Ein Traumschiff namens Adenauer

von Regine Müller

Köln, 6. März 2009. Schon vor dem Einlass in die Kalker Halle hört man einen Chor. Rhythmische, deklamatorische Aufwärmübungen, die auch für ein Motivationsseminar taugen würden. Doch hier bereiten sich zwei aus Kölner Lehrern rekrutierte Chöre auf ihren Auftritt vor, der ein gewichtiger Teil des Abends werden soll, den sein Schöpfer und "Totalregisseuer" Schorsch Kamerun paradox als "erste antiautoritäre Staatsoper" tituliert hat.

Kamerun, alt gedienter Punk-Musiker, Autor und als Regisseur ein Quereinsteiger, wird seit einiger Zeit auch an den großen Häusern als Spezialist fürs angeschrägt Subversive gehandelt. Doch obwohl er nach wie vor die Punk-Attitüde der Rebellion und des Widerstands pflegt, gilt er nicht als Provokateur, liebt er doch auch das naiv Spielerische, die Revue und das Kabarett.

Kollektives Brainstorming mit Absturzrisiko

Kamerun ist natürlich alles andere als ein "Totalregisseur", sondern eher einer, dessen Arbeiten sich in Laufe der Probenprozess in einer Art kollektivem Brainstorming zusammensetzen und Gestalt annehmen. Auch in Köln waltet der Geist des Provisorischen, Improvisierten über dem ganzen Abend – und offenbart exemplarisch die Möglichkeiten und zugleich die enormen Absturzrisiken dieses Verfahrens.

Auf der Bühne wirkt alles noch unfertig, nicht aufgeräumt, nüchternes Arbeitslicht, es herrscht Probenatmosphäre. Die Tür zum Chorraum steht auf, man kann den Choristen bei den Atemübungen zuschauen. Dann geht's aber doch los, und nachdem auf der Bühne Getränkekisten und Müllsäcke entsorgt wurden, kann man sich in Ruhe Constanze Kümmels surrealem Bühnenbild zuwenden: Ein weißes Bretterpodest, das zur rechten Seite hin abfällt und auf dem sich eine riesenhaft vergrößerte Biedermeier-Kaminuhr zwischen zwei Schiffsschornsteine drängt. Davor ein angedeutetes Wohnzimmer-Interieur aus der muffigen Zeit, als Schorsch Kamerun alias Thomas Sehl in Timmendorfer Strand seine Füße noch unter den Tisch des Autohändlers Behrendt streckte, der nicht nur in der Werkstatt, sondern auch zuhause als autoritärer Ehemann und Vater der uneingeschränkte Chef war.

Der Nachkriegsvater als Tyrann

Kamerun plündert also die eigene Biographie und schildert den Horror seiner kleinbürgerlichen Herkunftsfamilie, in deren Mittelpunkt eine Vaterfigur steht, gegen den die Kinder jener Generation sich zwangsläufig auflehnen mussten. Der typische Nachkriegsvater (blass: Jens Rachut), der sich als Unternehmer aus dem Nichts eine Existenz aufbaute, imaginiert sich selbst als Schiffsführer auf rauer See und benennt nicht zufällig sein Traumschiff mit dem Namen seines Aufstiegsidols: Adenauer.

Er tyrannisiert seine Familie, seine verängstigte und zugleich harte Frau Ingrid (großartig: Birgit Walter), die bockige, essgestörte Tochter Wiebke (schön verwuselt und unklar: Jennifer Frank), den dem eigenen Geschlecht zuneigenden Sohn (übertreibend untertrieben: Maik Solbach) und bändelt geifernd mit einer karrieregeilen Schulkameradin seiner Kinder (aalglatt: Laura Sundermann) an. Dann geht das Autohaus pleite, aber Behrendt lehnt staatliche Hilfen ab und will als Kaufmann mit seinen alten Arbeitstugenden aus eigener Kraft durchkommen. Etwas unvermittelt erschießt er sich am Schluss.

Weichspül-Pädagogen singen altkluge Lieder

Kamerun rennt gegen die Autoritäten seiner Kindheit an – die Familie und die Idole von Adenauer über Strauß bis Kohl – und stellt als eigentherapeutische Maßnahme auch noch die Lehrer auf die Bühne, um sie als chorische Masse zu manövrieren und altkluge Lieder à la Brecht/Weill zumeist in langweiligem Unisono-Sound absingen zu lassen. Das macht überraschend wenig Effekt und führt bloß den heutigen, latent weich gespülten Turbopädagogen-Lehrkörper vor.

Kamerun fragt aber auch nach heutigen Autoritäten und findet solche lediglich noch in Casting-Shows und in Gestalt von Fernsehjuroren. Zwei giraffengroße echte Models staksen also unbeholfen durchs Bild und sagen mit Roboterstimme sinnfreie Texte auf.

Da fällt die Rebellion schwer – wogegen auch?, scheint Kamerun zu fragen. Nur leider kommen auch seine Fragen, die in einer wie üblich zwischen unterschiedlichsten Codes mäandernden Bühnen-Sprache stecken, so seltsam zahnlos daher, dass sie nicht einmal mehr zu milder Subversion taugen. Zu viele Schubladen zieht er auf und kriegt sie nicht mehr zu, zu viel richtungslose Kritik verliert sich im harmlos Heutigen. Zwischen Abwrackprämie und Lehman-Brothers-Konkurs geht alles noch rein in den Text, aber der Ertrag bleibt mager. Fazit: Nach starken Familienhorrorszenen des Anfangs zerfasert der Abend im Revuehaften, die fällige Bosheit bleibt Kamerun schuldig.


M.S. Adenauer. Die erste antiautoritäre Staatsoper
von Schorsch Kamerun (UA)

Totalregie: Schorsch Kamerun, Bühne: Constanze Kümmel, Kostüme: Daniela Selig, Musik: Jörg Follert, Chor: Jürgen Haufer, Licht: Jürgen Kapitein. Mit: Jens Rachut, Birgit Walter, Jennifer Frank, Maik Solbach, Laura Sundermann, Tina Klügel, Gesa Schwiertring, Jörg Follert, Die Liederlinge / Mondays (Lehrerchor).

www.schauspielkoeln.de


Mehr zu Schorsch Kamerun? An der Berliner Volksbühne inszenierte er im April 2007 Der kleine Muck ganz unten. Die Welt zu Gast beim Feudeln und im November 2007 in Zürich Biologie der Angst.


Kritikenrundschau

Gewiss verarbeite Schorsch Kamerun in seiner Kölner Inszenierung "M.S. Adenauer" Kindheitsleiden, doch gleichzeitig wolle "seine Uraufführung auch Reflex aufs Finanzdesaster sowie Kritik der hohlen Gegenwart mit ihren Casting Show-Idolen sein", konstatiert Hartmut Willes in der Kölnischen Rundschau (9.3.2009): "Leider jedoch klangen Kameruns Interviews zuvor sehr viel klarer als das Themen-Kuddelmuddel, das er nun auf Constanze Kümmels Bühne kippt." Kameruns "Autoritäts-Demontage" renne "meilenweit offene Scheunentore ein". In den "besten, schrägsten Momenten" wirke das Ganze, "als sei die Klimbim-Familie in einen David-Lynch-Film geraten." Meist aber treibe das Stück "durch seichte Gewässer. Keine Wut heizt den Kessel, und heutige Krisenwellen rollen flach an den Bug der 'ersten antiautoritären Staatsoper'".

In "M.S. Adenauer" entdecke "Ex-Punk Schorsch Kamerun seine Bewunderung für die Seiten der Autorität und der sozialen Marktwirtschaft", zeige aber zugleich, "dass die Glaubenssätze von damals direkt ins heutige, regellose und unpolitische Desaster geführt haben", meint Dorothea Marcus in der tageszeitung (9.3.2009). Surreal verschwömmen in der Aufführung "die Zeitebenen von damals und heute miteinander". Zwar wirkten "die immer schneller aufeinanderfolgenden Revue-Nummern und Texte etwas zahnlos kabarettistisch", aber letztlich verhandle der Abend, "dass es heutzutage eben kaum mehr Ansätze zum wahren und pathetischen Protest gibt, der sich, so dringend notwendig er auch sein mag, zugleich oft lächerlich macht. Letztlich bleibt nichts übrig, als Zusammenhänge aufzuzeigen. Zumindest das ist an diesem Abend gelungen."

Kamerun lasse in "M.S. Adenauer" "ein klassisches Familiendrama auf den Grund der neuen Autoritäten laufen", schreibt Christian Bos im Kölner Stadt-Anzeiger (9.3.2009). "Als da wären: Casting-Jury, Flexibilität angesichts des Arbeitsmarkts und permanente harte Arbeit am Selbst." Man spüre, "dass der Witz in Kameruns erstem autobiografischem Stück aus alten Wunden stammt." Bos verteidigt das Prinzip der Aufführung: "Was manche für die Schwäche der Inszenierung halten mögen, ist ihre Stärke: Kamerun versucht gerade nicht, mit seinen Mitstreiter einen runden Bühnenabend zu gestalten." Soviel Illusionszerstörung erinnere gar "an den guten alten Brecht, und das nicht nur bei den Chorstücken, die der Kölner Elektronikmusiker Jörg Follert vertont hat." Allerdings fehle bei Kamerun der Brechtsche Überbau: "Seine Verschränkung von alten Sekundärtugendbehauptungen und neuem Finanzkrisenjargon, von der Pleite des Autohauspatriarchen und der Pleite einer Gesellschaftsform werfen nur Schlaglichter ins Dunkel der zu kritisierenden Verhältnisse."

Im Bonner General-Anzeiger (9.3.2009) wirft Hans-Christoph Zimmermann der Aufführung Unschärfe vor: "Kamerun schiebt die Autoritätsbegriffe verschiedener Zeiten willkürlich ineinander. Der Vater gehört in die späten 1960er Jahre, die Kinder mit ihren Wollpullovern in die frühen 1980er; daneben agieren zwei Kölner Lehrerchöre mit Selbstgedichtetem im Stil von Brecht/Weill als Autoritätsfiguren von heute." Entsprechend beliebig sei dann auch "der Befund zu den jugendlichen Protestformen zwischen friedensbewegter Innerlichkeit und gegenwärtiger Resistenzsuche." Und "die Erkenntnis, dass irgendwie alles mit allem zu tun hat", sei letztlich "zu wenig nach nur achtzig Minuten Spieldauer".

Für Vasco Boenisch von der Süddeutschen Zeitung (11.3.2009) sind die beiden Ebenen des Abends, "Autokrise und Autoritätsprotest" lediglich durch "unfreiwillige Komik" verbunden. Das Ganze sei so etwas wie "die Fortsetzung von Harald Schmidts Playmobil-Humor: Satire als Wiedererkennung von Zitaten und eigenen Sozialisations-Erfahrungen. Selbstbezüglicher, bildungsbürgerlicher Referenz-Pop", bei dem "all die angestaubten umgangssprachlichen Floskeln und Sprüche, die man sonst nur noch in den Archiven des Alltags findet", von den Darstellern "todernst – also: todalbern – recycelt" würden. "Adenauers kulturhistorische Erb- wird zur humoristischen Konkursmasse". Kamerun beschieße "sein Protest-Forschungsschiff so unnachgiebig mit Ironiesalven, dass es schon bald in seichten Gewässern strandet, bevor auch nur eine interessante Entdeckung zu machen war".

 

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