Der Angriff des Erfundenen auf das Wirkliche

von Michael Laages

Osnabrück, 23. Januar 2009. Anna Nicole Smith ist schuld. Was für ein Hype um sie im Tode! Um nichts plus Sex plus Drogen. Der Boulevard erschafft sich Mythen ganz von selbst. Oder Paris Hilton. Jeder und jede hat irgendwie-irgendwann-irgendwo diesen Namen schon gehört. Warum? Keine Ahnung. Das ist die eine Seite der Prominenz. Auf der anderen stehen die ungezählten Koryphäen der Wissenschaft, alle wirklich wichtig und mit Nobel- und anderen Preisem geehrt. Trotzdem kennt sie einfach kein Schwein.

Wer weiß – womöglich stand also am Beginn der Arbeit am neuen Stück von Rebekka Kricheldorf der Blick in die Zeitung; und auf dieses doppelt-menschliche Elend im zeitgenössischen Medien-Alltag. Entstanden ist (als Auftragsarbeit für das Theater in Osnabrück, dessen "Spieltriebe"-Festivals sich schon wiederholt der Texte und Themen der Freiburger Autorin annahmen) jedenfalls eine einigermaßen flotte Farce über die Verwechslungsfähigkeit von erfundener und realer Wirklichkeit – also ein Kommentar zur akuellen Medien-Welt, in der ja auch einfachen Bildern längst nicht mehr zu trauen ist.

Knäckebrot vs. Mega-Seller
"Der Kopf des Biografen" – das ist die Geschichte eines Schriftstellers, der sich auf biografisches Schreiben verlegt hat und zunehmend in der Geschichte der Figur versinkt oder verloren zu gehen droht, deren Lebensporträt er schreiben soll. Ein Physiker ist hochbetagt verstorben, Tristan Wokalek, 1976 mit dem Nobelpreis geehrt für die "Wokalek'sche Gleichung" und dennoch leidlich unbekannt. Und während nun Victor, der Biograf, vom Verlag den Auftrag bekommen hat, Wokaleks Leben möglichst umsatzstiftend zu erzählen, arbeitet Victors "Konkurrentin", so heißt sie im Stück, am Sittenbild einer Skandalnudel namens Lou. Aber sie könnte auch Smith oder Hilton heißen. Das wird absehbar ein saftiger Mega-Seller. Dagegen ist Wokalek Knäckebrot.

Im Verlauf des schmalen Stückes ändert sich das natürlich. Aber zunächst und vor allem schauen wir Victor beim Forschen zu. Unübersehbar lebt er im Prekariat; immer mal wieder wird der Strom abgestellt, und auch der Gerichtsvollzieher (eine höchst sonderbare Rolle!) schaut gelegentlich vorbei und nimmt die vorletzten wertvollen Dinge mit. Oder auch nur einen Schluck aus der Whisky-Pulle. Denn er mag Victor und Freundin Lisa und würde sie als Kuckucks-Kleber eigentlich viel lieber zur Revolte gegen das System aufstacheln. Das ist eines der eher hybriden Kricheldorf-Konstrukte. Es gibt mehrere.

Victor hat quasi das eigene Wohnzimmer archäologisch umgegraben; so sieht jedenfalls Marouscha Levys Bühne aus. Einige wenige Fundstellen kennzeichnen, was real an Resten blieb von Wokaleks langweiligem Physiker-Leben – drei Filmrollen, wenige Foto-Alben, ein weithin unleserliches Notizbuch, ein Kinderspielzeugauto. Später kommen die Tagebücher einer Freundin hinzu – aber da sind wird schon mittendrin in Victors Reise in den Wahn.

Schimären des Wirklichen
Mehr und mehr tauchen die Zentral- und Rand-Figuren aus der Forschung in Victors "richtigem" Leben auf. Wokaleks Frau, sein Assistent, seine Freundin. "Schimären" nennt sie Kricheldorf – und ihr Eigenleben verändert zunehmend den "Kopf des Biografen"; bis er die vollkommen abstruse Fabel über den quasi geklauten Nobelpreis zusammen fabuliert hat (Wokalek hat das Wissen seiner Freundin geklaut!) und damit einen echten Knaller und Knüller am Buchmarkt landet.

Zuvor war schon die Konkurrentin neidisch geworden und wollte ihre Boulevard-Schnepfe gegen Wokalek tauschen: nichts da! Victor hat Wokalek längst wie neu erfunden – und lebt fürderhin (so zeigt es ein ulkiges kleines Video am Schluss) in Saus und Braus mit Reichtum und Ruhm. Aber auch mit einem zweiten Ich: Wokalek, der sich als "alter ego" und schlechtes Gewissen breit gemacht hat im Hirn des Erfinders.

Gewiss ist Kricheldorfs Plot ein wenig überkonstruiert. Aber er hat Charme und häufig auch Witz; zumal die Personen, Victor selbst, aber auch die Freundin, der Gerichtsvollzieher sowie die von ihnen mitdargestellten "Schimären", einige Distanz zur Wokalek-Forschung halten.

Stutzen und Staunen
Die Medien-Farce wäre sehr gut vorstellbar als steile, besinnungslose Farce für den gebildeten Boulevard. Doch so weit voran traut sich Nina Gühlstorffs Uraufführungsinszenierung in Osnabrück leider nicht. Sie findet vor allem keinen zündenden Anfang, und eine ganze Weile dümpelt die Erfindung des neuen Wokalek genau so langweilig einher, wie es das Leben des "wirklichen" Wokalek war.

Kricheldorfs Ironien hat Gühlstorff konsequent in Staunen und Stutzen des Personals übersetzt, und so steckt das Stück prompt voller lähmender Denkpausen, wo es doch ein Wirbel aus Besinnungs- und Bewusstlosigkeiten sein könnte. Und erst mit dem Einbruch der Phantasmagorien kommt der kleine Abend in Schwung. Ein bisschen wenigstens. Aber den hält das Ensemble dann durch: Clemens Dönicke als zunehmend wirrer Biograph, Christina Dorn als sehr belastbare Freundin, Katharina Quast als Vision der Femme Fatale an Wokaleks Seite und Laurenz Leky als revolutionärer Kuckuck vom Gericht.

Kricheldorfs Stücke besitzen so viel schräge Phantasie, dass sie stets mehr als nur einen Inszenierungsversuch wert sind. Das ist auch diesmal so.

 

Der Kopf des Biografen (UA)
von Rebekka Kricheldorf
Regie: Nina Gühlstorff, Bühne und Konstüme: Marouscha Levy, Video: Max Goergen.
Mit: Clemens Dönicke, Christina Dorn, Katharina Quast, Laurenz Leky.

www.theater.osnabrueck.de


Zuletzt waren nachtkritik.de im Osnabrücker Theater, das im vergangenen Jahr für sein Engagement für zeitgenössische Dramatik mit dem Preis der Theaterverlage ausgezeichnet wurde, um über ein bemerkenswertes Theaterprojekt für blinde Kinder zu berichten.

Kritikenrundschau

Die Kunst der 1974 in Freiburg geborenen Dramatikerin Rebekka Kricheldorf "besteht nicht zuletzt darin, große Themen in kleine Exempel zu übersetzen, sie komisch, aber nicht unernst, philosophisch, aber nicht tiefgrübelnd zu bedenken", schreibt Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (26.1.2009). Eine "ganz schön abgedrehte Geschichte" habe sich Kricheldorf mit ihrem neuen Stück ausgedacht, "zumal Figuren und Phantome von denselben Darstellern gespielt werden." Victor habe zunehmend Mühe, zwischen Wirklichkeit und Vorstellung zu unterscheiden, mit dem Schreiben aber komme er umso besser voran. "Medienfarce und Wissenschaftssatire zwinkern in dieser zeitgeistironischen Komödie einander zu", und Rebekka Kricheldorf treibe mit dem gängigen Realismus Schabernack. Für die Abgründe und Zwielichtigkeiten der Figur habe Clemens Dönicke als Victor allerdings kaum mehr als bubihaftes Staunen übrig. "Während Christina Dom als Lisa/Elise und Katharina Quast als Mara/Naomi munter changieren, bleibt er seiner Doppelrolle (nicht nur) die Brüche schuldig." Fazit: Trotz der Uraufführung in Osnabrück "bedarf auch 'Der Kopf des Biographen' der Bewährungshilfe".

Rebekka Kricheldorf hat Glück gehabt, schreibt Christine Adam in der Osnabrücker Zeitung (26.1.2009). Denn Regisseurin Nina Gühlstorff habe echte Grabungsarbeit geleistet und mit "geradezu liebevoller Geduld" auch die "dunkleren, dem Verständnis schwer zugänglichen Ecken des neuen, recht sperrig-abstrakten" Stückes ausgeleuchtet. Clemens Dönicke als Victor "schaut mit dem träumerischen Blick des schwer Vergrübelten ins Publikum und verleiht der Inszenierung bis zum Schluss eine Atmosphäre liebenswerter Versponnenheit – das können nur richtig gute Schauspieler." Der Tonfall mache die Musik in dieser Inszenierung. "Wären da nicht diese glänzenden vier Schauspieler und ihre mit präziser Skurrilität gezeichneten Figuren, wäre da nicht die gelassene Sicherheit des Regieteams, das mit jeder Szene suggeriert: Alles ist gut, richtig und richtig lustig, was die Autorin erzählt – man könnte, anders als bei Kricheldorfs welthaltig praller 'Ballade vom Nadelbaumkiller', am mageren Ertrag des neuen Stückes leicht verhungern."

 

 
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