Beschwörungen des leeren Himmels

von Ulrike Gondorf

Bonn, 30. Januar 2009. Haben Verbrecher eine schwere Kindheit gehabt? Wer diese vulgärpsychologische Frage an einem Stoff von mythischen Dimensionen überprüfen will, stößt unweigerlich auf die Atridensage: Wenn man sich nur die Taten der letzten Generation dieses unseligen Geschlechts vergegenwärtigt, kommen schon mehr traumatische Erlebnisse zusammen als irgendjemand verkraften kann.

Der Vater tötet vor den Augen seiner Familie eine seiner Töchter und zieht in den Krieg; die Mutter verfällt daraufhin bis zur Hörigkeit einem Geliebten, der ihre Kinder vertreibt und demütigt, die Geschwister auseinander reißt. Und als der Vater aus dem Krieg zurückkommt, erschlägt ihn das ehebrecherische Paar in der Badewanne, und die kleine Tochter Elektra muss das mit ansehen. Was soll aus dem Kind werden?

Blutiges Drama, flauschige Handtücher
Eine Fanatikerin, eine Terroristin, meint Hubert Ortkemper. Der ausgewiesene Übersetzer und Kommentator griechischer Texte hat es diesmal nicht bei einer Übertragung bewenden lassen. Die beiden Euripides-Tragödien "Elektra" und "Orestes" zog er zu einem Theaterstück zusammen, das jetzt am Schauspiel Bonn in einer Inszenierung von Christoph Roos seine Uraufführung erlebte: "Elektra/Orest". Herausgekommen ist ein Zwitter, der nicht viel mehr Durchschlagskraft und Stringenz hat, als der indifferente Schrägstrich-Titel vermuten lässt. Ortkemper ist einen unentschiedenen Mittelweg gegangen, und der führt ja bekanntlich nirgendwo hin: Nicht nach Rom, nicht nach Athen und auch nicht ins Heute.

Es gibt keinen Chor mehr, es gibt in der Inszenierung von Christoph Roos selbstverständlich kein antikes Mykene: der Mord, der wie eine Urszene mehrmals von Elektra durchlebt wird, findet in einem weiß gekachelten Raum statt, die luxuriöse Badewanne ist im Boden versenkt, daneben stapeln sich flauschige Handtücher. Und ein kleines, weiß und festlich gekleidetes Mädchen mit dunklen Zöpfen starrt mit aufgerissenen Augen auf das blutige Drama. Immer wieder läuft dieser, für das Publikum auf der Hinterbühne nachgestellte Film vor dem inneren Auge der verhärmten, verbitterten, von Rachephantasien besessenen Frau ab, die Elektra inzwischen geworden ist. Und als endlich ihr verschollener Bruder Orest zurückkommt, gehen die beiden an ihr mörderisches Vergeltungswerk.

Selbstzerstörerische Vernichtungsenergie
Und dem unterstellt Ortkemper nun eindeutig andere Motive, als es die griechische Tragödie getan hat. Von "Ehrenmord" ist da immer wieder die Rede, und die Verschwörer inszenieren ihre letzten Sätze vor der Tat wie islamistische Selbstmordattentäter. Wenn sie dann für den Muttermord vom Gericht zum Tode verurteilt werden, entsteht daraus eine nihilistische, selbstzerstörerische Vernichtungsenergie, sie reißen zwei weitere Menschen mit in den Untergang. Die Götterdämmerungsphantasien fallen einem ein, die prominente RAF-Terroristen im Gefängnis in Stammheim entwarfen.

Verblüffend ist: punktuell scheinen solche Parallelen zwischen dem Heute und dem 2500 Jahre alten Text von Euripides immer wieder auf. Das Problem des Abends ist, dass Ortkemper nicht entschlossen genug daran geht, mit dem archetypischen Material eine neue Geschichte zu erzählen. Er folgt der schematisch blockhaften Dramaturgie der Szenen, er knüpft kein psychologisch nachvollziehbares Motivationsgeflecht, um dem Zuschauer Einblick in die Entwicklung seiner Charaktere zu geben. Und – das ist der größte Schaden für die Überzeugungskraft des Ganzen – er hält im Text an dem ganzen Überbau von göttlicher Weltordnung und Bestimmung fest, ohne die Verbindlichkeit und Sinnhaftigkeit dieser Hierarchie für die handelnden Personen noch glaubwürdig zu behaupten.

Der Himmel ist leer, seine fortgesetzte Beschwörung wird daher zu einer Farce, die Charaktere und Konflikte des Stoffs aushöhlt. Sie gewinnen auch in der Inszenierung von Christoph Roos keine rechte Kontur. Die Darsteller haben die undankbare Aufgabe, ihre Patchwork-Figuren zwischen antiker Monumentalität und moderner Widersprüchlichkeit zu lebendigen Menschen zu erwecken. Sie kämpfen dafür mit Verve – aber ohne Erfolg.



Elektra/Orest
von Hubert Ortkemper nach Euripides
Inszenierung: Christoph Roos, Bühne: Peter Scior, Kostüme: Sigrid Trebing.
Mit: Maria Munkert, Raphael Rubino, Helge Tramsen, Tatjana Pasztor, Bernd Braun, Wolfgang Jaroschka, Philine Bührer u.a.

www. schauspiel.bonn.de


Mehr lesen? Zuletzt war nachtkritik.de in Bonn bei der Uraufführung von Der große Krieg, ein Tryptichon aus drei Einaktern, die der amerikanische Dramatiker Neil LaBute für die Bonner Schauspielerin Birte Schrein geschrieben hat.

 

Kritikenrundschau

Mit den von Hubert Ortkemper bearbeiteten Euripides-Dramen "Elektra/Orest" versuche Regisseur Christoph Roos in Bonn, "die sperrige Muttermord-Thematik gegenwartstauglich zu machen": Elektra und Orest "als Terroristenpärchen", schreibt Gunild Lohmann im Bonner General-Anzeiger (2.2.2009). "Die Parallelen des antiken Stoffes zu einem Terrorismus moderner Prägung wirken jedoch bemüht: Nirgends im blutigen Rachefeldzug der Geschwister sind politische Ziele auszumachen." "Geradlinig und zügig" inszeniere Roos die "Elektra"-Handlung, im "langsameren, differenzierter gestalteten 'Orest'-Teil" lasse Roos "seinem fabelhaften Ensemble viel Zeit für die psychologische Ausdeutung der Figuren." Maria Munkerts Elektra sei von Beginn an "in ihrer ganzen Grausamkeit zu bewundern: Barfuß, mit struppigem Haar, in Sack und Asche lebt sie ihren Hass." Und Raphael Rubino "mit seiner animalischen Aura" sei "die perfekte Besetzung für einen Titelhelden zwischen Bestie und verwöhntem Muttersöhnchen, berechnend und triebgesteuert, eitel und egozentrisch".

"Um ein Stück aus zweien zu machen, musste man einiges ummontieren", stellt H. D. Terschüren für die Kölnische Rundschau (2.2.2009). fest. "Die 100 Minuten, auf die das Theater den Text zusammenstrich, machten ihn schnell, vielleicht zu schnell – der Mythos verliert, wenn man ihn aus seinen Einbettungen kleinmütig heraus nimmt." Christoph Roos und seine Schauspieler "beschleunigten die neue Griffigkeit noch und sind dabei nicht zimperlich." Denn Roos brauche "Heftiges". Das alles sehe "sich aber nicht schlecht an".

 

 
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