Live-Korrektur

8. Februar 2009. Korrekturen hieß ein Theaterspektakel zur deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte im Berliner Maxim Gorki Theater, das gestern von 18 Uhr bis eine Stunde nach Mitternacht ging: ein höchst komplex komponiertes Konzert aus ostwestlichen Stimmen der deutschen Nachkriegszeit. Am Ende sang Johann Jürgens, 1985 in Neu Brandenburg geboren, 1989 also vier Jahre alt, Lieder von Manfred Krug.

Der Titel dieses Spektakel-Teils "Auf der Sonnenseite" verdankt sich u.a. einer Platte, die Krug in der DDR 1962 mit den legendären Jazz-Optimisten aufgenommen hatte, die 1966 Auftrittsverbot erhielten. 1976 verließ Krug im Zuge der Proteste gegen die Biermann-Ausbürgerung die DDR und feiert heute übrigens seinen 72. Geburtstag. Ein Umstand, den Johann Jürgens, zwei blondierte Backing-Sängerinnen (unter deren schrillen Perücken Britta Hammelstein und Anika Baumann steckten) und der Pianist (und Bespieler von mindestens zwei weiteren Instrumenten) Matthias Suter gestern Abend mit dem zünftigen Zünden einer Wunderkerze würdigten, die auf einen Berliner Pfannkuchen gepflanzt war. Da war es schon Mitternacht.

Vorher und auch noch lange danach wurde von himmlischen Liebesnächten und all den kleinen Freuden und Schmerzen gesungen, die doch das Salz des Lebens sind. Ein innigst hingehuschter Abend, der kleine sängerische oder musikalische Schwächen mit dem Charme der Liebenden zu überbrücken verstand. Einmal aber, ich glaube es war bei "Es war nur ein Moment", da kamen die beiden Jungs wirklich ins Schwimmen. Suter am Vibraphon und Jürgens an der Gitarre. Da stürzte plötzlich aus dem Publikum ein älterer Herr im roten Jackett auf die Bühne, und rannte mich, die ich am Rand der überfüllten Hinterbühne stand, dabei fast noch um. Er setzte sich an den Flügel und griff in die Tasten, und ohne auch nur eine Sekunde zu hängen, sofort Harmonien und Melodien des Liedes auf, spielte – und rettete die Nummer. Die beiden Jungs spielten und sangen staunend weiter und fassten wieder Tritt.

Am Ende, der Mann wollte wie Cinderella schon wieder unerkannt verschwinden, fragten sie ihn nach seinem Namen: Es war Günter Fischer, der Komponist des Songs und vieler anderer Lieder, die Manfred Krug berühmt machten, in dessen Jazz-Formation einst auch Armin Müller-Stahl gesungen hatte, und der 1978 die Filmmusik für David Hemmings Film "Schöner Gigolo, Armer Gigolo" mit David Bowie und Marlene Dietrich schrieb. Ein paar Jahre nach der Wende hatte Krug Fischer in einem offenen Brief im Spiegel beschuldigt, bei der Stasi gewesen zu sein. Fischer verbeugte sich flüchtig, und verschwand wieder ins Dunkel des Zuschauerraums, aus dem er gekommen war. Ein uninszenierter, ein starker Moment. Korrekturen eben.

(sle)

Hier geht's zu den gesammelten Blog-Beiträgen im Menü "gemein & nützlich".

 

 
Kommentar schreiben