Facetten eines Phänomens

von Ulrike Gondorf

Aachen, 6. Februar 2009. Henning trägt einen Jogginganzug, Finni einen weißen Rock und einen kurzen rosa Blazer, Klaus eine Lederjacke. In der Kleidung unterscheiden sie sich nicht von ihren Kindern, vielleicht nicht einmal von ihren Enkeln. Vorbei die Zeiten, von denen Barbara erzählt: Sie erinnert sich an ihre Großmutter nur von einem Foto: eine bis zum Kinn in ein steifes, dunkles Kleid eingezwängte alte Frau mit einem schwarzen Hut. Als die Aufnahme gemacht wurde, war die Großmutter Anfang 60 - rund 20 Jahre jünger als die elegante Barbara, die ein dezent gemustertes Kostüm und eine graue Kurzhaarfrisur trägt und ihrerseits leicht für Anfang 60 durchgehen könnte.

Schöne neue Alterswelt? Aktiv, gepflegt, vielseitig interessiert und (zu großen Teilen zumindest) wirtschaftlich sicherer und besser gestellt als viele andere Bevölkerungsgruppen. Sind sie so, die neuen "jungen" Alten, von denen es nie mehr gab als heute? Freilich noch lange nicht so viele, wie in den nächsten Jahrzehnten ins Rentenalter eintreten werden.

Geschichten, Gedanken, Erinnerungen
Wenn die drei Herren und vier Damen in Aachen die Bühne betreten, wirken sie genau wie diese Bilderbuchsenioren. Kleine Altersgebrechen wie einen unsicheren Gang, einen zitternden Arm oder schlechte Augen bemerkt man erst auf den zweiten Blick. Es liegt wohl auch in der Natur eines solchen Projekts, dass sich eher aufgeschlossene und unternehmungslustige Leute dafür bewerben. Denn die sieben stehen nicht nur als Schauspieler auf der Bühne, sie sind die "Experten". Aus ihren Geschichten, Gedanken, Ansichten und Erinnerungen hat die (junge) Autorin und Regisseurin Jenke Nordalm den Abend zusammen mit dem Ensemble entstehen lassen.

Und der führt ganz weit weg vom Hochglanzklischee der Werbung. Er lässt mit anrührender Wahrhaftigkeit, philosophischem Ernst und auch viel Humor Facetten eines Phänomens aufscheinen. Denn was das eigentlich ist: "Alter", wo es beginnt, woran man es erkennt, was es unterscheidet von anderen Lebensphasen, das kann man offenbar auch dann nicht insgesamt überschauen und wirklich begreifen. Selbst wenn man dazugehört.

Über diese Ratlosigkeit will der Abend nicht hinwegtäuschen, aus ihr bezieht er sein Kapital. Alter wird nicht definiert, es wird eingefangen in winzigen Momentaufnahmen. Jeder der sieben "Experten" hat einen Sessel und daneben einen kleinen Tisch mit persönlichen Dingen: Fotos, Bücher, Zeitschriften, ein Radio. Einer beginnt zu erzählen, ein anderer mischt seine Geschichte hinein, wie absichtslos entstehen kleine Dialoge.

Zukunftserwartung und Todesfurcht
Jenke Nordalm hat es mit großem Geschick und ohne eingrenzende Enge verstanden, thematische Kapitel herauszubilden, die sich wie Motive einer Komposition umspielen und verschränken. So kommen Erinnerungen zum Tragen an Kindheit und erste Liebe, aber auch Zukunftserwartungen, Angst vor Krankheit, Hilflosigkeit und Abgeschoben-Werden, Todesfurcht, einschneidende Erfahrungen wie der Verlust des Partners.

Mit einer Offenheit und Einfachheit, die tief berührt, lassen die sieben alten Menschen den Zuschauer teilhaben an dem, was sie verstehen und was ihnen selbst ein Rätsel ist und dennoch wahr. "Meine Frau war die große Liebe meines Lebens", sagt Günter, nachdem er vom langen Abschied am Krankenbett erzählt hat. "Und jetzt hab ich eine neue."

Dann ertönt der Gong – und alle nehmen ihre bunten Tablettenschieber zur Hand und werfen rasch eine Pille ein, damit es weitergeht – ohne Schmerzen, ohne Schwindelgefühle, ohne Pannen im Zusammenspiel der Organe, das längst nicht mehr selbstverständlich ist. Das Publikum lacht über eine witzig choreographierte Nummer und voller Dankbarkeit, dass die sieben Experten soviel Distanz und Selbstironie aufbringen, niemals larmoyant werden und nie zu große Worte im Mund führen. Den Ernst und die Bedeutung ihres Themas haben sie damit nicht geschmälert – im Gegenteil.


Heut werd ich nicht alt
ein Ensemble-Projekt mit alten Menschen von Jenke Nordalm
Regie: Jenke Nordalm, Bühne und Kostüme: Birgit Stoessel.
Mit: Günter Goetzenich, Barbara Koehnen-Rehn, Doris Kollek-Schlunke, Finni Kühnast, Klaus Rassau, Henning Rohde, Elisabeth Schodder.

www.theater-aachen.de


Zuletzt besprochen wurde im Theater Aachen Monika Gintersdorfers Variation über Haruki Murakamis Roman Afterdark im Herbst 2008.

 

Kritikenrundschau

Die sieben Senioren, die Jenke Nordalm in ihrem Projekt "Heut werd ich nicht alt" am Theater Aachen auf die Bühne bringt, "kennen die gängigen Klischees über die alternde Gesellschaft, jene Abziehbilder vom Altwerden, die von 'Best Agern', also frohgemut konsumierenden Pensionisten, bis hin zum armen, einsamen Rentner mäandern", schreibt Grit Schorn in den Aachener Nachrichten (9.2.2009). Nordalms "Experten in Lebensfragen" imponierten "mit Offenheit, Temperament, Ausstrahlung und Humor." Es werde einerseits "die Bedrückung und Ödnis des hohen Alters" angedeutet, andererseits werde "aber auch die Lebenslust älterer Menschen offenbar, wenn etwa die Bühne zum Tanzsaal wird". Warum allerdings Birgit Stoessels Bühnenbild "mit scheußlichen Lampen und stereotypen Kunstledersesseln aufwarten" müsse, bleibe "ein Geheimnis".

 

 
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