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Christoph Nix – Theater Konstanz, Intendant

Welches war Ihr herausragendstes, schönstes, beeindruckendstes Theatererlebnis im Jahr 2008, am eigenen Haus oder an anderen Häusern? Und warum?

Ich möchte zu Martin Nimz Inszenierung Im Morgengrauen ist es noch still schreiben, es war an meinem Haus, ich komme nicht viel weg, aber es gehört zu den Arbeiten, die ich sehr mag und die mich schmerzen.

Martin Nimz hatte mir im Sommer 2007 dieses Stück angeboten, verbunden mit dem Wunsch, es in Konstanz in der Russenspielzeit zu inszenieren. Boris Wassiljew, selbst Soldat in der Roten Armee, vollendete erst 1969 diese Erzählung, die bald darauf ins Deutsche übertragen wurde und 1972 als sowjetischer Film über die DDR in den Westen kam.

"Ein Kommandeur beantragt tief in der strategisch unwichtigen russischen Provinz Truppennachschub.  Was er bekommt, sind fünf junge Damen, die sich erlebnishungrig in das Abenteuer Krieg stürzen wollen. Das hat Komödien-Potenzial mit leichtem Einschlag zur schlüpfrigen Landserklamotte. Und tatsächlich wird zunächst auch reichlich gekichert, gegackert und viel Unterwäsche gezeigt. Ein unterhaltsamer Abend auf bescheidenem Niveau scheint sich anzubahnen. Doch wie Galja, Sonja, Lisa, Shenja und Rita rasch begreifen müssen, dass Krieg keine Backfischbelustigung mit Männer-Angelmöglichkeit ist, bleibt auch dem Publikum bald das Lachen im Halse stecken."

So fasst Wolfgang Bager, Kulturredakteur beim Südkurier, seine Betrachtung zusammen, und als es aufhört, das mit dem Lachen, als der Kommandeur (Frank Lettenewitsch) merkt, dass es kein Entrinnen mehr gibt, dass diese jungen Frauen einfach sterben werden, da greift Nimz in das Repertoire eines langsam alt werdenden Neo-Brechtianers: lässt die 5 Schauspielerinnen hin und her zappen, zwischen Ausstieg und Einstieg, zwischen Betroffenheit und Betrachtung, zwischen Krieg und Frieden, zwischen Himmel und Hölle. Er inszeniert die traurige Geschichte vom Krieg und vom individuellen Tod, den es immer zu entdecken gilt, damit er bleibt, was er ist, jedes mal die Vernichtung einer menschlichen Biographie. Die Spannung liegt in der Konkurrenz untereinander und in der ständigen Neu-Bestimmung dessen, was dieser einzige Mann unter all den Frauen ist: Ein Bruder? Ein Vater? Ein Frauenficker? Ein Helfer? Ein Genosse? Oder der Tod? Komm zu mir Bruder Tod!

Ich habe Ihnen so gerne zugeschaut, den Frauen aus meinem Ensemble (Monika Vivell, Sabrina Strehl und Kristin Muthwill) und den ganz jungen Spielerinnen, gerade der Hochschule entronnen (Eva Berger, Julia Phillipi, Nina Kohler), ich habe soviel Anteil genommen an ihrer Spiellust, an ihrer unschuldigen Erotik, an ihrer Kraft und an ihrer Lebensfreude.

Man konnte sehen und erahnen, wie Nimz mit ihnen improvisiert und gearbeitet hatte, wie er sie beschützte, wie ihm etwas gelang, was dem Kommandeur nicht gelingen durfte: sie zu retten, zu retten für das Theater, weit über den Bühnentod hinaus. Es ist ein seltsamer Abend, ein langer Moment der Stille, der stillen Wut, im Wissen darüber, dass es keine Rettung mehr gibt, dass es nur Opfer gab, natürlich auch Täter, und die Utopie des Sozialismus längst auf dem Misthaufen der Geschichte zu zerrinnen drohte.

All das, die große Geschichte, vom "Großen Vaterländischen Krieg" holen 5 Frauen und 2 Männer (Heimo Scheurer als Major) in das kleine Theater am Bodensee. Es ist der szenische Prozess einer Verbeugung vor denen, die vor uns gestorben sind, damit wir so leben können, wie wir es gerade tun: Es ist in weiter Ferne so nah, und es traurig, dass die Zuschauer diese Traurigkeit nicht aushalten, davon rennen und das große Feuilleton mal wieder einen Abend verpasst hat, der einen selbst an die Emotionen führt, ohne der Verführung zu unterliegen, romantisch oder verkitscht daher zu kommen.

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