Ganz hübsch hier

24. Januar 2023. In Wien wird an vielen Ecken eines Mannes gedacht, der in seinem glühenden Antisemitismus Adolf Hitler zum Vorbild wurde: Dr. Karl Lueger. Wie kann man mit diesem schwierigen Erbe angemessen umgehen? Eine künstlerische Intervention im 1. Gemeindebezirk zeigt: So geht's nicht.

Von Janis El-Bira

24. Januar 2023. Kulinarisches Interesse allein dürfte es nicht gewesen sein, das den Freund vor mehr als zehn Jahren beim Mittagessen just dieses Gericht bestellen ließ. Ein "Potpourri" aus Zunge, Kalbskopf und "saftigem Ochsenfleisch" in einer Rindsbrühe mag zwar je nach persönlichem Geschmack und ökologischem Bewusstsein eine reizvolle Angelegenheit sein. In erster Linie ging es ihm aber wohl um den Namen, den dieses von kleinen Fettinseln durchzogene Suppenfleisch in einem bekannten Wiener Restaurant seinerzeit trug: "Lueger-Topf". Ob dem livrierten Kellner ein Anflug von Unbehagen anzumerken sein würde, wenn er die dampfende Hekatombe in Erinnerung an den früheren Wiener Bürgermeister und heißgekochten Antisemiten Dr. Karl Lueger an den Tisch brächte? Würde er einen glucksenden Scherz machen oder den Namen des Gerichts schamvoll verschweigen? Im Gegenteil, natürlich. "Bitt’schön, die Herr’n, unser Lueger-Topf. Einen Guten!", annoncierte er stolz.

Mit der Aura einer stolzen Kita-Bastelei

Warum hätte er sich auch entschuldigen sollen in einer Stadt, in der der Name Karl Luegers (1844-1910) zum Teil noch bis heute geradezu überpräsent ist? Maßgeblich hatte der christsoziale Politiker die Metropolisierung Wiens vorangetrieben und wichtige Sozialreformen angestoßen. Die Stadt dankte es ihm mit einer Unzahl an Erinnerungsorten. Es gibt oder gab Lueger-Straßen, -Plätze, -Kirchen, -Denkmäler und eben -Eintöpfe. Erst kürzlich zeigte mir ein erstaunter Kollege aktuelle Fotos des Lueger-Grabs in der Gruft der Karl-Borromäus-Kirche auf dem Wiener Zentralfriedhof, die bis ins Jahr 2000 selbst noch "Dr.-Karl-Lueger-Gedächtniskirche" hieß. Eine mustergültige Heldengedenkstätte, eingefasst von Flaggen und Wimpeln und ewig beschienen von massigen Kandelabern.

Dass Wien die Verehrung jenes Mannes, dessen schäumender Hass auf Juden selbst Adolf Hitler zum Vorbild wurde, breit in Frage stellt, ist dagegen ein vergleichsweise junger Prozess. Erst 2012 benannte man den Dr.-Karl-Lueger-Ring in Universitätsring um, und nun geht es auch dem bekanntesten Lueger-Ehrenmal auf dem, klar!, Dr.-Karl-Lueger-Platz im 1. Gemeindebezirk an den Kragen. Offiziell gemeint sind damit allerdings nicht die vielen "Schande"-Graffitis, die den Bronze-Karl seit einiger Zeit verschönern, sondern die ausladende künstlerische "Intervention" auf dem Platz, die seit Oktober die Gemüter erregt. Es handelt sich dabei um eine bunte Laubsägearbeit von Nicole Six und Paul Petritsch, in deren dürren Holzstreben die maßstabsgetreuen Umrisse aller weiterer 15 Wiener Lueger-Denkmäler zu erkennen sein sollen. "Lueger temporär", wie die Installation mit der Aura einer stolzen Kita-Bastelei heißt, will "einen Beitrag zur kritischen Neubewertung des antisemitischen Politikers" leisten und "die bis heute geradezu aggressive Präsenz dieser fragwürdigen Ehrungen Luegers ins Bewusstsein" rufen, erklärt die begleitende Website. Wer allerdings ahnungslos über den Platz läuft, denkt sich, was man in Wien meistens denkt: Ganz hübsch hier.

Man sieht den Wald vor Latten nicht

"Lueger temporär" ist ein Beispiel für die leicht scheiternde Praxis künstlerischer Kontextualisierungsversuche an unliebsam gewordenen historischen Stätten. Das Zeichensystem eines auf ehrende Eindeutigkeit und Überzeitlichkeit angelegten Denkmals korrespondiert nur schwer mit der filigranen Interpretationsbedürftigkeit einer solchen Kunst. Das Denkmal sagt: So ist es. Die Kunst sagt: So könnte es unter Umständen auch betrachtet werden, denk mal drüber nach. Das klappt gerade im öffentlichen Raum aber nur, wenn die Kunst tatsächlich interveniert statt dekoriert. Auf der Straße kann Kunst nicht dieselbe Aufmerksamkeit beanspruchen und erwarten wie in der fokussierenden Rahmung eines Museums.

Wohl auch, weil sie um die Unschärfen solch gut gemeinter Versuche wussten, forderten österreichische Holocaust-Überlebende im Juni vergangenen Jahres in einem offenen Brief an den Wiener Bürgermeister die Entfernung des Lueger-Denkmals. Statt einer Antwort erhielten sie nun diesen Wald aus Holzlatten, der das eigentliche Problem eher verdeckt als kenntlich macht. Bis zum Herbst dieses Jahres bleibt er noch stehen, dann soll eine permanente Gestaltung folgen. Im Wiener Restaurant, wo mein Freund damals das Antisemiten-Allerlei serviert bekam, ist man da schon weiter. "Wir diskutieren sehr gerne über die Qualität unserer Rindfleisch-Spezialitäten, nicht aber über deren Bezeichnung auf der Speisekarte", heißt es kurios verdruckst in einem alten Facebook-Post. Das Ergebnis immerhin: Den "Lueger-Topf" gibt es dort schon längst nicht mehr.

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