Das goldene Plüschtiervließ

von Ute Grundmann

Weimar, 21. Februar 2009. Glauke, Kreons Tochter, führt Medea die Arme, damit diese Jasons Lied auf dem Cello spielen soll. Damit soll die "Barbarin" hoffähig und, da sie gar nicht Cello spielen kann, also lächerlich gemacht werden. Das ist eines der starken Bilder, das die junge Regisseurin Nora Schlocker am Deutschen Nationaltheater Weimar in ihrer Inszenierung von Franz Grillparzers "Medea" findet. Dessen Version des antiken Stoffes wird selten gespielt, noch seltener die komplette Trilogie, die mit "Der Gastfreund" und "Die Argonauten" auch die Vorgeschichte erzählt.

So kommt, nach einem entbehrlichen Pantomine-Vorspiel, der junge Phryxus an den Hof des Kolchers Aietes, mit einem Plüschschaf im Arm. Das nimmt ihm der Herrscher ebenso wie das Leben und verstößt mit diesem gewaltsamen Raub des magischen Fells gegen das göttliche Gebot der Gastfreundschaft.

Kuß-Kampf im glitzernden Zauberkleid
Wirkt das flauschige Symbol zunächst noch recht putzig, bekommt es in der folgenden Szene Sinn: Denn da steht eine ganze Herde solcher Schafe auf der Bühne, die Aietes (Detlef Heintze) hektisch mit goldener Farbe anpinselt. Indem er es vervielfältigt, glaubt der Herrscher, den Raub des Goldenen Vließes ungeschehen oder wenigstens unsichtbar machen zu können. So wird der anfangs lässige König zum Getriebenen, erst Recht, als Jason (Simon Zagermann) mit den Rache suchenden Argonauten in sein Reich kommt.

Die entern, Taschenlampen schwenkend, die Bühne vom Zuschauerraum aus. Und Medea, Aietes Tochter, hat ihre Ankunft zwar kommen sehen, doch gegen Jason ist sie dann machtlos. Marie Burchard ist eine sehr junge Medea, barfuß, im glitzernden Zauberkleid, die das patzige, quasi mit dem Fuß stampfende "Och Mensch, sag doch mal was" ebenso beherrscht, wie den hohen Grillparzer-Ton, welche also die Seherin ebenso glaubhaft gibt, wie die wider Willen Verliebte. Denn schon der Beginn mit Jason ist ein Kuß-Kampf, ein Anziehen und Abstoßen, ein Toben zwischen den Schafen. Denn Jason will Medea ebenso sehr wie das Goldene Vließ.

Die Wucht der Tragödie
Nicht alles gelingt an diesem dreistündigen Abend, mit dem die Hausregisseurin des DNT nach zwei Produktionen im Ewerk zum ersten Mal im großen Haus inszeniert. Der Musiker (Jens Thomas), der bedeutungsvoll durch alle Szenen schleicht und mythisch gemeintes Summen und Trommelimprovisationen von sich gibt, ist schlicht entbehrlich. Etliche Auf- und Abgänge aus dem Parkett und durch die Saaltüren, machen auf action-Stimmung, die weder Stück noch Inszenierung voranbringen. Ebensowenig, dass vor der Pause die Bühne wie bei einem Handballspiel gewischt wird – es soll wohl das Pathos brechen, das Grillparzers Stück auch immer wieder hat. Doch der Wucht der Medea-Tragödie entkommt man nicht.

Magdalena Musial hat für den Schlußteil der Trilogie einen weißen Kasten vor den Guckkasten gestellt und den Eiserne Vorhang dahinter heruntergelassen. So sind Jason und Medea, als sie mit ihren Kindern und Plastikbeuteln Schutz suchend an Kreons Hof auftauchen, von vornherein Ausgeschlossene. Kreon (Christian Ehrich als aalglatter Unsympath) zieht sich Handschuhe an, ehe er die Kinder der "Barbarin" Medea berührt. Die kommt barfuss in sein Reich, während Kreons Tochter Glauke (Xenia Noetzelmann) auf hohen Absätzen schreitet.

Intrigenspiel der Hofschranzen
Eiskalt ist es an diesem Hof, aber auch zwischen Jason und Medea, die in dieser Atmosphäre immer mehr erstarrt und zugleich ungläubig auf das zu schauen scheint, was mit ihr geschieht. Vergeblich versucht sie, Jason an ihre Liebe zu erinnern. Doch sie dringt nicht mehr zu ihm durch.

Auch Jason hat längst, im zu engen schwarzen Anzug und mit hängenden Schultern, seinen Glanz verloren. Zwar erzwingt er noch Medeas Gang durch den Eisernen Vorhang hindurch in den kalt-weißen Raum des Hofes. Doch dann überläßt er sie dem Intrigenspiel der aufgereihten Hofschranzen, die die "Fremde" erst ins Leere laufen lassen und dann am liebsten vor ihr ausspucken möchten.

Und so kommt das Ende, der Kindsmord, zwar unausweichlich, aber auch so beiläufig, dass es frösteln macht.


Medea
von Franz Grillparzer
Regie: Nora Schlocker, Dramaturgie: Susanne Winnacker, Ausstattung: Magdalena Musial, Komposition: Jens Thomas.
Mit: Marie Burchard, Xenia Noetzelmann, Elke Wieditz, Christian Ehrich, Simon Zagermann, Detlef Heintze.

www.nationaltheater-weimar.de


Mehr lesen? Nora Schlocker, 1983 im österreichischen Rum geboren, inszenierte im Dezember 2008 am Berliner Maxim Gorki Theater die Uraufführung von Klaas Tindemans Kindertragödie Bulger. Am Nationaltheater Weimar brachte sie im Oktober 2008 Ljubko Dereschs Roman Die Anbetung der Eidechse oder Wie man Engel vernichtet und im Mai 2008 Ferenc Molnárs Liliom auf die Bühne.

 

Kritikenrundschau

Von einer "hochinteressanten Neudeutung" berichtet Stefan Keim in Fazit (21.2.2009), der nächtlichen Kultursendung im Deutschlandradio: Es sei "sinnvoll", dass Schlocker vor der Pause die ersten beiden Teile der Goldenen Vließ-Trilogie gebe, denn nur so verstehe man den Zusammenhang. Die These der Aufführung sei, dass es sich "von Anfang um eine Liebe" handele", die "viel mehr mit Raserei zu tun hat", mit "Zwängen, mit Träumen und Idealbildern", eine Liebe, der völlig die Ebene "realistischer Reflektion" fehle. Und so werde, das "Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Kulturen", wenn sie wie hier ums Überleben kämpfen müssten, "zu einer tödlichen Angelegenheit". Schlocker modernisiere nicht platt, sondern schildere ein "Ineinander von Macht und Gefühlen". Das überwiegend junge Ensemble sei hervorragend, Simon Zagermann, habe als wirjklich verliebter Jason eine "Kleistsche Traumgewissheit", in ihm sei "überhaupt nichts Zynisches". Deshalb tue es "am Schluss richtig weh", wenn der, den wir als Träumer und Idealisten kennengelernt hätten, zynisch geworden, sich und seine Kinder versuche, in das Korsett der Gesellschaft hineinzuzwängen. Viele kleine Bilder, die Schlocker gefunden habe, führten "sehr genau zum Zentrum  des Stückes". Jens Thoma in der Rolle des Musikers verdichte auf faszinierende Art musikalisch die Inszenierung. "Ich habe lange nicht mehr so viel geballtes Talent auf der Bühne gesehen, sowohl von den Schauspielern wie von der Regisseurin."

Henryk Goldberg (hier nur eine Kurzversion, offenbar werden von Erfurt aus ganz gegen den Trend im Netz nur noch Appetithäppchen ausgeteilt, um so zum Kauf der Zeitung anzureizen) bekennt in der Thüringer Allgemeinen (21.2.2009) wie wenig er von Franz Grillparzer hält, "der noch den hohen Ton der Weimarer Klassik pflegt und doch schon ihre jubilierende Feier des Menschen nicht mehr kann". Und "ausgerechnet" ihn wähle sich Nora Schlocker für ihr Debüt auf der großen Bühne. In dieser Inszenierung sei "manch Beiläufiges" in Ordnung, "aber nichts Wichtiges gut". Nora Schlocker erzähle "ihre Konzeption in Bildern, Zeichen, aber kaum über die Schauspieler". Das läge am Stück, "der hohe Ton der Figuren" entspräche "keiner inneren Kraft". So "gewinnen die Darsteller auch kaum eine Höhe, die Interesse beansprucht". Die Regisseurin lasse das Pathos durch Keifen und gewollt burschikose Handlungen unterlaufen, so aber erhalte der "Grund des Ganzen, der Kindermord", keinerlei Höhe. Schauspieler seien nur als Teil von Bildern gut, wo hingegen der "vorzügliche" Performer Jens Thomas die Szenen "atmosphärisch" kommentiere, "mit einer wie psychopathischen Körperlichkeit". Schlocker inszeniere "fließende Übergänge: Als wolle sie zeigen, wie fließend … die Übergänge im Zustand des Menschen sind." Ungeschieden wie "Gewalt und Begehren bei der ersten Begegnung" von Jason und Medea. Schlocker und ihre Schauspieler zeigten, "wie gut sie sind im Handwerk", doch ihre "Heimat" auf der großen Bühne müsse "die junge Regisseurin wohl noch finden".

In der Thüringer Landeszeitung (23.2.2009) schreibt Frank Quilitzsch: Die Inszenierung spalte "schon jetzt" die Gemüter. Vom Premierenpublikum als "Befreiungsschlag" für das in die Krise geratene Weimarer Schauspiel gefeiert, werde sie "Kritik an konzeptionellen, dramaturgischen und auch handwerklichen Schwächen" aushalten müssen. Quilitzsch findet, Schlocker hätte sich auf die "eigentliche Geschichte" nach der Pause konzentrieren sollen. So versickere viel Energie in "ermüdendem, verwirrendem Vorgeplänkel". Die Regisseurin scheine "noch etwas überfordert auf der großen Bühne", die sie "folgerichtig" nach der Pause klein mache. In einem "Überlebensbunker" entlüden sich "die Spannungen auf engstem Raum". "Erste gegen Dritte Welt, der global fight um die letzten Pfründe" - das sei "der düstere Hintergrund, vor dem die Liebenden in die Enge getrieben werden". Schade, dass es "nicht zum dramatischen Ereignis" werde, wenn Medea sich von Jason lossagt, "sondern eher wie nebenbei abgewickelt wird". Und "schade erst recht, dass Marie Burchard erst so spät richtig in ihre Rolle als bedingungslos Liebende" finde. Schlocker sehe Medea "als Opfer, das zum Täter wird". Simon Zagermann wirke blasser, "als für die Rolle nötig ist", und könne "neben der hysterisch aufwallenden Medea und ihrer Amme (Elke Wieditz) nicht bestehen".

 

 

 
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