Freispruch für den Revoluzzer!

19. Juni 2024. Die ersten Wiener Festwochen unter der Leitung von Theatermacher Milo Rau probten den ganz großen Aufstand: Ausrufung der Freien Republik Wien, Gründung der Räterepublik, Gerichtsprozesse, und Kunst vom Feinsten (und Härtesten) gab's auch noch. Vieles war auf Scheitern angelegt und gerade darin eindrucksvoll. Die Bilanz.

Von Gabi Hift

Die Wiener Festwochen 2024 zwischen Kunst und Aktivismus © Franzi Kreis

19. Juni 2024. "Revolution now!" Mit diesem Ruf stürmte am 17. Mai ein fahnenschwingender Trupp den Vorplatz des Wiener Rathauses als wärs die Bastille und sprengte die Eröffnungsgala der Wiener Festwochen. Die Polizei blieb ungerührt, sie war informiert, dass das "eh nur diese Theaterleute" seien. Unter der roten Sturmmütze des Anführers steckte der neue Intendant der Festwochen Milo Rau. Fünf Wochen später geht das gigantische Großprojekt seinem Ende zu, Zeit sich zu fragen: Was war da eigentlich los?

"Steht auf, steht auf!"

Auf dem Boden eines der reichsten Theaterfestivals der Welt stand dieser freundliche Schweizer und rief der Wiener Bevölkerung zu "Steht auf, steht auf! Lasst den Faschisten keine Chance!" Er schien zu glauben, dass irgendwelche ominösen Unterdrückten und Marginalisierten aus den Winkeln von Wien auftauchen und in ihm den Befreier erkennen würden. Und wirklich: Er hatte vor, die Wiener Zivilgesellschaft aufzurütteln, ihr in einem Schnellkurs ein paar Grundlagen der Basisdemokratie beizubringen.

Im Rückblick sieht man, dass es ein dramaturgisch von A bis Z ausgeklügeltes pädagogisches Experiment war, mit dem Ziel, eine Gesellschaft aus der Schockstarre aufzuwecken, die auf die kommenden Katastrophen starrt: die Klimakatastrophe, das Vorrücken der Rechten und ihre Übernahme von immer mehr Schaltstellen einer bröckelnden Demokratie, dazu zwei entsetzliche Kriege. Und mittendrin ein "Wir" das fragt: Kann man überhaupt noch etwas tun?

Dagegen setzte Rau also eine Spielanordnung, in bunten Kostümen und an lauschigen Wiener Plätzen: im Wiener Volkskundemuseum das Hauptquartier des Spiels: Rätedemokratie. Im Wiener Odeon, der ehemaligen Börse, das Monsterspiel "Gerichtsprozesse": die dräuenden Konflikte vor ein Volkstribunal bringen und nachschauen, was da mit den Gesetzen, die wir schon haben, eigentlich auszurichten wäre. Und schließlich in all den Theatern rundherum Aufführungen, in denen man sehen kann, wie andere sich mit dem Versuch einer revolutionären Veränderung der Verhältnisse herumschlagen.

Räterepublik

Bei alldem erst nach und nach zu erkennen ist, wie das ständige Aufmucken von uns, den Spieler*innen, Teil des Experiments war und zur beträchtlichen Dynamik beitrug: Die Performance-Installation "Räterepublik" war geradezu darauf angelegt, dass man sie lächerlich und absurd finden musste. Von oben herab eingesetzte 80 Personen sollten über die künftige Organisation der Wiener Festwochen bestimmen. Um ihnen die Instrumente dazu in die Hand zu geben, wurde sie auf die Schulbank einer Art Volkshochschule des Widerstands gesetzt. Milo Rau hatte Widerstandskämpferinnen aus verschiedenen Krisengebieten der Welt eingeladen, mit denen er schon einmal bei Projekten zusammengearbeitet hatte. Darunter waren Mitglieder von Pussy Riot, aus der Freien Administration Rojave und zwei Frauen von der brasilianischen Landlosen Bewegung MST, mit denen er 2023 das Projekt "Antigone im Amazonas“ entwickelt hat.

Beobachtete man das Zusammentreffen der Räte mit diesen beeindruckenden Personen, geriet man in einen wahren Strudel von Widersprüchen. Es schien absurd, ihre nur allzu realen Kämpfe mit der Operettenrevolution im reichen, demokratischen Wien in Verbindung zu bringen. Es waren Aktionsformen für Machtlose, Landlose, Besitzlose, die sich durch Kampf und Zusammenschluss gegen die Mächtigen erhoben. In Wien auf der Schulbank saßen Vertreter*innen der kulturellen Elite, die mit Bewunderung und Neid auf diejenigen schauten, die in anderen Teilen der Welt so klar wussten, gegen wen und wofür sie kämpfen mussten.

1.Wiener Prozesse c Rafaela ProellDer Intendant der Wiener Festwochen Milo Rau bei der Ausrufung der Freien Republik Wien © Franzi Kreis

"Wien wird sich in einen Ort verwandeln, an dem eine humane, postkapitalistische Zukunft verhandelt wird und Künstler:innen, Intellektuelle und demokratische Befreiungsbewegungen aus aller Welt zusammenkommen, um ihr Wissen auszutauschen", hatte Milo Rau verkündet. Aber was sollte man mit dem Wissen anfangen, aus Gebieten, in denen den Menschen keine demokratischen Mittel zur Verfügung stehen, um ihre Interessen durchzusetzen – während die Bevölkerung Wiens all diese Instrumente ja noch hat?

War das vielleicht reine Eitelkeit Milo Raus, der vorführen wollte, wie nützlich seine Theaterprojekte in Krisengebieten der Welt gewesen waren? Und war er sich seiner eigenen Heuchelei eigentlich bewusst?

Mildes Opernwerk: "La Clemenza di Tito"

Gleich in den ersten Tagen antwortete darauf die Premiere von La Clemenza di Tito, die erste von zwei Inszenierungen, die Milo Rau selbst beisteuerte. Er hatte sich diese Oper von Mozart offenbar ausgesucht, um die Figur eines wohlmeinenden, gütigen Herrscher als herablassenden Heuchler zu entlarven. Die hanebüchene Geschichte um diesen Tito war allerdings schon bei der Uraufführung 1791 durchgefallen. Der Neu-Inszenierung blieb da nicht viel zu entlarven. Immerhin war damit geklärt, dass Milo Rau sich mit seiner eigenen, zwiespältigen Rolle in dem ganzen "Von oben fürs Volk Gutes tun" auseinandersetzt. Und er offerierte seinen Kritiker*innen einen Spitznamen auf dem Silbertablett: der milde Milo.

Nach und nach kristallisierte sich heraus, dass Milo Rau all die berechtigten Einwände, die man gegen seine widersprüchliche Haltung haben musste, vorhergesehen hatte. Dass er den daraus resultierenden Ärger des Publikums benutzte, um Schwung in die Diskussion zu bringen.

Fake und Dokufiction in "The Making of Berlin"

Kaum hatte man darüber geredet, wie viel an dem von ihm inszenierten Dokumentartheater Fake und Manipulation war, präsentierte er schon "The Making of Berlin", ein kleines, kluges Filmstück von Yves Degryse, seinem Mitstreiter am NT Gent. Man sieht darin (oder glaubt zu sehen) das Making of einer Dokumentartheaterproduktion, bei dem sich irgendwann Hinweise ergeben, dass der Mann, der im Zentrum der Doku steht, gelogen haben könnte. Weil das Projekt aber schon so weit fortgeschritten ist, beschließen die Macher, dabei zu bleiben und es stattdessen "Dokufiction" zu nennen, und ganz am Ende begreift man, dass das der Film ist, den man gerade gesehen hat und bei dem nun überhaupt nicht mehr klar ist, was davon jemals in Wirklichkeit stattgefunden hat.

MakingOfBerlin 1200 Koen Broos uZwischen Fakt und Fiktion: "The Making of Berlin" von Yves Degryse © Koen Broos

In Gastspielen sah man viele beeindruckende Produktionen, die sich mit den schwierigen, teils verzweifelten Versuchen von Künstlern beschäftigen, etwas Grundlegendes an den Verhältnissen zu ändern. (Hier besprochen: "Barocco" von Serebrennikov und "Parallax" von Kornel Mundruszo).

Radikale feministische Exerzitien: Carolina Bianchi, Angelica Lidell und Florentina Holzinger

Eine kluge Programmierung des Festivals stellte die Werke von drei Frauen nebeneinander, deren Stimmen von einem sehr anderen Planeten zu kommen scheinen, und die auch im Rahmen dessen, was man als feministischen Mainstream sehen könnte, als skandalös wahrgenommen werden: Carolina Bianchi, Angelica Lidell und Florentina Holzinger.

Bei allen dreien steht die Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt im Mittelpunkt. Alle drei wählen dazu das Mittel der Selbstverletzung. Meist wird das als bloßes Stilmittel aufgefasst, als Provokation. Dass da noch etwas Anderes im Spiel sein könnte, eine Rückaneignung der Metaphysik, wird kaum je besprochen. Dabei ist es offensichtlich, dass sie mit den Schmerzen, die sich selbst freiwillig und öffentlich zufügen, Zutritt zu einem irrationalen, nicht zu benennenden Ort auf der Hinterseite der Ratio suchen.

Carolina Bianchi nimmt in ihrer Performance auf offener Bühne K.O.-Tropfen, und begibt sich wieder und wieder in den Zustand, in dem sie vor Jahren vergewaltigt wurde. Sobald sie eingeschlafen ist, kommt ihre Truppe auf die Bühne, sie legen sie nackt auf eine Matratze, spreizen ihr die Beine und beginnen die schrecklichen Alpträume zu verkörpern, von denen sie vor dem Einschlafen erzählt hat. Auf dem Nummernschild eines Autos steht "FUCK KATHARSIS".

Cadela Forca 3 Christophe Raynaud de Lage"The Cadela Forca Trilogy, Chapter I: The Bride and the Goodnight Cinderella" von Carolina Bianchi und Cara de Cavalo © Christophe Raynaud de Lage

Angelica Lidell zerschneidet sich im Liebestod, auf einem Hocker sitzend, mit einer Rasierklinge die Beine, tunkt dicke Stücke Weißbrot in das herunterrinnende Blut und isst sie. Das ist ihre heilige Messe. Dann bietet sie sich einem Stier an und fleht ihn an, sie zu töten.

Auch Florentina Holzinger feiert in "Sancta" eine Messe. Hoch im Bühnenhimmel hängt eine riesige Glocke, der Glockenschlägel ist eine nackte Frau, links und rechts davon fliegen zwei nackte Engel, sie hängen an Fleischerhaken, die sie sich durch den Rücken gebohrt haben, und donnern wieder und wieder gegen Bleche, es donnert und die Glocke läutet, dahinter öffnet sich der Himmel wie auf den barocken Altargemälden.

Dass alle drei Frauen aus tief katholischen Ländern kommen, ist sicher kein Zufall. Alle drei verwehren sich in Interviews gegen den Begriff "Empowerment", Selbstermächtigung, der auf ihre Arbeiten angewandt wird. Sie beugen sich nicht der unausgesprochenen Regel für feministische Künstlerinnen, dass nur Gewalt thematisiert werden darf, gegen die frau sich erfolgreich gewehrt hat. Diese drei Frauen zeigen ihre vernarbten Körper und auch ihr Innenleben, in das die erlittene Gewalt unwiderruflich eingebrannt ist. Sie glauben nicht an Heilung, nicht an Katharsis, sie gehen dorthin, wo sich Utopie und Alptraum nicht unterscheiden lassen. Der Raum, der zwischen ihren Performances aufgespannt wird, sitzt wie ein blutiges Monster in den Eingeweiden der Freien Wiener Republik, in der doch in allen anderen Gliedern die Vernunft pulsierte.

Die Wiener Prozesse zwischen Tumult und Selbstkasteiung

Dieser Glaube an die Macht der Vernunft steht im Zentrum der Wiener Prozesse. Und mit ihm die Frage, ob es überhaupt noch möglich sein würde, nach so vielen erbitterten Auseinandersetzungen halbwegs ruhig und vernünftig mit der jeweils "anderen Seite" zu sprechen. Im ersten Prozess, über den ich hier bereits geschrieben habe, funktionierte es tatsächlich.

Im zweiten geht es um die FPÖ, die österreichische Partei, die von der Ausrichtung her der deutschen AfD entspricht. Es wird verhandelt, ob man ihr die Parteienförderung entziehen sollte, weil sie die Demokratie gefährdet (in Österreich gibt es, anders als in Deutschland, keine Möglichkeit, eine Partei zu verbieten). Riesig steht die Frage im Raum: Kann eine Demokratie sich selbst verteidigen, auch wenn eine Mehrheit im Volk keine Demokratie mehr will? Noch vor dem Ende der Schlusssitzung klingeln die Handys, die Ergebnisse der Europawahl, die just an diesem Sonntag stattgefunden hat, sind da: Die FPÖ liegt bei 27 Prozent und ist stärkste Partei.

Beim dritten Prozess mit dem Titel "Die Heuchelei der Gutmeinenden" zeigte sich Milo Rau zum krönenden Abschluss selbst an: Stellvertretend für die Festwochen lässt er sich für den Missbrauch von Fördergeldern zur Rechenschaft ziehen.

Davor wurden exemplarisch noch zwei weiter Fälle verhandelt: Sind die Klimakleber der Letzten Generation als Terroristen anzuklagen? Niemand wollte das vertreten, nicht einmal die Anklage. Und all das trieb die tapfere Klimaktivistin zur Verzweiflung. Sie wandte sich ans Publikum und riefe: Ich klage SIE an! Wegen unterlassener Hilfeleistung! – und erhielt auch dafür Applaus.

WienerProzesse 1200 Ines Bacher u"Die Wiener Prozesse" © Ines Bacher

Dann kam der Fall, der die meisten Emotionen auslöste: War die Räumung des Palästina-Camps vor der Uni rechtens gewesen? Oder hätte das Recht auf freie Meinungsäußerung gelten müssen? Zum ersten Mal in den drei Wochen wurde ein Prozess gesprengt. Die beiden eingeladenen Pro-Palästina-Aktivist*innen, einer vom BDS, eine Vertreterin der Judeobolschewist*innen, einer linken jüdischen Gruppe, waren nicht bereit, sich an die Regeln zu halten, und verlasen lauthals Manifeste. Den hilflosen Organisatoren blieb nur übrig, ihnen die Mikrofone abzuschalten. Was auch Kritik herausforderte.

Zum Abschluss nun die Anklage gegen Rau mit dem Vorwurf, "So", wie es gerade fünf Wochen lang praktiziert worden sei, könne man weder wirklich eine Revolution machen noch sei das Kunst – das Geld dafür sei verschwendet.

Damit sind freilich wir alle gemeint: Schaffen wir, die versammelten Bürger*innen, es nicht, die Demokratie zu retten, so wie wir es bisher versuchen? Ist alles Geld und aller guter Wille nur Augenwischerei?

Das ist allerdings die Frage. Die Jury sprach Milo Rau und damit alle Anwesenden frei. Und tatsächlich gibt die Macht, mit der die Frage: "Aber was dann?" im Raum stand, ihr Recht: Diese fünf Wochen haben keine Lösung präsentiert, aber sie haben erstaunlich viele Menschen im saturierten Wien aus ihrer Erstarrung aufgeweckt. Die fast unerträgliche Unzufriedenheit mit der eigenen Hilflosigkeit, mit der alle zurückbleiben – in gewisser Weise GEMEINSAM zurückbleiben –, war auf jeden Fall alles Geld und alle Mühe wert und das Experiment der Wiener Republik ein Erfolg.

 

Wiener Festwochen
vom 17. Mai 2024 bis 23. Juni 2024

www.festwochen.at

 

Kritikenrundschau

"Die Festwochen 2024 kann man mit ihren 95 Prozent Auslastung als Erfolgsedition verbuchen, die es geschafft hat, wahrlich Stoff zu geben", bilanziert Margarete Affenzeller im Standard (22.6.2024). "Eine 'Freie Republik Wien' auszurufen, wo ringsum ohnehin eine freie demokratische Republik existiert, ist keck, wenn nicht unverschämt, und gehört zu den vielen Widersprüchen, die Milo Rau und seine Kunstarbeit prägen. Der Schweizer Theatermacher, der heuer sein Debüt als Festwochen-Intendant gab und das Festival von Beginn an als dezidiert politischen Handlungsraum deklarierte, irritiert eben gern. Die dafür gewählten Mittel mögen manchmal eitel oder gar heuchlerisch erscheinen – zumal sie oft mit der Person Raus selbst direkt in Verbindung stehen –, ihre Wirkung verfehlen sie aber nie.“

Kommentare  
Rückblick Wiener Festwochen: Das Eindrücklichste vergessen
Liebe Gabi Hift, das meiner tiefen Überzeugung nach Eindrucklichste der Festwochen (und ich habe fast alles sehen können) haben Sie vergessen zu erwähnen: "ja nichts ist ok" von Pollesch und Hinrichs. Das werde ich zumindest niemals vergessen können, diesen Abend.
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