Ewig lockendes Schneeballsystem

von Hartmut Krug

Berlin 31. Dezember 2008. Es gibt sie noch in Berlin, aber sie haben seit Jahrzehnten große Probleme, Zuschauer und ein zeitgemäßes Profil zu finden, die Stadtteil-Volkstheater mit teils großer Vergangenheit. Wie die "Tribüne", 1919 von Fritz Kortner und Karl Martin in Charlottenburg eröffnet. Vor der Wende als Boulevardtheater erfolgreich, zog die Tribüne seit langem mit ihrem künstlerisch unbedeutenden Programm kaum noch Publikum an, erhielt aber bis Ende des Jahres munter stattliche staatliche Gelder. Die sind jetzt gestrichen, und so gab das Theater am Silvesterabend seine letzte Vorstellung. Das ehemalige Hansa-Theater in Moabit erhält dagegen schon seit Jahren keine städtische Förderung mehr.

 

Kampf ums Publikum

Der einstige Tanzsaal einer Brauerei, in dem 1848 "Volkskrakehl-Theater" gespielt wurde und der später lange als Kino diente, wurde 1963 als Volkstheater eröffnet. Auch hier kriselte es seit den achtziger Jahren künstlerisch und konzeptionell und die Betreiber wechselten in immer schnellerer Folge. Im Mai 2007 übernahmen mit Hans Peter Trauschke und Ludo Vici zwei Theatermacher aus der Münchner Privattheaterszene das Haus und nannten es "Engelbrot".

Ohne staatliche Förderung und allzuviel öffentliche Aufmerksamkeit, aber mit Elan und Einfallsreichtum kämpfen sie seitdem um ihr Publikum. Eine tolle Idee schien es auch auf den ersten Blick, das von Spekulantentum und Bankenkrisen bestimmte Jahr 2008 mit einer Aufführung von Martin Sperrs "Die Spitzeder“ zu beenden. Denn das schon fünf Jahre vor seiner Bonner Uraufführung im Jahr 1977 verfilmte Stück erzählt vom Aufstieg und Fall einer Schauspielerin, die 1868 als mittellose Schauspielerin zur Privatbankerin wurde. Sie warb mit dem Satz "Ich bin für die Armen da", benutzte aber deren Geld im Schneeballsystem für ein Leben im Luxus. Als die etablierten Banken einige Einleger zu Rückzahlungsforderungen veranlassten, wurde sie in den Ruin getrieben und kam ins Gefängnis.

Abschiedsstück fürs Jahr 2008

Sperr, sprachlich-thematisch ein Nachfolger der Marieluise Fleißer, erzählt eine Moritat in verknappter, regional stilisierter Sprache. Es ist ein kleines, wenn auch personenreiches realistisches Erzähl-Stück. Es ist kein sonderlich gutes Stück und zu Recht eher vergessen. Hier wird weder psychologisiert noch analysiert, aber auch nicht deutlich gemacht, was den Autor an der Geschichte letztlich interessiert hat. Weder der kriminalistische, noch der emanzipatorische, noch der sozialpolitische oder gar der kapitalismuskritische Aspekt werden genauer ausgemalt.

Die Qualitäten des Stückes liegen in der Knappheit und Genauigkeit, mit denen Figurenbeziehungen ganz leichthin gezeichnet werden. Im Engelbrot aber hat man das kleine Erzähl-Stück zum großen Silvester-Unterhaltungs-Show-Stück aufgeblasen. Im fast 600 Zuschauer fassenden Saal sitzen die Zuschauer auf Holzbänken und müssen sich zwischen der Bühne, einem Steg durch den Zuschauerraum und dem Schanktisch an dessen Rückwand hin und her wenden.

Kriminalistisch, emanzipatorisch oder kapitalismuskritisch?

Wenn Adele Spitzeder und ihre Gefährtin Emilie nach München kommen, steigen sie aus dem Rang hinab zu uns. Auf dem Steg stolzieren die von jungen Schauspielstudentinnen gespielten Nutten des (Bordell)-Hotels, in dem die beiden Quartier nehmen müssen, in peinlich ungelenker Choreographie immer wieder singend und posierend. Ihre Auftritte und die (teils durchaus witzig aktualisierenden) Moritaten von Ludo Vici beleben aber nicht das Geschehen, sondern verlangsamen es und geben dem Abend eine kaugummiartige Zähigkeit, die das amüsierwillige Publikum bald in Apathie versinken lässt.

Hans Peter Trauschke, der mit Elena Vannoni zusammen Regie geführt hat, spielt auch die Titelrolle. Die langen schwarzen Haare hängen ihm auf das soutane-artige, bodenlange schwarze Kleid, das später, wenn die Spitzeder zu einer Art messianischem Hoffnungsträger für ihre Kunden geworden ist, vom goldenen (Priester-)Gewand ersetzt wird. Die Erfolgreiche steht gern hoch oben auf einer Treppe und nimmt und gibt das Geld (in einer vom Ensemble leider pantomimisch ungelenk gegebenen Szene) wie ein Priester das Abendmahl.

Fräulein und Bauernfängerin

Wie Martin Sperr, der ebenfalls einmal in der Titelrolle seines Stückes zu sehen war, versucht Trauschke richtigerweise keinen Augenblick, die Fraulichkeit der Figur zu erspielen. Leider erspielt er der Figur dabei aber auch keinerlei Wirklichkeit und  Entwicklung: er stellt sie einfach so hin, mit ihrer immer gleichen Mimik und Unbeweglichkeit. Dabei könnte die Entwicklung einer Frau, die vor fast 150 Jahren stets darauf beharrte, "Fräulein" genannt zu werden und nicht arbeiten zu wollen, die nicht nur Geschäftsgegner, sondern auch ihre Liebhaberinnen oder Lebensgefährtinnen mit sogenannten männlichen Methoden behandelte, (sie Spatzerl nennt und sie mit Ohrfeigen oder dem Satz "ich hab's Geld" traktiert), und die tausende von Bauern in den Ruin trieb, einen Schauspieler durchaus zu charakterisierendem Entwicklungs-Spiel animieren.

Um Trauschke herum gibt es viel laienhaftes Spiel, aber auch manche Genre-Klischees. Ludo Vici hat sich für seinen Wirt, dessen mimisch-gestisches Material direkt vom Wirt aus einer Kleistschen Stadttheater-"Minna von Barnhelm" zu kommen scheint, den Bauch ausgestopft, während sich Claudia Steiger als Spitzeders Gefährtin Emilie wenigstens einige groteske Übersteigerungen erlaubt.

Der Unterhaltungsspaß ist eine Blase

Es ist einer dieser Abende, bei denen der Kritiker dem künstlerischen Wollen des Theaters und dem sichtlichen Engagement aller Beteiligten viel Sympathie entgegen bringt, ohne vom Ergebnis überzeugt zu werden. Die Aufbrezelung des kleinen Stückes zu einem großen Unterhaltungsspaß bekommt Sperrs Text schon dramaturgisch nicht, und die schauspielerischen und inszenatorischen Mittel des Theaters reichen für den eigenen Anspruch leider auch nicht.

Eine Szene zeigte, wie das Stück soziale Genauigkeit und Komik entwickeln kann: da bringt eine Frau ihr Geld und bekommt sofort ihre Zinsen ausgezahlt: die Spitzeder nimmt es direkt aus der eingezahlten und von ihr eingesackten Summe, und die Kundin erschauert vor Glückseligkeit. Dabei hat sie nur einen kleinen Teil ihres eigenen Geldes wieder bekommen. So einfach und sinnlich kann Theater auch sein.

Die Spitzeder
von Martin Sperr
Regie: Elena Vannoni und Hans Peter Trauschke, Bühne: Hans Peter Trauschke, Songs: Ludo Vici, "Spinning 4 Money", Ilan-Benjamin Gruenbaum, Musiker: Christof Wenta, Ilan-Benjamin Gruenbaum, Ole Junge.
Mit: Hans Peter Trauschke, Claudia Steiger, Ludo Vici, Werner Wilkening, Adriane Rimscha, Viktoria Bisco, Meli Madukanya, Regina Dwomoh, Nora Kothy, Johanna Schmidt, Delisha Garmon, Diana El-Ali, Frank Becker, Babette Kovas, Roger Just, Rebekka Bai, Randolf Herbst, Ruben Bravo.

www.engelbrot.com



 
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