Das Virtuelle ist real!

20. November 2022. Wie überflüssig die Unterscheidung zwischen "digital" und "analog" ist, bestätigte gerade das hybride Salzburger "Open-Mind"-Festival in logistikpannenfreier Konsequenz. Die künstlerischen Beiträge zum Thema "Berührung" loteten die Möglichkeiten von VR-Experiences aus, ohne dem Immersionsversprechen der Virtuellen Realität auf den Leim zu gehen.

Von Sophie Diesselhorst

20. November 2022. Die ARGEkultur Salzburg liegt in der digitalen Steppe. Wenn ich sie im virtuellen Raum von Mozilla Hubs betrete, ist von einer Stadt-Umgebung keine Spur. Aber sonst sieht das virtuelle Gebäude von außen fast genauso aus wie sein physisches Vorbild, 2005 als Neubau auf dem Gelände des Salzburger unabhängigen Kulturzentrums fertiggestellt. 17 Jahre lang hatte es einen Saal und ein Studio, jetzt wurde mit dem Hybrid-Festival "Open Mind Digital Body" eine weitere Spielstätte eröffnet: das Digitale Foyer, erreichbar über die Eingabe eines Links in den Browser. Es sieht aus wie der neue Foyer- und Eingangsbereich, der den Bau demnächst erweitern soll und derzeit noch im Planungsstatus ist.

Und klick: Das virtuelle Kulturzentrum hat auch ein Innenleben, wo vom 16. bis 19. November eine Medienkunst-Ausstellung mit Arbeiten vierer Salzburger Künstler:innen lief und allabendlich unter dem Titel "Hybrid Realms" Talks stattfanden, in denen mit Expert:innen aus verschiedenen Kultur- und Wissenschaftsbereichen der Mehrwert der Digitalisierung fürs Kulturleben erkundet wurde. Dass sie sowohl der Kunst als auch der gesellschaftlichen Verständigung neue Möglichkeiten eröffnet, die diese dringend nötig haben, daran glaubten alle, die hier digital und analog versammelt waren. Die meisten von ihnen sind allerdings auch selbst mit der Erkundung dieser Möglichkeiten beschäftigt: Die Veranstaltung hatte den Charakter eines produktiven Netzwerktreffens.

Die Kompetenz der Avatare 

Sowohl das "Showcase" als auch die Gespräche fanden gleichermaßen im physischen ARGEkultur wie im Digitalen Foyer statt. Die beiden Orte waren fürs Festival gleich gestaltet. Schaute man also im Digitalen Foyer auf die große Projektionsfläche, wo der Stream aus dem analogen Raum lief, konnte man fast das Gefühl haben, in den Spiegel zu gucken, nur dass dort Menschen aus Fleisch und Blut in ihren unterschiedlichen Körper und Kleidern saßen, während hier uniforme Avatare schwebten – lediglich seine Farbe konnte man sich draußen am Eingang aussuchen. Dafür stand über jedem Avatar groß und deutlich der Name der Person, die er:sie verkörperte: ein Zugänglichkeits-Punkt für die virtuelle Ebene.

OpenMind AnalogFoyerDas analoge Foyer beim "Open-Mind"-Festival in der ARGEkultur Salzburg © ARGEkultur Salzburg / Screenshot sd

Für die Gestaltung und technische Ausführung der neuen virtuellen Spielstätte zeichnen die Mozilla Hubs-Spezialisten Nils Corte und Roman Senkl alias minus.eins verantwortlich, und das Digitale Foyer erntet die Früchte der Erfahrung, die minus.eins in der Corona-Zeit mit Mozilla Hubs gesammelt haben. Die Räume waren übersichtlich und gut navigierbar, aber vor allem war das Onboarding vorbildlich organisiert, vom Erklärvideo bis zu aufmerksamen Veranstalter:innen; stets stand ein kompetenter ARGEkultur-Avatar bereit, um technisch Überforderten oder Verirrten den Weg zu weisen.

Unter diesen Bedingungen war es auch tatsächlich mal total plausibel, dass die anwesenden Diskutant:innen sich alle vehement einig darin waren, dass wir die Unterscheidung "analog" und "digital" hinter uns lassen müssen. Ein Claim, der auf solchen Netzwerk-Veranstaltungen stets regiert, aber dann doch oft von nicht funktionierender Digital-Logistik Lügen gestraft wird. Wobei es natürlich stimmt, dass Hybridität für uns Smartphone-Benutzer:innen längst alltäglich ist, wie der Soziologe Uli Meyer am Mittwochabend sagte und den Claim auch nochmal verfeinerte: Es sei "Quatsch", der virtuellen Kopräsenz einen geringeren Realitätsgehalt zuzusprechen als der physischen. "Das Virtuelle ist real." Ein neuer Claim, der in der Engführung der beiden Ebenen in dieser neuen hybriden Spielstätte einen Sinn bekam dadurch, dass die Gestaltung der beiden Ebenen so gut durchdacht ist. Der einzige größere "Unfall" des Festivals war ein weltweiter Mozilla Hubs-Servercrash am Donnerstag, höhere Gewalt.

OpenMind DigitalFoyerDas digitale Foyer beim "Open-Mind"-Festival in der ARGEkultur Salzburg © ARGEkultur Salzburg / Screenshot sd

Natürlich haben solche Ereignisse "höherer Gewalt" durchaus mit den Machtstrukturen im Digitalen zu tun. An diesen Machtstrukturen arbeiteten sich die Panels auch immer wieder ab und kamen dabei natürlich stets auf Mark Zuckerbergs "Metaverse", das allenthalben ordentlich gebasht wurde, unter anderem von Uli Meyer als "langweiliger, besorgniserregender, hyperkapitalistischer Abklatsch, wie sich Leute im Silicon Valley unsere Welt idealtypisch vorstellen". Interessant daran war in diesem alternativen Salzburger Kontext vor allem, dass dieser Kontext ja tatsächlich vor allem in seiner Hybridität einen Gegenentwurf darstellt. Zuckerberg träumt von der totalen Immersion, davon, dass das Metaverse unser Haupt-Aufenthaltsort wird. Das Virtuelle also quasi die EINZIGE Realität wird. Mit den Beinen in zwei Welten, wie in Salzburg im physischen UND digitalen Foyer, lässt sich das dialektische Denken mutmaßlich besser kultivieren.

Die Macht der Fiktion

Dieser Philosophie folgen auch die vier Medienkunst-Arbeiten, die im "Showcase" des Festivals sowohl im physischen als auch im Digitalen Foyer ausgestellt waren, Arbeiten, die aus einem von minus.eins mentorierten "Media Art Lab" im Frühjahr dieses Jahres hervorgegangen sind. Vier Salzburger Künstler:innen beschäftigten sich erstmalig mit den technischen und künstlerischen Möglichkeiten von VR-Experiences, und das größtenteils, ohne dem Immersionsversprechen der Virtuellen Realität auf den Leim zu gehen.

Alle beschäftigten sich mit dem Thema "Berührung", das im virtuellen Raum natürlich abstrakt bleiben muss – worin eine Chance für die Kunst liegt, wie zum Beispiel Felix Ludwigs Video-Arbeiten demonstrierten, die wie in einer Galerie tableau-artig angeordnet waren: die Chance, unstillbare Sehnsüchte zu erzeugen. Da reckte sich zum Beispiel eine Hand der Betrachterin entgegen, wie um angefasst zu werden; in einem anderen Video kehrt Ludwig das Prinzip um und lässt Kakteen um einen Stacheldrahtzaun kreisen. Ausgestellt wird mit diesen Bildern die Macht der Fiktion in unserer Vorstellungswelt – ob es eine einladende Fiktion ist oder eine bedrohliche. Auch in Lisa Hinterreithners "immersiver Installation" "The Shell" schweben blauflauschige Buchstaben, die zur Berührung einzuladen scheinen, und setzen sich folgerichtig zu einem Zärtlichkeits-Imperativ zusammen: "Tender from now on".

OpenMind FelixLudwig2Noli me tangere: Felix Ludwigs Festivalbeiträge loten die Chancen der Kunst im virtuellen Raum aus © ARGEkultur Salzburg / Screenshot sd

Interaktivität versuchen die beiden Arbeiten von Yvonne Schäfer und Ursula Schwarz. Schäfer lädt die Besucher:innen jeweils in Zweierteams ein, mit ihr Orte zu erkunden, an denen sie sich bedroht fühlt, weil andere Körper entweder ab- oder zu nah anwesend sind. Die dunkle Parkgarage, die nächtliche Straße, die öffentliche Toilette, der Aufzug. Orte, mit deren Wahrnehmung als "unangenehm" sich wahrscheinlich die meisten verbinden können. Und die man, so die Erkenntnis dieser Arbeit, auch in der virtuellen Erkundung als unangenehm wahrnehmen kann; als mein "Partner" in der Parkgarage angeschwebt kommt mit dem warmen Lichtkreis, der seinen Avatar umgibt, bin ich erleichtert. Am Ende wird jede:r nach ihrem eigenen "unangenehmen Ort" gefragt, die Orte der anderen sind nachzulesen im letzten Raum, wo die eben betretenen Orte noch einmal kulissenartig herumstehen, der Immersion also die aufklärerische Froschperspektive entgegengesetzt wird.

Im Loop der Berührungen

Mit Abstand die aufwändigste und gleichzeitig auch wirkmächtigste, ja poetischste Arbeit kommt aber von Ursula Schwarz, die die Besucher:innen in "BRHRNG" um die kurze Beschreibung einer Berührungs-Erfahrung bittet. Die Beschreibungen werden mittels Motion Capturing innerhalb von ein paar Minuten auf einen Avatar übertragen und im "Museum der Berührungen" digital archiviert. Über den Wolken schweben einsame Avatare auf einzelnen Plattformen und exerzieren im Loop die Berührungen, die ihnen eingeschrieben worden sind. Man sieht nur die Berührten, nicht die Berührenden. Das Wort vom "physical distancing" fällt einem wieder ein, und gleichzeitig ist kein besseres Bild vorstellbar für die Sehnsucht nach, ja die Notwendigkeit der physischen Berührung, und für die erste Lockdown-Phase der Pandemie, in der Berührung auf einmal so rar wurde. Kein besseres Bild als dieses komplett virtuelle, virtuell erzeugte und ausgestellte Bild.

Die Netztheater-Kultur, die aus Corona entstanden ist, blüht derzeit eher klein und vereinzelt. Zu groß ist die Freude über die Rückkehr ins Analoge, ist gleichzeitig auch die Besorgnis über den Schwund des analogen Publikums und dementsprechend die Konzentration auf seine Rückgewinnung. Umso verdienstvoller ist dieser – übrigens ohne Drittmittel-Förderung finanzierte – Vorstoß der ARGEkultur in den hybriden Theaterraum, zumal er ja nicht nur auf dieses eine Festival begrenzt war, sondern das Digitale Foyer weiter als Spielstätte bereitsteht und auch das Media Art Lab auf eine nachhaltige Förderung digitaler Kunstprojekte hin konstruiert ist. Auf dass die digitale Steppe (weiter) besiedelt wird.

Open Mind Festival
16.-19.11.2022 in der ARGEkultur Salzburg und ihrem Digitalen Foyer
Mit der Talk-Reihe “Hybrid Realms” und einem Showcase der Künstler*innen des MEDIA ART LAB mit Arbeiten von Lisa Hinterreithner, Yvonne Schäfer, Ursula Schwarz und Felix Ludwig.
Festival-Kuration: Theresa Seraphin, Sebastian Linz

www.argekultur.at

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