Der leuchtende Augenblick des Schicksals

von Esther Boldt

Mannheim, 5. März 2009. Es ist der Moment, in dem das ganze Leben auf einen Punkt zusammenschnurrt. In dem etwas umschlägt und eine Erkenntnis sich breit macht: Dass es so nicht weitergeht. Und dass dennoch alles Vergangene schöner war, als man dachte. Dies ist der "Königsmoment" – und "Königs Moment" ist der Titel des neuen Stückes des Autors, Schauspielers und Regisseurs Jan Neumann. "Ein Königsmoment", schreibt Neumann im Programmheft, "ist ein Moment in dem man alles versteht. Findet Herr König.

Diese radikal subjektive Perspektive seines Protagonisten Herr König behält er sich vor, das ganze Stück lang. "Königs Moment" entstand als Auftragswerk des Nationaltheaters Mannheim, an dem Neumann in dieser Spielzeit Hausautor ist. Mit seinen präzise dem Alltag abgeguckten Stücken hat der 1975 geborene Neumann in den letzten Jahren unter anderem am Thalia Theater Hamburg, am Stadttheater Aalen und am Schauspiel Frankfurt – wo er auch lange Ensemblemitglied war – auf sich aufmerksam gemacht.

Historische Nahaufnahmen

Er untersucht in ihnen etwa Sterbehilfe ("Liebesruh") oder Familienbande ("Kredit"), stets schafft er dabei wunderbare, integre und vollkommen straßentaugliche Figuren, die Werte wie Liebe, Ehe und Familie hochhalten – oder zumindest eine große Sehnsucht danach in sich tragen. Seine professionelle Nähe zum Theater spürt man Neumanns Texten immer an, die klang- und bilderreich sind, durch ihre Vielstimmigkeit Spielangebote machen (auch wenn klassische Dialoge eher selten vorkommen).

Ließe sich das neue Stück "Königs Moment" zu einer Frage kondensieren, so hieße diese wohl: Wie sieht ein historischer Moment aus der Nähe aus? Denn Neumann verbindet persönliche Geschichte mit Weltgeschichte, beide gehen ineinander über und bleiben doch verschieden. Enge Zeitschlaufen legt das Stück um jenen Moment in der Nacht vom 14. auf den 15. Oktober 2008, als Herrn Königs Auto außer Kontrolle gerät und vor ihm Schicksalsaugenblicke aufleuchten – die erste Begegnung mit seiner künftigen Frau etwa, wenige Tage vor dem Mauerfall in einem Schwimmbad in Ostberlin.

Eine alltagstaugliche Utopie

Ganz selbstverständlich verbindet sich dies mit dem Jahr 2008, 19 Jahre nach dem Ende des Kommunismus, wenn auch der Kapitalismus bröckelt und das Schlagwort der Gegenwart "Finanzkrise" heißt – noch so ein Moment, der mutmaßlich ein historischer gewesen sein wird. Obgleich die Krise nur in Form von Nachrichten auftaucht, die in Herrn Königs Alltag hineinklingeln und über die man kurz spricht, so hinterlassen sie eine Spur.

Furios werden die Zeitebenen miteinander verwoben, ragen privater Alltag und politischer Ausstand ineinander. Und in Herrn Königs Königsmoment leuchtet ihm eine Möglichkeit auf: die Möglichkeit des Handelns, des Involviertseins in das eigene Leben wie in die Zeitläufte, eine alltagstaugliche Utopie – auch wenn das ein Oxymoron ist. Mit diesem Leuchten endet das Stück, über seine Konsequenzen lässt uns Neumann im Ungewissen. Aber der Wunsch danach, Verantwortung zu übernehmen, ist ausgesprochen.

Sitzgruppentheater mit Schnellsprechnuschlern

So viel Gutes zum Stück. In Mannheim aber wird das Versprechen, das jede Uraufführung eines Textes mit sich bringt, leider nicht eingelöst. Nach der Premiere weiß man weniger vom Stück als zuvor, da Christiane J. Schneiders Regie keine Haltung zu dem ebenso komplexen wie einfachen Stoff entwickelt. Dass "Königs Moment" in enger Zusammenarbeit mit dem Ensemble und der Regisseurin entstanden ist, wie es im Programmheft steht, mag man kaum glauben. Der Text sitzt nicht, geschweige denn, dass er zum Klingen gebracht würde.

Es wird schnellsprechgenuschelt oder aber mit derartig ausholender Schauspielerattitüde gesprochen – wie Ralf Dittrich als Herr König –, dass man den sonst so plausiblen Figuren kein Wort glauben kann. Alles, was der Text an Vielstimmigkeit, Bilder- und Geschichtenreichtum böte, wird in fades, ideenloses Sitzgruppentheater verwandelt. Eine tatsächliche Inszenierung dieses neuen Stückes, die seine szenischen Potenziale und seine inhaltliche Fallhöhe erkundet, steht noch aus.

Königs Moment (UA)
von Jan Neumann
Regie: Christiane J. Schneider. Bühne und Kostüme: Judith Oswald.
Mit: Ralf Dittrich, Dascha Trautwein, Sven Prietz, Isabelle Barth, Peter Pearce.

www.nationaltheater-mannheim.de

 

Mehr zu Jan Neumann? Aufführungen seines Stücks Herzschritt gab es in Düsseldorf und Frankfurt, Vom Ende der Glut erlebte seine Uraufführung in Aalen, Kredit wiederum in Frankfurt. Und hier ein Porträt.

 

Kritikenrundschau

"Schön, dass es sie noch gibt, die Theatertexte, die leicht und flockig daherkommen und uns dennoch tief in die Seele blicken", beginnt Ralf-Carl Langhals im Mannheimer Morgen (7.3.2009) seine Kritik zur Uraufführung von Jan Neumanns "Königs Moment". Neumann habe einen "Blick für das Alltägliche, der noch im Banalen von hoher Poesie ist", und schreibe "mit viel Gespür für die theatralische Umsetzung". Die Inszenierung Christiane J. Schneiders laufe allerdings "einen Gang zu langsam, folgt einer monotonen Erzählweise und wandelt ästhetisch auf den für sie unerreichbaren Pfaden ihres ehemaligen Hausregiekollegen Simon Solberg". Sie verschenke den "gut funktionierenden Theatertext an Schauspielschulenetüden" und folge dabei meist der "nächstliegenden bildlichen Idee". Gerne möchte der Kritiker "Texthänger und Fehlstarts" verzeihen, "doch leider wird überwiegend auch schlecht gesprochen". Sven Prietz hingegen treffe "mit einer natürlichen Unglückskomik den Ton des Stückes" und rette so gemeinsam mit einer "furios" spielenden Isabelle Barth Neumanns Stück, dass "seinen Weg machen" werde, "vielleicht auf der A 67 Richtung Frankfurt".

 

 

 
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