Geklonte Frauen mit Leberfleck rechts

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 4. Januar 2009. "Wenn er nicht gleich etwas sagt, ist es Mord!" Aber die Ich-Erzählerin in Ingeborg Bachmanns Roman "Malina" wartet vergebens, und so wird sie ihr Gesicht auf die Herdplatte legen, "um Feuer zu bekommen für eine letzte, eine allerletzte Zigarette". Es ist eine jener Passagen, die gruseln machen: Zwei Jahre nach Erscheinen ihres einzigen fertiggestellten Romans, 1973, ist die Autorin in Rom durch einen Brandunfall zu Tode gekommen, dessen nähere Umstände nie wirklich geklärt werden konnten.

"Malina" also. Wer ist dieser Mann, von dem man so wenig erfährt in dem Roman? Auch in der Dramatisierung von Marion Hirte, Patrick Schlösser und Elisabeth Tropper wird nicht direkt ausgesprochen, dass die Titelfigur schemenhaftes Alter Ego der Frau ist: "Was Du und ich zusammenlegen können, das ist Leben", legt die Ich-Erzählerin Malina in den Mund, und sie selbst kontert: "Warum nicht 'wir'?" Der imaginäre Malina, völlig überfordert mit der Seelenlage seines Gegenübers: "Es muss aufgeräumt werden, in diesem Durcheinander kennt sich sonst keiner aus."

Differenzierte Identität

Regisseur Patrick Schlösser räumt in seiner Inszenierung auf der Probebühne des Grazer Schauspielhauses zumindest so weit auf, dass sich aus der Psyche der Ich-Erzählerin drei Lebensabschnitte, drei Stimmungslagen abzeichnen. Drei Frauen unterschiedlichen Alters schlüpfen in die Rolle: Verena Lechner, Gertrud Roll und Martina Stilp. In ein Outfit, das zu der Zeit, als der Roman erschien, eigentlich schon wieder mega-out war. Wie geklont wirken sie mit ihren identischen Frisuren, mit den gekünstelt nach vorne über die Wange gelenkten spitzen Haarsträhnen. Die drei sind absolut getreue Abbilder voneinander, bis zum kleinen Leberfleck rechts am Hals. Kostümbildnerin Tanja Kramberger steckt die drei Damen in schlichte, sachliche Kleider der mittleren 60er Jahre, violett, pink, orange.

So identisch sie sind, so differenziert ist ihre Sicht auf die ominöse Dreiecksbeziehung, bei der eine ernsthafte Liaison mit dem angehimmelten, ja angebeteten Ivan nie wirklich zustande kommt: "Seit ich diese Nummer wählen kann, nimmt mein Leben keinen Verlauf mehr." Das mag auf den ersten Blick hin positiv gemeint scheinen, aber Ingeborg Bachmann war eine Wort- und Bedeutungs-Artistin. "Nur unser Auseinander-Geraten ist furchtbarer als das Aneinander-Geraten", heißt es einmal.

Lauernde Musikalität

Sie habe "die gleichen Falten wie als Zwanzigjährige – nur tiefer, genauer". Gertrud Roll als die älteste der drei Frauen setzt das akkurat um, vertieft Stimmungen, konterkariert mit Mimik und Körperhaltung das, was die anderen beiden begeistert oder leicht zweifelnd, mit Emphase oder leidend über ihre angebliche Beziehung (die doch immer eine Erwartung an sich selbst ist) äußern. Verena Lerchner, altersmäßig die mittlere, ist vielleicht die differenzierteste Figur (wenn auch die nervigste in ihrer hektischen Betriebsamkeit, ihrem manischen Hausfrauengehabe). Die junge Martina Stilp dagegen wirkt geradliniger, euphorischer.

Wie die drei einander belauern, ins Wort fallen, zitieren, miteinander reden: Das unterstreicht eine der Qualitäten von Bachmanns Text, seine Musikalität. Es ist ja mehr als Attitüde, wenn die Ich-Erzählerin den einen oder anderen Dialog mit Fachausdrücken aus der Musik unterstreicht: "Ich, appassionato con molto sentimento …"

Sammeln menschlicher Möglichkeiten

Das Wo ist eigentlich Nebensache: Patrick Schlösser hat sich für ein rechteckiges "Spielfeld" aus Leka-Kugeln entschieden. Drei Sessel stehen dort, und nach den Szenen der anderthalbstündigen Aufführung werden die drei Kapitelüberschriften des Romans auf den Boden projiziert. Daneben weitere Spielflächen: links das Stübchen der Schriftstellerin, die gleichsam autobiographisch die Geschichte ihrer Schreibmaschine anvertraut. Und rechts zwei Fauteuils und weitere Ingredienzien, die gelegentlich eine Rolle spielen im Romantext: Das schwarze Bakelit-Telefon natürlich, und auch das Schachspiel.

"Poetisch im Sammeln menschlicher Möglichkeiten": Was Joachim Kaiser einst dem Bachmann-Roman bescheinigte, ist in der Dramatisierung noch einmal verdichtet, auf anderthalb Stunden sorgfältig und verantwortungsvoll eingekürzt. Und noch eine Qualität des Textes bleibt erhalten: "Malina" ist ein Stück wegweisende Literatur der Frauenbewegung, ohne in den militanten Ton einzustimmen, aber auch ohne in Larmoyanz abzudriften: "Ein kleines Land, das zu gründen war ohne Gebietsansprüche …"

 

Malina
von Ingeborg Bachmann
Regie und Bühne: Patrick Schlösser, Kostüme: Tanja Kramberger.
Mit: Verena Lercher, Gertrud Roll, Martina Stilp.

www.buehnen-graz.com

 

Kritikenrundschau

Als "knisternde Inszenierung", die das sperrige Werk auch Nichtgermanisten erschließt, lobt Elisabeth Willgruber-Spitz von der in Graz erscheinenden Kleinen Zeitung (6.1.2009) diesen Abend, (wobei der Zeitungname nicht über die Tatsache hinwegtäuschen soll, daß es sich um Österreichs größte Regionalzeitung handelt.) Die Transparenz des Stoffes ist nach Auffassung der Kritikerin der Entscheidung des Regisseurs Patrick Schlösser zu verdanken,  weniger die Dreiecksbeziehung als die (in drei Darstellerinnen aufgeteilte) Protagonistin des Romans selbst ins Zentrum zu rücken und den Roman als "wortgewaltige Lebenszeiten-Symphonie" und "erschütternde Frauenklage" zu lesen. In diesem Zusammenhang hebt sie besonders die Schauspielerin und Nestroy-Preisträgerin Verena Lercher als Bachmannsches "Ich" hervor, die aus beeindruckende Weise die "sprachlichen Meistermonologe" zu bewältigen wisse. Aber auch Gertrud Roll und Martina Stilp in den Rollen der Alter-Egos der Protagonistin stellt Willgruber-Spitz sehr gute Noten aus.

Martina Reichart von der Kronenzeitung Steiermark (6.1.2009) findet den Abend und die drei großartigen Darstellerinnenn sehenswert und die Fassung überzeugend. Allerdings ist sie auch der Ansicht, daß man, um mit "Malina" etwas anfangen zu können, dennoch den Roman lesen müsse, da aus ihrer Sicht besonders an jenen Stellen des Buchs, wo Ingeborg Bachmann "sehr starke Bilder der Verzweiflung und des emotionalen Scheiterns" entstehen lasse, auf der Bühne in Graz oft nur Leere und Unentschlossenheit zum Ausdruck kommen würden.

 

 
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