Befriedung für Frankfurt

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 9. Juni 2007. Kaum ist die eine Nachricht medial verdaut, folgt die nächste Überraschung auf dem Fuße: Erst vor zehn Tagen hatte Elisabeth Schweeger, Intendantin des Schauspiels Frankfurt, verkündet, ihren 2009 auslaufenden Vertrag nicht ein weiteres Mal verlängern zu wollen (wir berichteten), schon steht ihr Nachfolger fest: Hinter verschlossenen Türen haben Oberbürgermeisterin und Aufsichtsratsvorsitzenden der Bühnen GmbH Petra Roth, der geschäftsführende Intendant Bernd Fülle und Kulturdezernent Felix Semmelroth Verhandlungen geführt.

Ohne ein beratendes Gremium, ohne die derzeit beliebte öffentliche Nominierung und Auszählung der Kandidaten. Der neue Intendant heißt Oliver Reese, derzeit Chefdramaturg am Deutschen Theater Berlin (DT) und 2008/09 dort Interimsintendant, da Bernd Wilms ausscheidet und sein Nachfolger Ulrich Khuon den Posten erst 2009 antritt.

Nach dem Ziehen und Zerren, das letztes Mal die Entscheidung um den Intendantenposten in Frankfurt begleitete, wollte der erst 2006 angetretene Semmelroth offenbar kurzen Prozess machen. Sein Vorgänger Hans-Bernhard Nordhoff hatte zuerst mit Dieter Dorn geliebäugelt, verfiel nach dessen Absage auf seinen Schüler Jens-Daniel Herzog, der jedoch bereits am Nationaltheater Mannheim einen Vertrag unterzeichnet hatte und entschied sich schließlich überraschend für Elisabeth Schweeger. Demgegenüber kommen die aktuellen Entwicklungen eher einem theaterpolitischen Ping-Pong gleich, bei dem Entschlüsse in kurzer Folge vom Himmel fallen.

Der 43-jährige Reese ließ verkünden, er freue sich auf Frankfurt. Es sei "ein Haus mit großer Tradition", seine neue Aufgabe eine "große Herausforderung". Inhaltliches soll erst bei einer Pressekonferenz am 15. Juni bekannt gegeben werden. Reese war unter anderem Dramaturg am Bayerischen Staatsschauspiel München und Chefdramaturg am Maxim Gorki Theater Berlin. Er dramatisierte große deutsche Stoffe wie Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften" und Josef Goebbels’ Tagebücher, 1999 wurde er für seine Inszenierung "Emmy Göring an der Seite ihres Mannes" mit dem Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost ausgezeichnet.

Er steht für eine erfolgreiche Verbindung aus gediegenen Klassikerinszenierungen und kaum mutiger Gegenwartsdramatik, die das anspruchsvolle Frankfurter Publikum möglicherweise befrieden kann. Außerdem dürfte an seine Intendanz die Hoffnung geknüpft sein, Schauspieler aus dem hervorragenden Ensemble des DT mitzubringen und zusätzlich Gäste wie Nina Hoss und Ulrich Matthes für die Stadt zu gewinnen. Zudem sind mit Oliver Reese Regisseure wie Michael Thalheimer und Nicolas Stemann verbunden. Auf künstlerischen und intellektuellen Breitensport, mit dem Schweeger den unterschiedlichsten Ansprüchen der heterogenen, internationalen Stadt Frankfurt gerecht werden will, folgt Gegenwarts- und Textorientiertes Schauspiel.

Der Spielplan des DT probt Zeitgenossenschaft, ohne allzu provokant zu sein – für das von Diskussionen und Unzufriedenheit gebeutelte Frankfurt, in der die Schweeger-Skeptiker leider immer noch lauter schreien als ihre Befürworter, klingt das erholsam. Auch wenn das Procedere etwas befremdet, in der Sache selbst ist Kulturdezernent Semmelroth zu beglückwünschen.

 

 

 
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