Willkommen an der Absturzkante

25. Mai 2024. Eine Terroristin, die sich beim Russisch Roulette in den Kopf schießt, ein kritischer Zuschauer, der kurzerhand erledigt wird: Joël Pommerat erzählt kaputte Geschichten aus einer ebensolchen Welt. Regisseur Wolfgang Menardi verdichtet sie zu einem erschreckend aktuellen Ritt durch menschliche Abgründe.    

Von Sarah Heppekausen

Joël Pommerats "Ich zittere (1 und 2)" am Theater Oberhausen © Andreas Etter

25. Mai 2024. Es ist ein stetes Auf und Ab auf dieser Bühne, die Mirjam Stängl ins Theater Oberhausen gebaut hat. Eine runde Fläche, wie mittig zusammengeschoben, woraus sich zwei gespiegelte Rampen ergeben, zum Hochlaufen und Runterrutschen, zum Wanken und Halt suchen. Unten drunter ein düsteres Gewölbe. Wenn dort zwischen den vielen Eisenstangen Nebel wabert und Gegenlicht leuchtet, ist das die Spielstätte für Unbehauste und Halb-Tote, und ein harter Boden für Traurig-Träumende. Der Trübsinn ist immer dabei an diesem Abend, ein melancholisches Dauerrieseln, verdeckt unter reichlich Glitzer, Glamour und Show-Action.

Kampf zwischen Poesie und Brutalität

Wolfgang Menardi, selbst auch als Ausstatter tätig, führt diesmal Regie bei der Deutschen Erstaufführung von Joël Pommerats "Ich zittere (1 und 2)" – ein Stück über einen Conférencier und seine Begegnungen in einer Welt zwischen Realität und Fantasterei. Was aber eigentlich viel zu brav klingt für diese wummernde Aneinanderreihung von emotionalen Ausnahmezuständen. Auf Stängls beeindruckender Bühne, die Fallhöhen und Hängepartien ermöglicht, schauen wir einem Kampf zu. Einem Kampf zwischen Lethargie und Ausbruch, zwischen Poesie und Brutalität.

Fallhöhen und kunstvolle Hängepartien: das Oberhausener Ensemble auf Mirjam Stängls beeindruckender Bühne © Andreas Etter

Zu Beginn ist der Conférencier bei Klaus Zwick (mit brauner Langhaar-Lockenperücke) noch eine kümmerliche, zittrige Gestalt, wenn er sich vom Weißclown die Publikumsansprache einflüstern lassen muss ("Im allerletzten Augenblick dieses Abends, meine Damen und Herren, sterbe ich hier vor Ihnen …"). Nur um einen Schuss später im gelb-warmen Licht und zum "Sex-Bomb"-Song gute Laune hinauszuposaunen – ohne Vorsage-Hilfe dann, versteht sich. Aufstieg und Abgrund liegen bei ihm kaum eine Mikrofonlänge voneinander entfernt.

Melancholie und Witz

"Für manche ist das Leben kompliziert und traurig / für andere ist es unerwartet und wundervoll / aber für alle ist es wirklich unwiederbringlich / deshalb tut es so gut, die Komödie der Gleichgültigkeit mit ihm zu spielen", sagt der Conférencier, und Menardi bleibt eng an Pommerats Stückvorlage. Entscheidend ist hier das Wort "spielen".

Wenn Anke Fonferek als "eine Frau" zum Mikro stöckelt, dann schimpft sie auf die "Scheiß-Schräge", die sie runter muss, und auf die "Kunstkacke hier". Ein paar Show-Acts später ist sie "die Mutter der Frau im T-Shirt", von der ihre Tochter (Regina Leenders) erzählt, dass sie sich bei Arbeitsunfällen erst zwei Finger, dann die ganze Hand abgesägt hat. Die Mutter hält dann eine Gummihand hoch und lässt sie sprechen, während sie und ihre Tochter "Nothing compares 2 U" hauchen. Da vermischen sich Melancholie und Witz im wunderbaren Spiel-Moment.

Ichzittere1 1200 AndreasEtterImmer haarscharf zwischen Aufstieg und Abgrund: Klaus Zwick als Conférencier © Andreas Etter

Und noch viel mehr kuriose Gestalten sind unterwegs auf der schrägen, sich drehenden Bühne. "Der reichste Mann der Welt" (Oliver El-Fayoumy), der dem "Mann, der nicht existierte" ein Gewehr schenkt, um mit ihm verbunden zu bleiben. Khalil Fahed Aassy steht da, in seinem langen Pulli und mit den wilden Haaren, wie fehl am Platz, wie das Kind, das in noch kein Team gewählt wurde. Ein paar Szenen weiter ist er der Mann, der sich beim Glockenschlag zum Vampir verwandelt.

Es gibt den vermeintlichen Zuschauer, der auf der Bühne seine Kritik loswerden will, hinter der Bühne aber kurzerhand erledigt wird. Es gibt die Terroristin, die sich beim Russisch Roulette in den Kopf schießt. Das Kind, das alleine gelassen wird. Die Meerjungfrau, die sich für ihren Mann den Schwanz entfernen lässt. Lauter kaputte Geschichten deutet Pommerat an. Und die Regie lässt sie wie Wölfe heulen, um Aufmerksamkeit ringen, matt in Bühnenlöchern hängen. Zwischen den Szenen flackert das Stroboskoplicht, und ein durchdringender verzerrter Sound tönt. Das ermöglicht den schnellen Standort- und Rollenwechsel im Dunkeln.

Manisch-depressives Kostümfest

Er ist auch anstrengend und erschöpfend, dieser kunstvolle Ritt durch menschliche Abgründe, die immer nur angedeutet, nie auserzählt werden. Es ist diese unsere Welt als manisch-depressive, die uns der Abend präsentiert, eine Welt, die nah an der Absturzkante steht, nur um sich schnell noch ein Stückchen weiterzudrehen. Gefeiert wird ein glitzer-glänzendes Kostümfest (Jelena Miletić) und ein fantastisches Spiel mit Realitätsdeutungen. Und die Selbstdarstellung als Mittel, sich eine eigene Wirklichkeit zu kreieren. Und das ist erschreckend aktuell.

Ich zittere (1 und 2)
von Joël Pommerat
Deutsch von Gerhard Willert
Regie: Wolfgang Menardi, Bühne: Mirjam Stängl, Kostüme: Jelena Miletić, Musik: Tom Schneider, Licht: Stefan Meik, Dramaturgie: Laura Mangels.
Mit: Klaus Zwick, David Lau, Beckley Adeoye, Siryel Elina Chtioui, Anke Fonferek, Nadja Bruder, Regina Leenders, Oliver El-Fayoumy, Khalil Fahed Aassy, Sascha Wittig.
Premiere am 24. Mai 2024
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.theater-oberhausen.de

 

Kritikenrundschau

Zwischen nervtötend und bewunderswert irrlichtere der Abend, so Ralph Wilms in der WAZ (27.5.2024).  Wolfgang Menardi scheint "das brachiale Aufzucken von Lichtern und Lärm für den Regieeinfall schlechthin zu halten - und überdosiert nach Kräften". Zunächst anstrengend bemüht, in der zweiten Hälfte dann immer anrührender umkreise Pommerats Szenenfolge ihr makabres Thema, und es seien die "verhaltenen, märchenhaften Momente", mit denen "Ich zittere" schließlich sein Publikum gewinne. "Ein wahrlich spektakuläres Bühnenbild" habe Mirjam Stängl geschaffen: "eine runde Spielfläche wie eine gewaltige Schallplatte, die in der Mitte geknickt und nach oben gebogen wurde: Hier wird das Ensemble mehr noch als zu Bewegungskünstlern schon fast zu Alpinisten."

Die Gratwanderung in Joël Pommerats "Ich zittere (1 und 2)", das Grauen anzudeuten, es aber nicht so offen zu zeigen, dass es sich restlos erklären ließe, erinnert Michael Wolf im nd (28.5.2024) an einen Horrorfilm. Regisseur Wolfgang Menardi weiche in seiner zweistündigen Produktion an einigen Stellen vom Skript ab, lasse aber das geforderte Revue-Setting bestehen. "Der Zynismus, die seelische und körperliche Gewalt, aber auch die Trauer sind nicht selten Resultate in der losen Szenenfolge des Stücks." Das elfköpfige Ensemble werfe sich Mal um Mal hinein in diese albträumerischen Szenen. 

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Ich zittere, Oberhausen: Weitere Stimme
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https://www.die-deutsche-buehne.de/kritiken/oberhausen-pommerat-zittere/
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