Das Land vor den Türen des Theaters

von Esther Boldt

Frankfurt, 21. Februar 2009. Es geht durch die Welt ein Geflüster: "Ändere die Welt!" Deutscher, hörst du es nicht? Doch bekanntermaßen taugt der Deutsche nicht zur Revolution. Er marschiert nicht gen Utopia, sondern verhuscht sich lieber ins Private. Oder war da doch noch was? "Schwarz Gold Rot" heißt dieser Theaterabend von Peter Kastenmüller, im Untertitel: "Drei Teile Deutsch".

Er möchte durch den Zeitstrahl deutscher Geschichte schlaglichtern, beginnend 1949, mit der deutschen Verfassung, dann springend ins Jahr 1974, zu Heinrich Bölls "Die verlorene Ehre der Katharina Blum". Und schließlich ins Jahr 2003 – denn der dritte Teil ist eine Uraufführung nach Ulrich Peltzers Roman "Teil der Lösung". Ein großes Unternehmen. Das hier leider über dreieinhalb lange Stunden gründlich an die Wand gefahren wird.

Umerziehungsmaßnahmen für Schauspieler

Der erste Teil, "Happy Birthday", setzt sich mit dem Re-Edukationsprogramm der Alliierten auseinander, der Umerziehung eines Volkes zu Demokraten. So flirren Schwarz-Weiß-Filme über die Leinwand, die von den offenbar umlernbegierigen Schauspielern nachgespielt werden. Und es könnte sich ja etwas auftun zwischen dem 60 Jahre alten Film- und Bewegungsmaterial und den Körpern von heute.

Doch es bleibt Idee, zu unpräzise ist die Bühnenchoreografie, zu dominant das Filmbild. Dass die 1949 entstandene deutsche Verfassung, deren 60. Geburtstag in diesem Jahr begangen wird, reduzierbar sein soll auf Manipulation und Umerziehungsmaßnahmen – das leuchtet auch nicht ein.

Den Böll spielt man im Autohaus, im rot ausgeschlagenen Bühnenschatzkistchen, in dem ein VW-Käfer steht. Denn sie hatte ja einen Käfer, die Katharina Blum. Man hört "Sound of Silence", doch der Hippiekitsch wird schnell vertrieben und der Blum der Prozess gemacht, schließlich hat sie einem mutmaßlichen Mörder zur Flucht verholfen. Ein medial forcierter Prozess der Denunziation und Verdächtigung, der Veröffentlichung des Privaten und der Narreteien, die man sich darin erlaubt.

Frauenschatten im Gerüchtenebel

Matthias Redlhammers schleichender, schmieriger Kommissar Beizmenne umpirscht die Blum, die nicht weiß, wie ihr geschieht – und es ist eine Freude, Hilke Altefrohne wieder auf der Frankfurter Bühne zu sehen, die diese inwendige und aufrechte Katharina Blum spielt. Sonst aber erfährt man auch hier nicht, was der Regisseur will vom Böll. Er kleidet ihn historisierend mit Schlaghosen und Klampfe aus, anstatt einen Blick aus dem Jahr 2009 auf diese paranoide, in den Feindbildern des Kalten Krieges erstarrte Gesellschaft zu werfen.

Vielmehr schieben sich aufdringlich die Filme des ersten Teils vor die Linse. Hieß doch einer "Das Gerücht" und führte vor, was geschieht, wenn sich jemand von der Norm abweichend verhält, ins Gerede kommt und schließlich sozial isoliert wird – so eilt ein Frauenschatten einsam durch den Nebel, und nicht mal ein Hund möchte mehr ein Stück Brot von ihm nehmen.

So eilt Hilke Altefrohne durch eine Nebelwand, und dunkel raunt es: Das Gerücht! Dieser Kurzschluss ist eine fragwürdige These, in jedem Fall aber keine politische Haltung. Und die sucht man ja doch, wenn ein Abend sich Nationalgeschichte auf die schwarz-gold-rote Fahne geschrieben hat.

Es ist sehr mühsam, rote Fäden durch diese drei Deutschland-Teile knüpfen zu wollen, um einer Regie-Intention auf die Spur zu kommen. Da ist, wie gesagt, das Geflüster. Die Verschwörungstheorie. Da ist der Staat oder die Macht, und das Subjekt, was irgendwie darunter und darinnen lebt, auf der Suche nach seinem Stück vom Glück. Und dann wird ein bisschen Nationalgeschichte als Mediengeschichte geschrieben.

Die Politik der Liebe

Durch die Konfusionen retten bisweilen die guten Schauspieler, doch im dritten Teil helfen sie auch nicht mehr. Da wissen sie hör- und spürbar nicht, was sie sprechen – bis auf Martin Butzke, den das trotzdem nicht davor bewahrt, mit Gorillamaske und nacktem Oberkörper herumschreien zu müssen.

Peltzers gefeierter Roman durchquert aktuelle Themen wie das Kulturprekariat, die sich formlos formierende Linke, wirft Orientierungslosigkeit auf und erahnt das Glück im Vertrauen und der Liebe. Auf der Bühne wird er auf eine Liebesfindung heruntergebrochen und mit denkbar beliebigen Zitaten ausgestattet – es gibt beispielsweise keinen guten Grund, die Musik aus Wong Kar-Wais "In the mood for love" zu spielen.

Was hat dieser vielleicht schönste tragische Liebesfilm des letzten Jahrhunderts hier zu suchen? Wo das Märchen doch damit endet, das zwei sich kriegen, die Politik der Liebe nicht länger auf den Füßen steht, sondern Nele und Christian sich vermutlich umgehend ein Haus zulegen und einen Stall voller Kinder? Ein romantisch-verstaubter Schluss, über dem man früher das Kreuz "bourgeois" hätte brechen können. Oder hat man jetzt irgendeine Ironie nicht gekriegt?

Von dem Land, das da im Regen vor den Türen des Theaters liegt, war jedenfalls wenig zu erfahren – nur Geraune, Geflüster und endlich: der Klang der Stille.


Schwarz Gold Rot. Drei Teile Deutsch.
Teil 1 / 1949: Happy Birthday
Teil 2 / 1974: Die verlorene Ehre der Katharina Blum nach Heinrich Böll
Teil 3 / 2003: Teil der Lösung (UA)
von Ulrich Peltzer

Inszenierung: Peter Kastenmüller. Bühne: Michael Graessner. Kostüme: Kathi Maurer. Video: Tobias Yves Zintel. Dramaturgie: Sibylle Baschung. Mit: Hilke Altefrohne, Roland Bayer, Susanne Böwe, Martin Butzke, Elisabeth Müller, Matthias Redlhammer, Falilou Seck, Heiner Stadelmann, Gunnar Teuber.

www.schauspielfrankfurt.de


Mehr lesen? Das letzte Projekt von Peter Kastenmüller Illegal, in dem es um Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigng ging, hatte im Juni 2008 an den Münchner Kammerspielen Premiere.


Kritikenrundschau

In Peter Kastenmüllers dreiteiliger Szenenfolge "Schwarz Gold Rot" am Schauspiel Frankfurt werde "äußerst heterogenes Material zusammengebracht, so dass jede der Vorlagen kräftig Federn lassen muss", schreibt Tilman Spreckelsen in der Frankfurter Allgemeinen (23.2.2009). Umso deutlicher werde, "welche Fragen Kastenmüller beim Blick auf die Bundesrepublik umtreiben: Ihm geht es um Formen der Beeinflussung einer Gesellschaft, um offen deklarierte Erziehung und heimliche Manipulation, um staatliche Überwachung und den Widerstand des Einzelnen". Doch der Versuch, "aus drei Teilen, die einander beleuchten sollen, (…) einen Kommentar zu sechzig Jahren Bundesrepublik zu formen, tut weder dem gesamten Projekt noch den einzelnen Teilen gut: Beides gerät immer in die Gefahr, dass Schlagworte und Chiffren an die Stelle einer halbwegs befriedigenden Auseinandersetzung treten." Immerhin sei der Abend "äußerst kurzweilig", und entwickle sich ästhetisch "vom kargen Nachkriegsanfang zum üblichen Aufwand an Krach und Lichteffekt".

"Anscheinend schwebte Peter Kastenmüller eine Revue sich auflösender Freiheiten vor, ein Panorama verlorener Verheißungen, eine Geschichte vom Verschwinden der Demokratie", meint Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (23.2.2009). Die Aufführung aber erschöpfe sich darin, "die Stories auf die Bühne zu bringen und dem Ganzen ein zusammenhängendes Dekor zu geben. (…) Eine neue Perspektive auf unsere Geschichte findet sich nicht." In den einzelnen Teilen werde kein "Raum des Denkens" geöffnet, der Erkenntniswert sei gering, und sonst biete der Abend "viel Konfusion". Es bleibe dunkel, "warum man sich so gnadenlos übernommen hat".

Der "Erzähler" Kastenmüller treibe in "Schwarz Gold Rot" "im besten Piscator’schen Sinne politische Kolportage", schreibt Marcus Hladek in der Frankfurter Neuen Presse (23.2.2009), ein Mittel seien dabei seien "Auswahl und Bündelung der Motive", die Schauspieler aber setze er "wie kartonierte Stellpüppchen" ein. Trotzdem bezauberten "nicht bloß Hilke Altefrohne als eine Katharina Blum, der die Antigone-Nähe subtil aus allen Poren dringt, und Elisabeth Müller, die ihre empörte Nele im MacDonalds- bis Stephen-King-Clownskostüm als Spaßterroristin raffiniert unterspielt". Zu bewundern sei "eine Ensembleleistung von Graden, die ohne Michael Graessners unauffälig-grandiose Räume nur halb so wirksam wäre".

Christian Gampert wird auf Deutschlandfunk (22.2.2009) deutlich: Die Aufführung sei "ein Meer aus Langeweile und Inkompetenz. Die Geschichte der Bundesrepublik muss etwas lähmend Laienspielhaftes haben, wenn das, was da über die Bühne ging, in irgendeiner Form repräsentativ sein möchte für das Wesen dieser zweiten deutschen Demokratie." Gampert findet in den drei Teilen nur "ein paar volkshochschulhafte Beweislinien" und "verschmockte Gefühlsposen und Filmeinspielungen mit braven Polit-Clowns". Und meint abschließend: "dieses Workshopper-Gehopse hätte die Intendantin Elisabeth Schweeger nie über die Bühne lassen dürfen. Dass sie eine solche Aufführung akzeptiert, zeigt zumindest etwas über den Zustand des deutschen Theaters."

 

 
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