Neue Zeichen für die Sprache der Liebe

von Sabine Leucht

München, 1. April 2009. Dieser Theaterabend funktioniert nach dem Prinzip: Wenn schon Komödie, dann richtig! Und das macht er prima. Die Lachmuskeln der Zuschauer haben gut zu tun, während die Schauspieler auf der Bühne des Münchner Volkstheaters kaum einen Muskel unbeschäftigt lassen. Xenia Tiling und Kristina Pauls werfen sich in einen Zweikampf, der mit wütend ins Gesicht geschmiertem Kriegsrot und einer Menge falscher Äpfel unter komplett derangierten Kleidern endet.

 

Robin Sondermann und Justin Mühlenhardt ploppen bei ihrer ersten Begegnung vom Stand weg in Bauch-rein-Brust-raus-Pose, dreschen Äste wiederholt dorthin, wo es am lautesten knallt, und am Ende klettern sie mal schnell um die Wette die schwarzen Seitenwände der Kulisse hoch. Mit so triumphierenden Gesichtern, als handle es sich dabei um den Mount Everest - mindestens.

Unschuld heißt Geradlinigkeit

Ein erster Blick auf Philipp Jeschecks Inszenierung von Marivaux' "Der Streit" bleibt am Offensichtlichen hängen: Dem Zickenkrieg selbstverliebter Janes hier und dem stumpfen Imponiergehabe von Tarzan und Kumpel dort. Und genau das setzt das 27-jährige Eigengewächs des Volkstheaters ja auch groß und überdeutlich in Szene - zudem in einer Rahmenhandlung, die zu Beginn immerhin auf Französisch charmiert, aber am Schluss so wirkt, als hätte Jeschek sie lieber ganz schnell abgeschüttelt.

Dennoch gelingt ihm im Kern seiner Inszenierung etwas Besonderes: Nämlich das Thema Unschuld in einen Spielstil zu übersetzen, der nur den Hunger und keine Falschheit kennt. Und "Unschuld" heißt hier nicht Natürlich- oder gar Nettigkeit. Aber Geradlinigkeit, Unbeirrtheit schon.

Paradiesäpfel und gewaltige Gefühle

Bereits David Hohmanns Bühne karikiert das Pseudo-Natürliche der Versuchsanordung, die Marivaux der vor 265 Jahren uraufgeführten Komödie zugrunde gelegt hat: Um den Beweis zu erbringen, welches der Geschlechter in der Liebe das beständigere und welches das sprunghaftere sei, werden drei männliche und drei weibliche Probanden von Geburt an voneinander und der Welt isoliert und 18 Jahre später in allen denkbaren Konstellationen aufeinander losgelassen. Mit dem erwartbaren Ergebnis, dass das Ergebnis uneindeutig bleibt.

In München geschieht dies vor einer Tapete mit blauer Lagune zwischen Birkenstämmen, von der aus sich eine schnurgerade Rinne mitten durch den schwarzen Bühnenboden frisst. Über eine scheppernde Metall-Schütte fließen weiße und blaue Gummibälle wie in einen Bach, in dem die Mädels ihre Schönheit bestaunen und die Jungs immer mal wieder stecken bleiben. Rundherum wachsen an niedrigen Phantasiebäumen pink-lila Paradiesäpfel - und gewaltige Gefühle, auf die keiner dieser Menschen vorbereitet wurde.

Herantasten an die Liebe

Die komplette Werkzeuglosigkeit von Marivaux' Liebesversuchskaninchen macht Jescheck zu seinem Thema und sie führt dazu, dass jedes Paar sich individuell und spontan an die "richtigen" Zeichen für das verwirrende Unbekannte herantasten muss. Die Sprache ist von Peter Steins rokokofreier Übersetzung vorgegeben und provoziert so manchen Lacher, der die ungefilterte Selbstgerechtigkeit des Jugendalters mit einschließt. Die Entwicklung der nonverbalen Sprache aber kann praktisch in Echtzeit bei Eglé und Azor beobachtet werden.

Xenia Tilings Eglé hat zwar vor allem mit dem Entzücken vor ihrem eigenen Spiegelbild zu tun und interessiert sich für Azor und später Mesrin als willige Vergrößerer und Bestätiger dieses Bildes, aber sie ist sichtbar auch vom sexuellen Hunger getrieben. Und der lässt Eitelkeit zumindest in den Taten nicht zu. Nach dem Versagen des ersten Fluchtreflexes treibt es sie an den Körper von Robin Sondermann und beide reiben und beißen aneinander herum wie junge Hunde: Scham- und arglos zugleich.

Körpersprachliche Spielarten

Man kann es der Versuchsanordnung als Fehler ankreiden, dass das Mysterium der Liebe hier im Grunde garnicht untersucht werden kann. Zur Diskussion steht in Nuce nur die körperliche Lust. Und über diesen Kasus verständigt sich etwa Paar zwei einvernehmlich mit heraushängender Zunge. Wer nie die Chance hatte, sich die gesellschaftlich akzeptierten Codes der Lust oder zumindest ein gewisses Qualitätsbewusstsein anzueignen, der springt auf jedes "Objekt", wie Marivaux sagt, gleichermaßen heftig an - und dem potentiellen Konkurrenten ungeschminkt an die Kehle. So wählt Jescheck nicht nur um der Effekte willen die schweißtreibende Groteske, diese im wahrsten Sinne des Wortes ungezogenen Kreaturen kennen keine Bremse. Und falls doch - Paar drei wird hierfür als Beispiel präsentiert - scheint es ihnen auch sonst an Saft, Farbe und Kraft zu fehlen.

 

Der Streit
von Pierre Carlet de Marivaux
Deutsch von Peter Stein
Regie: Philipp Jescheck, Bühne: David Hohmann, Kostüme: Anna Rehm, Musik: Andreas Imhoff, Dramaturgie: Kilian Engels.
Mit: Jean-Luc Bubert, Sophie Wendt, Xenia Tiling, Robin Sondermann, Kristina Pauls, Justin Mühlenhardt, Lenja Schultze, Tobias Schormann.

www.muenchner-volkstheater.de


Mehr lesen über Pierre Carlet de Marivaux (1688-1763), der Themen der Aufklärung wie Gleichheit und Freiheit an Fragen der Liebe verhandelte? Und der sich einen adeligen Künstlernamen zulegte, obwohl er als Sohn eines bürgerlichen Beamten geboren worden war. Im Münchner Cuvilliés-Theater, das wie Marivaux aus dem Rokoko stammt, inszenierte Jan Philipp Gloger im Dezember 2008 Die Unbeständigkeit der Liebe.

 

Kritikenrundschau

Außer dem Bällchen-Bächlein, das sich auf der Bühne langsam anfüllt, "ist im Volkstheater nicht so viel sehr galant", findet Egbert Tholl im München-Teil der Süddeutschen Zeitung (3.4.2009). Philipp Jescheck inszeniere "eher eine Variante von Platons Höhlengleichnis, mit dem blöden Umstand, dass er die vier der Liebe unterworfenen Menschen nicht bis ans Licht der Erkenntnis gelangen lässt." Ein Schicksen-, Affen- und Präpotenz-Zirkus sei das, was die Vier da anstellen müssen. "Wenn in wenigen Momenten mal eine Ruhe einkehrt, ist auch sofort ein Zauber da, weil die, die da spielen, schon wissen, was sie eigentlich spielen wollten, aber kaum dürfen." Fazit: "Aber sei's drum: Die jugendlichen Theatergänger waren in der Premiere zum Teil so aus dem Häuschen, dass einem das Ohr noch tags darauf pfeift vor lauter Tinnitus. Worüber die indes begeistert waren, wer weiß."


Die Rokoko-Komödie von Marivaux sah Gabriella Lorenz (3.4.2009), Abendzeitung München, dagegen als "vergnügliches Liebes- und Eifersuchtsspiel". Den Zickenkrieg der narzisstisch-eitlen Mädchen, das Tarzan-Imponiergehabe der brünftigen Jungs, das Bubble-Bath der Gefühle, die ehrliche Naivität der Figuren – "überzeugend gespielt, trotz aller Klischees". Die würden vom jungen Regisseur nicht hinterfragt, "doch er beweist Einfallsreichtum und Handwerk, inszeniert in rasantem Tempo sehr komisch, kurz und kurzweilig".

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