Kekse für den Zoologen

von Regine Müller

Köln, 14. Februar 2009. Auf der Bühne herrscht diffuses grünliches Dämmerlicht. Ein schwerer, massiger Mann namens Ludwig setzt sich an den Schreibtisch, schaltet seinen Computer an und schreibt. Was er schreibt, ist auf metallenen Jalousien zu lesen: "Urformen der Angst - VI. Kapitel: Die namenlose Angst."

"Urformen der Angst" lautet der Titel einer Studie, an der in Marcel Beyers bei Suhrkamp erschienenem Roman "Kaltenburg" ein gewisser Ludwig Kaltenburg arbeitet. Der Ornithologe Kaltenburg beschreibt darin die Angst als arterhaltende Kraft. Die Figur des Kaltenburg weist bei Beyer unübersehbare Parallelen zu Konrad Lorenz auf, der seine Karriere im Nationalsozialismus begann und den Vorwurf nie ganz entkräften konnte, in der NS-Zeit auch an rassekundlichen Untersuchungen beteiligt gewesen zu sein.

Verhalten der Vögel, Beschaffenheit der Menschen
Auch bei Anna Viebrock ist der Verfasser der Angst-Studie Ornithologe und am Institut für Biodiversitäts- und Varietätenforschung tätig. Auch er heißt Ludwig und schlägt sich offenbar mit einer alten Schuld herum, denn auf seinem Anrufbeantworter nuschelt blechern der Rat eines Freundes, die Sache zu vertuschen, statt zu gestehen. Doch Anna Viebrock und ihr Ko-Autor Malte Ubenauf übernehmen von Beyers meisterlichem Versuch, Zeitgeschichte zu vergegenwärtigen, nur die Konstellation, den Rahmen. (Was übrigens im Programmheft nur im Kleingedruckten erwähnt ist, nämlich dass u.a. von Beyer zitiert werde. Tatsächlich wäre "nach Motiven von" im Untertitel fällig gewesen.)

Es bleibt in Köln bei dumpfen Andeutungen, Verweisen auf das leise Grauen der Erinnerungen, bei stummen, einfrierenden Gesten. Viebrock erzählt keine Handlung, sondern zeigt, wie so oft schon gemeinsam mit Christoph Marthaler, zeitlose Momente und Zustände der Lähmung und Müdigkeit, die aus der Geschichte gefallen scheinen und zugleich vollgesogen sind von ihr.

Unerklärliche Menschen klettern aus der Heizungsverkleidung oder unter dem Schreibtisch hervor, inspizieren verwundert Alltagsgegenstände, als hätten sie dergleichen noch nie gesehen, und fallen plötzlich wie bewusstlos in einen tiefen Schlaf, bevor sie sich erneut in ihre Schlupflöcher zurückziehen. Wie nachtaktive Tiere, die man nur gelegentlich zu Gesicht bekommt.

Archäologie der Trostlosigkeit
Anna Viebrocks Archäologie der (klein-)bürgerlichen Trostlosigkeit ist mittlerweile in den Interieurs der Gegenwart angekommen. Auf der Bühne des Kölner Schauspielhauses ist eine Wohnung mit drei ineinander führenden Zimmern wie ein Triptychon aufgebaut: in der Mitte der karge Wohnraum mit Tisch, Stühlen und einer einsamen Pflanze, rechts das Arbeitszimmer mit Flachbildschirm auf dem Schreibtisch und zur Linken ein Schlafzimmer mit höhenverstellbarem Bett und einem Globus am Kopfende. In dieser Einsiedlerbehausung lebt der in sich gekehrte Vogelforscher schon lange, seit Jahrzehnten. Lediglich der Flachbildschirm entstammt dem 21. Jahrhundert, das restliche Mobiliar nebst Gebrauchsgegenständen hat sich aus den 70er und frühen 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erhalten.

Träge und ruhelos zugleich wandert Ludwig in seinem Dreizimmer-Käfig hin und her, kaut an den Nägeln und bricht manchmal unversehens in seltsame, ruckartige Bewegungen aus. Reckt im Wiederholungszwang den Kopf oder wippt halb gebückt mit dem massigen Oberkörper, als imitiere er Übersprungshandlungen und Balzrituale seiner Forschungsgegenstände.

Forscher im goldenen Käfig
Auf der Handlungsebene geschieht nicht viel: Ludwig lungert zwischen Schreibtisch und Bettstatt herum, bis ihn ein Journalist besucht, um ihn über seine Arbeit und die Kriegserfahrungen zu befragen. Danach fährt ein Ensemble von Holzsockeln aus dem Graben, und urplötzlich umringt eine Schar stummer Besucher diese leeren Sockel. Es fehlen die Exponate, genauer jene ausgestopften Riesenalken, um die sich ein endloses Referat des Museumsführers "Tierwater" dreht.

Der Riesenalk, dem auch in Marcel Beyers Roman eine Schlüsselrolle zukommt, war ein pinguinartiger, flugunfähiger Vogel, der Anno 1844 von sammelwütigen Ornithologen ausgerottet wurde. Die letzte Generation dieser Spezies wanderte geschlossen als Standpräparate in die naturkundlichen Museen. Die Sockel auf der Bühne verschwinden wieder und mit ihnen die Museumsgäste. Nun führt Ludwig einen langen, assoziativ vom "Ding an sich" über Kriegserinnerungen zur Angst mäandernden Monolog, den schließlich der nervige Journalist (Thomas Wittmann) wiederum unterbricht.

Literarische, aber keine theatrale Geschichtsschreibung
Ludwig erstickt den Störenfried in umarmendem Klammergriff und erzählt seelenruhig die traurige Geschichte des letzten Riesenalk-Pärchens zu Ende. Danach bleibt er am Boden hocken wie ein gestrandeter Pandabär, zerrt langsam die Bänder aus dem Aufnahmegerät des verblichenen Journalisten und wickelt sie spielerisch um den Kopf. Bleibt einfach sitzen und lässt sich von einer gütigen Putzkraft willig mit Plätzchen füttern, bis irgendwann gnädig das Licht ausgeht.

Kein großer Wurf, aber ein melancholischer, mit leisem Witz durchwirkter Abend. Fein gearbeitet und von stiller Konzentration, obwohl sich trotz knapper hundert Minuten doch auch Längen auftun. Zu still jedenfalls für das Kölner Publikum, das sich an vorwiegend temporeiches Theater gewöhnt hat. So feierte man die Darsteller mit karnevalesker Begeisterung und bedachte das Regieteam mit ausgiebigen Buhgesängen.

 

Der letzte Riesenalk
Ein Diorama von Anna Viebrock und Malte Ubenauf
Regie, Bühne und Kostüme: Anna Viebrock, Musik: Ernst Surberg, Choreografie: Altea Garrido, Licht: Johan Delaere, Video: Till Exit.
Mit: Josef Ostendorf, Ernst Surberg, Thomas Wittmann, Daniel Calladine, Theresa Hupp, Gerd Lang, Ursula Nill, Angelika Rien, Norbert Thomé, Tom Wirtz.

www.schauspielkoeln.de


Kritikenrundschau

Im Kölner Stadt-Anzeiger (16.2.2009) meint Christian Bos, dass die "zerstreute, bewusst arme Form von Theater, die Marthaler und Viebrock etabliert haben, … stets für ein größeres Publikum goutierbar" geblieben sei, "weil aus den rätselhaften collagierten Texten und der Grundsituation 'Es geschieht nichts' ein sehr eigener Humor entstand". In ihrer Kölner Inszenierung "Der letzte Riesenalk" sei Anna Viebrock nun zwar "eine schlüssige, tief melancholische und phänomenal eingerichtete Arbeit" gelungen, doch dem Riesenalken sei "das Lachen vergangen", und die Schauspieler wirkten "nicht nur marthalernd matt, sondern in diesem Kontext geradezu leblos, als hätte sich hier ein ganzes Genre musealisiert." Der Abend kümmere sich "allzu wenig um seine Adressaten und läuft so Gefahr, ungehört zu verhallen".

Anna Viebrock habe die Personen ihres Stücks in "verkünstelte Schwebe und Unverbindlichkeit" getaucht, schreibt Günther Hennecke in der Kölnischen Rundschau (16.2.2009). Das Ergebnis sei "ein Konglomerat unverständlich nebeneinander stehender Szenen, quälende Verlangsamung und Verkünstelung bis zur Schläfrigkeit; und eine Verschlüsselungstaktik, die das Interesse schnell erlahmen lässt." Immerhin bleibe mit Josef Ostendorf "ein Darsteller, der in seiner Mischung aus Massigkeit und Zurücknahme etwas von dem aufscheinen lässt, was wohl angestrebt ist: Nachdenklichkeit, aus Muße geboren."

Die "Identifikation des Wissenschaftlers mit seinem Gegenstand" sei ein Thema des Dioramas, schreibt Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (17.2.2009). Allerdings bewege sich dieses, "auch wenn es daraus etwas Komik zieht, zu zäh, ziellos und unverbindlich rätselhaft", um "sich 'dämmeraktiv' aufzuhellen". Es werde nicht ausgesponnen was es mit der Sache auf sich hat, die Ludwig vertuschen soll. Auch welche Schuld ihn treibe, bleibe undeutlich. Anna Viebrock sei eine "große Poetin" der "abgelebten, erinnerungsschwangeren Räume", doch ihr "Versuch, auf eigenen Beinen zu stehen", könne sich von "Andeutungen und Anlehnungen nicht weit genug lösen".

"Alles ist mit Liebe fürs Detail subtil gemacht", schreibt Alexander Haas in der taz (18.2.2009), vor allem im zweiten Teil, wenn "die ordnende Welt der Sprache ad absurdum geführt" und man Zeuge eines endlos scheinenden Forschungsberichts über den Riesenalk werde. Einzuwenden sei jedoch, "dass es es dem Abend an der entscheidenden Überzeichnung fehlt, die die Dringlichkeit der Recherche in die sprachabgewandte Seite der Welt deutlicher spürbar werden ließe." Das "rührende, rotwangige, aus Verlegenheit Fingernägel-knabbernde" Spiel des massigen Josef Ostendorf trage dazu bei. "Auch ihm hätte die Regie mehr schauspielerische Ausschweifungen zugestehen können." In Momenten panischer Nervosität verfalle er in ein stummes, hektisches Hin-und-her-Geruckel seines Oberkörpers. "Dann tut sich der Abgrund des Absurden, an dem dieser Abend sich durchaus bewundernswert entlangbewegt, mächtig auf."

 

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