Woanders ist es genauso

von Otto Paul Burkhardt

Karlsruhe, 22. Januar 2009. Manchmal ist Nacht. Nur noch der geöffnete Kühlschrank leuchtet und sendet ein bisschen heimelige Wärme in die trostlose Welt. Denn die kennt in der Karlsruher Inszenierung von Edward Bonds "Gerettet" letztlich nur Gewalt, Gebrüll und lähmende Sprachlosigkeit. Bonds Verrohungsstudie von 1965 scheint wieder zum gefragten Zeitstück zu avancieren. Ganz klar, die Schlüsselszene – ein kollektiver Kindsmord – ist verantwortlich dafür. Und damit ein Thema, das in Schlagzeilen, Nachrichten und Talkshows unter höchster öffentlicher Aufmerksamkeit steht.

Jüngst inszenierte Jette Steckel das Stück in Hamburg, jetzt folgte Robert Besta in Karlsruhe: Der "Ernst Busch"-Absolvent macht aus der zermürbenden Milieu-Analyse eine Art Horror-Family-Soap. In der Nancyhalle, mit deren Bau man übrigens im Jahr 1965 begonnen hatte (als Bonds Stück uraufgeführt, skandalisiert, zensuriert und verboten wurde), sind mehrere Spielecken aufgebaut, zwischen denen die Inszenierung der 13 Szenen hin und her zappen kann.

Bestas Regie verhält sich wie eine Dokumentarfilmkamera, die abwechselnd in eine Küche, in ein Schlafzimmer, in eine Kneipe oder auf öde öffentliche Brachen und Treffpunkte des arbeitslosen Unterschichten-Milieus zoomt. So entsteht ein durchaus spannendes und – trotz vielfach nur behauptet wirkender Expressivität – manchmal anfassendes Mittelding aus Sozialreportage und Soap. Die Akteure – Schauspieler und ehemalige Mitglieder des Jugendclubs – stemmen eine kompakt und eindringlich wirkende Ensembleleistung.

Zuschauen beim Herumpöbeln
Stillstand ist das Thema der Karlsruher Inszenierung. Pam, die als Tochter von gefühlstoten Eltern durchs Leben irrt (Claudia Frost), kann den mitleidsfähigen Len (Olaf Becker) zwar momentweise als echten Freund empfinden. Doch gegenüber der schwankenden Seele Led wirkt Fred, ein nicht wirklich geistesheller, aber entschlossen auftretender Aufschneider und Gangleader-Typ (Christoph Wünsch), wie eine einfache Wahrheit, wie eine Verheißung, wie eine Droge. Ihm verfällt Pam und wird schwanger, doch Fred lässt sie und das Baby prompt sitzen.

Behutsam modernisiert Besta die Sprache des Bond-Originals, gerade so, dass die eingestreuten, jugendtheater-klischeeverdächtigen Partikel "hey Alter", "echt geil" und "voll krass" nicht allzu aufdringlich dominieren. Auch das Personal wird mit Trainingshosen, Kampfoveralls, Lederjacken und superkurzen Minis upgedated, so dass wir einer dauerkaugummikauenden Allerweltsjugendclique irgendwo zwischen Arbeitslosen-, Lehrlings- und Schüler-Milieu beim Herumpöbeln zuschauen.

Die zentrale Szene – das zeitweise allein gelassene Baby wird im Kinderwagen von der Gruppe gesteinigt – ist in Bestas Regie sorgfältig vorbereitet. Sprachlosigkeit, emotionale Armut, Angeberei, Sozialzwang, Rachegefühle  und Langeweile schaukeln sich zu einem tödlichen Aggressionsakt auf: Anfänglich mutprobenhaftes gemeinsames Steinewerfen kulminiert in Freds explosiver Mordtat – er erschlägt das Baby mit einem schweren Steinbrocken.

Existenziell gefrustetes Milieu
Keine allzu dumpf und mythisch brodelnde Gewalt. Kein klar ausgrenzbares Prekariats-Protokoll. Sondern ein Blick in ein mittelarmes, depraviertes und existenziell gefrustetes Milieu. Der Blick in die Wohnküche von Pams Eltern erklärt noch zusätzlich einen Teil der Krankheit dieser Jugend: Während Mutter Mary (Anja Lechle) ihr Leben zwischen selbstgerechtem Geschrei und notgeilen Anwandlungen verplempert, hat sich Vater Harry (Thomas Schrimm) vollends in widerständiges Schweigen geflüchtet – er schlurft in nervenstrapazierender Marthaler-Zeitlupe durch den Raum wie sein eigener Geist. Wenn Len sagt: "Das ist doch kein Leben", mahnt Harry den Jungen nur milde zu mehr nächtlicher Rücksicht bei der Liebe: "Macht wenigstens die Tür zu."

Irgendwann, nachdem Fred seine Gefängnisstrafe wegen Totschlags abgesessen und sich dennoch fast nichts verändert hat, beginnt Len die Koffer zu packen. "Auswandern" will er. Darauf Pams Vater Harry in starker Lakonik: "Woanders ist es genauso."

Nein, Besta will Bond nicht zu einem Kindsmord-Beckett hochstilisieren. Bestas gebremster Naturalismus kommt weder brütend noch daueraufgeregt-brüllexistenzialistisch daher – allein das ist ein Kunststück. Trotz der üblichen Gefahrenquellen – verkrampftes Jugendslang-Gehabe, Tendenz zum Milieu-Lehrstück – darf Bestas Neuinspektion dieser über 40 Jahre alten Jugend-Krankengeschichte als solide legitimiert, teilweise sogar  packend unschrill und berührend bezeichnet werden. Dass die Trostlosigkeit in eine Art Endlosschleife mündet, ist schon bei Bond so angelegt. Das Baby, die Zukunft ist tot. Und die Clique hängt am Ende genauso perspektivlos herum wie früher – ein gespenstisches Schlussbild.

 

Gerettet
von Edward Bond
Regie und Ausstattung: Robert Besta, Musik und musikalische Leitung: Chris Gross.
Mit: Olaf Becker, Christoph Wünsch, Thomas Schrimm, Basil Weis, Kim Bormann, Thomas Strecker, Lukas von der Lühe, Claudia Frost, Anja Lechle und Sarah Kinn.

www.staatstheater.karlsruhe.de

 

Über Jette Steckels Hamburger Inszenierung von Gerettet im November 2007 lesen Sie hier.

 

Kritikenrundschau

In den Badischen Neuesten Nachrichten (24.1.2009) schreibt Andreas Jüttner, dass Edward Bonds Stück "Gerettet" "nach wie vor nicht leicht zu verdauen" sei und "einen Markstein in der aktuellen Spielzeit des Schauspiels am Badischen Staatstheater" setze.  Das Stück wirke "bestürzend aktuell. So genügt es, wenn in der beklemmenden Szene des Babymordes der kickboxende Rädelsführer Mike ein Handy zückt und die Tat filmt, um an den erschreckenden Boom von realen Gewaltvideos unter Jugendlichen zu erinnern." Die Ausstattung zeige zwar, dass "die abgestumpfte Rohheit hier bei den ideell wie materiell Mittellosen verortet" werde. Doch anders als bei Bond "reden die Figuren nicht im Dialekt, der seinerzeit auf der Bühne noch dumpfe Bildungsferne illustrierte. Dadurch rückt einem das Personal unangenehm nahe."

In der Rheinpfalz (24.1.2009) fragt Rainer Wolff, ob ein "angejahrtes Theaterstück aus dem Unterschichten-Milieu noch aufrüttelnde Wirkung haben" solle, wo doch "abstoßende Bluttaten mittlerweile zur TV-Routine" gehörten. Regisseur Robert Besta habe so "gehörig auf die Schock-Pauke hauen" müssen, "um sein Publikum noch aufschrecken zu können". Und so werde "tüchtig geholzt, radaulustig gewütet und erregt geschrien, dass dem Publikum Hören und Sehen zu vergehen drohte". Für differenziertes Arbeiten sei offenbar nur wenig Zeit geblieben, da die Regie – "um das Stück gegen die räumlichen Nachteile der  [Nancy-]Halle zur Geltung zu bringen" zu "aufgedrehtem Krawall, ausführlicher Überdeutlichkeit und erheblichem Aufwand greifen musste".

 

 
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