Wir sind Orpheus

von Regine Müller

Köln, 4. April 2009. Als verstörend sind die Performances des österreichisch-dänischen Künstlerduos Signa schon immer bezeichnet worden. Lange Zeit als Geheimtipp gehandelt, wurde die Truppe um Signa Sörensen und Arthur Köstler mit der Kölner Installation "Die Erscheinungen der Martha Rubin" im vergangenen Jahr zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Die eigens errichtete "Ruby Town" wurde tagelang pausenlos von 40 Darstellern bewohnt, die Besucher waren sich weitgehend selbst überlassen und konnten wählen, wo und wie lange sie in dem künstlichen Dorf verweilen und vor allem wie weit sie sich auf das Grenzexperiment zwischen Realität und Fiktion einlassen mochten.

Befehlston und Gruppendruck

Nun ist Signa wieder in Köln und bespielt am Kölner Heumarkt die ehemalige Travestiebar "Hotel Timp". Und die Latte liegt hoch: wie überbietet man Ruby Town? Wie verstört man noch verstörender? Da es bei den Signa-Arbeiten stets auch um das Austesten von Nähe und Distanz, um gezielte Grenzüberschreitungen und letztlich – ein zu großes Wort? – um Strukturen von Macht geht, liegt die Antwort nahe: Man verschärft die Bedingungen. Stand es dem Besucher von Ruby Town noch frei, sich nach eigenem Gusto zu bewegen, herrscht am Heumarkt strenger Befehlston und Gruppendruck.

Die Rahmenhandlung ist mysteriös und banal zugleich: Im "Hotel Timp" werden sieben Frauen festgehalten, die Besucher werden in Gruppen eingeteilt und sollen mit rätselhaften Spielen darum wetteifern, eine der sieben Frauen zu befreien. Doch ist das versiffte Hotel kein gewöhnlicher Animierclub, sondern mythologisch schwerst kontaminiert.

Hades und Persephone – verkörpert von Köstler und Sörensen – sind das despotische Besitzerpaar, und auch das restliche Personal entstammt der Mythologie. Dionysos fläzt sich auf dem Lotterbett, Ikarus macht auf grenzdebil, Achill muss mit Paris ringen, Eurydike gibt die ewige Braut als Borderlinerin, Hekate und Charon stolpern somnambul umher. Die sieben Frauen indes werden als bereits gestorben und unter falschem Namen begraben vorgestellt, und die ersehnte Befreiung der einen Glücklichen darf nur bis zum Morgengrauen andauern, dann muss sie zurück in den Club.

Pflaumenwein zu Schummer-Räkeln

Unten in der Schummerbar beginnt die lange Nacht. Vorbei an schmierigen Türstehern nimmt man Platz und bekommt einen Pflaumenwein serviert. Dürftig bekleidet und betäubt dreinschauend räkeln sich die Insassinnen an Stangen, man bekommt farbige Seidenbänder umgehängt, an denen man seine Gruppe wieder erkennt, Persephone singt ein Lied und verkündet die Spielregeln. Dann wird man eingesammelt und muss die Frauen in ihren Zimmern besuchen.

In drangvoller Enge wird man nun aufgefordert zu spielen, oder man muss sich eine Geschichte anhören. Je nach Gruppenleitung wird man verbal, aber auch körperlich animiert und attackiert. Die inhaftierten Frauen heulen und jammern um Hilfe, schwere Jungs schauen vorbei, ob alles gut läuft und Hades hat per Video alles unter Kontrolle. Über Lautsprecher gibt er Kommandos, man muss die Hände heben und gefälligst mitspielen.

In manchen Gruppen geht es turbulent zu, andere wollen nicht in Gang kommen. Es ergeben sich theatrale Szenen, aber auch jede Menge ermüdender Rohrkrepierer. Wer sich nicht befingern lässt, oder keine Lust hat, auf Kommando zu tanzen, gilt schnell als doof, wer gar bockig ist, erntet Ratlosigkeit. Der Gruppendruck wächst. Das Ganze ist zwecks Hades-Stimmung grundiert mit wabernder, dräuender Musik und parfümiert mit Nuttendiesel der härtesten Sorte.

Albdruck im Club Mediteranée

Erste Abgänge sind bereits um 21 Uhr zu verzeichnen, da ist die Betriebstemperatur noch niedrig. Später folgen einzelne, die meisten jedoch halten durch. Nach Stunden macht sich auch bei den Widerständigen eine Art Stockholm-Syndrom bemerkbar, so dass schließlich fast alle mithalten. Gegen 23 Uhr und nach weiteren Fusel-Verabreichungen werden endlich die Gruppen aufgelöst und man kann sich selbst umschauen. Da wird die Sache dann amüsant und spielerisch, es entstehen freiwillig zufällige Kontakte, der Albdruck der Manipulation entweicht.

Während die Punkte gezählt werden, vertreibt man sich in Hades' Kommandozentrale die Zeit mit Ringkämpfen, dann versammelt man sich erneut in der Bar, in der die Gruppe um Ikarus den Sieg einheimsen und mit einer Dame verschwinden darf. Der Rest soll rasch austrinken und wird schließlich rüde hinaus komplimentiert.

Nicht weniger als fünf Stunden dauert der Aufenthalt im Erlebnispark, und von wahrlich überwältigender Perfektion ist diese Installation. Von den zertretenen Kippen auf der Treppe bis zu den zerzausten Stofftieren auf dreckigen Tagesdecken stimmt einfach alles. Die Darsteller sind von irritierender Präsenz und Schlagfertigkeit. Und doch nervt der Abend auch, weil man das Gefühl nicht loswird, in einem Club Mediterranée der anderen Art doch bloß wieder bespaßt zu werden. Mit dem Qualitätssiegel "verstörend" freilich.

Die Hades Fraktur. Eine Performance-Installation (UA)
von SIGNA
Regie: Signa Sörensen & Arthur Köstler, Thomas Bo Nilsson, Bühne und Kostüme: Thomas Bo Nilsson, Signa Köstler, Ton und Medien: Arthur Köstler. Mit: Ana Valeria Gonzalez, Arthur Köstler, Astrid Bockhop, David Imper, Dominik Klingberg, Erich Goldmann, Frank Bätge, Irma Wagner, Jennifer Ann Steenken, Judith Fraune, Katrin Wälz, Klaus Unterrieder, Mareike Wenzel, María Pía Bertoldi, Martina Deltcheva, Max Pross, Michael Behrendt, Momo Subotic, Murali Perumal, Omar El-Saeidi, Signa Köstler, Stefanie Mühlhan, Stig Eivind Vatne, Thomas Bo Nilsson, Toaseef Chughtai.

www.schauspielkoeln.de


Mehr über die Performances von Signa lesen Sie hier: Über und Die Erscheinungen der Martha Rubin, The Black Sea Oracle Games in Odessa und über The Dorine Chaikine Institute.

 

Kritikenrundschau

Das Performanceduo Signa führe das Publikum auch diesmal wieder "an moralische Grenzen", etwa indem die Zuschauer aufgefordert würden, eine junge Frau ins Gesäß zu treten, um sie hinterher aus dem Nachtclub 'befreien' zu dürfen. Man könne sich, schreibt Stefan Keim in der Frankfurter Rundschau (6.4.), in "Die Hades Fraktur" nicht mehr wie bei "Martha Rubin" "weitgehend heraus halten und eine beobachtende Rolle einnehmen". In der "erotisch aufgeladenen Atmosphäre" fühle man sich schnell "in einer Traumwelt, die Unmengen an Möglichkeiten bietet", in der hinter der "verführerischen Oberfläche" aber auch Gewalt und Verzweiflung lauerten. Keim berichtet von den ganz realen Einsätzen, die man bei den Spielen um die Frauen einbringen müsse: "Als ich mein Feuerzeug und ein paar Bonbons verloren habe, schlage ich einen Kuss vor. Die Frau akzeptiert, ich hoffe zu verlieren. Das gelingt, und die Darstellerin setzt beim Begleichen meiner Spielschulden hemmungslos die Zunge ein." Auch mit dem Gott Dionysos im Nebenzimmer zu kuscheln sei "überraschend angenehm". Als Zuschauer müsse man "eine große Bereitschaft mitbringen, sich auf diesen Abend einzulassen", bei dem Signa "noch einmal einen Schritt weiter" gehe: "Sowas hat es, nicht nur im deutschen Stadttheater, bisher nicht gegeben". Keine "einfache Wahrheiten", alles sei "komplex und undurchsichtig" – und "eben deshalb so unglaublich spannend, wie ein Erotikthriller aus dem Kunst-Trashkino der Siebziger".


Auch Christian Bos kann der "Hades Fraktur" im Kölner Stadt-Anzeiger (6.4.) nur mit einem "Erlebnisbericht" beikommen. "Wir sind nur Touristen im Totenreich. Werden mal umgarnt, mal schikaniert, mal übers Ohr gehauen (...). Während viele Computerspiele ihren Nutzern die Illusion der Allmächtigkeit geben, verlangt Signa Unterwerfung" in diesem "Assessment-Center der Hölle". Auch dieser Kritiker ist bereit zum Mitmachen, als einer mit einem "gefalteten Papierboot in die Badewanne steigen" soll, bietet er sich "als Ersatzmann an": "Du verhandelst mit (...) Dionysos (Thomas Bo Nilsson) um ein Tuch, um deine Nacktheit zu bedecken, überzeugst Persephone davon, das braungekachelte Bad zu verlassen, während du dich umziehst – und erkennst zu spät, dass sie und ihr Gatte ja sowieso alles über Kameras verfolgen können. Immerhin, Prüfung bestanden. Jetzt darfst du Wein trinken mit Dionysos. (...) Du kannst auch die Schattendamen näher kennenlernen, vielleicht verraten sie dir das Passwort für ein exklusives Schäferstündchen außerhalb des Spielplans." Die "Qualität der Inszenierung"? "Signas Höllenvision lässt sich so hartnäckig wieder abschütteln wie der Kater vom billigen Wodka und Pflaumenwein".

Vasco Boenisch macht sich in der Süddeutschen Zeitung (6.4.) ebenfalls klar: "Zugucken gilt nicht!" und liefert dann "das Protokoll einer Hingabe mit Leib und Seele". Es gehe in der "Hades Fraktur" "um Gehorsam. Um Macht. Um Missbrauch und Erniedrigung. Nur wer spurt, sammelt Punkte". Immer die Frage: "Wie weit will ich gehen?" "Um 20.40 Uhr packt Paris Nathalie so hart an und schubst sie, dass sie winselt, und ich ihn auffordere, das zu lassen." Die Dame kann Punkte verteilen und will dafür "einen Kuss auf den Hals. Ich küsse sie. Noch mal, länger. Wie sie es will." Das Spiel bleibe undurchschaubar, die gewonnenen Jetons werden der Gruppe einfach wieder abgenommen, "ich merke, dass mich diese Willkür kurz aufregt, dann abturnt. Die Luft ist raus". Dann probt Boenisch den "Würde-Protest: Liegen, ja, Bellen, nein". Bisweilen verläppere sich das "höllische Rollenspiel (...) zum Kindergeburtstag für Zeugungsfähige". Und doch ist er irritiert: "Ich habe Cindy gerade viermal ins Gesicht geschlagen. 'Doller, doller', hat sie gerufen. Widerlich. Aber ist ja nur Spiel. Eben nicht. Ich bin verstört: Weil ich die blöde Forderung regelhörig bedient habe mit dem Bewusstsein, eine Laiendarstellerin vor mir zu haben". Und wenn Dionysos wild mit einem Zuschauer züngelt, wird klar: "Ohne Alkohol und mit fester Beziehung hat man hier echt einen Nachteil". Der Kritiker sucht weiter nach seiner "Rolle in diesem Spiel" und testet auch "die authentische Ehrlichkeit", doch ist es "irritierend, sich ernsthaft mit einer Fiktion zu unterhalten. Leider stoßen sie alle bei konkreten Nachfragen an die Grenzen ihrer Rollenprofile." Auch der physische Schmerz eines Peitschenhiebs von Persephone lässt ihn "diese so opulent inszenierte (Unter-)Welt nicht mehr recht nachfühlen".

Am Ende hole die Kunst das Leben ein, berichtet Sandra Nuy in der Kölnischen Rundschau (6.4.): "Zwei junge Kellner wollen die Polizei rufen. Wegen Ruhestörung. Damit die Nachbarn nicht denken, der Lärm um ein Uhr nachts käme aus ihrer Kneipe. Doch Achill hört nicht auf mit seinen herzzerreißenden Schreien. Er ruft nach mir. Aus dem dritten Stock des ehemaligen Hotel Timp schallt mein Name über den Heumarkt. Verzweifelt, denn unsere Gruppe hat verloren im großen Spiel." Nach "Martha Rubin", dem "großartigen, lustvollen, intensiven (Rollen-)Spiel", das die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Theater zur Unkenntlichkeit" verwischte, seien die Erwartungen in Köln natürlich hoch gewesen. Man sei jedoch "gut beraten, 'Die Hades Fraktur' nicht mit 'Martha Rubin' zu vergleichen. Zwar ist auch hier das Publikum aktiver Teil der Performance, aber als Teil einer Gruppe (Paare werden getrennt!). Man muss sich also einlassen auf eine Parallelwelt, auf Performer wie Mitspieler. Wie man den Abend wahrnimmt, hängt nämlich auch an der Dynamik der Gruppe."

In der tageszeitung (7.4.) schreibt Alexander Haas: "Ganz am Ende, gegen 1 Uhr in der Nacht", sei es dann doch noch zu "einer Kollison von Kunst und Wirklichkeit" gekommen: "Die meisten Zuschauer standen nach ihrem Hades-Trip noch vor der Spielstätte, als ihnen von oben aus den Fenstern ein paar kaum bekleidete Mädchen hinterherbrüllten: 'Tut doch was! Was seid ihr denn für Menschen! Bitte, nehmt uns mit!' " Nachtschwärmer seien stehen geblieben, Türsteher aus den Nachbarkneipen angelaufen gekommen, "die wissen wollten, ob das jetzt hier eine Show sei oder Ernst und was überhaupt mit den Frauen da oben los sei." Für Alexander Haas hat diese gewollte Verwirrung von Kunst und Wirklichkeit "mit dem einen Fluchtpunkt der Ästhetik Signas zu tun: die Aufladung der dargestellten Welt mit Realitätssinn bis an den Punkt, wo sie unserem Eindruck nach tatsächlich Realität zu werden scheint." Der andere Fluchtpunkt sei aber "die durchgängige Künstlichkeit und Vermitteltheit der Signa-Welten". An diesem Gegensatz würden sich die Besucher der Performance "reiben".

 

 
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