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Frank Baumbauer – Münchner Kammerspiele, Intendant

Welches war Ihr herausragendstes, schönstes, beeindruckendstes Theatererlebnis im Jahr 2008, am eigenen Haus oder an anderen Häusern? Und warum?

Ich gestehe offen, dass ich einige Neuinszenierungen am eigenen Theater sehr bemerkenswert fand und finde, picke aber nur eine davon beispielhaft aus der guten Ernte 2008 heraus. Zuvor aber muss und will ich meinen Hut ziehen vor einem Erlebnis, das ich am Deutschen Theater in Berlin haben durfte: die Aufführung von Tschechows Onkel Wanja in der klugen und behutsamen Regie von Jürgen Gosch. Selten war ich so gebannt von dem subtilen Spiel, mit dem mich die Schauspieler, beinahe alle, mit geringsten und feinsten Mitteln das Theater und sein Publikum gänzlich vergessen machten und die Wünsche und Nöte dieser Tschechow-Menschen so unmittelbar spüren ließen.

Ich sog diese kurze Zeit die ebenso komischen wie tragischen Schicksale förmlich in mich hinein und hätte dieser so leicht hingetupften Vorstellung noch viele Stunden weiter folgen können und mögen. Großartig. Chapeau!

Sehr glücklich bin ich in unseren Münchner Kammerspielen über die Jelinek-Uraufführung Rechnitz (Der Würgeengel). Dass es hier zu einer ebenso klugen wie gelungenen Verschmelzung von Text, Spiel, Regie, Dramaturgie und Ausstattung kam, ist gemessen an dem schwierigen Thema und der anspruchsvollen literarischen Vorlage ein Ergebnis und Erlebnis, welches man zwar erhoffen durfte, von dem man aber nicht unbedingt ausgehen konnte. Dem Team um dem Regisseur Jossi Wieler und dem hoch zu lobenden Ensemble ist es zu verdanken, dass alle Ansprüche, die wir an ein zeitgenössisches, politisches und literarisches Stadt-Theater im Dialog mit seinem Publikum haben, sich mit "Rechnitz" aufs Beste eingelöst haben. Großartig. Danke.

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