Chief Bromden im Thüringer Wald

27. November 2022. Irgendwo im Thüringer Wald liegt das fiktive Städtchen Kana, dessen Bewohner von Neonazis terrorisiert werden. Auch Wölfe tauchen auf. Florian Herscht fühlt sich über den Dingen stehend und fällt am Ende tief. Alejandro Quintana bringt  László Krasznahorkais Romanstoff als abgründigen Heimatschwank auf die Bühne.

Von Matthias Schmidt

27. November 2022. Wann hat man das schon mal, dass ein Stück in unmittelbarer Nachbarschaft zu dem Ort uraufgeführt wird, an dem es spielt? "Fegefeuer in Ingolstadt" wurde zuerst in Berlin gespielt, nur mal als Beispiel. László Krasznahorkais Roman trägt im Titel die fiktive Postleitzahl 07769 und spielt in Kana. Das reale Kahla bei Rudolstadt hat die 07768. Nennt man das im Theater auch Heimspiel?

In weiten Teilen jedenfalls hat Regisseur Alejandro Quintana es so inszeniert. Die regionale Zeitung wird auffallend oft erwähnt, dazu die wichtige Bundesstraße B88 mit der bei den ganz Rechten als Symbol beliebten Doppel-8. Genau wie im Roman, und doch ist, was auf der Bühne des Rudolstädter Stadthauses zu erleben war, in großen Teilen sehr nah an den Zuschauerinnen und Zuschauern der thüringischen Stadt dran, manchmal zu nah.

Erste Halbzeit

Die erste Aufgabe löst das Rudolstädter Team bravourös: es galt, den einen, nicht enden wollenden Satz, aus dem Krasznahorkais punkt- und kapitelloser Roman besteht, in eine bühnentaugliche Handlung zu übersetzen. Funktioniert hervorragend. Auf der Bühne nimmt eine 21-köpfige Kleinstadt-Gesellschaft Aufstellung und beginnt, den Ort Kana zu verklären: als Heimatidylle, in der man gut und gerne lebt. Dass das nicht ganz stimmt, ist schon an den Kulissen zu erkennen: verwitterte Säulen umranden die Bühne. Der Lack ist ab, sozusagen. Der Ort hat bessere Zeiten gesehen. Ein Akkordeonspieler (Uwe Steger als "ramponierter Engel" ist, obwohl er meist mit seinem Instrument am Rande sitzt, der eigentliche Star des Abends – herausragend!) gibt die Stimmung vor.

Herscht07769 3 Anke Neugebauer uDüstere Provinz: Auch Wölfe tauchen auf ... © Anke Neugebauer

Sie ist leicht melancholisch, Bach klingt an, das DDR-Lied Uns‘re Heimat. Man erwartet nun poetisches Theater, eine Stilisierung, eine Handlung in Zeitlupe, so könnte es werden. Wird es aber nicht. Bis zur Halbzeit, um im Bilde zu bleiben, wird naturalistisch vorgeführt, was in einer Kleinstadt in Thüringen an der Tagesordnung ist. Klischeehafte Nazis, deren Boss ein bachverliebter Kleinunternehmer ist. Wegschauende Bürger vor allem und, ja, einzelne Engagierte. Einmal sogar ein Ausflug in die Untiefen des Agit-Prop, wenn ein "Kana ist bunt"-Plakat gen Publikum gehalten und in den Raum gefragt wird: "Und du, wo warst du?" Zu erleben ist ein Heimatschwank, der seine didaktische Ausrichtung laut vor sich herträgt.

Zweite Halbzeit

Dass der Abend schließlich doch mit großem Jubel endet, ist zu einem erheblichen Teil der zweiten Halbzeit zu verdanken, die Krasznahorkais Buch, das seinen Realismus eben nicht plakativ präsentiert, sondern hinter Poesie und Form versteckt, deutlich näherkommt als die erste. Gleich zu Beginn erklingt der Song Damals von Bärbel Wachholz, einer der Hits der jungen DDR, und die bis dahin als Stereotypen agierenden Stadtbewohner zeigen jetzt im Grunde zum ersten Mal wirklich Emotionen. Sie leiden an Kana, sie vereinsamen in Kana, das "nachts nicht den Eindruck eines Ortes (machte), an dem die Menschen schön ruhig schliefen, sondern den eines, aus dem man schon weggezogen war". Die Tristesse ostdeutscher Kleinstädte wird spürbar, und dass nun alle (auch die Nazibande) Paare bilden und zu diesem Song miteinander tanzen, ist ein großartiges Bild dafür.

Der Unterschied-Spieler

Der die Wahrheit über Kana sagt, ist Florian Herscht. Mit ihm hat Krasznahorkai einen dieser Helden erfunden, deren Anderssein einen klareren Blick auf die Welt ermöglicht. Florian ist ein bärenstarker, aber geistig etwas zurückgebliebener junger Mann, eine Mischung aus Forrest Gump und Chief Bromden aus "Einer flog über das Kuckucksnest“. Ein Heimkind, von allen abgeschrieben, etwas schwer von Verstand, wie man früher sagte. Der Briefe an Angela Merkel schreibt, weil er den langsam dement werdenden Physiklehrer Köhler und dessen Theorien vom Urknall als nahendes Ende der Welt missverstanden hat.

 Herscht07769 1 Anke Neugebauer uTitelheld Florian Herscht (Franz Gnauck, links) und Frank Lienert-Mondanelli © Anke Neugebauer

Franz Gnauck als Florian ist ein Zentrum der Inszenierung, noch einmal im Fußball-Jargon: der Unterschied-Spieler. Der gute Mensch von Kana, der am Ende erkennt, dass er von allen ausgenutzt wurde, vor allem von der Nazi-Gang um den "Boss", dem er widerspruchslos folgte, den er in seiner Naivität für einen anständigen Mann hielt. Nachdem er sieht, dass diese Nazis zu den Waffen greifen, die Tankstelle anzünden, den brasilianischen Pächter und seine Frau töten, verliert er jede Gutmütigkeit und wird zu einem wilden Tier. Das Ende ist apokalyptisch, verrätselt, verstörend, und dennoch ist es ein Genuss, Franz Gnauck bei diesem Wandel zuzuschauen.

Nachspielzeit

Was nun auf der Bühne in Gang gesetzt wird, ist eine Gewaltspirale, befeuert von den fremdenhassenden Kleinstadt-Nazis, nicht rechtzeitig gestoppt von den Bürgern der Stadt. Ein Thema, das zuletzt auch in Lukas Rietzschels Widerstand (Schauspiel Leipzig) und Mit der Faust in die Welt schlagen bearbeitet wurde. Wie Rietzschel sucht auch Krasznahorkai nach den Gründen, den Motivationen, und doch ist "HERSCHT 07769" das Gegenteil von "tagesaktuell". Es ist eine düstere Menschheits-Analyse, Wölfe tauchen auf, als Graffitis und auch real – eine Allegorie des Bösen im Menschen? Dass das Theater etliche Gedenkstelen in der Stadt mit Wolfs-Hussen abgedeckt hat, sorgte im Stadtrat für Aufsehen.

Herscht07769 1 Anke Neugebauer uReichkriegsflagge und Nazihaarschnitt im Nebel © Anke Neugebauer

Ja, es geht auch um die Nazis im Ort, aber das Bild, das Krasznahorkai zeichnet, ist größer und komplexer: es ist wie Werner Tübkes Bauernkriegspanorama, ein facettenreiches Sittengemälde, ausgebreitet anhand eines kleinen, abgehängten Ortes, den niemand kennt. Der überall liegen könnte und überall inszeniert werden, vielleicht sogar freier als hier, wo die Stück-Wirklichkeit direkt vor der Theatertür beginnt. Den Zauber und die Raffinesse des Romans strahlt die Uraufführung in Rudolstadt nur in wenigen Szenen aus. Was sie alle Male ist – eine große Ensembleleistung (inklusive einem Chor, der gerne mehr singen und sprechen hätte können), wie sie in Rudolstadt nicht oft zu erleben sein dürfte.

Herscht 07769
nach dem gleichnamigen Roman von László Krasznahorkai in der Übersetzung von Heike Flemming. Spielfassung des Theaters Rudolstadt
Regie: Alejandro Quintana, Bühne und Kostüme: Andrea Eisensee, Musik und Arrangements: Uwe Steger, Choreographie: Catalina Tello Aranguiz, Dramaturgie: Michael Kliefert.
Mit: Franz Gnauck, Frank Lienert-Mondanelli, Anne Kies, Markus Seidensticker, Verena Blankenburg, Ute Schmidt, Laura Bettinger, Michael Goralczyk, Franka Anne Kahl, Johannes Arpe, Jochen Ganser, Rayk Gaida, Benjamin Petschke, Johannes Geißer, Marcus Ostberg, Jakob Köhn, Kathrin Horodynski, Catalina Tello Aranguiz, Majd Barakat, Thomas Voigt, Uwe Steger.
Premiere am 26. November 2022
Dauer: 3 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.theater-rudolstadt.de


Kritikenrundschau

Mit "eindrucksvollen Bildern" und einem "hervorragenden Akkordeonisten" habe das "große Ensemblestück" in kurzweiligen drei Stunden Premiere gefeiert, schreibt Ulrike Kern in der Ostthüringer Zeitung (28.11.2022). "Mit Bravour meistern die Rudolstädter Schauspieler diesen Stoff, der sehr nah an den Zuschauern dran ist, weil er quasi vor der eigenen Haustür spielt. Eine bemerkenswerte Leistung, die in ihrer Wucht und Wirkung nicht oft zu erleben sein dürfte."

"Eine Theatervorstellung, die hier den virulenten Rechtsradikalismus so offensiv und wütend auf die Bühne bringt, ist ein Statement", schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (19.12.2022). In Rudolstadt habe bei der Bundestagswahl 2021 fast jeder Dritte den Kandidaten der AfD gewählt. Für Intendant Steffen Mensching sei "Herscht" die wichtigste Inszenierung der Spielzeit, so Laudenbach, auch wegen der "eigenwilligen literarischen Vorlage", die "keine forsche Antifa-Parole, sondern eine ratlose Tiefenbohrung in die kollektive Verunsicherung einer thüringischen Kleinstadt" sei. Regisseur Alejandro Quintana lasse seine Inszenierung "völlig ironiefrei" mit einem Engel beginnen, der Musik von Bach spiele; dann drängten sich die Nazis in den Roman und die Theateraufführung, "als wollten sie beweisen, dass auch die schönste Musik nicht vor Hassgestalten schützen kann". "Politisch engagiertes Theater in einem Ort wie Rudolstadt bedeutet: Nahkampf für die Demokratie", so Laudenbach. Der Bürgermeister besuchte die unter Polizeischutz stattfindende Premiere, in deren Vorfeld der Intendant beschimpft und eine Scheibe des Theaters eingeworfen worden seien.

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