Kapitalismus-Komödie mit Haben-Seite

von Charles Linsmayer

Solothurn, 12. März 2009. Als im Herbst 2007 Philipp Löhles Stück "Genannt Gospodin" in Bochum und München als wunderbar alberne antikapitalistische Blödelei gefeiert wurde, hätten die Makler und Spekulanten noch süffisant über den 29-jährigen Dramatiker aus Ravensburg lächeln können, der sich eine Welt jenseits der Gesetze von Markt, Konsum und Gewinnmaximierung erträumte.

Jetzt aber, 16 Monate später, anlässlich der Schweizer Erstaufführung des Stücks im Theater Biel Solothurn, sieht alles ganz anders aus. Der Kapitalismus ist in seiner Zweckmäßigkeit ernsthaft in Frage gestellt, und Philipp Löhle, der doch für die Verweigerung so humorvolle Bilder gefunden hat, verkündet nun in einem (im Programm abgedruckten) Mail an die Regie selbst, "Verweigerung" sei "ziemlich unproduktiv und nicht gerade konstruktiv", und die letzte Form von Protest sei "in die Politik gehen, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden und alles zu verändern."

Kühlschrank weg, Fernseher weg...
Katharina Rupp geht das Dilemma eines Stücks, das ein unversehens zur Überlebensfrage mutiertes Problem mit liebenswürdigen Harmlosigkeiten beantwortet, mit einer Mischung aus Expressivität, Engagement und viel kabarettistischem Flair an. Konzentriert auf 100 Spielminuten, lässt das Stück deutlicher denn je seine eher aneinanderreihende denn dramatische Struktur erkennen: Gospodin lässt sich der Reihe nach um die Konsumgüter Verstärker, Kühlschrank, TV und Ehebett samt Geliebter bringen und verweigert dann, durch Zufall zu einer Tasche voll Geld gekommen, in umgekehrter Reihenfolge den Leuten, die ihn beklaut haben, die finanzielle Unterstützung.

Zu einem Nichts an Requisiten kommt in Solothurn ein zweigeteiltes hohes Stahlgerüst mit 50 Scheinwerfern hinzu, die das intime Spiel um den kuriosen Gospodin ganz ins Rampenlicht der Öffentlichkeit rücken und natürlich auch seinen Verweigerungsthesen, die auf Schrifttafeln vorgezeigt werden, ein größeres Gewicht geben. So dass am Ende, als Gospodin im Gefängnis endlich die Welt findet, aus der ein Weggang ausgeschlossen ist, wo Geld nicht mehr nötig ist, jedweder Besitz abzulehnen ist und keine Entscheidung mehr getroffen werden muss, in dem roten Licht hinter dem Gitter aus Scheinwerferboxen fast so etwas wie ein religiöses Fanal aufleuchtet, zu dem von Franziskus von Assisi bis Gandhi eine ganze Reihe von Ahnen hätten Pate stehen können.

... und trotzdem ist die Stimmung gut
Mit Bierernst darf das Finale aber auch wieder nicht wahrgenommen werden, eignet der ganzen Aufführung doch so viel Kabarettistisches und Lustvoll-Spielfreudiges, dass auch das gefühlvollste Pathos noch eine parodistische Note bekommt. Wiederum werden alle Rollen des Stücks durch zwei Schauspieler und eine Schauspielerin verkörpert, die alle drei genügend Wandlungsfähigkeit und Improvisationstalent besitzen, um aus den erzählenden Partien blitzschnell und fast ohne Übergang kleine höchst lebendige und atmosphärisch stimmige Theaterszenen herauszuschlagen.

So spielt Esther Becker mit gleicher spontaner Expressivität Gospodins Freundin Anette, deren Freundin, die Mutter und einen Kommissar, während René-Philipp Meyer unter immer neuer, verblüffender Verwandlung der Reihe nach Gospodins Freunde und den Mann vom Supermarkt verkörpert. Bei der immer gleichen Rolle bleibt nur Max Merker als ein Gospodin, der das Verträumt-Weltfremde der Figur besser zum Tragen bringt als das Visionär-Rebellische, das ohnehin immer in Gähnen übergeht, wenn es sich artikulieren soll.

Wie Gospodin sich mit der Freundin verkracht, wie er sich als Ersatzmann an eine Beerdigung schicken lässt, wie der total überdrehte Norbert seine Videoinstallation "Tempus fuck it" beschreibt: das sind köstlich amüsante Momente in einer temporeichen, auch musikalisch geschickt arrangierten Aufführung, die dem Publikum sichtlich Freude bereitete. Dass die Inszenierung irgendwo zwischen einer locker-leichten Kapitalismus-Persiflage und der Vision eines dritten, der Armut und dem Verzicht verpflichteten Wegs stehen bleibt, ist wohl weniger der Regisseurin als den gewandelten Zeitumständen anzukreiden, könnte aber als Zeichen größtmöglicher Offenheit auch auf der Haben-Seite verbucht werden.


Genannt Gospodin (SEA)
von Philipp Löhle
Regie: Katharina Rupp, Bühne und Kostüme: Susanne Kudielka.
Mit: Max Merker, Esther Becker, René-Philippe Meyer.

www.theater-solothurn.ch


Mehr über Genannt Gospodin: Die Uraufführung inszenierte Kristo Šagor im Oktober 2007 in Bochum. Nachgespielt wurde im November 2007 von Jan Philipp Gloger in München.

 

 
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