Im Nostalgieclub

von Willibald Spatz

München, 31. Januar 2009. Es ist ein Abend geworden, der Gefühle freisetzen will. Jonas Zipf hat für seine Abschlussinszenierung "Blaupause" an der Bayerischen Theaterakadamie die ehemaligen Räume der Süddeutschen Zeitung besetzt. Das Blatt ist Ende vergangenen Jahres von der Münchner Innenstadt an den Stadtrand in ein neues Hochhaus umgezogen.

Das Gebäude, in dem die Zeitung, seit es sie gibt, produziert wurde, ist verkauft und wird gerade umgebaut: Es entsteht ein Komplex mit Wohnungen, Geschäften und Büros. Mitarbeitern, Lesern und Bürgern der Stadt war unheimlich, dass eine Institution aus der Mitte weggeht. Ihnen fehlt jetzt was im Herzen der Stadt. Und sie fürchten, dass die Zeitung, weil sie an einem anderen Ort gemacht wird, ihr Gesicht verliert.

Weihrauch und Rotwein
Diese Stimmung greifen Jonas Zipf und seine Gruppe "Team Odradek" auf und bringen alle zusammen: Die Zeitungsmacher, Theatermacher und die neuen Besitzer. Letztere haben erlaubt, zwei Monate im Gebäude zu proben. Die anderen spielen mit. Für die Aufführung werden schließlich drei Etagen genutzt. Die Zuschauer werden am Eingang von zwei Teammitgliedern abgeholt und in den ersten Stock geführt.

Da riecht es standesgemäß nach Weihrauch. In der Mitte des Stockwerks befindet sich ein Konferenzzimmer mit Glaswänden. Drinnen sitzen drei echte Journalisten: heute sind es Egbert Tholl, Reinhard Brembeck und Jochen Temsch. An anderen Tagen werden es andere sein. Sie sitzen bei Rotwein und Zigaretten und spielen Redaktionssitzung, wobei man von draußen zunächst kein Wort versteht. Erst als ein Mikro eingeschaltet ist, kann man denen drinnen zuhören.

Angelehnt an Gustav Freytags Stück "Die Journalisten" lesen sie einen Text, in dem es um die Aufrichtigkeit von Zeitungen und den Meinungswechsel, der an den Besitzerwechsel gebunden ist, geht und in den Bibelzitate eingestreut sind. Dazwischen stehen die drei Herren auf, schwenken ein Weihrauchfass. Allerdings besprengen sie die Türen mit Bier statt mit Weihwasser.

Man wohnt einem Abschiedsritual bei, das gleichermaßen überzogen und schräg wie für die Beteiligten auf eine rührende Weise wichtig erscheint. Man fragt sich, wie heilig diese Räume wirklich waren, wie viel Frevel hier gerade begangen wird. Das sei die Vergangenheit gewesen, heißt es.

Verdächtig nett
Man wird dann zwei Stockwerke höher geführt und dort mit der möglichen Zukunft des Ortes konfrontiert. Hier spielen nun Schauspieler. Ein erfolgreicher, junger Mensch hat in seinem Appartement insgesamt vier Frauen versammelt, um sich mit ihnen zu vergnügen. Er filmt sie in Unterwäsche und spricht dazu von seinen Vorhaben, die Welt zu verbessern. Dann dreht er durch und demoliert einen Teil der Einrichtung. Man darf sich an "American Psycho" erinnert fühlen. Auch diesmal spielen die Akteure zum Schluss ziemlich auf. Es werden Geschäftsleute karikiert, aber ohne jemandem weh zu tun. Klischees werden lustvoll ausgestellt, geradezu museal inszeniert als eine Art von Theater über Theater über die moderne Businesswelt. Bis hierhin ist die Veranstaltung verdächtig nett.

Wiederum ein Stockwerk höher erwartet einen dann das Ende. Bevor man sich dem gemütlichen Teil zuwende, solle man noch mal kurz den beiden vom Team zuhören. In einem PowerPoint-Vortrag stellen sie ein Konzept vor, das ihnen, wie sie sagen, während der vergangenen zwei Monate eingefallen ist.

Man könne sie jetzt kaufen, junge Absolventen der Theaterakademie. Sie würden zu jedem neuen Produkt jeder Firma ein Hochkulturereignis entwickeln, mit dem man sich der Öffentlichkeit originell darstellen könne. Dieser Theaterabend sei nichts anderes gewesen als eine Demonstration dessen, was man einem Kunden bieten könne. Zum Vortrag werden Flyer herumgereicht mit einer Kontaktadresse.

Restraum für die Kunst
Damit ist alles offen: Würde irgendjemand das ernst nehmen und die Gruppe für Promotionszwecke buchen, wäre man im Nachhinein als Zuschauer gar nicht auf einer Kulturveranstaltung gewesen, sondern bei einem Werbeevent. Wenn sich nun aber niemand meldet, bliebe alles, was geschehen ist, Performance.

Es ist schwierig, einer Zeitung anzusehen, was nicht in ihr steht. Es kann sein, dass das Bedauern des Auszugs aus der Innenstadt das nostalgische Getue einiger weniger ist, die gezwungen sind, einen lieb gewonnenen Arbeitsplatz zu verlassen. Es kann aber auch sein, dass ein Stück Meinungsfreiheit und Demokratie dem Kapital zum Opfer fällt.

Jonas Zipf hat jedenfalls einen schönen Weg gefunden, mit dem Thema zu spielen, weil er sich als Theatermensch zwischen die Fronten begibt in dem Bewusstsein, dass er eben von beiden Seiten abhängig ist: Von denen, die über ihn schreiben und ihm Platz in ihrer Zeitung einräumen und denen, die ihm seine Arbeit finanzieren. Und dazwischen bleibt noch ein kleiner Restraum für die Kunst. Den füllt er, so gut es geht.

 

Blaupause
Diplomprojekt des Studiengangs Regie der Bayerischen Theaterakademie
Regie und Leitung: Jonas Zipf, Dramaturgie: Antonia Beermann, Luitgard Hagl, Bühne: Samuel Hof, Video: Aron Kitzig, Felix Remter, Installationen: Patrick Timm, Julia Wallner, Fabian Hesse. Mit: Egbert Tholl, Christopher Schmidt, Reinhard Brembeck, Julius Bornmann, Sonja Isemer, Jochen Temsch, Isa Weiß, Franziska Herrmann, Luise Weiss u.a.

www.theaterakademie.de

 

Kritikenrundschau

Stephan Handel von der Süddeutschen Zeitung (2.2.2009) weiß von "Pappkronen" zu berichten, die die in Jonas Zipfs "Blaupause" mitwirkenden SZ-Redakteure tragen "(weil sie so allwissend sind wie die drei Weisen aus dem Morgenland)". Außerdem rauchten sie Zigarren, tränken wahlweise Rotwein oder Bier, und Egbert Tholl erledige die "dürre Palme in der Ecke" auf dem Höhepunkt zu "Matthäuspassion"-Musik mit einer Axt. Danach werde im dritten Stock (ehemalige Wirtschaftsredaktion) "ein wüstes Sex-Kokain-Amoral-Stückchen, wie es sich der neoliberalste Neoliberale nicht überzeichneter ausdenken könnte". Insgesamt hat Handel hier "die Anrufung eines toten Gebäudes bei Kerzenschein" erlebt, den "Blick in eine Vergangenheit, die so nie war, und eine Zukunft, die so nie sein wird".

 
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