Kleiner Mann, das nun

von Hartmut Krug

 

Berlin, 1. Februar 2009. Dieser Einzelhändler ist keiner, der den herrschenden Ansichten widerspricht, sondern ein Einverstandener. Doch obwohl er, "nachdem er aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt, inzwischen eingeführter Demokratie vorurteilslos gegenübergetreten" war und, "da sie sich wenig später auch geschäftlich bewährt hatte, zu ihren Befürwortern" zählte, verliert er nach 21 Jahren sein Drogeriegeschäft. Der tüchtige Drogist aus Egon Monks auch verfilmter Erzählung "Industrielandschaft mit Einzelhändlern" aus dem Jahr 1970 scheitert gerade deshalb, weil er sich ganz an die Regeln eines Wirtschaftssystems hält, das ihm Wohlstand durch Selbständigkeit verspricht.

Die Erzählung des vor zwei Jahren verstorbenen Egon Monk, erster Schüler und Mitarbeiter Brechts am Berliner Ensemble bis 1953, später in Westdeutschland ein Begründer des politischen Fernsehspiels, besitzt als analytische Beschreibung vom Aufstieg und Fall eines Einzelhändlers in den Wirtschaftswunderjahren nach dem Kriege eine erstaunliche Aktualität. Monks Drogist wird zum Opfer von Konzentration und Globalisierung. Er vermag gegen ein von Handelsketten und Großmärkten bestimmtes und befriedigtes Konsumverhalten nicht mehr zu bestehen und muss, nachdem ihm die Bank keinen Kredit mehr gibt, als Selbstständiger aufgeben. Dabei erkennt er: Wenn Amerika einen Schnupfen hat, bekommt Europa Lungenentzündung.

Spielerisch brechtianisch
Das Ganze: Ein toller Text, aber ein schwieriger Text für das Theater, geschrieben als erlebte Rede des Drogisten. Dass das theater 89 ihn in Monks Nachlass ausgegraben und am Ende eines dreitägigen Premierenreigens (beginnend mit zwei Stücken von Dirk Laucke) zur Feier des eigenen 20. Geburtstags vorgestellt hat, beweist einmal mehr den Rang dieses freien Theaters als politisch waches Autorentheater Berlins.

Der kühne Versuch, diesen vor allem Denkprozesse statt szenischer Ereignisse beschreibenden Text auf die Bühne zu bringen, wird von erstaunlichem Erfolg gekrönt. Weil Regisseur Hans-Joachim Frank ihn in Bewegung zu bringen versteht, ohne ihn szenisch allzu sehr zu befrachten, und weil er mit Bernhard Geffke einen Hauptdarsteller besitzt, der die Selbstreflexion und den marktwirtschaftlichen Diskurs des Drogisten sozusagen spielerisch brechtianisch vorführt. Sein Drogist erscheint nicht als das kleine Opfer der Verhältnisse, wie wir es von Fallada kennen, sondern wird als ein selbst im Niedergang energischer, bis zum voraussehbaren Scheitern selbstbewusster kleiner Mann gezeigt.

Optimierung von urkomischer Traurigkeit
Wunderbar, wie Geffke den Versuch des Drogisten spielt, seine Situation im wissenschaftlichen Selbstversuch zu verstehen und zu meistern. Gegen die Stoppuhr in der Hand seiner Frau versucht er, jede Arbeitsbewegung, jede lächelnde Hinwendung zum Kunden tayloristisch zu optimieren. Dabei macht er sich zum Arbeitsautomaten, der er eigentlich längst ist. Und wie er ein Schema des Handelns für sich entwirft, mit Selbstkritik, mit Aktivierung des Betriebs, mit Studium des Weltmarkts und mit faktenorientierter Planung über Einkauf, Angebot und Nachfrage, das strahlt urkomische Traurigkeit aus.

Eingebettet in den summenden Einverständnisgesang eines gesellschaftlichen Chores mit sich selbst tritt dieser Drogist als Einzelkämpfer auf und schließlich auch ab. Zwei Kommentatorinnen in schwarzem, aufreizenden Show-Outfit geleiten uns mit moritathafen Kommentaren und gesungenen Erklärungen durch den Abend. Bianca Baalhorn und Sara Victoria Sukarie vermögen dabei ihre oft komplizierten Texte so überraschend lebendig und unterhaltsam darzubieten, dass die Aufführung trotz wenig szenischer Aktion auf der erdbedeckten niedrigen Bühne – mit einem Erdhügel an der Seite und einem Landschaftspanorama im Hintergrund auch Spielort der Stücke Lauckes – spannungsreichen Schwung erhält.

Es ist eine Inszenierung, die Denkprozesse und gesellschaftliche Entwicklungsgesetze auf intelligent unterhaltsame Weise versinnlicht und ein beeindruckend homogenes Ensemble präsentiert, in das sich Schüler der berliner schule für schauspiel sicher einfügen.

 

Industrielandschaft mit Einzelhändlern (UA)
von Egon Monk
Regie: Hans-Joachim Frank, Bühne und Kostüme: Annette Braun, Musik: Jörg Huke, Choreografie: Annett Scholwin, Dramaturgie: Jörg Mihan.
Mit: Bernhard Geffke, Sonja Hilberger, Bianca Baalhorn, Sara Victoria Sukarie, Melissa Anna Schmidt, Doreen Wermelskirchen, Christoph Drobig, Jörg Gahr, Matthias Hinz, Johannes Keusch.

www.theater89.de

 

Kritikenrundschau

Detlef Friedrich erinnert in der Berliner Zeitung (3.2.2009) daran, wie der Schauspieler Hans-Joachim Frank mit einer Gruppe von Kollegen vor 20 Jahren aus dem damals staatlichen Berliner Ensemble auszog und seither "arbeitslosen Jugendlichen, Versagern und Möchtegerns aus Plattenbauvierteln, die es in der Nachwendegesellschaft zu nichts bringen, für die in der Medienwelt das nur die Besitzenden tröstende, verschleiernde Wort Prekariat aufkam, eine Stimme" gibt. Die "gescheiterten Existenzen" aus den Stücken des jungen Dramatikers Dirk Laucke (in den Friedrich die Hoffnung setzt, dass er einmal "ein großes Stück schreiben wird, das mehr als genaue Beobachtung ist") passen da genau ins Programm, und mit "alter ford escort dunkelblau" und "Wir sind immer oben" bestritt das theater 89 zwei Drittel seines Jubiläumsprogramms. Das dritte der allesamt von Hans-Joachim Frank inszenierten Stücke sei eine "Ausgrabung" des Brecht-Schülers Egon Monk und dabei "so etwas wie 'Furcht und Elend des vierten Halbreiches'": Einzelhändler unterliegt im Kampf gegen Konzerne. "Dass die Denkschablone etwas in die Jahre gekommen ist, war leider der Aufführung anzumerken."

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