wenn sie ihn nimmt, wie er ist – und führt nicht nur ihn, sondern die ganze Venus-Gesellschaft in Drag einerseits und die Wartburggesellschaft andererseits zusammen.

Finale mit gesellschaftlicher Verschmelzung

Nicht alle können mit Wagners Musik etwas anfangen. Die, die es tun, wissen um seine berauschende wie transformative Kraft, die stärker ist als die kruden Gesellschafts- und Kunstbilder, die Wagner auch produziert hat (sein haarsträubender Antisemitismus ist ja nur die Spitze des Eisbergs). Wenn am Ende Drags und Schweriner:innen, Landgraf und Venus, Elisabeth und Tannhäuser jubelsingend an die Rampe schreiten, die Kinder mittendrin, und "der Gnade Heil", also: das Wunder der gesellschaftlichen Verschmelzung preisen, dann glaubt man wirklich: Ja, das kann funktionieren.

Es sind Momente wie diese, die mich daran erinnern, dass das Theater etwas verändern kann. Niemand hat das Haus in den Pausen verlassen, der Jubel war groß, gerade auch in der Silberrückenfraktion. Ich weiß natürlich nicht, ob die Produktion bei irgendjemanden im Publikum den Blick auf queere Menschen und die Gesellschaft verändert hat. Vielleicht aber reicht es auch, dass dieser „Tannhäuser“ immer noch in mir resoniert – und der Junge im Kleid in mir sich jetzt auch in Schwerin angenommen und angekommen fühlt.

 

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