Drei Spieler im Wind

von Michael Laages

Hannover, 25. Januar 2009. Ob es das schon einmal gab: dass die erste, gemeinhin für ungemein wichtig erachtete Premiere der neuen Intendanz, womöglich gar der "neuen Ära" eines herausragenden Theaters über ein halbes Jahr vorher an einem anderen Theater stattfindet? Das Schauspiel Hannover des scheidenden Intendanten Wilfried Schulz jedenfalls zeigt bereits jetzt die erste "eigene" Produktion der künftigen Direktion am Thalia Theater Hamburg. "Nach der Probe", die deutschsprachige Erstaufführung eines Textes von Ingmar Bergman, der im Theater spielt und den der Regisseur 1983 fürs schwedische Fernsehen produzierte, gibt’s bis zum Sommer nur in Hannover – und erst in der nächsten Saison beim neuen Hamburger Thalia-Chef Joachim Lux.

Der Grund ist einfach: Einer von dessen Haupt- und Haus-Regisseuren ist Luk Perceval; und der war gelegentlich auch bei Schulz in Hannover. Dass mit der Schauspielerin Oda Thormeyer außerdem eine der Stützen der hannoverschen Ensemble-Gesellschaft nach Hamburg wechselt, hat die Kooperation sicher erleichtert. Merkwürdig ist es trotzdem, wie leichthin die neue Thalia-Mannschaft einen der ersten großen Paukenschläge zum Start aus der Hand gibt. Zumal dieses Bergman-Stück nur auf den ersten Blick nach einer Fingerübung für drei Schauspieler aussieht – der Text hat's in sich.

Von Entzug zu Entzug

Nach einer Probe am Vormittag sucht Anna, die junge Schauspielerin, die Auseinandersetzung mit dem Regisseur. Sie versteht nicht, warum er ausgerechnet sie, die sie sich viel zu jung fühlt, in August Strindbergs "Traumspiel" als "Agnes" besetzt hat. Zu Recht vermutet sie mehr als nur künstlerische Gründe – immerhin war Henrik, der Regisseur, mal der Geliebte ihrer Mutter, die sich vor einigen Jahren tot gesoffen hat und die Tochter nicht nur mit der Flüssig-Droge in unstillbaren Hass getrieben hat: auf sich selbst, auf das Schauspieler-Sein.

Psycho-Muster also lauern zuhauf – Mutter-Hass und Vater-, genauer: Ersatz-Vater-Bindung, denn natürlich bahnt sich auch eine fatale Liebesverstrickung zwischen Regisseur und Darstellerin an. Dann platzt unvermutet eine Rückblende in den Beziehungskampf – auf tritt ("vor zehn Jahren") Rakel, Annas schon schwer trunksüchtige Mutter. Auf Knien quasi, und unter mancherlei wahrhaftiger Entblößung, drängt sie den Regisseur (den Ex- und Immer-wieder-Geliebten), ihr mehr als nur eine Zwei-Sätze-Rolle in der neuen Inszenierung zu geben. Und wenn das auch nichts wird, so ist doch klar, dass diese beiden nie voneinander werden lassen können. Er wird in seinem Gefängnis bleiben, dem Theater, sie wird von Entzug zu Entzug weiter vor sich hin verrecken.

Obduktionsbericht statt Liebeserklärung

Ende der Rückblende – und jetzt erklären Regisseur und Schauspielerin einander die (mögliche) Liebe. Aber er lässt die beiden im Spiel die Zeit noch einmal zehn Jahre zurück drehen: um ihr vorzuspielen, wie fahrlässig sie ihre Liebe verspielt hätten. Deshalb wird jetzt zwischen beiden nichts beginnen. Wahrscheinlich.

Einmal mehr bewährt sich der vor bald zwei Jahren verstorbene Regisseur Bergman als starker Theater-Autor. "Nach der Probe" ist (trotz sicher etwas platter Psychologie) ein Kammerspiel voller Schärfe, eine mitleidlose Lebensbilanz des alternden Künstlers ist das Stück auch, und eine Tragödie der Generationen obendrein – eine "Liebeserklärung an die Schauspielkunst" allerdings, wie die hannoversche PR-Poesie dichtet, ist der Text mit Sicherheit nicht. Bergman zeigt Menschen in Käfighaltung, mit dem Verzweiflungsdrang des Schauspielers, Menschen darstellen zu wollen. Liebeserklärung? Eher ein Obduktionsbericht nach der Vivisektion.

Und die Figur Henrik hat durchaus Recht, wenn sie konstatiert, dass es für Theater nichts braucht als Text und Spieler. Und dahinter vielleicht eine Wand. Luk Perceval hält sich daran leider nicht. Er zeigt "Nach der Probe" im "richtigen", realen Theater-Raum, nur umgekehrt: wir auf der Bühne, und im Saal, am Regietisch in Reihe 9, 10 oder 11, der obduzierende Arzt und Regisseur Henrik, ein Pedant, der Papier in ordentliche Häufchen legt und zum besseren Nachdenken Bleistifte spitzt, dann aber nicht weiß, wohin mit den Krümelholzresten.

Aus sich heraus an die Grenzen

Vorn an der Rampe: erst die Junge und später die Ältere; und wenn "vor zehn Jahren" die Mutter erscheint, bleibt die Tochter (sie wäre jetzt 12) stumm und teilnahmslos im Saal sitzen. Dekorativ bedienen Regisseur und Jung-Akteurin zwischendurch mal die große Windmaschine, um noch mehr lose Textblätter in den Saal zu pusten, als eh schon darin liegen. Neben derlei überflüssigem Aufgemöbel setzt Perceval auf starke Emotion, lässt also gern auch mal schreien – was im umgekehrten Zuschauer-Bühnen-Raum eher zu einigen akustischen Problemen führt. Nicht umsonst spricht der Regisseur hier, wie auf richtigen Proben, gern mit Hilfe des Mikrophons.

Mit dem Darsteller-Trio aber ist der Regisseur allemal auf der sicheren Seite. Picco von Groote, eine der erstaunlichen jungen Frauen, die die vergangenen Jahre im Schulz-Ensemble geprägt haben, wird allerdings alternieren mit Nadia Schönfeld (weil die das Stück dann im Herbst und in Hamburg ganz übernimmt); und ein Rest von Unentschiedenheit ist ihrem Junge-Frauen-Furor noch anzumerken. Oda Thormeyer geht mit dem Elends- und Untergangs-Solo der verlorenen Mutter wahrhaftig an die Nieren, weil sie (wie so oft) ganz aus sich heraus und an die Grenzen geht. Und Wolf-Dietrich Sprenger endlich wieder in einer besonderen Arbeit zu sehen, ist (speziell für ältere Semester) das pure Vergnügen – weil das neben aktueller Klasse auch erinnert an große Zeiten mit Sprenger in Jürgen Flimms Hamburger Thalia-Ensemble.

Perceval hätte sich auf dieses Trio sogar noch mehr verlassen können. Wer diese drei hat, braucht eigentlich keine Windmaschine.

 

Nach der Probe (DEA)
von Ingmar Bergman
Regie: Luk Perceval, Bühne: Annette Kurz und Lena Müller, Kostüme: Ursula Renzenbrink.
Mit: Picco von Groote (alternierend: Nadia Schönfeld), Oda Thormeyer und Wolf-Dietrich Sprenger.

www.schauspielhannover.de

 

Mehr von Ingmar Bergman? Sebastian Hartmann leitete im September 2008 mit dessen "Abendmahlsgästen" seine Leipziger Matthäuspassion ein. Und Philipp Preuss inszenierte im Januar 2009 Bergmans Persona am Deutschen Theater Berlin.

 

Kritikenrundschau

"Bergmans Offenheit zum Medium Film, für das Bergman eine Durchlässigkeit zum Theater und umgekehrt geschaffen hat, mag den Theatermann und Probenfilmer Perceval dazu bewogen haben, dem Meister des Psychodramas einfach zu folgen. Und das ist gut", schreibt Frauke Hartmann in der Frankfurter Rundschau (27.1.2009). Bergmans zentrale Themen, "das qualvolle Durchdeklinieren menschlicher Täuschungsmanöver und Missverständnisse zwischen Liebessehnsucht und Liebesscheitern", erscheinen hier fast wie in einem Selbstporträt des Regisseurs, gespielt von Wolf-Dietrich Sprenger, "der alle Beziehungsfallen kennt und dennoch, ratlos auf der Suche nach seiner Wahrheit, immer wieder hineintappen muss." Zur deutschen Erstaufführung komme Bergman "vor allem durch seine Beschäftigung des Theaters mit sich selbst". Die habe Hannovers nach Dresden scheidender Intendant Wilfried Schulz "nämlich zum Abschiedsprogramm erhoben und zusammen mit dem künftigen Intendanten am Hamburger Thalia Theater, Joachim Lux, gleich zur Grundlage einer Koproduktion und damit eines Neuanfangs gemacht".

Wolf-Dietrich Sprenger als Henrik Vogler ist ein "leicht gereizter, schwer besserwisserischer Regisseur", dem man eher die "Schürfwunden als die Freudenfeste seines Berufs" anmerkt, findet Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (27.1.2009). Picco von Groote mühe sich als beflissene Anfängerin Anna, dem abgebrühten Profi einerseits schöne Augen, andererseits nicht zu viele Hoffnungen zu machen. Einzig Oda Thormeyer als Rakel, früher ein Star, jetzt durch Selbstzweifel und Alkohol halbwegs berufsunfähig, "verdeutlicht mit den Finessen einer erfahrenen Rampentigerin, wie fließend in dieser Branche die Übergänge zwischen treuherziger Lüge und dubioser Aufrichtigkeit sein können." Fazit: "Dennoch wirkt Percevals Inszenierung mehr wie eine redliche Pflichtübung als wie die freimütige Gewissenserforschung in eigener Sache, die Bergmans Vorlage betreibt."

In "Nach der Probe" spiele Perceval mit der authentischen Theatersituation, so Matthias Heine in der Welt (27.1.2009), und doch habe er sich diesmal "respektvoll zurückgehalten". Der Regisseur werde im Herbst Oberspielleiter des Hamburger Thalia-Theaters. "Nach der Probe" ist eine Koproduktion mit dem Schauspiel Hannover, die später am Thalia gezeigt werden soll, viele Rückschlüsse auf die künstlerische Marschrichtung in Hamburg könne man daraus allerdings noch nicht ziehen. "Nichts vom abgefuckten Zynismus, mit dem er kürzlich an der Berliner Schaubühne Schnitzlers 'Anatol' durch den Wolf drehte." Stattdessen gebe es außer einem "bisschen Kletterei über die Sitze und einer kleinen Ekstase vor der Windmaschine" erfreulich wenige Regieeinfälle.

"Luk Perceval muss einige Mätzchen einbauen, um den Raum zu füllen", schreibt dagegen Bert Strebe in der Hannoverschen Allgemeinen (27.1.2009). So müssen Sprenger und von Groote vor einer Windmaschine Papier in die Luft werfen, von Groote balanciert mehrfach über die Sitzreihen. "Die Akustik steht dem Konzept entgegen und macht für Sprenger ein Mikrofon nötig, und manche in die falsche Richtung gesprochenen Sätze bleiben unverständlich." Vielleicht hätte sich Perceval mehr auf seine Akteure verlassen sollen, findet Strebe, denn die bringen ja schon alles mit, was das Stück braucht.

Perceval halte sich, so schreibt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (28.1.2009), an den Ausspruch des Regisseurs Voglers, "dass Theater eigentlich nur drei Dinge braucht: das Wort, die Schauspieler und den Zuschauer" und inszeniere damit "hochkonzentriertes Schauspielertheater". Der "präzise Realismus", den Perceval hier verfolge, zeuge von seinem "empfindlichen Interesse an Fragen des Theaterbetriebs". Er spüre "den labilen Grenzen nach", die im Theater, diesem "egoistischen und absurd hierarchischen Betrieb, der sich dennoch stets zu einem Ort der Freiheit erklärt", zwischen Realität und Spiel gezogen sind. So führe diese Inszenierung "an den Punkt, da die Manipulation von Menschen nicht mehr der Kunst dient, sondern nur noch dem Eigennutz und zeigt, wie gefährlich dieses Spiel tatsächlich für alle Beteiligten ist".

 

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