Kunst macht gesund

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 10. Juni 2007. Wanda Golonkas Theater ist ein Parasit. Es wuchert in den Stadtraum. Es verleibt ihn sich ein und bricht ihn an Stellen auf, an denen man es nicht erwartet. Ein Stolperstein, ein Fehler im Bild, bemerkenswert, befremdlich, überraschend. Die Assoziationen, mit denen man Wanda Golonkas Projekt "Einladen" belegen kann, sind schier unerschöpflich.

Wenn man mit Theater- und Kunstgeschichte daherkommen möchte und mit dem entsprechenden Vokabular, kann man den Laden im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen wahlweise als "site specific" bezeichnen oder als "work in progress": ein ortsspezifisches Projekt, das fortlaufend in Veränderung begriffen ist, in dem permanent neue Stücke und Stückchen geprobt werden, die nur zwei, drei Mal gezeigt werden. Thematisch kreist das, was dort geschieht, um den Satz "…wenn ich mich umdrehe".

"Was geschieht dann? Verpasse ich etwas? Oder erstarre ich zur Salzsäule?" so Wanda Golonka. Hinterrücks geschieht, was sich der Wahrnehmung, dem Gesichtsfeld weitgehend entzieht. Ihr Laden entzieht sich gerade nicht, er ist seit seiner Eröffnung im September letzten Jahres auf breite Resonanz gestoßen. Heute feiert sie mit einem Fest Abschied von Sachsenhausen.

Das Theater der Gemeinschaft

Im Grunde ist der Laden ein konsequentes Weiterdenken von "for sale", das 2005 Premiere hatte: ein choreographierter Rundgang durch die Treppenhäuser und Flure des Schauspielhauses, der den funktionalen Räumen durch die Bewegungen von Schauspielern und Publikum neue Bedeutungen zuwies, Erfahrungen eröffnete. Auch bei "for sale" war Wanda Golonka Gastgeberin, die ihrem Publikum Wein servierte, und schon der Name des "Einladens" signalisiert, dass hier neben Kunst auch jene Form von Gemeinschaft verkauft wird, die nur das Theater stiften kann. Sogar Golonka selbst hat unterschätzt, wie sehr mit der räumliche Nähe zur künstlerischen Arbeit die Hemmschwellen fallen: "Ich war überrascht, wie viele Fragen die Leute haben, ich habe in meinem ganzen Leben nicht so viel geredet wie im letzten Jahr."

Die 49-jährige Regisseurin und Choreografin ist eine zierliche Frau, die dennoch kräftig wirkt, und energisch. Nach fast 30 Jahren in Deutschland spricht die gebürtige Französin sehr gutes Deutsch, durchsetzt mit eigenwilligen Sprachbildern. Sie hat einen außergewöhnlichen Weg vom Freien zum Stadttheater genommen: Von 1985 bis 1995 arbeitete Golonka mit dem bildenden Künstler VA Wölfl und der Gruppe NEUER TANZ, 2000 war sie "artist in residence" am Münchener Marstall; Elisabeth Schweeger nahm sie 2001 von dort mit als Hausregisseurin und Mitglied des Leitungsteam nach Frankfurt am Main, als sie die Intendanz des Schauspiels übernahm.

Den Stadttheaterbetrieb findet Wanda Golonka die ideale Arbeitsform, er stellt für sie einen Schutzraum dar, in dem sie sich ausschließlich auf die künstlerische Arbeit konzentrieren kann – und den sie nutzt, um ästhetische Grenzgänge zu erproben. Sie glaube an die Jungfräulichkeit des Raumes, an einen Nullzustand als Ausgangspunkt, der im Stadttheater durch die guten Probenbedingungen leichter gegeben sei: "Etwa damals bei NEUER TANZ war es ein großer Unterschied, ob man morgens klassisch trainiert hat und dann nachmittags zeitgenössischen Tanz probierte oder nicht, das sitzt ja noch im Körper."

Die Widerständigkeit des Materials

Am Anfang von Golonkas Laufbahn steht Pina Bausch, deren Stück "Die sieben Todsünden" sie 1979 in Paris sah. Ihre erste Begegnung mit dem Tanztheater, die sie anregte, an die Folkwang-Schule nach Essen zu reisen. Sie blieb und lernte zeitgenössischen Tanz – eine klassische Ballettausbildung hatte sie da bereits hinter sich. Am zeitgenössischen Tanz interessiert sie, dass er keine äußerlich verbindende Form hat, keine festgelegten Schrittabfolgen und Bewegungsabläufe, er bietet vielmehr eine Struktur, um innere Zustände nach außen zu transportieren. "Tanz hat für mich damit zu tun, sich in einen physischen Zustand zu bringen und darüber das eigene Potenzial, Sensibilität und Souveränität zu erfahren."

Auch die interdisziplinäre Ausrichtung von Folkwang hat Golonka geprägt, ihre Arbeiten bewegen sich zwischen Schauspiel, Tanz, Musik, bildender Kunst und Installation. Sie untersucht das Material des Theaters. Raum, Licht, Körper und – seit ihrer Uraufführung von Marguerite Duras’ "India Song" am Marstall – Text. Auch hier interessiert sie in erster Linie die Widerständigkeit des Materials, der Raum, den es dem Theatermacher wie dem Zuschauer gibt. Autoren wie Hölderlin, Sarah Kane, Samuel Beckett und zuletzt Jean Daive hätten noch "Weiß dazwischen". "Da ich vom Tanz komme, habe ich ein großes Abstraktionsvermögen, mir gefallen solche Texte. Sie sind wie eine Partitur."

Ohnehin vergleicht Golonka ihre Arbeit gerne mit Musik, ihre Stücke erschließen sich weniger kognitiv, sind weniger auf die Vermittlung von Inhalten als auf die Vermittlung von Erfahrung aus. Ihre Arbeiten sind in hohem Maße abstrakt und von formaler Strenge, zugleich involviert sie den Betrachter ganz körperlich ins Geschehen. Die Beteiligung des Zuschauers ist dabei nicht Programm, sie unterläuft ihr vielmehr, wenn sie von ihren eigenen Wünschen ausgeht: "Ich möchte mitgenommen werden als Zuschauer, ich möchte das Gefühl haben, ich werde betroffen, berührt, am besten noch in einer frischen Form."

Auf der Suche nach Erfahrung

Zugleich sind manche ihrer Arbeiten aufgrund ihrer formalen Strenge so selbstbezüglich und abgeschlossen, dass sie gar keinen Betrachter brauchen – ein Problem, dass ihr durchaus bewusst ist. Direkte Vermittlung von Erkenntnissen interessiert sie aber nicht, für sie ist Kunst wert- und bedeutungslos. "Ich stelle Fragen an mich, an die anderen, an den Raum, an das Thema, das Nicht-Verstehen. Früher habe ich gesagt, das ist wie Wissenschaft. Man sucht nach etwas, aber man weiß noch nicht, was man finden wird." Deshalb war es zunächst ein Schock für sie, dass Schauspieler zumeist wissen wollen, wo es hingehen soll, um dann ihren Weg entsprechend zu bauen. Dies ist ihr viel zu absehbar und überraschungsfrei.

Anstatt sich zu fragen, was ein Theaterabend bedeuten soll, solle man lieber nach der Erfahrung suchen, die er herstellt: "Die Gesellschaft hat immer noch nicht begriffen, dass es gar nicht um Gefallen geht, ein Baum kümmert sich ja auch nicht darum, ob er gefällt." Ist das Theater denn wie ein Baum? – "Ja, denn es gibt gute Luft. Kunst macht gesünder und hilft, zu überleben – und das tun Bäume auch."

 

www.wandagolonka.com

 
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