Arlequin in der Welt der Großkopferten

von Willibald Spatz

München, 21. Dezember 2008. Was macht ein relativ junger Regisseur, wenn er gebeten wird, ein relativ altes Stück in einem relativ alten Theater einzurichten? Er durchwühlt das alte Zeug und schleppt das, von dem er glaubt, dass man es heute noch brauchen könnte, auf die Bühne. Jan Philipp Gloger hat sich mit seinen letzten Inszenierungen den Ruf erarbeitet, im Knacken von Klassikern hervorragend zu sein. Für das Publikum des Augsburger Stadttheaters machte er unlängst sowohl den "Clavigo" als auch "Emilia Galotti" leicht zugänglich. Jetzt in München war "Die Unbeständigkeit der Liebe" von Marivaux dran.

Damit sich kein Schauspieler an verstaubten Textungetümen abquälen muss, hat der Dramaturg Georg Holzer das Stück neu übersetzt und in eine tadellos fließende, heutige Sprache gegossen. Das Cuvilliés-Theater glänzt und prunkt von innen, die Bühnenbildnerin Franziska Bornkamm setzt die Süßlichkeit der Umgebung auf der  Bühne fort: Sie hat dort ein riesiges Blumenfeld errichtet mit einem unendlichen blauen Horizont.

Liebe oder Gucci?

Den Bruch dieser Harmonie besorgen dann die Akteure. Der Prinz, gespielt von Dirk Ossig, sitzt lässig in einem Gartenstuhl, lässt sich mit verschiedenen Reissorten bewerfen, um zu testen, welche am besten zu seiner Hochzeit passt. Seine Bedienstete Flaminia steckt in einem Kostüm und hat blitzschnell den Flipchart zur Hand, um Strategien zu erklären. Keine Frage, das sind Menschen aus dem 21. Jahrhundert, die ihr Kreuz mit der Liebe genauso haben wie die im frühen 18.

Das Problem: Der Prinz will Silvia heiraten, ein Mädchen aus dem Volk. Silvia liebt Arlequin und interessiert sich überhaupt nicht für den Prinzen. Also lässt der beide an seinen Hof holen, um ihnen zu beweisen, dass ihre angeblich so große Liebe nichts wert ist, wenn sie erst mal konfrontiert sind mit den Reizen des Hofs, der großen Welt. Wie verführt man heutzutage junge Menschen vom Land? Arlequin bekommt vom Diener Trivelin eine Stereoanlage, einen Flachbildfernseher und ein Mountainbike vorgeführt, bevor er ein bisschen schwach wird bei feinem Essen.

Diese billige Anbiederung könnte gewaltig in die Hose gehen, wenn den Arlequin nicht Tomas Flachs Nóbrega spielen würde. Er schafft es tatsächlich, den burschikosen Arbeiterjungen in der Jeansjacke, den es in die Welt der Großkopferten verschlagen hat, zu geben, der sich schon ein wenig beeindrucken lässt, dem der Glamour aber schnell zu durchschaubar ist. Sein Mädchen, die Silvia dagegen, wird auf Shoppingtour geschickt. Das bedeutet hier dann, dass sie zusammen mit Flaminia aus dem Blumenfeld schicke Kleidchen herauswühlt und die dann in Gucci-Tüten verstaut, durchaus mit Begeisterung.

Wann würde ich fallen?

Wenn man das sieht, bemerkt man, dass einem solche Menschen und ihre Gefühle ziemlich egal sind. Die sind zu platt, die ragen nicht über den Bühnenrand heraus, auch wenn sie dauernd hinten auf- oder abtreten. Das ist kein schönes Bild für die emotionalen Abgründe, in die manche immer noch geraten. Im Idealfall funktioniert Marivaux immer noch so, dass man sich permanent fragt, ob und wann man denn selbst fallen würde, oder noch besser: ob man nicht schon längst wie die Figuren im Stück gefallen ist, ohne es sich eingestanden zu haben.

Man weiß als Zuschauer, dass Arlequin am Ende mit Flaminia abziehen wird und Silvia mit dem Prinzen, der sich ihr aber erst noch offenbaren muss – er spielt ihr die ganze Zeit einen einfachen Offizier vor. Hier im Cuvilliés-Theater sitzt man diese Zeit ab und sieht Menschen sich was vorspielen inmitten von bunten Blumen und mal rosafarbenem, mal dunkelblauem Himmel.

Eine Erkenntnis in der Not

Erst gegen Ende, als Arlequin und der Prinz endgültig Silvias Schicksal ausschachern und der Prinz klargemacht hat, dass die niederen Leute nur verlieren können, wenn sie versuchen, das Spiel nicht nach den Regeln der Hohen zu spielen, da bricht es noch mal aus Arlequin gewaltig und berührend heraus: "Ich bin doch hier die arme Sau."

Und gleich darauf, als er merkt, dass er den anderen verletzt hat, dass der schon die ganze Zeit eine böse Wunde mit sich herumschleppt: "Scheiße. Jetzt ist der verzweifelt wegen mir." Da spürt man auch etwas als Zuschauer, hier befindet sich einer tatsächlich in einer Notlage. Er muss jetzt seine Frau hergeben und verliert dafür nach außen, aber gleichzeitig gewinnt er die Erkenntnis, dass es ihm die ganze Zeit nur ums Nichtverlieren ging. Davon sähe man gern mehr in der Inszenierung, und man ertrüge auch die knapp 300 Jahre, die das Stück schon auf dem Buckel hat, ohne Mountainbikes und Gucci.

 

Die Unbeständigkeit der Liebe
von Pierre Carlet de Marivaux
Deutsch von Georg Holzer
Regie: Jan Philipp Gloger, Bühne: Franziska Bornkamm, Kostüme: Franziska Bornkamm, Nana Kolbinger, Musik: Rudolf Gregor Knabl.
Mit: Katharina Gebauer, Katharina Hauter, Stephanie Leue, Peter Albers, Tomas Flachs Nóbrega, Dirk Ossig.

www.bayerischesstaatsschauspiel.de


Mehr von Jan Philipp Gloger? Im März 2008 inszenierte er in Augsburg Goethes Clavigo, im November 2007 in München Philipp Löhles vielbeachtetes Stück Genannt Gospodin.

Kritikenrundschau

Jan Philipp Gloger habe Marivaux mit seiner "gewieft doppelbödigen Inszenierung" clever ins Heute übersetzt, befindet Christoph Leibold im Deutschlandradio (22.12.2008). Er setze darin nämlich dessen ohnehin schon erstaunlich moderner Gefühlsskepsis noch eins drauf und zeige, "wie sich Gefühle manipulieren lassen". Und zwar nicht nur an Marivauxs Figuren, "sondern auch an uns Theaterzuschauern". Für Leibold beginnt das schon mit dem Blumenmeer auf der Bühne, "das hoch artifiziell ist und von dem wir uns doch verzücken lassen, als wär's ein Stück Natur" und es setze sich fort, wenn Schauspieler mit den Fingern schnippten, worauf prompt liebliche Musik erklinge: "Wer im Publikum wüsste nicht, dass diese Musik aus der Konserve kommt?" Und doch erfüllt sie für den Kritiker "zuverlässig ihre Funktion als Gefühlskraftverstärker". Seine Darsteller habe der junge Regisseur "auf eine dezent überzeichnete Spielweise eingestellt", für Leibold ebenfalls ein Kunstgriff, um "die pure Theaterillusion" zu durchbrechen ein Bewusstsein dafür zu schaffen, "dass die Bühne ein Ort ist, an dem wir es gewohnt sind uns Leben vorgaukeln zu lassen".

"Auf so elegante Weise kann man mit alten Stücken heutige Befindlichkeiten treffen", schreibt auch Christine Diller in der Frankfurter Rundschau (24.12.2008). Aus ihrer Sicht spielt Jan Philipp Gloger an Marivaux' plausibel durch, wie leicht Emotionen zu manipulieren sind. Und wie bereitwillig wir sie auch manipulieren lassen, wenn es uns nur in den Kram passen und die persönliche Gewinn-Verlust-Rechnung aufgehen würde.

Für Teresa Grenzmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (24.12.2008) dauert es ein etwas länger, bis sie für die Inszenierung Feuer fängt. Erst nach sechzig, siebzig Minuten nämlich wacht sie plötzlich "inmitten einer bissigen Komödie auf", die sie nun doch noch zu fesseln beginnt. Denn nun erst findet die Inszenierung aus ihrer Sicht "von einer überzogenen Stilisierung", zu ihrer eigentlichen und wichtigsten Protagonistin zurück: zur tänzelnd tändelnden Sprache von Marivaux, wo für sie das Marivauxsche Spiel "um 'Die Unbeständigkeit der Liebe' ihren besten Ausdruck findet. Am derbsten zeigt sich das für Grenzmann im Wortduell zwischen dem "schicken Prinzen und dem schlichten Arlequin um das von beiden geliebte Mauerblümchen Silvia": "Ich bin arm und hab mein Konto überzogen", blaffe da etwa der Schauspieler Tomas Flachs Nóbrega "als zwischen verklemmter Romantik und verklemmter Männlichkeit nimmersatter Arlequin in Jeans und Kapuzenjacke". "Sie sind Millionär. Aber Sie holen sich auch noch meinen Dispokredit." Und wenn der Prinz darauf zusammenbricht, wird Arlequin pseudoweise die Achseln zucken: "Das Leben ist kein Wunschkonzert."

Als "über weite Strecken sehr unterhaltsam, "weil federleicht, vor allem wegen der flotten Neuübersetzung des Staatsschauspiel-Dramaturgen Georg Holzer" lobt Egbert Tholl die Inszenierung in der Süddeutsche Zeitung (24.12.2008) Jan Philipp Gloger setzt darin aus seiner Sicht "seinen Hang zu einem sorglosen, der Gegenwart mit einem philantropischen, milden Zynismus gegenüberstehenden Schauspieler-Theater fort", was Tholl für einen, "der in Gießen Angewandte Theaterwissenschaft studierte", recht erstaunlich findet. Allerdings mag er der Sache dann nur "eine gewissen Zeit" wirklich gern seine Aufmerksamkeit schenken, was seiner Kritik zufolge hauptsächlich den Schauspielern zu verdanken ist, vor Stephanie Leue und Peter Albers. Aber irgendwann ist ihm dann alles "zu lieb, zu pastellfarben, zu blumig, der Arlequin zu blöd, der Prinz zu nett", und er kann sich des Eindrucks nicht erwehren, "dass Gloger wunderbare Konzepte entwerfen kann, denen aber in der Umsetzung das letzte Bisschen zum Faszinosum fehlt."

 

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