Bösenachtgeschichten

30. November 2022. Das Kollektiv Darum widmet sich dem Skandal um Misshandlungen in österreichischen Kinderheimen. In ihrer performativen Installation begegnet das Publikum dem Grauen. Und steht am Ende selbst vor einem moralischen Problem.

Von Martin Thomas Pesl

30. November 2022. Vor zwölf Jahren deckte ein "Kurier"-Journalist systematische Missstände in Kinderheimen von den Fünfzigern bis in die Achtziger auf. Unzählige Opfer von Misshandlungen und Schlägen mit oft lebenslangen Folgen meldeten sich, eine Kommission wurde eingesetzt, Entschädigungen wurden gezahlt, das Parlament hielt einen Staatsakt ab.

So weit die Fakten, grob zusammengefasst. Die Gruppe Darum hat sie alle gesammelt und sich der Mammutaufgabe gestellt, sie in ihrer Komplexität irgendwie würdig zu vermitteln. Das Wiener Kollektiv, gefeiert für sein Debüt "Ungebetene Gäste" aus dem Jahr 2019, las Berichte, kramte in Archiven, sprach mit Betroffenen und Historiker:innen. Ko-Regisseur Kai Krösche verfasste auf Basis der Recherchen selbst Texte, zudem gaben er und seine Kollegin Victoria Halper bei vier namhaften Autor:innen Kurzgeschichten in Auftrag.

Womit wir bei der ersten Besonderheit von "Heimweh" wären, dabei, was daran verstört, auch nervt, letztlich aber einfach stimmt: Statt das historische Unrecht – das sich hinlänglich nachlesen lässt – kühl zu benennen, wird es vielsagend angedeutet, literarisch interpretiert, poetisch bebildert. So entwickeln die verschiedenen Narrative in den Köpfen der Zuhörenden ein Eigenleben.

Nachts in der Uni

Schauplatz der Performance-Installation ist das WEST, eine Art Kultur-Pop-up in der ehemaligen Wiener Wirtschaftsuniversität. Im ersten Stock des kurios aus der Zeit gefallenen Gebäudes hat Bühnenbildnerin Andrea Meschik sechs Räume sorgsam als Kirche, Archiv, Museum eingerichtet, ohne ihnen den Charakter verlassener Seminarräume komplett zu nehmen. Hier werden pro Abend 30 Zuschauer:innen in drei so genannten "Versuchen" durchgeschickt.

HEIMWEH2 Viktor MetykoVon Beruf "Kind" © Viktor Metyko

Nur im ersten agieren Live-Performer:innen, es sind vier Kinder im Alter von acht bis zwölf. Die tragen Schlafanzüge, spielen aber keine geschundenen Heimkinder. Dafür tun sie sehr viel anderes, zum Beispiel Antragsformulare für Entschädigungszahlungen verlesen ("Beruf: Kind", vorgetragen wie eine Gruselgeschichte, parallel dazu die glockenhelle Stimme eines Mädchens, das Kirchenlieder singt: großartig) und Geschenkpakete mit Ledergürteln verschnüren (auweia!). Mit herrlich kruden Tiermasken führen sie ein sarkastisches Krippenspiel auf, in dem Maria einen Jungen gebiert, vom Kindsvater rausgeworfen wird, keinen Job findet und den Sohn ins Heim gibt.

"Definieren Sie Gewalt!"

Dann haben die Kinder Feierabend, fürs Publikum geht es aber erst richtig los. Wer fand, dass die Eckpunkte des Heimskandals bisher hinter geschliffenen Sprachbildern aus Kindermund verschwommen blieben, wird vom zweiten "Versuch" versöhnt, weil ausführlich informiert. Freilich geht auch hierbei ästhetische Vollkommenheit vor: Über einen Innenhof hinweg präsentiert sich durch die Fenster des gegenüberliegenden Raumes ein Videokunstwerk: Silhouetten von Menschen vor realen und animierten Hintergründen.

Dazu erklingen Szenen aus Kopfhörern, die Aspekte des Themas beleuchten: dass die Polizei es allzu leichtfertig akzeptierte, wenn die Heimleiterin das "Gerede" entflohener Kinder von "nächtlichen Handlungen" für Unsinn erklärte; wie sich ein Betreuer herauszureden versucht ("Definieren Sie Gewalt!"); oder wie zwei amerikanische Wien-Touristinnen aus Wikipedia erfahren, dass ihre ach so prunkvolle Unterkunft ein ehemaliges Horrorkinderheim ist. Mittendrin eingebaut ein bizarres Archivfundstück aus 1952: Entertainer Heinz Conrads besucht ein Heim und wirbt dafür, die "Prachtexemplare von Madln und Buam" nach dem Film in Pflege zu nehmen. Ein Kinowerbespot.

Gute Nacht, Buam und Madln!

Das schon vorher begonnene Spiel mit Dunkelheit und Müdigkeit treibt der dritte "Versuch" auf die Spitze. In den schon bekannten Räumen sind nun bequeme Liegesäcke verteilt, mit Decken, schummrigen Lampen und Radiogeräten. Hier nimmt man Platz und hört in den letzten eineinhalb Stunden nacheinander die vier Prosatexte, jeweils von einem Stimmprofi eingesprochen und durch Licht und Musik kongenial in ihrem zunehmend einschläfernden Charakter unterstützt.

Entstanden auf Basis von Recherchematerial, nehmen alle Texte die Perspektive eines Heimkindes ein. Die literarische Qualität schwankt, doch darauf kommt es nicht an. Entscheidend ist das perfide Dilemma der bequem daliegenden Besucher:innen: Das Gesamtbild suggeriert, dass wir einschlafen dürfen. Die späte Stunde macht, dass wir das wollen. Aber den einstigen Horror anderer als wohlige Gute-Nacht-Geschichte missbrauchen? Geht gar nicht!

So zwingen Halper/Krösche das Kinderleid dem Publikum auf, in es hinein, wie herkömmliches Dokumentartheater es nie könnte. Ihre Umkreisung der Katastrophe ist umfassend, vielfältig, reflektiert und so schaurig schön, dass sich dagegen Widerstand regt. Doch sogar die Strafe für den eigenen Perfektionismus erlegen sich die beiden selbst auf: Sie entlassen uns in die Nacht, ohne unseren verdienten Applaus empfangen zu haben.

 

Heimweh
Eine performative Installation von Darum
Uraufführung
Texte: Kai Krösche, Emre Akal, Thomas Arzt, Hannah Bründl, James Stanson, Regie: Victoria Halper, Kai Krösche, Bühne: Andrea Meschik, Sounddesign: Arthur Fussy, Kai Krösche, Video: Victoria Halper, Dramaturgie: Armela Madreiter
Mit: Christoph Löblich, Ida Marie Metyko, Elyas Seidi, Dora Staudinger (Premierenbesetzung) bzw. Isabel Fernández, Christoph Lackner-Zinner, Clara Lackner-Zinner, Lilian MacGregor,
den Stimmen von Susa Lisa Böhm, Florian Bösel, Victoria Halper, Franz Hammerbacher, Paul Hüttinger, Christopher Hütmannsberger, Armin Kirchner, Robert Koukal, Kai Krösche, Rita Landgrebe, Armela Madreiter, Andrea Meschik, Alina Schaller, Zeno Stanek, Renee Wagner, Anna Watson, Anton Widauer
sowie von Andrea Eckert, Sandy Lopičić, Susanne Konstanze Weber, Eduard Wildner
und den Silhouetten von Arthur Fussy, Victoria Halper, Aliza Karn, Armin Kirchner, Kai Krösche, Andrea Meschik, Lukas Meschik, Martin Meschik, David Rosenberg, Markus Seereiter, James Stanson
Premiere am 29. November 2022
Dauer: 4 Stunden 10 Minuten, zwei Pausen

www.darum.at

www.wuk.at


Kritikenrundschau

Der letzte Teil hätte straffer ausfallen können, findet Michael Wurmitzer in Der Standard (30.11.2022), "dennoch beeindrucken die vier Stunden." Formal zeige sich "Heimweh" "so einfalls- und abwechslungsreich, wie es inhaltlich bedrückend und informativ gelingt, ohne zu erschlagen".

"Das Kollektiv 'Darum' findet für das Grauen eine so durchdachte wie auch erstaunlich zarte Umsetzung, die das Leid keineswegs ausspart, die Opfer aber nicht voyeuristisch ausstellt", lobt Petra Paterno in der Wiener Zeitung (30.11.2022). "Mit einer Dauer von vier Stunden ist "Heimweh" etwas zu lang geraten, vor allem gegen Ende franst es etwas aus, aber dennoch ist es ein szenisches Ereignis, das man so schnell nicht vergisst."

 

 

 

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