So einen verwechselten Monarchen gibt es nur in Berlin

von Dirk Pilz

Berlin, 9. April 2009. Das Bühnenbild dieses Abends im neu renovierten Prater erinnert an René Polleschs heitere Volksbühnen-Inszenierung L' affaire Martin! etc. vor drei Jahren. Ob dies etwas zu bedeuten hat, ist aber nicht auszumachen. Wahrscheinlich spielt es keine Rolle. Es ist jedenfalls ein schönes, auch praktisches Bühnenbild: eine lange Prospektwand mit zwei wackligen Sperrholztüren und einem aufgemalten Kamin, davor hübsche Chippendale-Möbel. Am Ende wird es in Trümmern liegen, auch das ist sehr schön.

Überhaupt ist dies ein schöner Abend. Volker Spengler sitzt mit lustiger Mütze im Sessel, Sir Henry mit lustiger Uniform am Klavier, Marc Hosemann mit lustigem Bart auf dem Sofa. Und die Frauen wechseln oft ihre schönen Kleider durch noch schönere aus: Rosalind Baffoe trägt erst Abendgarderobe, dann erscheint sie im kleinen Schwarzen, Anne Ratte-Polle geht im hellblauen Rüschenkleid hinaus und kommt mit einem kurzen in Beige wieder herein, Franziska Hayner stehen wehende Stoffe gut.

Ein König!

Trefflich ist obendrein, dass diese Kostümierung bestens zum Stück passt. Denn gespielt wird der dreiaktige Schwank "Hulla di Bulla" der beiden Schauspieler Franz Arnold und Ernst Bach, der 1929 in Berlin uraufgeführt und 1967 von Georg Marischka verfilmt wurde. Das Stück nutzt eine historische Begebenheit als Vorlage für eine Verwechslungskomödie: 1928 kommt der afghanische König Amanullah Khan zum Staatsbesuch nach Berlin. Die Berliner waren damals begeistert von diesem fremden König.

Bei Arnold und Bach muss für König Amanullah kurzfristig ein anderes Quartier gefunden werden. Er wird im Palais Prinz Albrecht untergebracht, wo allerdings gerade ein Kinofilm über einen Staatsbesuch des afghanischen Königs Amanullah gedreht wird. Das stiftet einiges an Verwirrung. Außerdem tauchen im Königsquartier ein jüdischer Banker, ein Kleingauner, eine Vertreterin des Außenministeriums und der Palais-Besitzer auf, die alle auf ihre Weise Profit aus dem Königsbesuch schlagen wollen. Auch das sorgt für reichlich Durcheinander.

Ein Schwank!

Frank Castorfs knapp dreistündige Inszenierung geht überaus werktreu vor – das Durcheinander wird nie vereinfacht, sondern bleibt immer erhalten, verstärkt noch dadurch, dass die Schauspieler mehrere Rollen gleichzeitig übernehmen. Daneben achtet seine Regie stets darauf, die erprobten Mittel des Schwanks einzusetzen. Die Auf- und Abtritte der Figuren werden von heftigem Türenschlagen begleitet, die Schauspieler dürfen viel die Augen verdrehen, entgeisterte Gesichter und große Gesten machen. Zwischendurch gibt es verschiedene Liedeinlagen.

Der größte aller Schwank-Meister ist ohne Frage Marc Hosemann, weil er sehr schön tanzen und mit den Augenbrauen Zeichen geben kann. Für großes Vergnügen sorgt aber ebenso Georg Friedrich in der Rolle des afghanischen Königs, weil er mit österreichischem Akzent spricht und äußerst komisch den Frauen an die Wäsche geht. Volker Spengler glänzt gleichfalls mit seinen Auftritten, vor allem, wenn er am Ende im Sessel einschläft.

Unterm Teppich!

Zwischendurch streut Frank Castorf Szenen ein, die Antonin Artauds 1933 gehaltenen Vortrag "Das Theater und die Pest" zitieren. "Wenn die Pest in einem Gemeinwesen herrscht, gerät die Ordnung aus den Fugen", heißt es darin. In einem einprägsamen Monolog trägt Anne Ratte-Polle einmal eine längere Artaud-Passage vor. Sie schreit, bis sie Schaum vor dem Mund hat. Hier gab es viel Zwischenapplaus. An einigen Stellen werden außerdem Passagen aus Heinrich Zilles "Hurengesprächen" verwendet. Auch das passt gut zum Stück, vornehmlich der wiederholte Ausruf "Das gibt es nur in Berlin!".

Außerdem überrascht die Regie mit mehreren amüsanten Einfällen: Fünf Personen nehmen auf einer Drei-Personen-Chaiselongue Platz; in einer Szene verstecken sich die Schauspieler unter dicken Teppichen und kriechen wie Käfer über die Bühne, in einer anderen wird ausgiebig eine gebratene Gans verspeist. Den Castorf-Kennern bereitet daneben Vergnügen, dass bei den im Stück enthaltenen Sentenzen über Regietheater die Stadt Anklam erwähnt wird. Castorf hat als junger Mann einst in Anklam gewirkt.

Erwähnt werden muss überdies, dass am Ende Jorres Risse als Nazi auftritt. Er ist ein "Hilfsregisseur" der Filmproduktion, wahrscheinlich spielt das aber keine entscheidende Rolle.

Zum Schluss hat das Publikum lange und laut applaudiert. Es hat einen sehr schönen Schwank erlebt.

P.S. Hinzuweisen ist noch darauf, dass die Volksbühne diese Inszenierung unter dem Titel "Hulla di Bulla" angekündigt hat, diesen aber kurz vor der Premiere aus rechtlichen Gründen in "Amanullah Amanullah" ändern musste. Dem Vernehmen nach liegt dem Haus eine einstweilige Verfügung des Stück-Verlages vor, weil dieser offenbar durch die Regie den Text verfälschend wiedergegeben glaubt. Dieser Vorwurf ist nach Ansicht der Premiere abwegig, und es wäre bedauerlich, wenn der Abend aus rechtlichen Gründen verändert oder gar aus dem Spielplan gestrichen werden müsste.

 

Amanullah Amanullah
nach Franz Arnold/Ernst Bach, Antonin Artaud und Heinrich Zille
Regie: Frank Castorf, Bühne: Bert Neumann, Kostüme: Adriana Braga, Dramaturgie: Maurici Farré. Mit: Rosalind Baffoe, Georg Friedrich, Franziska Hayner, Marc Hosemann, Anne Ratte-Polle, Jorres Risse, Sir Henry, Volker Spengler, Axel Wandtke.

www.volksbuehne-berlin.de


Mehr über die Arbeit Frank Castorfs an der Berliner Volksbühne erfahren Sie etwa in den Kritiken zu Kean, der im November 2008 entstand, seiner Inszenierung Hunde vom September 2008 und in der zu Die Maßnahme/Mauser vom März 2008.

 

Kritikenrundschau

Kaum eine Schwankhandlung an der Volksbühne sei je derart gradlinig und maximal verständlich abgeschnurrt, schreibt Christine Wahl im Berliner Tagesspiegel (11.4.2009). Anders als in seinem Neunziger-Jahre-Hit 'Schöller/Die Schlacht' oder in 'Kean' vor wenigen Monaten, "wo die Konfrontation härtesten Boulevards mit Hochkulturgut illustre Diskursfetzen fliegen ließ" oder zumindest Reibungsmomente erzeugt habe, verläppern aus Wahls Sicht diesmal die Samplings recht unspektakulär. Weder Artauds 1933 an der Sorbonne gehaltener Vortrag 'Das Theater und die Pest', den Volksbühnen-Neuzugang Anne Ratte-Polle passagenweise mit Schaum vorm Mund herausschreie, noch die Einsprengsel aus Heinrich Zilles 'Hurengesprächen' schaffen für die Kritikerin "einen zwingenden Mehrwert". Gemessen an seinen früheren Arbeiten slapsticke sich Castorfs 'Amanullah Amanullah' eher nach dem Vorbild einer Kudamm-Komödie durch den Abend.

"Was bloß wollte Frank Castorf mit seinem drei Stunden lang pausenlos hechelnden Ostergewaltmarsch", fragt in der Welt (11.4.2009) erschöpft Reinhard Wengierek und spielt verschiedene Antwortmöglichkeiten durch. "Tortur zwecks höheren Erkenntnisgewinns? Oder als kreischender Quatsch, als lustvolle Verarschung mit Sir Henry am Klavier und viel Altberliner Stimmungsmusik". Insgesamt kommt ihm die Veranstaltung wie "eine geradezu hysterische Stückvernichtung und absolute Formauflösung", die aus Sicht von Wengierek nichts anderes demonstriert, als "einen perfekt paranoiden Daseins- und chaotischen Weltzustand". Doch dafür hätte ihm eine hübsche halbe Stunde vollauf genügt. Im Übrigen moniert er Verschnipselung, Vermanschung und Übertextung des Stoffes "mit einem unendlich quellenden Themenbrei: Börsenspekulation, Arbeitslosigkeit, Liebelei, Eifersucht, Sexualbetrieb, Islamismus, Hakenkreuz, Betrügereien, Zille-Milljöh, Revolution, Diktatur, Dichterbeschimpfung, Regietheaterlob und Terrorbomber". Am Ende holt der Kritiker zu einem zweiten Sinnfindungsversuch aus: "Der rasende Prater-Jux und seine unter- oder überirdisch blödelnden Dollereien sind ein akuter Fall von Verarschung! Oder Nihilismus. Oder aber womöglich Aufklärung? Wenn auch zynische, so doch emanzipatorisch-schlitzohrige Erziehung zur Gegenwehr? Gegen Artaud und Castorf, gegen die Pest und Gewalt. Gegen dieses Nonsens- und Ballermann-Theater und dicke Ostereier anderswo."

Als "Marathon des Kindischen ohne Interesse an einer Botschaft", fertigt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (11.4.2009) den jüngsten Castorf-Abend ab. Über drei Stunden addiere Castorf "in der Überreizung von Stilmitteln des Boulevardtheaters, dabei aber in erstaunlich narrativer Logik, explosive Auftritte, die beim Publikum – bei entsprechender Begeisterungsfähigkeit – zwar Lach-, aber definitiv keine Denkmuskeln strapazieren. Die uralte Mechanik der Albernheiten, mit der Castorf einmal dem Pathos eines Stadttheaters ätzend auf den Leib gerückt war, dreht hier hyperventilierend und mit ausgeleierten Sehnen seine Runden." Obwohl alle Mitwirkenden "wirklich aufopferungsvoll" um ihr Leben spielen würden, hat die ganze Inszenierung Briegleb zufolge nur einen Ton – und in dieser formalen Gestimmtheit sei der Abend daher "der störungsfreien Gag-Maschine des klassischen Boulevards" tatsächlich sehr viel näher als "dem komplexen Theater der aggressiven Interventionen", das Castorf mal erfunden habe, aber leider längst "ins Fahrige und Selbstgefällige" geführt habe.

Unverhohlenes Zuschauerglück zeigt dagegen Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (11.4.2009), für den es eine Freude ist, wie der Stoff "von den unter Strom stehenden Spielern" vergaukelt wird. Und zwar angeführt von "dem unvergleichlich komischen Marc Hosemann, dieser schnellen, großspurigen, sehr sympathischen Berliner Dreckfresse, die nötigenfalls auch mal in den Heinz-Rühmann-Ton fällt". Ebenso großartig findet Seidler die "wache und spielwütige Anne Ratte-Polle", nicht mehr wegdenkbar Sir Henry am Klavier. Lob regnet auch auf Axel Wandtke "mit seiner gekünstelten Steifheit" und Volker Spengler "mit seiner naturgemäßen Schwere" nieder.

 

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