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Ich hätte den Posten des Kotzbrockens zu vergeben ....

von Nikolaus Merck

5. Januar 2008. Kaum hat das Jahr mit der Premiere von Rimini Protokolls Breaking News im Berliner Hebbel am Ufer begonnen, wünscht sich ein Kommentator, die Zuschauer möchten mit Tränengas gegen dieses "Bionadebiedermeier der Avantgarde" vorgehen. "Authentisch bin ich selbst", langweilt sich ein anderer.

Der Rest sind offene Fragen: Wird das Authentische unecht, wenn es auf der Bühne präsentiert wird? Soll im Theater belehrt werden? Falls ja, unterhaltsam oder ernsthaft? Ist das Fernsehen blöd und das Theater klug? Warum benutzen fast alle KommentarschreiberInnen auf nachtkritik.de Pseudonyme?


13. Februar 2008.
Die Auswahl für's Theatertreffen 08 wird bekannt gegeben. Das Kommentarwesen auf nachtkritik.de treibt üppige Blüten: "Mainstream, langweilig, uninteressant, irgendwie Große Koalition" rufen die einen, andere machen darauf aufmerksam, dass auch die nachtkritik-Leser bei ihrer Auswahl für das nachtkritik-Theatertreffen nicht grundsätzlich anders entschieden haben. Sechs von den zehn Inszenierungen, die die nachtkritik-Leser nominierten, wurden auch von der Kritikerjury zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Trotzdem geben sich die Kommentatoren argwöhnisch: Wer sitzt in der Jury? Und warum? Wie kommt die Auswahl zustande? Geht es um Innovation oder Schiebung? Und warum zensiert nachtkritik.de die Kommentare, in denen über gute Beziehungen von Kritikern zu Regisseuren gemutmaßt wird?

21. Februar 2008.
In Luk Percevals Inszenierung der Penthesilea von Heinrich von Kleist laufen die Schauspieler bis zur Erschöpfung im Kreis. "Humorfrei" wie bei einer "Sekte", dafür "unfreiwillig komisch" bei den "Trimm Dich Szenen", ätzen erste Kommentar. Andre sind ergriffen, hatten "gewaltiges" Theater, gar "Krieg" oder wenigstens die Wiederauferstehung von Jimi Hendrix gesehen. Eine Kommentatorin dichtete gar kritisch beseelt die ganze Chose nach. Erwartungsgemäß beschimpfen sich die Diskutanten gegenseitig wahlweise als "Zahnarzt" oder als "Schaubühnen-Claque". Bezahlte Jubler: kaum ein zustimmender Kommentare auf nachtkritik.de entgeht dieser Anschuldigung.

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Totaler Braincrash

29. Februar 2008. Frank Castorf bringt Fuck off, Amerika, einen Roman von "who the fuck is Eduard Limonow" auf die Bühne. "Castorfs Gegenfaust" schreibt die Nachtkritikerin, leidet unter "zäher Wirrnis" und träumt von einer starken Dramaturgenhand und mehr Durchblick. Die Kommentare sprudeln, schließlich ist "Fränkie" Liebling der Massen, aber mitten hindurch durch das Publikum geht der Riss enttäuschter Liebe. Die einen wenden sich angeödet und degoutiert zum x-ten Male vom Castorf ab, die anderen sehen in tiefster Dunkelheit, die für nicht wenige den Namen Kastrinidis trägt, einen Silberstreif der Hoffnung auf Wiederbelebung der Volksbühne am Horizont. Handelt es sich hier, fragen sich die Leser, um "Scheitern auf hohem Niveau" oder um irgendetwas zwischen "Punk und Friedhof"? Oder ist die Theaterlandschaft jenseits des Berliner Rosa-Luxemburg-Platzes sowieso "verspießert" und Castorf die einzige real existierende Hoffnung für das Theaterwesen?

21. März 2008.
In den sophiensaelen zu Berlin feiert ein hochkarätig besetzter Onkel Wanja in der Regie von Thorsten Lensing und Jan Hein Premiere. Natürlich sehen sich die Kommentatoren herausgefordert, diese repräsentative Off-Produktion mit der umjubelten Aufführung von Jürgen Gosch (die später von Theater Heute zur Aufführung des Jahres gekürt werden wird) zu vergleichen. Die Schauspieler, schreibt einer, "spielen mit Leib und Seele." – Nun ja, wendet der nächste ein, mit sonst nichts? Josef Ostendorf, freut sich ein anderer, zeige als Wanja nicht einfach "Matthes-mäßiges Ableiden", sondern den "totalen Braincrash". Das begeisterte Für und echauffierte Wider wogt eine Weile hin und her, es hagelt persönliche Beleidigungen, dass der Webmaster kaum mit der Säuberung hinterher kommt.

In der Regel erscheinen alle bekannten Namen unter den Absendern von Kommentaren in Anführungszeichen. Schließlich kann jeder behaupten, er sei Peter Zadek oder Frank Castorf. Deshalb bemüht sich die Redaktion von nachtkritik.de, jedesmal nachzuprüfen, ob es sich bei Frank Castorf oder Peter Zadek in Anführungszeichen nicht vielleicht doch um die authentischen Träger dieser Namen handelt. Denn auch so etwas kommt vor. So etwa griff Theresia Walser (ohne Anführungszeichen) im Mai in die Auseinandersetzung um den Vortag von Joachim Lux Vortrag bei Theatereffen ein, William Forsythe erhob höchstselbst die Stimme im November in der Diskussion über sein I don't believe in outer space.

4. April 2008. Einen besonderen Tanz führten einige weithin bekannte Theaternamen auf, nachdem Claus Peymann mitteilen ließ, er habe entschieden, noch bis 2011 dem Berliner Ensemble vorzustehen. Das rief die Kollegen in Anführungsstrichen auf den Plan: inspiriert vom großen König Claus spielen sie alle zusammen auf der nachtkritik-Wiese das Intendanten-Dramolett.

"Sebastian Hartmann" (in Anführungszeichen von dieser Website gar nicht wegzudenken), dichtete wortgewaltig Peymann an ("Mensch, alte Strandhaubitze …") und erfreute mit Funkelsteinen aus seinem Zitatenschatz: "Es ist und bleibt der blasse Neid ein Todfeind der Zufriedenheit ("Gunter Sachs")." Claus Peymann (in Anführungszeichen) handelte mit Hartmann Inszenierungen aus, mit denen die beiden erst Berlin, dann Leipzig "zugrunde richten" wollen. Frank Castorf (in Anführung) forderte von "Schwiegersöhnchen" Hartmann "revolutionäre Disziplin" oder wenigstens die Rückgabe seiner Brille.

"Rolf Hochhuth", mit übergehängter Jacke, antichambrierte bei Castorf wegen der Aufführung des "Stellvertreter" und bekam von Hartmann einen Stückauftrag für Leipzig; "Matthias Hartmann" drohte aus Zürich die nachtkritik-Seite aufzukaufen, "Sebo" Hartmann schließlich bot einem Kritiker des Dramoletts ("daran geht die nachtkritik zugrunde") wenn schon nicht Prügel, so doch wenigstens den Posten eines Kotzbrockens am Leipziger Theater an.

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Bildet Banden!

18. April 2008. "Kämpferisch ignoriert" habe die Regisseurin Mareike Mikat den Heckmanns-Text Ein Teil der Gans schreibt der Nachtkritiker nach der Heidelberger Premiere und würde das Nachwuchstalent am liebsten bei Wasser, Brot sowie Peter Steins "Wallenstein" als Dauervideoschleife einsperren und Mikat danach zu weiteren zehn Jahren Assistenz bei Peymann verurteilen. Eine erbarmungslose Fantasei. Offensichtlich zu Recht mutmaßen Kommentare, dass der Kritiker "Probleme" hat mit der Regisseurin.

Manche wissen aber auch: der Autor ist überschätzt. Seine Stücke floppen überall. Einige erschreckt die Schärfe der Kritik, andere begrüßen sie schärfstens, und alle stürzen sich lustvoll auf den allerersten Kommentar, der unbedacht von einer "adäquaten" Inszenierung des Stückes sprach und damit die immer lauernde Werktreue-gibt's-nich'-Verkündigungsbereitschaft des nachtkritik-Publikums aufstachelte. Es gibt auch eine konstruktive Idee: Könnte der Suhrkamp-Verlag den Stücktext nicht online stellen? Dazu schweigt man bei Suhrkamps hochmögend.

7. Mai 2008.
Joachim Lux, Chefdramaturgus des Burgtheaters und designierter Vorsteher des Hamburger Thalia Theaters, bestimmt in einem Vortrag beim Berliner Theatertreffen die Position des Gegenwarts-Theaters. nachtkritik.de veröffentlicht das ungekürzte Manuskript (fast so lang wie Steins "Wallenstein"). Die Folge: die ausgedehnteste Diskussion des Jahres.

"Es hat, von wenigen Ausnahmen wie Elfriede Jelinek abgesehen, schon lange kein neues Stück gegeben, das in der Öffentlichkeit einen bedeutsamen Rang gehabt hätte. Die wesentlichen ästhetischen Impulse kommen schon seit geraumer Zeit nicht vom Text", behauptet Lux und kreidet der Gegenwartsdramatik mangelnde "Welthaltigkeit" an. Warum, fragt er, gibt es Welterfolge wie Daniel Kehlmanns "Vermessung der Welt", aber nichts Vergleichbares auf dem Theater. Auf "Schreibwerkstätten" und "Dramatikerwettbewerbe" setzt Lux dabei keine "großen Hoffnungen": "Diese Institutionen sind für den Eigensinn, den das bräuchte, nicht geeignet."

Jetzt schlägt die Stunde von Theaterverlegern und Dramatikerlobbyisten. Das gesuchte "große Stück" das "700 oder 800 Leute interessieren könnte" (Lux), sei doch längst geschrieben, behauptet ein Berliner Verleger und nennt gleich einige Positionen aus seinem aktuellen Hausprogramm.

Der weibliche Kopf der sogenannten Battle-Autoren, die die Stellung der Dramatiker im deutschen Theatersystem verbessern wollen, fragt, was denn "Notwendigkeit" und "Kraft von Theater" ausmache: "Die Dichtung, denke ich als Autorin." Warum, fragt diese selbstgewisse Autorin weiter, sollten "AutorInnen immer vom Theater lernen, warum niemals das Theater von den Autoren?" Fürwahr, wer das Theater nicht als Literaturtheater begreift, dem stehen hier alsbald die Haare zu Berge.

Ein anderer Autor etwa, immerhin schreibt er unter Klarnamen, fordert mehr Liebe zu Beckett, zum Text – vor allem wohl zu seinen Texten, die er entstellt findet vom "Fleischwolf" Theater. Derweil vergnügt sich die kompakte Majorität anderweitig. Sie erstellt Listen mit "zu Unrecht ungespielten Stücken aus den letzten zehn Jahren".

Aber was macht eigentlich einen Theatertext bedeutsam? und kann es sein, dass "Verbrennungen" von Wajdi Mouawad, Erfolgsstück der Saison 2007/08, ein solcher welthaltiger, relevanter, dabei für die Zuschauer überaus attraktiver Text ist, fragen sich einige, die auf konkrete Ergebnisse des Diskurses hoffen.

"Bildet Banden!" empfiehlt einer gegen den anschwellenden Jammergesang der versammelten Autorenschaft: Nebenbei erfährt man, wieviel ein international erfolgreicher Autor (80.000 bis 100.000 Euro) und wieviel ein national häufig gespielter Autor (ca. 8.000 Euro) im Jahr verdienen. Einer singt das hohe Lied auf die Freiheit des freien Autors, aber wir erfahren auch, dass ein "lange ungespielter Autor" sich schließlich "eine Autorin erfunden hat (eine von den jungen hübschen, denen es so gut geht)". Weil die Fiktive zu Festivals eingeladen ward, musste der unglückliche Ungespielte jemanden finden, der die Rolle seiner Ausgeburt übernehmen konnte. Und fand eine Marketingfachfrau! 20 Prozent Beteiligung an den Tantiemen plus Spesen kostet ihn das.

Am Ende hat sich Lux' erklärtermaßen zuversichtliche Bestandsaufnahme durch die Diskussion ins Gegenteil verkehrt: alles ist "Missstand", "Verkarstung", "Übersubventionierung", wahlweise "Unterforderung und Unterförderung" – alles ist schwer, und die Gewissheit schält sich heraus, dass weder ein subventioniertes und förderndes noch ein Marktsystem verlässlich "große Dramatik" hervorbringen. Bleibt uns also nicht anderes übrig, als auf das nächste dramatische Genie zu hoffen?

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Die Causa Elmar Goerden

9. Mai 2008. Kaum hat Joachim Lux in Berlin seinen Vortrag gehalten, tritt ein besonderer Liebling des nachtkritik.de-Publikums in Bochum mit Ödön von Horváths Geschichten aus dem Wiener Wald in Erscheinung. Warum der Bochumer Intendant Elmar Goerden unter den Lesern von nachtkritik.de so besonders umstritten ist, kann vielleicht nur ein Insasse des Ruhrpotts verstehen. Doch jede einzelne seiner Arbeiten löst heftige Diskussionen aus. "Wie eine Bleiente" versenke sich das Bochumer Schauspielhaus, lautet gleich die erste Reaktion auf die Nachtkritik, die versucht hat, das Für und Wider der Inszenierung differenziert zu betrachten. Die Enttäuschung benennt die Nachtkritikerin genau: "Dieser Regisseur, der mit genauer Stückanalyse und fundierter Textarbeit bekannt geworden ist, misstraut dem Text und rettet sich in krampfhafte Erfindung".

Unter den Kommentatoren gibt es eine militante Befürworter-Fraktion der Inszenierung, die ohne zu zögern den Kritikern im Allgemeinen und der Nachtkritikerin im Besonderen Voreingenommenheit und den Vorsatz, Goerden niederzuschreiben, unterstellen. Gründe warum und wieso es an dem sein sollte, werden – naturgemäß – keine angegeben. Die Chöre der Goerdenistas jubilieren: "Danke für die tollen Inszenierungen, lassen Sie sich nicht unterkriegen", und die Berliner Redaktion beschleicht das mulmige Gefühl, irgendetwas nicht mitgekriegt zu haben. Hagelt und blitzt es über Goerdens Haupt wirklich nur deshalb, weil er sich dem "Zeitgeistschwadronieren" nicht anpasst, wie einer mutmaßt? Wie war das aber mit den Comic-Einlagen im "Wiener Wald"? Sieht so Widerstand gegen den Theater-Zeitgeist aus?

30. Mai 2008.
Obwohl sich das Bochumer Publikum mit standing ovations im Schauspielhaus und Zustimmung in den nachtkritik-Kommentaren überwiegend FÜR Goerden ausspricht, findet der Mann selbst sich nicht mehr haltbar und kündigt seine Demission in Bochum mit Vertragsende im Sommer 2010 an. Auch hier, insinuieren die Verbohrten, habe selbstredend die Politik, die nachtkritik.de betreibe, zu dieser Entscheidung beigetragen. Oh Herr, schmeiss Hirn …! Weil die Nachtkritikerin es auch noch wagt, den Auftritt Goerdens, bei dem er seine Nichtverlängerung erklärt, als Inszenierung kenntlich zu machen, ruft einer zum Boykott von nachtkritik.de auf, weil man dort nichts anderes täte, als die "ohnehin schon hysterische Institution Theater weiterhin und bis ins endgültig Hirnlose zu hysterisieren".

Doch die Leser haben längst ein neues Spiel begonnen. Enthusiastisch und anhaltend werfen sie Namen (fast ausschließlich von Männern) in die Diskussion, die sie für die Bochumer Nachfolge empfehlen. Der Aufforderung, den umstrittenen aktuellen Intendanten einmal näher vorzustellen, kommt nachtkritik.de mit einem Interview nach, das Christian Rakow mit Elmar Goerden im Malersaal des Theaters führt. Zwei Wochen später wird Anselm Weber, Schauspielchef im benachbarten Essen, zum Nachfolger Goerdens in Bochum ernannt.

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Er denkt das Polydings nicht mit!

18. September 2008. Und dann endlich tritt ER selber in den Ring, der Liebling aller nachtkritik-Kommentatoren: Sebastian Hartmann startet seine Leipziger Intendanz im Centraltheater mit dem fünfstündigen Triptychon Matthäuspassion: "Toller Abend, toller Anfang", tönt der erste Kommentar, meinungsfroh und Argumente-arm. Der Applaus wird gemessen (12 Minuten) wie bei den Peymännern, und genau wie CP zögern auch die vielen Sebastian Hartmänner in Anführungsstrichen nicht, mit Spruchweisheiten – "Der Stein der Weisen sieht dem Stein der Narren zum Verwechseln ähnlich ("Friedrich Schorlemmer")" – zu renommieren und sich zur Verteidigung des Namens Hartmann ins alsbald brodelnde Kommentargetümmel zu schmeißen. Am Ende eines Dialogs zwischen "gott" und "Sebastian Hartmann", in dem der Herr "Basti" empfiehlt, sich in die Psychiatrie zu begeben, weist "Hartmann" Gott von sich: "Wo warst Du, als mir mein Romeo um die Ohren gehauen wurde?"

Danach melden sich die Kritiker: Lawinky als "langweiliger Knacker im Konflikt mit gar" nichts, "schöne Brüste" retten Hartmann den Abend, "Tittytainment", "Frauenfeindlichkeit", "einfallslos", "banal", "Blut- und Wasserschlachten sind doch vor 10 Jahren schon vorbei gewesen", Ratlosigkeit, Castorf-Epigonentum. Alles wirke, schreibt einer, "Konzept-huberisch aufgebläht, bleibt aber merkwürdig unkonkret und esoterisch". Die Befürworter sahen die Bilder gelingen, erlebten ein "Beben", ein Theater, "in dem die Luft brennt", mit "sehr klaren, starken frauenrollen", ein "musikalisch-visueller Augenschmaus". Heftige Auseinandersetzungen zwischen angeblichen Alt- und Neu-Leipziger Theaterangehörigen enden versöhnlich mit einer Verabredung "bei Mutter Nitzschner".

Weil der Run auf das neue Centraltheater ausbleibt, melden die Kritiker, von ihren Gegnern als "Ex-DDR-Kulturmob" beschimpft, regelmäßig die miese Auslastung (die unter der früheren Intendanz allerdings keinen Deut besser war). Und weil es hoch her und häufig unter die Gürtellinie geht, wird nachtkritik.de aufgefordert, die offene Forumspolitik zu überdenken, zu beenden. Ultimativ. Jetzt. Denn in seiner jetzigen Form, schreibt ein "Forumsfalter" völlig zutreffend, ist das nachtkritik-Kommentarwesen "nicht wahrheitsfähig".

2. Oktober 2008.
Sebastian Hartmann legt mit Publikumsbeschimpfung, der Übertragung einer vier Jahre alten Hamburger Inszenierung, nach: "Nachdem ich 'Publikumsbeschimpfung' gesehen habe, halte ich es für möglich, dass Leipzig durch das Centraltheater ein neues Selbstbewusstsein gewinnt, was dieser Stadt zu wünschen wäre!" – "Eine große Inszenierung, die den Spagat zwischen komischstem Slapstick und tiefster Bewusstmachung bravourös meistert und eine Flut an eindrucksvollen Bildern desorbiert, die das Handke-Zitat vom Bildverlust als schmerzlichstem Verlust, als Weltverlust, auffängt."

"Desorbiert, hä?", fragen die Verächter, werfen Sebo Hartmann "insiderhaftes" und "eitles" "Thesentheater" vor. Auch wenn "Publikumsbeschimpfung" eher positiv aufgenommen wird: Der Publikumszuspruch ist mau, der Druck steigt erkennbar, die Mitarbeiter jammern ("Ich lass mich von Euch nicht fertig machen"). Verschwörungstheorien und Freund-Feind-Denken, auch sonst bevorzugte Perspektiven der Welt-Wahrnehmung im nachtkritik.de- Kommentarwesen, haben Hochkonjunktur.

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Er denkt das Polydings nicht mit!, Teil II

30. Oktober 2008. Nach Hartmanns Macbeth, diesmal eine Übertragung aus Magdeburg, maulen die ersten, der Provokation müden Diskutanten: "Nach den ersten zehn Minuten gab es einen Penis, gellende Schreie, multimediale Untermalungen und einen Hund. … Schade, ich hatte mich schon so auf den neuen Wind (im Leipziger Schauspiel) gefreut." Auf der Bühne stirbt ein nackter schottischer Than, der eine Thanin ist, ein Kommentar fragt: Wieso gibt es eigentlich immerzu diese Langeweile- oder Scham-Bekundungen bei Nacktszenen, "als würde sich ein Kinobesucher darüber beschweren, dass nach 100 Jahren Westernfilm die Cowboys noch immer schießen?". Und warum schreien die hier alle so?. Dabei, schreibt ein "bayrischer franke", braucht man doch gar nicht immer alles zu verstehen, bei so "schönen Bildern".


23. Oktober 2008.
Wir halten noch immer in Leipzig. Nach Jürgen Kruses Don Juan kommt es zu einer bemerkenswerten Kritik an der Kritik durch einen ebenso wortgewaltigen wie deutungssicheren "Fan nicht vom Fach": Dylan statt Stones, Molières nicht Brechts Planwagen, "Hausaufgaben nicht gemacht", lauten die Vorwürfe. Ob der Mann Recht hat – dem Publikum ist's wurscht, es fragt nicht lange und verpasst der "beleidigten Leberwurst aus der dritten Assistenzreihe" erst einmal eine volle Breitseite: "Polyvalenz, statt falsch und richtig", "unabschliessbarer Deutungsprozess", informiert sein: bitte ja, vieles kennen: bitte ja, aber welcher Kritiker könne alle CDs, Filme, alle vorherigen Arbeiten eines Regisseurs gehört und gesehen haben?

Der so Gerüffelte antwortet überraschend versöhnlich: Siehste, "deswegen habe ich mich doch so aufregen müssen über die Kritik in diesem Forum, weil sie dieses Polydings nicht mitdenkt!" Weil der Nachtkritiker "SEINE Lesart als 'gesetzt' formuliert und keinen Spielraum für Alternativen zu lassen scheint". Unversehens demonstriert das nachtkritik.de-Kommentarwesen, was sich für Kritiker und Publikum geändert hat, seit die Leser auf die Kritik direkt antworten können. als "gesetzt" kann sich hier keine Ansicht, keine wie auch immer begründete Meinung verstehen, begründete Einrede ist immer möglich.

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"Die Revolution des Herrn Lösch"

24. Oktober 2008. Im Herbst erregen sich auch in Hamburg die Gemüter. Am Ende seiner Auseinandersetzung mit dem Marat-Stück von Peter Weiss lässt Regisseur Volker Lösch im Deutschen Schauspielhaus Namen von in Hamburg wohnhaften Millionären verlesen. Die Senatorin hätte am liebsten – Freiheit der Kunst! Freiheit der Kunst! – verbieten lassen, das Publikum spaltet sich, die Provokation ist geglückt. nachtkritik.de fasst die Debatte in der Öffentlichkeit in fünf Akten zusammen und bildet zugleich die Plattform für ein eigenes Kommentar-Tänzchen: während sich die einen über Sonderrechte für Reiche aufregen, weil die Betroffenen vorab erfahren hatten, was Lösch plante, winken andere den "billigen und schlaumeierischen Populismus", dieses "Theater auf Peter-Sodann-Niveau" genervt ab.

Die Klügerdenker werfen Lösch "brachiale Dummheit" vor, "ist doch bloß Theater, allerdings Theater, das Spaß macht" und gar nicht so anders als beim Brecht, schreibt ein Verteidiger. Wie gut Löschs Provokationen gedeihen, liest man in solchen Kommentaren: "die revolution von herrn lösch würde wie man an seiner arbeit deutlich sehen kann in widerlichster brutalität und stumpfester dumpfheit enden" und auch "der Osten" liegt gleich wieder hinter der Elbe bei Hamburg: "die arbeit solcher revolutionäre war gerade 40 jahre lang im osten dieses landes zu besichtigen." Natürlich verwahrt sich der echte Osten umgehend gegen derlei Unterstellungen.

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Krisengeflüster

6. November 2008. Nach der Premiere von Kean nach Dumas dem Älteren in der Volksbühne am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz tanzen die Frank Castorf-Fans auf den Straßen: Endlich! Fränkie is back, wie er leibt und rockt! Der Nachtkritiker will die überfällige Demontage des Denkmals Heiner Müller in der Inszenierung gesehen haben. Ein eloquenter Kritiker des Kritikers greift an: auf so etwas können nur "theaterferne Personen" wie Kritiker verfallen: eine Stunde lang spielen, "nur um den Text zu zerstören". Ha! Lächerlich! Der Kritiker wehrt sich, der Kritiker des Kritikers besteht darauf, dass Hamletmaschine als integraler Teil von "Kean" von Castorf gegen die vom Neoliberalismus verwüstete Sozialität der Gesellschaft in Stellung gebracht worden sei und Menschen zeige, die, "nur noch einen rudimentären Austausch haben", weshalb sie "zurückfallen auf kindliche Schichten der Psyche".


21. November 2008.
Eine neuerliche Volksbühnen-Diskussion hebt an, als sich das Theater zwei Wochen nach der "Kean"-Premiere, am 21. November in einer Presseerklärung gegen das "Krisengeflüster" verwahrt, das dem Theater angesichts eines eklatanten Zuschauerrückganges seinen Niedergang andichten wolle. Eine Neuerfindung dauere eben eine Zeitlang. Aufmunternde Zurufe richten die Kommentatoren an den Inhaber des Krisenherds: "Frank Castorf ist der Erzeuger der permanenten Krise, der Dekonstrukteur der Darstellung. Weitermachen und nicht auf das Geschwätz der Affen auf den Bäumen hören !!!" Während die Kritiker ihm Verschleiß seiner besten Schauspieler und Dramaturgen und anschließende brutal-kapitalistische Entsorgung derselben vorwerfen. Nicht nur die Vorgehensweise, auch die künstlerischen Substanzverluste werden bedauert. Bei all dem wird man das Gefühl nicht los: Die Hoffnung, das dieses lange so einflussreiche Theater wieder künstlerisch triftige Arbeiten vorlegen möge – diese Hoffnung stirbt zuletzt.

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Es müsste Frühling sein

6. Dezember 2008. Die Kritiker in nah und fern schlagen nach der Premiere von Frühlings Erwachen am Nikolaustag im Berliner Ensemble fast ausnahmslos die Hände überm Kopf zusammen. Und die Nachtkritik-KommentatorInnen? "Stellt Kerzen auf!", bitten welche um Gnade. Ach was, kommt prompt die Entgegnung: "Versteht denn keiner von diesen affigen, auf fast debile Weise 'mit der Materie ringenden' Damen und Herren aus der Presse, dass Peymann auf eine höchst erfreuliche und uneitle Weise als Regisseur in den Hintergrund tritt, um schlicht ein großes THEATERSTÜCK auf die Bühne zu stellen..?"

Hier ist er, der Tropfen, der das Fass der Modernisten zum Überlaufen bringt: "Warum macht man denn Theater? Wenn man in diesem Stück keinen modernen Ansatz findet, kann man getrost abdanken", postet einer. Möglicherweise wolle Peymann ja ein "Claus Peymann-Theatermuseum" eröffnen, stößt ein Zweiter nach, bevor ein Dritter wohlmöglich eine der zahlreichen Gretchenfragen formuliert: "Kritiker, die in 'Frühlings Erwachen' sitzen, kennen das Stück, haben mindestens zwanzig Inszenierungen gesehen, wollen es nicht noch einmal 'vom Blatt' sehen. Für einen Zuschauer, der das Stück das erste Mal sieht, mag die Peymann-Inszenierung viel intensiver und direkter sein als jeder moderne Ansatz."

Aber mit derart Salomonischem wollen sich die Peymann-Kritiker nicht zufrieden geben. Peymann, insistiert ein Redaktionsmitglied von nachtkritik.de, biete keine "ernstzunehmende Darstellung der pubertierenden Jugendlichen mit all ihren Nöten, Hoffnungen und Obsessionen", nur "kindisches Rumgehampel und inbrünstige Schauspielergesten". Auch diese Präzisierung löst jedoch nur das unvermeidliche Lieblingsargument der Theaterkonservativen aus: "Ich finde es absolut nicht ehrrührig, dass es in Berlin ein Theater gibt, wo man Stücke so sehen kann, wie sie einmal gedacht waren."

Die Stücke machen, wie sie gedacht waren?: "woher wisst ihr denn, wie es von Wedekind gedacht war?" ätzt einer folgerichtig, gesteht aber bemerkenswerterweise zu, dass es wohl "a sort of Konsens" gebe, "wie texttreues Theater aussieht". Doch innerhalb dieser Richtung existiere eben auch eine große Spanne zwischen "Patrice Chéreau und Luc Bondy, die Charaktere psychologisch stimmig und genau inszenieren", hin zu Claus Peymann, der "halt Text aufsagen lässt, aber keine genauen Charaktere rendern kann".

Ein Zuschauer stellt sich und den andern eine weitere Gretchenfrage: "Wie kommt es eigentlich zu dieser überraschenden Diskrepanz zwischen Kritikermeinungen und Publikumszuspruch in Sachen BE. Das ist doch wirklich interessant, daß es ein offenbar ein Publikum gibt, das das BE liebt und die Kritiker es fast unisono hassen." Die Antwort muss vielleicht offen bleiben. Kurz vor Tores- und Jahresschluss reitet dann mit dem unvermeidlichen Uli Wahl noch ein alter Bekannter auf den Hof um 10 Stationen für sein neuestes Werk "Das Peymann-Stück" zu hinterlegen.

Dann war auch auf nachtkritik.de Weihnachten.