Die Erfüllungsgehilfen

von Esther Slevogt

Berlin, 17. Dezember 2008. Einmal an diesem Abend wirkt die Bühne tatsächlich fast wie von Geisterhand belebt. Zunächst hatte Falco Ewald, Ton-Techniker am HAU, eine antike Windmaschine auf die Bühne geschoben, wo man den Sturm noch von Hand (also per Kurbel) erzeugt. Seine Kollegen Frieder Bars, Ralf Krause, Ruprecht Lademann und Wolfgang Lehmann sind an anderen vorzeitlichen Illusionsmaschinen zu Gange, um die entsprechende Sturm- und Gewittergeräuschkulisse herzustellen.

Die Tontechnikerin Kirsten Rusche, im Privatleben auch Kampfsportlerin, boxt gegen dünne Metallsoffitten, die an Zügen vom Schnürboden herabgelassen worden sind. So entstehen schrille Donnertöne, während das bewegte Metall im Scheinwerferlicht zuckende Blitzeffekte erzeugt. Zwischendurch geht immer wieder der Vorhang auf und zu. Geschlossen blähen sich die gewaltigen Stoffmassen in den Zuschauerraum, insgeheim natürlich von einer zeitgenössischen Windmaschine bewegt. Und an dieser Stelle geht das Konzept des Abends beinahe auf – wirklich einmal die ganze Illusionsmaschine Theater völlig vom Inhalt befreit in Bewegung zu setzen.

Geheimwissen im Dunkel des Theaters

Schade nur, dass es der Performance-Gruppe Showcase Beat le Mot nicht wirklich darum ging, den Baukasten des Theaters in aller Spiel- und Entdeckerlust vorzuführen, sondern dass sich die vier Abstämmlinge des Gießener Instituts für angewandte Theaterwissenschaften zum zehnjährigen Bestehen ihrer Formation ein dünnes Konstrukt ausgedacht haben, um ihre Arbeit an der Entzauberung der Illusionsmaschine Theater in Szene zu setzen und sich dabei selbst hübsch herauszuhalten: um lediglich am Ende in feinem Zwirn zum Applaus vor den Vorhang zu treten.

Statt sich nämlich selbst auf Entdeckungsreise durch die schier unendlichen technischen Möglichkeiten der Bühne zu begeben, wählten sie fünf Bühnentechniker und eine Ton- und Videotechnikerin als Erfüllungsgehilfen ihrer Theaterfantasien aus. Denn Bühnentechniker, so die Showcase-Arbeitsthese, hätten im Laufe der Zeit im Dunkel ihrer Arbeitsplätze – wo sie nicht nur das Entstehen der Aufführungen während der Proben, sondern auch ihr Funktionieren während des Vorstellungsbetriebes verfolgen – geheimes Wissen über das Theater selbst angesammelt, das es zu entdecken gilt.

Historische Ausflüge

Mit großer Geste, die im Nachhinhein allerdings einen unangenehm paternalistischen Beigeschmack bekommt, haben die Showcase-Herren die Techniker nun zur Feier des Tages ins Licht der Bühne geholt. Kenntlich wurden sie hier trotzdem nicht. Darunter immerhin eine Figur wie Frieder Bars, der, nach einem halben Berufsleben als technischer Leiter des Hamburger Schauspielhauses unter Ivan Nagel und Niels Peter Rudolph, der erste technische Leiter der Hamburger Kampnagelfabrik war, deren Geburtswehen er von Anfang an miterlebte.

Doch statt seine eigene Geschichte mit dem Theater zu erzählen und sein Wissen auszubreiten, hat er Text. Text, von dem man oft nicht weiß, ob er authentisch ist. Nicht dass seine theaterhistorischen Ausflüge in die Geschichte der Bühnentechnik uninteressant wären. Aber sie verströmen auch immer einen Hauch von Volkshochschule, weil man nicht weiß, ob er selbst oder durch ihn hindurch das Regiequartett spricht.

Sturm und Gewitter im Wasserglas

Schwierig auch, als auf der Bühne eine berühmte Performance des amerikanischen Komponisten Alvin Lucier, "I am sitting in a room" von 1970 nachgestellt wird. Lucier, der sich auch mit den physikalischen Bedingungen der Entstehung von Klang auseinandersetzte, hatte damals live einen Text ("I am sitting in a room different from the one you are in now....") über Lautsprecher in einen Raum gesprochen und den Klang zusammen mit den hinzugekommenden Resonanzfrequenzen des Raums auf Band aufgenommen. Diesen Vorgang wiederholte er so oft, bis der Text durch die Akkumulation der Resonanzen unkenntlich geworden und an die Stelle ihrer Semantik die musikalische Qualität der Sprachlaute getreten war.

Im HAU tritt nun Frieder Bars ans Mikrophon, spricht statt Luciers Original einen Caliban-Text aus dem 3. Akt von Shakespeares "Sturm". Doch dieser Sturm entfesselt sich nicht, sondern verursacht lediglich ein müdes Rauschen in einer Box, die links auf dem Proszenium steht.

Fremdbestimmte Fantasien

Das ist symptomatisch für den gesamten Abend, der versucht, den Technikern eigene Fantasien über das Theater zu unterstellen und dabei kaum transparent macht, dass dies im Grunde Projektionen der Regisseure sind. Es fehlt der Mut, die Dinge auszuerzählen – weshalb etwa Wolfgang Lehmanns flüchtiges Zitieren des Sicherheitsverordnungsdschungels, der die Herstellung jeder Theaterillusion auch zum Gegenstand einer komplexen Bürokratie macht, gar keine Chancen hat, sein schlummerndes kafkaeskes Potenzial zu entfalten. Wahrscheinlich durfte er auch nicht mehr, weil Showcase es lustiger fand, dass Lehmann als Kind daran glaubte, in der Untermaschinerie des Theaters würden Zwerge die Drehbühne bewegen. So wirken die Akteure seltsam fremdbestimmt.

Nur an einer Stelle werden die sechs überhaupt als Individuen kenntlich: sie gehen durch eine freistehende Tür wie durch einen Flughafen-Scanner. Dabei entsteht jeweils ein Bodyscan, gibt es eingesprochene, schüttere biografische Informationen. In Wirklichkeit interessiert sich der Abend so wenig für sie, dass sogar der Name von Frieder Bars im Programmheft falsch (mit h) geschrieben ist.


On#nO - Stromsturm für Elektra
von Showcase Beat le Mot
Inszenierung: Thorsten Eibeler, Dariusz Kostyra, Veit Sprenger, Nikola Duric. Mit: Frieder Bars, Falco Ewald, Ralf Krause, Ruprecht Lademann, Wolfgang Lehmann, Kirsten Rusche.

www.hebbel-am-ufer.de
www.showcasebeatlemot.de

Mehr über Showcase Beat le Mot: Ihr hoch gelobter und mittlerweile viel getourter Räuber Hotzenplotz entstand im März 2007 am Berliner Theater an der Parkaue.

Kritikenrundschau

Es sei zwar eine gute Idee, findet Patrick Wildermann im Berliner Tagesspiegel (19.12.), mit den Technikern einmal die wahren Experten des Bühnenalltags ins Rampenlicht zu stellen. Leider aber gelingt es aus seiner Sicht dem Showcase-Quartett nicht, "im Gegensatz etwa zu Rimini Protokoll, eine gute Doku-Idee auch in ein funktionierendes dramaturgisches Konzept zu überführen". Der Abend sei eine Nummernrevue mit Höhepunkten und Durchhängern, keine Erleuchtung.

"Entstanden ist etwas Faszinierendes", meint hingegen Diane Sellenmerten in der Berliner Morgenpost (19.12.). Das Publikum lerne nicht nur, was den deutschen Vorhang vom griechischen unterscheide ("der wird seitlich zugezogen, der deutsche fällt von oben"), sondern auch, "dass der erste Scheinwerfer - kohlebetrieben - kräftig dampfte". Es werde vor allem gut unterhalten.

 

 
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