Endkampf der Gefühle im Nebel

von Simone Kaempf

Berlin, 14. Januar 2009. Das Parkett glänzt spiegelglatt, das Wohnzimmerfenster ist deckenhoch verglast, ein schicker, aber kein behaglicher Raum. Durch die Ritzen zieht es ungemütlich: Bodennebel kriecht durch die Spalten nach vorne bis vor die Füße der ersten Zuschauerreihe. Genauso lautlos steht die Ella der Angela Winkler plötzlich im Wohnzimmer. Mädchenhaft wirkt sie, den Mantel hält sie schützend vorm Körper. Ein leiser Eindringling, deren untergründige Wut sich allerdings unnachgiebig offenbaren wird, sich ihrer Sache und Mittel absolut sicher.

Ella will Genugtuung und Gunhilds Sohn ganz für sich, als Trost für die unglückliche Liebe zu John Gabriel Borkman, die ihr vor vielen Jahren das Herz brach, während ihre Zwillingsschwester Gunhild endlich die Demütigung überwinden will, die sie quält, seit Borkman die Gelder seiner Kunden veruntreut hat.

Verschacherung oder Notwendigkeit

Kirsten Dene legt als Gunhild eine beeindruckend matronenhafte Verdrängungskraft an den Tag. Sie wird in diesen Szenen das 70er-Jahre-Design-Sofa kaum verlassen, aber im weiten Radius ihre Spitzfindigkeiten verschießen. Was gedämpft nebelwabernd beginnt, ist schon nach wenigen Sätzen eine Schlacht um den Sohn jenes Mannes, um den beide schon einmal gestritten haben. Ein Endkampf der Gefühle, der in frostiger Umgebung sofort auf Hochtouren dreht, als würde man sich in- und auswendig kennen und sich nicht erst jetzt zum ersten Mal seit acht Jahren wiedersehen. Und es ist ein Verteilungskampf, der hier stattfindet. Ein Sohn und zwei Mütter, da ist eine zuviel.

Viele Jahre davor waren es ein Mann und zwei Geliebte. John Gabriel Borkman entschied sich gegen Ella, weil ihm deren Schwester Gunhild für die Karriere hilfreicher erschien. Was Ella an diesem Abend, dreizehn oder noch mehr Jahre nach der Liebesgeschichte, als "Verschacherung" bezeichnet, war für Borkman, den rechnenden Bankdirektor eine "Notwendigkeit". Henriks Ibsens "John Gabriel Borkman" berichtet nicht nur vom höchstpersönlichen Unglück, das hier jedem einzelnen passiert ist, es geht auch um die Werte dieser Familie, die kurz vor dem Ableben ist.

Lebensfeindliche Unterkühlung

Thomas Ostermeier verlegt Ibsens Totentanz um Geld und Gefühle in die Sachlichkeit moderner Upper-class-Bungalows. Wie schon in Ostermeiers "Hedda Gabler" oder "Die Katze auf dem heißen Blechdach" schaut man in das Innere eines verglasten Wohnzimmers, das gleich zwei Welten auferstehen lässt: die vernebelte, mystische, merkwürdig dunkle Natur und die genormte, abgeklärte Wohnwelt, die Jan Pappelbaum dieses Mal unterkühlter und lebensfeindlicher denn je gestaltet hat. So hoch, weiß und karg könnte es sich um das Foyer einer Firmenzentrale handeln. Viel zu groß, um darin zu wohnen.

Josef Bierbichler spielt den ehemaligen Bankdirektor John Gabriel Borkmann, der seinen selbst gewählten Rückzug wieder aufgibt. Einer, der behauptet, in der jahrelangen Einsamkeit seinen Anlagebetrug als sein eigener Verteidiger, Ankläger und Richter durchgekaut zu haben. Den alerten Geschäftsmann verkörpert Bierbichler allerdings eher als jemand, der den Trieb im Körper sitzen hat, der schnaubt, flucht und mit dem Zeigefinger in die Schreibtischplatte bohrt, um Argumente zu unterstreichen, die für seine Rückkehr auf den Bankposten sprechen sollen. An die glaubte auch sein Freund Fordal, allerdings nur, solange Borkman auch an Fordals Talent als verkappter Poet festhielt.

Nachrichten aus dem Wirtschaftsleben

Auf den Vorteil bedachte Beziehungen will Thomas Ostermeier zeigen. Ibsens Stück ist dafür durchlässig genug, bestens geeignet, um immer wieder aktuelle Mitteilungen fürs Publikum herauszutreiben. Doch Ostermeier versiegelt die Oberfläche mit Nachrichten aus dem Wirtschaftsleben, die signalhaft herausstechen. Vor den Zug hätte er sich werfen können, nuschelt Bierbichler, hat er aber nicht. Anspielungen an den Fall Merckle und ans täglich Brot der Anlagespekulationen finden sich hier einige, ergeben aber keinen Mehrwert und wollen nicht zünden. Im Gegenteil wirken sie eher wie eine Last, die der Abend mitschleppen muss.

Das Drama des Nesthockers ist auch noch eingebaut. Erhard (Sebastian Schwarz), der Sohn, auf dem hier alle Hoffnungen lasten, ist zu pummelig, zu laut, zu kurzsichtig, zu wenig eloquent. Wie ihn die beiden Frauen umzingeln, ist klar, dass sie ihn mit ihrer konkurrrierenden wie korrumpierenden Liebe selbst dazu geformt haben. Aber jetzt bricht er aus dem mütterlichen Gefängnis mit einem Urschrei aus: "Ich bin jung, ich will nicht arbeiten, ich will leben". Das Auftreten des Sohns als Riesenbaby ist die reine Karikatur und im Grunde eine Unstimmigkeit unter vielen.

Das Dreigestirn Winkler, Dene und Bierbichler leuchtet weniger hell als erhofft. Jeder der drei arbeitet hier auf seiner eigenen Schiene: Winkler im fein balancierten Realismus, Dene spielt mit boulevardesker, draller Schlagfertigkeit und Bierbichler grantelt, wie man es von ihm kennt und mag, was hier aber wie ein ständiges Unterspielen der Situation wirkt. Bierbichler schlittert ein paar mal auf dem spiegelglatten Parkett. Jeder Schritt, jeder Satz ist einer auf Glatteis, denkt man sich.

Aber dann zieht Bierbichler die Schuhe aus mit einer Geste, die sagt, das geht so nicht und enttarnt das Schlittern als Tücke der Bühne, nicht der Inszenierung. Dann tigert er, "der kranke Wolf", auf Strümpfen herum. In der nächsten Vorstellung wird der Boden also vielleicht weniger perfekt gebohnert, und John Gabriel Borkman kann seine Schuhe anbehalten. Für den Einblick in die Wohn- und Gefühlswelt bleibt das natürlich gleichgültig, es ist ein ambitionierter Abend, aber einer, der seine Konflikte ans Material hängt, das von den Konflikten mehr verschluckt als freilegt.

 

John Gabriel Borkman
von Henrik Ibsen
Deutsch von Marius von Mayenburg nach der Übersetzung von Sigurd Ibsen Regie: Thomas Ostermeier, Bühne: Jan Pappelbaum, Kostüme: Nina Wetzel, Musik: Nils Ostendorf.
Mit: Kirsten Dene, Angela Winkler, Cathlen Gawlich, Elzemarieke de Vos, Josef Bierbichler, Sebastian Schwarz, Felix Römer.

www.schaubuehne.de


Mehr zu Thomas Ostermeier? Die Spielzeit 2008/2009 eröffnete er in der Schaubühne mit Shakespeares Hamlet, eine Inszenierung, die im Sommer beim koprodizierenden Athens Epidaurus Festival Premiere hatte und dann weiter zum Festival nach Avignon zog, wo Ostermeier die für ihn beeindruckendsten Momente des vergangenen Theaterjahrs erlebte.

 

Kritikenrundschau

Der Bühnennebel sei zwar "super", allerdings "auch so ungefähr das Beste an der ganzen Inszenierung", schreibt Katrin Bettina Müller in der taz (16.1.2009) über Thomas Ostermeiers "John Gabriel Borkman" an der Schaubühne – "so ziemlich das schrecklichste Urteil, das man fällen kann". Für sie gibt es da bloß "Figuren, so eindimensional, wie ein Blatt Papier. Zudem lasse Mayenburgs Textbearbeitung den Figuren "nicht den kleinsten Zipfel" von Unausgesprochenem. Angela Winkler, bei der man nicht wisse, "ob ihre übergroße Demut und Bescheidenheit, das fast sich selbst Aus-der-Welt-Nehmen, nur zur Rolle gehört oder eben Winkler selbst ist", rühre schon an. Auch Bierbichler neige "zum Understatement". Und trotzdem komme "keine Spannung auf", fehle "eine Idee davon, was diese Figuren uns eigentlich erzählen wollen". Da gebe es "keinen Denkraum, in dem sie sich entfalten; nichts, in dem die Inszenierung über ihre Beschränkung hinausging. Geld zerstört Gefühle, lehrt schon die erste Szene, und dabei bleibt's." Ostermeier habe versucht, "die Figuren ernstzunehmen und nicht an die Karikatur zu verraten, aber man sieht dennoch nur Karikaturen, die mit der eigenen Lächerlichkeit nicht umzugehen wissen."

Mit dieser Inszenierung stehe die Schaubühne "eindeutig als Wirtschaftskrisengewinnler da", beginnt Ulrich Seidler seine deutlich positivere Kritik in der Berliner Zeitung (16.1.2009). Plötzlich sei man "so dicht am Zeitgeschehen wie Anne Will" und könne "obendrein mit seinen prophetischen Gaben prahlen", obwohl eigentlich wohl lediglich "Ostermeiers bürgerliche Klassiker-Tradition fortgesetzt werden" sollte. Mit diesem "John Gabriel Borkmann" scheine der Schaubühnen-Leiter "zu einer gewissen Souveränität gefunden zu haben, zu einer wohlverdient anmutenden Gediegenheit", wie sie Pappelbaums "Edel-Möbel-Bühnenbilder" schon immer behaupteten. Bei diesem "sehenswerten, lebendigen Theaterabend" handhabe der Regisseur die Aktualisierungen "weitgehend subtil und selbstverständlich", so dass das Stück seine Kraft entwickeln dürfe, "ohne für irgendwelche frisch aufgebügelten Thesen in die Pflicht genommen zu werden". Überdies sei Bierbichler, bei dem "die wildesten, hochtrabendsten Spekulationen" zur "machbaren Selbstverständlichkeit" würden und der "um den Unterschied zwischen Schein und Sein, zwischen Borkmann und Bierbichler kein Aufhebens" mache, ein wahrer "Glücksgriff".

Matthias Heine weiß in der Welt (16.1.2009) zu berichten, dass Bierbichler die Anspielung auf Adolf Merckle erst am Premierenabend spontan eingebaut hat. Ansonsten gab's für ihn keine "Zaunpfahlwinke auf die gegenwärtige Bankenkrise". Bierbichler könne Borkman "ganz entspannt und leise auf die ihm eigene Art und Weise unterspielen" und gleichzeitig "brüllend komisch" sein. Der "künstliche Nebel" verweist für Heine nicht darauf, "wie wenig diese Figuren auf dem festen Grund der Tatsachen stehen", sondern verstärke auch noch "das Schauergotische im Stück", aus dem bei Ostermeier ohne viel Regie-Zutun eine "Gruselkomödie" werde. Da genüge bei Dene eine "lackschwarze Perücke" à la Addams-Family "und dass Winkler wieder einmal so berückend-entrückt spielt, als wäre ein schönes Gespenst von der Stummfilmleinwand gestiegen". Heine hebt positiv hervor, dass Ostermeier sich hier einmal mehr "auf das kluge Handwerk beschränkt, dass sein eigentliches Metier ist und nicht so tut, als wäre er ein Theatererneuerer". Dennoch: "So gut wie sich das angesichts der drei reifen Stars Winkler, Dene, Bierbichler absolut zum Niederknien bereite Alt-Schaubühnenpublikum den Abend gewünscht hätte, ist er dann aber nun wieder auch nicht".

Mehr "neurotische Querschlägereien", wie sie die Darsteller beim Schlussapplaus durchscheinen lassen, hätten Ostermeiers Borkman-Inszenierung gut getan, findet Eva Behrendt in der Frankfurter Rundschau (16.1.2009). Dass der Titelheld, "dieser trocken vernuschelte, mehr als nur einen Tick lustlose Borkman", bei Bierbichler sympathisch erscheine, liege auch daran, dass Dene und Winkler "ein wahres Horrorgespann reiferer Mütterlichkeit" entworfen hätten, die Sohn Erhard (bei Schwarz "ein verunsicherter Kindskopf mit Frustspeck") zum persönlichen Eigentum erklären. Es entbehre "nicht der Ironie, dass in Ostermeiers Porträt des Wohlstandsbürgers nach dem Börsencrash die kapitalistische Wirtschaftsordnung allenfalls eine dubiose Nebenrolle spielt". In seiner "soliden Ibsendeutung" seien es "vielmehr die vampirhaften Weiber, die grandios denkenden Männern die Hölle heiß machen".

Nicht ohne Weiteres kann Peter von Becker im Tagesspiegel (16.1.2009) den Schritt von "Borkman gestern" zu "Ackermann von heute" nachvollziehen: "Man muss da im Kopf immer viel mehr hinzufügen, als auf der Bühne wirklich passiert." Ostermeier/Mayenburg hätten Ibsen "derartig entschlackt (...), dass sich Ibsens Schicksalsdramatik in eine streckenweise fast soap-reife Auftritts-Abtritts-Mechanik" verwandele – "sehr leicht- und nebelfüßig, aber (...) weitgehend grundlos. Abgrundlos." Wo in Ibsens bürgerlichen Trauerspielen noch "ein letzter Hauch von Mythos und Tragödie" wehe, sei hier "nurmehr der Nebel und manchmal der Furz der Farce" plus die Poesie einer Pilcher-Geschichte, "veredelt mit teilweise sehr guten Schauspielern und in einer cleveren Kino–Dramaturgie". Über "die großen Drei" heißt es: "bravourös bissige, Thomas-Bernhard-erprobte Melankomik" (Dene); "ein wenig ungelenker und zugleich widersprüchlicher" (Winkler); "ein untoter Vitalist, eine lebensmüde Kämpfernatur" (Bierbichler), mit der er "der Klippklapp-Mechanik (...) seine eigentümliche Langsamkeit, seine raubtierhaft lauernde Lakonik" und seinn "schalkbösen sturen Sarkasmus" entgegen setze.

Ostermeiers Behauptung, "Borkman" nicht der Bankenkrise, sondern des Künstlerdramas wegen gewählt zu haben, hält Barbara Villiger Heilig von der Neuen Zürcher Zeitung (16.1.2009) zwar für "originell", aber uneingelöst in einer Inszenierung, die sich "seltsam richtungslos" entfalte – "aber das auf luxuriösem Niveau. Der Luxus, ein Glücksfall, sind die drei Stars." Das "hochkomplexe Gefüge der psychischen Kräfte, Abhängigkeitsverhältnisse, geistigen Machtphantasien und in Hass umgeschmolzenen Liebesenergien" ziehe Ostermeier als Parodie auf. Denes Gunhild wittere "zigarettenrauchend auf dem Sofa in sich hinein, ein Haufen Frustration, dem man die aktive Rächerin nicht zutraut", während Winkler "in einem Fluidum aus entrücktem Wahn" schwimme. Die Machtanstrengungen der Figuren, setzten "reichlich Komik frei, zumal in Ostermeiers Überzeichnung". Nur einer scheine "gänzlich unangetastet von jeglichem Zugriff der Regie. Josef Bierbichler, unadaptierbar", spreche "mit grösster Selbstverständlichkeit den Text, der klingt, als hätte er ihn gerade selbst erdacht. Ein einzigartiges Phänomen, für das man Ostermeiers telegene Vorabendserie-Gefälligkeiten drumherum gern in Kauf nimmt – und vergisst."

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